Bleikeller – Mumien im Dom

Das Leben ist endlich. Wer den Bleikeller besucht, Bremens wohl geheimnisvollste Sehenswürdigkeit, dem wird dies nur allzu bewusst. Mit meiner Kollegin Carolin habe ich mich auf die Reise begeben – zu Zeichen von Leben und Tod im St. Petri Dom.

Der St. Petri Dom – Ort des Lebens

Leben und Tod liegen oft nah beieinander – im Dom im wahrsten Sinne des Wortes, und zwar unter der Erde.

Im ältesten Raum Bremens, der romanischen Westkrypta des evangelischen St. Petri Dom aus dem Jahr 1066, befindet sich ein Bronze-Taufbecken auf vier Löwenreitern. Hier wird mit der Taufe das Leben gefeiert, der Anfang einer spannenden und unbekannten Reise.

Dom-Maus, Taufbecken und weitere Schätze im Bremer St. Petri Dom

Dom-Maus, Taufbecken und weitere Schätze im Bremer St. Petri Dom

Der St. Petri Dom ist überhaupt unbedingt sehenswert – ein Ort der Geschichte und des Glaubens, der Kunst und der Stille. Auf der Website des Doms findet ihr umfangreiche Informationen, auch zum Dom-Museum. Ein Tipp für Familien: Sucht mit den Lütten doch mal die Dom-Maus, oder besteigt den Turm, von dem aus man einen tollen Blick auf den Marktplatz hat.

Der Dom ist aber vor allem ein Ort der Menschen mittendrin im Trubel der Stadt, des aktiven Lebens – und wunderbarer Konzerte. Aber der Dom ist auch ein Ort der Toten.

Der St. Petri Dom am Bremer Marktplatz mit Bleikeller-Eingang und Turm-Aussicht - bei Bremer Schmuddelwetter

Der St. Petri Dom am Bremer Marktplatz mit Bleikeller-Eingang und Turm-Aussicht – bei Bremer Schmuddelwetter

Der St. Petri Dom – Ort der Toten

Von den hier beigesetzten zu nennen ist beispielsweise Bischof Willehad, der „willensstarke Kämpfer“, der den ersten hölzernen Dom im Jahr 789 geweiht hat. Nach ihm wurde der Wilhadi-Markt benannt, der später umbenannt wurde und als Freimarkt bis heute stattfindet. Am berühmtesten ist aber sicher Freiherr Knigge. Ihr wisst, der mit dem Manieren-Buch, das eigentlich keines war, sondern in dem er lediglich „Über den Umgang mit Menschen“ schrieb. Beide findet ihr allerdings nicht im Bleikeller.

Um dorthin zu gelangen, verlassen wir den Dom und betreten nebenan durch das schmiedeeiserne Tor den Bibelgarten, in dem uns die Figur eines Jakobuspilgers begrüßt. Der Bibelgarten, im ehemaligen Kreuzgang gelegen, ist eine Oase mit über 60 Pflanzenarten, die in der Bibel Erwähnung finden. Ein Brunnen sorgt für Erfrischung – herrlich!

Bibelgarten in Bremen mit St. Jacobus-Statue und Brunnen - hinter dem Brunnen rechts befindet sich der Eingang zum Bleikeller

Bibelgarten in Bremen mit Pilgerstatue und Brunnen – hinter dem Brunnen rechts befindet sich der Eingang zum Bleikeller

Von hier aus geht es hinunter in den Bleikeller. Erst 1698 wurden die Mumien von Gesellen des Orgelbauers Arp Schnitger zufällig entdeckt. Die Körper sind auf natürliche Weise ausgetrocknet und folglich mumifiziert, da der Austrocknungsvorgang den ansetzenden Verwesungsvorgang überholt hat. Der Name Bleikeller ergibt sich daraus, dass in der Ostkrypta (heute Raum der Stille) das Blei lagerte, welches aber keinen Effekt auf die Mumifikation hatte. 1822 vermietete man die Oskrypta und verlegte die Mumien in eine gotische Kapelle, die vorher als Kohlekeller genutzt wurde. In den 1970er Jahren wurde dort das Dom-Museum eingerichtet, die Mumien können seit 1984 in einem Nebenraum des Dom besichtigt werden.

Die Gewölbe des Bremer Bleikellers, die gesamt acht Mumien beherbergen

Die Gewölbe des Bremer Bleikellers, die gesamt acht Mumien beherbergen

Doch wer waren die Toten?

  • Gerorg Bernhard von Engelbrechten, Kanzler der Herzogtümer Bremen-Verden in schwedischen Diensten, 1658-1730. Ursprünglich wurde er im großen Steinsarkophag beigesetzt, der ebenfalls zu besichtigen ist. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde er, getarnt als „englischer Offizier“, aus dem Prunksarg in einen offenen Holzsarg umgelegt. Seine Frau tarnte er als „schwedische Gräfin“. Erst in den 1960er-Jahren wurde dies bekannt, als der Sarkophag an der Vorderfront zerbrach und lediglich ein Zettel gefunden wurde, auf dem der „Diebstahl“ gebeichtet wurde. Gründe findet ihr auf Wikipedia.
  • Maria von Engelbrechten, geborene von Mevius, Frau des Kanzlers Bernhard von Engelbrechten, gestorben 1734.
  • Angeblich Lady Stanhope, wobei der Name nicht gesichert ist, da der Familie zu jener Zeit kein Mitglied „abhanden“ kam. Anfang des 18. Jahrhunderst als „englische Gräfin“ bezeichnet.
  • Conrad Ehlers, Tagelöhner, gestorben mit 80 Jahren im Jahr 1788. Er wurde als letzter im Bleikeller beigesetzt: In den letzten Jahren durfte er bei freier Kost und Logis im Domkloster wohnen unter der Bedingung, dass er nach dem Tode im Bleikeller bestattet wird.
  • Offizier oder Soldat, der wohl im 30jährigen Krieg an den Folgen einer Schussverletzung starb. Aufgrund des zum Schrei geöffneten Mundes wurde er früher fälschlicherweise als herabgestürzter Dachdecker bezeichnet.
  • Oberst von Winsen, Offizier aus Pommern in schwedischen Diensten, gestorben nach 1652.
  • Kornett, Offizier in schwedischen Diensten, wahrscheinlich an den Folgen einer Explosion gestorben.
  • Student, angeblich 1705 im Duell erstochen, was aus den Verletzungen am Arm geschlossen wird.

Goethe und der Bleikeller

Eine skurrile Geschichte ist die, dass ein Bremer Arzt, ein Freund von Goethe, diesem einen Finger und eine Kinderhand aus dem Bleikeller schenkte, in der Hoffnung, Goethe damit zu einem Bremen-Besuch zu bewegen. Die Reliquien befinden sich noch heute im Goethehaus in Weimar. Die Kinderhand stammt wahrscheinlich von adeligen Kindern, die nach 1823 vom Bleikeller zu heimischen Kirchhöfen gebracht und dort bestattet wurden. Möglich war dies, da die Glasabdeckungen der Mumien erst 1968 abgebracht wurden. Haare und Finger, die fehlen, wurden als Souvenirs mitgenommen – so ist es zumindest auf Wikipedia zu lesen. Wenn ich an so etwas denke, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Kunstvoller Stein-Sarkophag im Bremer Bleikeller

Kunstvoller Stein-Sarkophag im Bremer Bleikeller

Der Bleikeller – eine besondere Sehenswürdigkeit

Der Domkanzlei ist es wichtig, die Totenruhe so wenig wie möglich zu stören, als Zeugnis der Geschichte ist die Präsentation der Mumien aber natürlich in öffentlichem Interesse. Ich meine, der Spagat ist gelungen. Besucher betrachteten die Mumien und die Räumlichkeiten bei unserem Besuch sehr ruhig und zurückhaltend. Kinder sollten meiner Meinung nach allerdings nicht allzu jung und ängstlich sein, das Thema Tod sollte vor dem Besuch besprochen werden. Übrigens: Die Mumien einer Katze und eines Affen, von denen oft geschrieben wird, sind nicht mehr im Bleikeller zu sehen.

Die Räumlichkeiten des Bleikellers sind nicht groß und damit eine ideale Zwischenstation während einer Stadtbesichtigung. Der Eintritt kostet derzeit 1,40 Euro für Erwachsene und 1,00 Euro für Kinder bis 12 Jahren. Achtung: Geöffnet ist nur von April bis Oktober!

Meine Tipps:
– Im Intermezzo, direkt am Bibelgarten, kann man Bremen bei einem Bremer Tapa-Teller noch besser kennennlernen.
– Die Messe Bremen hat vor wenigen Jahren die neue Messe Leben und Tod sozusagen ins Leben gerufen. Interessant für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen möchten oder müssen.
– Im Dom finden tolle Veranstaltungen statt, hier ist der Veranstaltungskalender, und hier findet ihr Infos zu den Gottesdiensten.

 

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