Grenzenloses Ausspannen – Ein Kleinod im Schnoor

Integration, Kunst und Kulinarik passen ziemlich gut unter ein Dach. Das beweist das Ausspann im Schnoor seit rund einem Jahr. Im ganzen Haus findet Kunst statt, es kann sich auf unterschiedlichen Sprachen ausgetauscht werden, es darf geschmaust oder einfach nur entspannt werden. Ich war da und von Konzept und Umsetzung sehr angetan.

Ich bin zu Besuch im Ausspann. Die Einrichtung gibt es seit knapp einem Jahr im Schnoor, genauer gesagt im Haus Schnoor 1-2, und noch genauer gesagt im drittältesten Hafenspeichergebäude Deutschlands. Seit 1562 steht es an dieser Stelle und hat schon so manch einer Zweckentfremdung gedient. Der Name aber ist geblieben und ist heute umso treffender. Denn wo einst die Pferde von den Warenfuhrwerken ausgespannt und in Boxen untergebracht wurden, lässt sich heute vor allem menschlich ausgesprochen gut entspannen oder passender: ausspannen.

Drei Gebäude wurden zu einem: links das Ausspann, wo früher die Fuhrwerke ausgespannt wurden, rechts das jüngere Hochzeitshaus, dahinter ein Wohnhaus.

Drei Gebäude wurden zu einem: links das Ausspann, wo früher die Fuhrwerke ausgespannt wurden, rechts das jüngere Hochzeitshaus, dahinter ein Wohnhaus.

Drei Etagen, drei Sparten: Kunst, Kulinarik und Kultur findet auf allen Ebenen statt.

Drei Etagen, drei Sparten: Kunst, Kulinarik und Kultur findet auf allen Ebenen statt.

Gemütlichkeit in vollem Umfang

Nach einer herzlicher Begrüßung führt mich Ruth Degenhardt herum. Sie ist gemeinsam mit Ronald Philipps Initiatorin des Projekts. Wir starten im unteren Bereich des historischen Gebäudes, das außen wie innen unter Denkmalschutz steht. Man erkennt noch gut, wo sich einst die Stallabteilungen befanden. Der alte Kamin, der früher zur integrierten Schmiede gehörte, ist heute die letzte erlaubte offene Feuerstelle im Schnoor-Viertel. „In den Wintermonaten wird es dank des Feuers hier noch gemütlicher“, erzählt Ruth.

Hier wird es gemütlich! Die letzte offene Feuerstelle im Schnoor.

Hier wird es gemütlich! Die letzte offene Feuerstelle im Schnoor.

Überall hängen Bilder von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern an der Wand. Teils lässt sich noch die alte Einrichtung des Gasthofes erkennen, der hier bis vor einigen Jahren ansässig war. Vorne links in einem offenen Seitenraum steht ein knallrotes Sofa. Es ist das Herzstück des Projekts Das reisende Vorlese-Sofa, in dessen Rahmen Menschen an unterschiedlichen Orten ihre Lieblingsgeschichten in ihrer Muttersprache lesen.

Geschichten aus aller Welt - das reisende Sofa hat schon viele gehört.

Geschichten aus aller Welt – das reisende Sofa hat schon viele gehört.

Unterer Bereich, mit kleiner Bühne (hinten) und Kunst an den Wänden.

Unterer Bereich, mit kleiner Bühne (hinten) und Kunst an den Wänden.

Gemütliches Ambiente: Im unteren Teil finden auch regelmäßig Konzerte statt.

Gemütliches Ambiente: Im unteren Teil finden auch regelmäßig Konzerte statt.

Kulturaustausch mit echtem Gewinn

Während wir uns durchs Haus bewegen, dringen von allen Ebenen Geräusche emsigen Treibens an mich. Viele der Helfenden sind ehrenamtlich, zwei hat das Ausspann inzwischen fest anstellen können. Die alten Treppen knarren unter eilig-zielgerichteten Schritten, es klappert aus dem Küchenbereich, die Espressomaschine zischt und der hübsch geschwungene, silberne Samowar hält immerzu rauschend das Teewasser heiß. Der Tee ist ebenso wie das Wasser kostenlos und steht auf dem Heuboden bereit, wo Ruth und ich inzwischen angekommen sind. Der Heuboden mit ausgesprochen niedriger Deckenhöhe gleicht heute eher einer orientalischen Sitz- und Liegewiese zum Entspannen, verfolgte aber wohl auch schon im Mittelalter neben der Heulagerung ähnlichen Zweck. Kutscher und Händler hielten hier angeblich gerne mal ein Nickerchen.

Der Heuboden: heute eine wahre Entspannungshöhle. Hier gibt es auch Spiele und Kinder können sich hier austoben.

Der Heuboden: heute eine wahre Entspannungshöhle. Hier gibt es auch Spiele und Kinder können sich hier austoben.

„Wir haben hier bewusst eine Area eingerichtet, die an die arabische Kultur erinnert“, erzählt Ruth. Damit sind wir bei einer der wichtigsten Komponenten des Ausspann: der Integration. Die Einrichtung versteht sich gewissermaßen als integratives Künstlerhaus mit Gastronomie. Wer hierher kommt, kann einfach nur lecker speisen, es kann selbst malen oder einfach die Kunst an den Wänden bestaunen und er kann all das gemeinsam mit Menschen aus anderen Ländern tun. Es gibt Deutschkurse, lockere Treffen mit Geflüchteten und Einheimischen, mit Kunstansatz oder ohne, zum Austausch, Lernen und Verstehen. Beide Initiatoren haben auch zuvor schon Arbeit mit Geflüchteten betrieben und suchten nach einem Raum, der einfach nur Aufenthaltsmöglichkeiten bieten, aber auch Kunstprojekte und anderes ermöglichen sollte. Im leerstehenden Ausspann fanden die beiden Künstler, was sie suchten. „Wir wollen hier Raum für Netzwerke, für Verbindungen, für Freiheit schaffen“, erklärt Ruth. „Es sollen Hürden und Grenzen abgebaut oder gar nicht erst errichtet werden. Jede und jeder darf kommen, es gibt keinen Konsumzwang, man darf auch einfach einen Tee trinken.“

Leckerer Kuchen! Guter Kaffee! Was will man mehr?

Leckerer Kuchen! Guter Kaffee! Was will man mehr?

Kunst findet überall statt

Vom Heuboden klettern wir die uralte, geschwungene Holztreppe noch eine Etage höher. Im ausgebauten Dachboden befindet sich das offene Atelier. Wie im Rest des Hauses gilt auch hier: Die drei Sparten durchdringen sich und sind nicht von einander getrennt. In der Ecke stehen ein paar frei zugängliche Mal-Utensilien wie Farben und Pinsel. Eine Staffelei wartet auf die nächste Maleinheit, eine lange Tafel gibt Raum zum künstlerischen Ausleben. „Wir wollten alle Grenzen im Haus aufheben“, erklärt Ruth. „Daher kann hier in nahezu jedem Raum gearbeitet, gegessen und getrunken sowie entspannt und gesellig beisammen gesessen werden.“ Das nenne ich mal Konzepttreue!

Im offenen Atelier unterm Dach, kann sich jeder künstlerisch ausleben.

Im offenen Atelier unterm Dach, kann sich jeder künstlerisch ausleben.

Auf dem Dachboden, so erfahre ich noch, wurden früher die Waren gelagert. Es handele sich also um ein mittelalterliches Logistikzentrum, veranschaulicht Ruth treffend. Über eine weitere kleine Treppe gelangen wir in einen anderen Gebäudeteil. „Jetzt sind wir im alten Wohnhaus“, erklärt Ruth. Früher seien es drei Gebäude gewesen: das Ausspann mit Stallungen, Heuboden und Lager, das anliegende Wohnhaus und das deutlich jüngere Hochzeitshaus, in das wir über den sogenannten Schweinegang gelangen.

Der Außenbereich hat auch im Winter geöffnet. Dann gibt es hier Glühwein.

Der Außenbereich hat auch im Winter geöffnet. Dann gibt es hier Glühwein.

Aufmerksame Leserinnen und Leser mögen sich zu Beginn meines Textes gewundert haben, wieso das Gebäude, in dem sich das Ausspann befindet, ein altes Hafengebäude ist. Schließlich ist hier weit und breit kein Wasser in der Nähe. Die Weser fließt mindestens 150 Meter von hier entfernt. Doch die schon fast vergessene Balge, ein ehemaliger Seitenarm der Weser mit großer Bedeutung für Bremens Entstehung, floss früher direkt hinterm Haus. So konnten über einen kleinen Anleger die Waren auch per Schiff hierher oder von hier weggebracht werden.

Im oberen Teil des ehemaligen Wohnhauses befindet sich heute die Bremer Stube, ein Seminarraum, der vom Ausspann an unterschiedliche Gruppen vergeben oder vermietet wird. Dasselbe gilt für den großen Hochzeitsraum, in dem Essen bis zu 35 Personen stattfinden können und in dem regelmäßig wechselnde Ausstellungen zu sehen sind. Auch Weihnachtsfeiern können hier veranstaltet werden.

Für Seminare und Tagungen sowie größere geschlossene Gesellschaften ist auch Platz.

Für Seminare und Tagungen sowie größere geschlossene Gesellschaften ist auch Platz.

Preise für alle

Wir beenden unseren Rundgang im Café-Raum, wo auch der Tresen eingerichtet ist. Mein Blick fällt noch auf eine Tafel, die eine rege Strichliste zeigt und mit dem Titel überschrieben ist: „Aufgeschobener Kaffee“. Der italienische Brauch (café sospeso), statt nur dem eigenen noch einen weiteren Kaffee zu bezahlen, der dann frei vergeben werden kann, hat sich um die Welt getragen und ist schließlich auch in Bremen gelandet. Auch im Ausspann wird er praktiziert und kommt gut an. Das passt auch generell zur hiesigen Preispolitik. Auf der Karte für offene Weine findet sich beispielsweise neben mittel- und hochpreisigen Weinen auch ein einfacher Wein für 2,50 Euro pro 0,2-Glas. „Wir wollen einfach niemanden ausschließen“, erklärt Ruth abschließend. „Es sollen ebenso Menschen hierher kommen, die sich nicht soviel leisten können. Gleichzeitig appellieren wir aber auch an die Leute, die mehr haben. Generell wünschen wir uns einen verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Möglichkeiten.“

Preiskonzept für alle. Selbst diejenigen, die sich kaum einen Kaffee leisten können, sollen und dürfen kommen. Sie bekommen einfach einen der schon bezahlten.

Preiskonzept für alle. Selbst diejenigen, die sich kaum einen Kaffee leisten können, sollen und dürfen kommen. Sie bekommen einfach einen der schon bezahlten.

Ruths Küche ist so bunt wie die Welt - und absolut zu empfehlen!

Ruths Küche ist so bunt wie die Welt – und absolut zu empfehlen!

Kulinarische Reise um die Welt

Zwei Tage später komme ich gleich nochmal ins Ausspann. Ich bin mit einer Freundin zum Essen verabredet. Beim Anblick der regelmäßig wechselnden Karte läuft mir bereits das Wasser im Mund zusammen. „Ruths Küche“ hält, was sie verspricht. Wir genießen unsere Speisen, deren Ursprung sich gewissermaßen auch grenzenlos um den Globus zieht. „Von Falafel bis Grünkohl“, hatte Ruth ihre eigene Küche beschrieben. Das kann man so stehen lassen. Alles gibt es übrigens auf Wunsch auch vegetarisch oder vegan. Nur den singenden Kellner, von dem Ruth erzählt hat, treffe ich auch an diesem Abend nicht an.

Ruth Degenhardt ist Ansprechpartnerin, wenn es ums Essen geht. Auf Wunsch (einen Tag vorher melden) bereitet sie auch Spezielles außerhalb der Karte zu, macht Candlelight Dinner und Weihnachtsfeiern möglich.

Ruth Degenhardt ist Ansprechpartnerin, wenn es ums Essen geht. Auf Wunsch (einen Tag vorher melden) bereitet sie auch Spezielles außerhalb der Karte zu, macht Candlelight Dinner und Weihnachts- sowie Firmen feiern möglich.

Später als geplant entlässt uns das Ausspann in die Freitagnacht. Der Heuboden, wo wir unser Essen genossen haben, hat sein Versprechen der Entspannung gehalten. Ich bin rundum zufrieden und mir sicher, dass das Ausspann in mein Repertoire der gemütlichen Treffpunkte aufgenommen gehört.

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