Apokalyptischer Spaß in der Kirche

Die Kirche St. Stephani ist ein ganz besonderes Haus: Als Kulturkirche bietet sie Raum für viele Veranstaltungen. Zurzeit ist das aktuelle Werk „Apokalypse“ der Künstlerin Patricia Lambertus zu sehen. Umso spannender wurde ein Besuch der Kirche für mich als ich las, dass es dort den ersten Poetry-Preacher-Slam geben würde, zum Thema „Apokalypse Now“. Zwar bin ich unpoetisch und unreligiös, dafür aber neugierig. Was wird wohl passieren?

Kunst in der Kirche

Die Kulturkirche befindet sich praktisch zwischen Weserpromenade Schlachte und Überseestadt, direkt in der Bremer City. Mit ihren unterschiedlichen Türmen sieht sie irgendwie auch ein wenig merkwürdig aus. Innen ist sie eher schlicht gestaltet, und das ist für eine Kulturkirche prima: Den Kunstwerken wird so nicht die Schau gestohlen.

Kulturkirche St. Stephani

Kulturkirche St. Stephani

„Die Kulturkirche ist ein Ort des kulturellen Experiments, des spirituellen Spiels und der Sinnsuche.“, so steht es auf deren Website. Für mich war es das Experiment, das mich besonders gereizt hat. Was lässt Kirche heutzutage zu? Wie modern präsentiert sie sich, wie offen?

Die Kirchenorgel schießt Töne aus allen Rohren

Die Kirchenorgel schießt Töne aus allen Rohren

Als ich die Kirche betrat war ich überrascht. Der ganze Raum war schon früh voll, „sold out“. Auch die Pastorin Diemut Meyer schien vom Andrang überwältigt.

Um dem Gewusel zu entkommen bin in das Kunstwerk geflüchtet, mitten hinein in die apokalyptische Installation. Eine Fantasiewelt tut sich auf, zwischen Paradies und Inferno. Es wirkt wie ein Wimmelbild für Erwachsene: Hier ein Einhorn, dort eine Frau mit VR-Brille, Schrecken werden mit Kameras festgehalten, da oben ein Engel. Und Sterne. Unten Efeu, sogar fast echter. Die Apokalypse, das ist die Offenbarung. Mir offenbart sich das Kunstwerk nicht auf Anhieb, ich bin eher „geflasht“, brauche mehr Zeit um in die Szenen einzutauchen. Bis zum 6. Mai kann ich das noch, dann ganz in Ruhe.

Geschaffen wurde das Werk von Patricia Lambertus, 5. Kunststipendiatin der Bremischen Evangelischen Kirche.

Die "Apokalypse" von Patricia Lambertus - Blick von innen

Die „Apokalypse“ von Patricia Lambertus – Blick von innen

Die Apokalypse von Patricia Lambertus im Panorama

Die Apokalypse von Patricia Lambertus im Panorama

Poetry vs. Preacher

Der Hahn kräht - es geht los

Der Hahn kräht – es geht los

Heute sollen also PoetInnen und PastorInnen zum Thema Apokalypse wetteifern. Zur Apokalypse könnte ich Abhandlungen schreiben. Dazu müsste ich mich allerdings noch fix mit dem Thema auseinandersetzen. Wie immer hier meine Bitte, das doch einfach bei Wikipedia nachzulesen.

Mir kommen automatisch die Apokalyptischen Reiter in den Sinn, die Boten des jüngsten Gerichts. Eigentlich, weil ich ein großer Fan der Band bin. Vielleicht sind meine Gedanken etwas banal für diese Umgebung? Aber auch im Kunstwerk waren Pferde zu sehen. Nur ohne Reiter. War das eine Anspielung? Ich lese nach, dass die Reiter von Dürer tatsächlich aufgegriffen wurden. Und auch Ragna Miller hat sich des Bildes der Pferden bedient. Aber ich greife vor.

Proppevoll - die Zuschauer quetschen sich bis in den letzten Winkel

Proppevoll – die Zuschauer quetschen sich bis in den letzten Winkel

Lisa Harder hatte ihren großen Tag: Sie hatte die Idee zu dieser Veranstaltung, und durfte dann monatelang organisieren und vorbereiten. Niemand wusste, wie es angenommen würde. Und nun war die Hütte voll. Ihr Beitrag wurde natürlich nicht gewertet, war aber richtig gut. Sie blickte nach vorne – wie es wohl ist wenn man 30 ist. Oje, das habe ich längst hinter mir. Und blickte zurück, wie es als Kind war. Und dass jetzt das Leben stattfindet. „Einfach mal anfangen“, das hat sie gemacht, mit Erfolg.

Die 18-jährige Lisa Harder - Ideengeberin und Organisatorin

Die 18-jährige Lisa Harder – Ideengeberin und Organisatorin

Sebastian Butte vom Slammerfilet führte durch den Abend. Und erklärte schnell noch die Regeln. Nicht mehr als 7 Minuten, nicht singen, nicht verkleiden, wir duzen uns. Und bitte applaudieren auf einer Skala von 1-10. Alles klar, es kann losgehen.

Poeten und Prediger: Annika Blanke, Lars Schmidt, Sin Panne, Rolf Blanke, Theresa Sperling, Ragna Müller, Rita Apel, Kerstin Schiffler

Poeten und Prediger: Annika Blanke, Lars Schütt, Sim Panse, Rolf Blanke, Theresa Sperling, Ragna Miller, Rita Apel, Kerstin Schiffner

Auf der Seite der PoetInnen arbeiteten sich Rita Apel, Annika Blanke, Sim Panse und Theresa Sperling an das theologische Thema heran. Es ging, mal von mir extrem oberflächlich skizziert, um den Apfelbaum vor Adam und Eva, Medusa, Online-Spiele, einen gemütlichen 3. Weltkrieg auf dem Sofa mit ’nem 7-Minuten-Bier in der Hand und mehr. Die schwierigen, teils verstörenden Themen wurden gestenreich und oftmals sehr amüsant vorgetragen.

Auf der Seite der PastorInnen und PfarrerInnen gaben Rolf Blanke, Ragna Miller, Kerstin Schiffner und Lars Schütt ihr Slammer-Debüt. Und standen nach meinem Empfinden den Profis in nichts nach. Die alte eigene Theologie-Arbeit wurde launig neu interpretiert, es wurde über Todsünden geträumt, Hollywood-Filme wurden zitiert. Ragna Miller war mir mit ihrem Beitrag besonders nah. Nicht nur, weil auch sie aus der Bremer Neustadt kommt und ich ihre Alltags-Apokalypse gut nachvollziehen konnte, innerhalb derer sie viermal von Pferden überrannt wurde – die Anspielung an die Apokalyptischen Reiter. Nachdenklich immer wieder durch die Erinnerung eines Flüchtlings an die Toten unterbrochen. Ob unsere Alltags-Apokalypse wirklich so schlimm ist?

Das Flüchtlingsthema war naheliegend, und wurde in den unterschiedlichsten Formen immer wieder aufgenommen.

Abstimmung - die Jury sitzt im Publikum

Abstimmung – die Jury sitzt im Publikum

Musikalische Begleitung

Tim Günther hat vor dem Veranstaltungsbeginn mit seinem Klavier für eine schöne Stimmung gesorgt. Nach der Pause hatte er scheinbar richtig Spaß an der Orgel. Schräg, experimentell, überraschend, vielleicht auch ein wenig apokalyptisch waren die Klänge.

Tim Günther sorgt für die musikalische Begleitung

Tim Günther sorgt für die musikalische Begleitung

And the winner is …

Rita Apel und Ragna Miller schafften es ins Finale, und traten mit einem Thema nach Wahl gegeneinander an. „Wischen Impossible“ gegen „Katharina spricht“. Katharina von Bora, die Frau von Martin Luther. Frauenpower, ja, so muss es sein. Ob wohl jemand von der Martinikirche anwesend war!?

Eine Siegerin konnte nicht wirklich ermittelt werden, beide waren gleichauf, die Jury entschied sich für Slammer-Neuling Ragna. Aus der St.-Pauli-Kirche. Gratulation!

Die Siegerehrung

Die Siegerehrung

Und was habe ich gelernt?

7-Minuten-Beiträge sind für mich als Literatur-Muffel ideal. Vielleicht sollte ich der Poetry-Szene in Bremen mal öfter einen Besuch abstatten? Beispielsweise beim Slammerfilet, bei Poetry on the Road oder den Landesmeisterschaften Bremen/Niedersachsen. Eventuell gibt es ja auch eine zweite Auflage des Poetry-Preacher-Slam?

Die Kirche hat sich als sehr offener und spannender Ort präsentiert. Und ich habe endlich PastorInnen kennengelernt, denen ich Predigten mit Schmiss zutrauen würde. Vielleicht teste ich ja mal in der St.-Pauli-Kirche, wie viel sich davon in die Gemeinde rettet.

Und meine kleinen täglichen Apokalypsen sollte ich nicht immer so ernst nehmen. Das Bild vom Pferd, das mich an der Kasse im Spar-Markt überrennt, hilft vielleicht.

 

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