Von Schatten und Silhouetten – Nachts in der Böttcherstraße

Die Böttcherstraße ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Bremens. Tagsüber zieht sie Tausende Touristen an. Aber was ist hier eigentlich los, wenn sich der Tag dem Ende zuneigt und die Nacht anbricht. Ich bin an einem Mittwochabend dort hingefahren und habe nachgeschaut.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts? Nein, keine Sorge, es folgen jetzt keine schwarzen Bilder, wie man sie manchmal als Scherzpostkarten an Touristenorten finden kann. „Stockholm bei Nacht“ – schwarz. „New York City at night“ – schwarz. „Nachts an der Costa Brava“ – nichts zu sehen. Wenn die Sonne untergeht, wird es in Bremen allemal nicht schwarz. Die Gebäude der Innenstadt werden ziemlich beeindruckend illuminiert. Die Böttcherstraße verwandelt sich dann in ein riesiges Backsteinensemble aus Licht und Schatten.

Der Gang gen Marktplatz zurück. Es wird ruhig in der Gasse.

Der Gang gen Marktplatz. Nachts wird es ruhig in der Gasse.

Noch taghell

Als ich gegen 21 Uhr über den Marktplatz schlendere, ist es noch taghell. „Gute Idee“, denke ich mir, „mein Vorhaben mitten im Sommer umzusetzen.“ Zumindest hab ich so etwas Zeit, mich auf die fotografische Aufgabe einzustellen.

Da geht's lang - vom Marktplatz aus schnell zu finden. Einfach in die schmalste Gasse hinein.

Da geht’s lang – vom Marktplatz aus schnell zu finden. Einfach in die schmalste Gasse hinein.

Ich mache ein paar Bilder am Eingang mit dem goldstrahlenden Fassadenrelief „Der Lichtbringer“ von Bernhard Hoetger. Der Bildhauer und Architekt bekam von Ludwig Roselius in den 1920er Jahren den Auftrag, die Gasse zwischen Marktplatz und Martinistraße zu gestalten.

Der Eingang in vergangene Zeiten - samt goldenem Portal von Bernhard Hoetger.

Der Eingang in vergangene Zeiten – samt goldenem Portal von Bernhard Hoetger.

Im Handwerkerhof lässt sich auch abends noch in die Schaufenster spähen. Ludwig Roselius ist hier in Stein verewigt. Gleich neben den Sieben Faulen.

Im Handwerkerhof lässt sich auch abends noch in die Schaufenster spähen. Ludwig Roselius ist hier in Stein verewigt. Gleich neben den Sieben Faulen.

Wie Filmkulisse der 20er Jahre

Je dunkler es wird, desto mehr fühle ich mich wie in der Kulisse eines expressionistischen Films der 1920er Jahre. Vor allem beim Blick nach oben auf die Dachzinnen und -ränder, die mit unterschiedliche Formen aus Backsteinen verziert sind oder sogar kleine Figuren erkennen lassen, muss ich mal wieder an „Das Cabinet des Dr. Caligari“ denken. Den Vergleich mit Robert Wienes Film von 1920 hab ich schon einmal bemüht, als ich über den Himmelssaal schrieb.

Ab und zu erklingt auch abends noch das Glockenspiel.

Ab und zu erklingt auch abends noch das Glockenspiel.

Von der Martinistraße aus ist der Einlass in die Böttcherstraße ebenso einladend.

Von der Martinistraße aus ist der Einlass in die Böttcherstraße ebenso einladend.

Überraschend viel los

Es überrascht mich, wie viele Menschen sich in Bremens berühmtester Straße abends noch aufhalten. Größere und kleinere Grüppchen bahnen sich ihren Weg. Manche bleiben stehen und legen staunend den Kopf in den Nacken, andere zücken ihre Kamera oder Handy und machen Bilder. Weitere wiederum verschwinden zielstrebig in einer der Bars. Zahlreiche Sprachen nehme ich wahr an diesem Abend. Polnisch, Russisch, Französisch meine ich, erkennen zu können, auch Englisch und ein oder zwei skandinavische Sprachen sind dabei.

Die "Ständige Vertretung" bringt rheinländische Kultur in die Hansestadt. Hier gibt es Kölsch - und im Februar feiert man Karneval.

Die „Ständige Vertretung“ bringt rheinländische Kultur in die Hansestadt. Hier gibt es Kölsch – und im Februar feiert man Karneval.

Museen spielen hier auch eine wichtige Rolle. Hier und da lässt sich sogar ein Blick in die Ausstellung erhaschen.

Museen spielen hier auch eine wichtige Rolle. Hier und da lässt sich sogar ein Blick in die Ausstellung erhaschen.

Genauerer Blick trotz Dunkelheit

Beim Durchschlendern fällt mir irgendwann auf, dass ich seltsamerweise viel mehr Details entdecke, als mir bisher bei all meinen Gängen durch die Böttcherstraße aufgefallen sind. Ich schiebe das darauf, dass einfach weniger los ist, was mich ablenken könnte. Aber auch die Illumination trägt dazu bei, dass ich auf kleine Tafeln und anderes aufmerksam werde. Kleine Scheinwerfer schaffen Akzente und heben Gebäude hervor, die sich tagsüber eher unauffällig ins Gesamtgefüge einpassen.

Überall finden sich Anleihen von Kunststilen der 1920er Jahre. Art Déco zum Beispiel.

Überall finden sich Anleihen von Kunststilen der 1920er Jahre. Art Déco zum Beispiel.

Eine Inschrift vom Schöpfer der Straße.

Eine Inschrift vom Schöpfer der Straße.

Ich stöbere geradezu durch die immer leerer und ruhiger werdende Gebäudeschlucht und bleibe vor Infotafeln und anderen ins Gemäuer eingelassenen Details stehen.

Beim Haus Atlantis gehen die Lichter an.

Beim Haus Atlantis gehen die Lichter an.

Überall sind im Gemäuer kleine Info-Texte zu den Gebäuden und Fassaden zu finden.

Überall sind im Gemäuer kleine Info-Texte zu den Gebäuden und Fassaden zu finden.

Ab und zu zieht ein Nachtwächter mit seiner wissbegierigen Gruppe vorbei. Immer mal wieder erklingt das Glockenspiel von hoch oben. Aus der Kölner Bar Ständige Vertretung murmelt die Geräuschkulisse bierlastiger Gemütlichkeit heraus. Vor der Bar Freytag, die sich – wo sonst? – im Robinson Crusoe-Haus befindet – stehen ein paar Rauchende. Eine leichte Brise findet vom Fluss ihren Weg durch die Böttcherstraße. Vom Marktplatz aus meldet sich der Dom. Es ist halb elf.

Der Blick zurück: Ganz schön einladend. Sowohl tagsüber als auch nachts!

Der Blick zurück: Ganz schön einladend. Sowohl tagsüber als auch nachts!

Immer noch Neues

Ich schlendere zurück an den Anfang der Böttcherstraße, trete auf den Markplatz. Rathaus, Dom und Bürgerschaft bieten eine ebenso beeindruckende Kulisse des Nachts. Noch einmal werfe ich einen Blick zurück in die schmale Gasse, die weit über Bremens Grenzen hinaus bekannt ist. Wie es wohl sein mag, hier als Tourist zum ersten Mal staunend durchzugehen? Ich kann es mir kaum vorstellen. Zum Glück entdeckt man auch nach vielen Jahren immer noch Neues in der Böttcherstraße.

Auch zum Abschluss: Freundlich grüßt die Böttcherstraße

Auch zum Abschluss: Freundlich grüßt die Böttcherstraße

Ein Kommentar zu “Von Schatten und Silhouetten – Nachts in der Böttcherstraße

  1. Martina Ziesing says:

    Ein wunderbarer Bericht über die Böttcherstrasse. Hat mir sehr gut gefallen! Findet sicherlich bald mal im Newsletter neue Fans! :-)
    Martina

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