Bremens Kaffeemacher I: Rösterei August Münchhausen

Wenn ich als Kind meine Tante in Bremen besuchte, stachen mir stets zwei unerklärliche Gerüche in die Nase, die ich erst später zuordnen konnte: Bier und Kaffee. Dabei ist der Geruch nach Hopfen natürlich weit weniger betörend als das warme, heimelige Aroma gerösteter Kaffeebohnen. Und dieser leckere Duft umweht mich noch heute oft. Kein Wunder, denn Bremen gilt als Deutschlands Kaffee-Hauptstadt. Viele große und kleine Röstereien existieren hier und prägen nicht nur das Geruchsbild der Hansestadt. Wir möchten in einer Serie einige von ihnen vorstellen – um Lust auf (mehr) Kaffee aus Bremen zu machen.

Kaffeeschütte in der historischen Ausstellung bei Münchhausen

Kaffeeschütte in der historischen Ausstellung bei Münchhausen

Potzblitz! Schon 1673 eröffnete das erste öffentliche Kaffeehaus – in Bremen! Der große „Ernüchterer“ der Frühen Neuzeit startete seinen Siegeszug und ist heutzutage aus dem Alltag kaum wegzudenken. Bremen hat nicht nur eine echte Kaffeehaus-Kultur, sondern gilt auch in der Gegenwart als eines der weltweiten Zentren für den Kaffeehandel. Jede zweite Bohne kommt über die Bremischen Häfen in die Kaffeetassen der Verbraucher, die großen Röstereien wie Azul, Modelez und Melitta haben hier ihren Sitz. Selbst die kleinen Bremer Kaffee-Manufakturen erzeugen einen erheblichen Teil der bundesdeutschen Kaffeeproduktion und weltweit stammen die meisten entkoffeinierten Kaffees aus Bremen. Und jedes Jahr wird auf dem Marktplatz rund um den Roland der bundesweite „Tag des Kaffees“ zelebriert.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es rund 250 Kaffeeröster in Bremen. Doch inzwischen lassen sich nur noch wenige kleine Röstereien finden. Darunter alteingesessene Traditions-Röstereien wie August Münchhausen und Lloyd Caffee, Hemken im Ostertor und jüngere Röstereien wie CrossCoffee oder Büchlers Beste Bohne in der Böttcherstraße. Andere Röster wie Utamtsi oder Contigo haben sich auf ausschließlich fair gehandelte Kaffees spezialisiert. Gemein haben die kleinen Kaffee-Manufakturen, dass sie sich über den Trend hin zum bewussten, nachhaltigen Konsum von Lebensmitteln freuen, denn so erlebt auch der traditionell geröstete Kaffee eine Wiederentdeckung.

Eingang der Rösterei Münchhausen im Stephaniviertel

Eingang der Rösterei Münchhausen im Stephaniviertel

„Originaler als bei Münchhausen geht’s nicht!“

Jeder Deutsche konsumiert im Durchschnitt 150 Liter Bohnenkaffee pro Jahr. Das bedeutet rund 0,4 Liter pro Tag. Ich befinde mich also im absoluten Durchschnitt. Aber ausgezeichneten Kaffee trinke ich liebend gerne. Grund genug endlich mal an einer Führung in der Kaffeerösterei August Münchhausen teilzunehmen, denn hier soll es so original sein wie sonst nirgendwo, verrät mir eine Freundin.

Geschäftsinhaberin Dr. Ilse Münchhausen-Prüße erzählt die Geschichte der Traditions-Rösterei.

Geschäftsinhaberin Dr. Ilse Münchhausen-Prüße erzählt die Geschichte der Traditions-Rösterei – ihre Eltern auf dem Foto sind immer dabei.

Die Inhaberin der Rösterei, Dr. Ilse Münchhausen-Prüße, darf sich in ihrem Ladengeschäft kurz hinter den Studioräumen von Radio Bremen wie in einem Museum fühlen. Alte Schmuckdosen, Porzellanfilter und Kaffeemühlen so weit das Auge reicht. In dem kleinen Verkaufs- und Büroraum mit Ladentheke finden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Führung, wenngleich leicht bewegungseingeschränkt, Platz, um sich auf die Zeitreise zu begeben. Neugierig blicke ich mich um – es gibt einfach zu viel zu entdecken. Kaffeemühlen von Zassenhaus, Mahlmaschinen, Becher, Präsent-Sets und allerlei Nippes rund um die braune Bohne. Die meisten Gegenstände sind mit dem Schriftzug der Familienrösterei versehen und stammen aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren.

Erfolgsgeschichte trotz „Lügenkaffees“

Die Kaffeerösterei August Münchhausen ist die älteste noch in Familienhand befindliche bremische Traditionsrösterei. Die urbremische Kaffeetradition besteht seit fast 80 Jahren. Der Vater der jetzigen Inhaberin, August Münchhausen, gründete 1935 ein Versandgeschäft für Kaffee und Tee auf dem Teerhof. Drei Jahre später eröffnete er den heutigen Firmensitz im Stephaniviertel und eine eigene Röstanlage wurde erworben.

Bei Kriegsausbruch wurden alle Warenbestände konfisziert und die Produktion musste auf Kaffeeersatz umgestellt werden. Was dabei genau verwendet wurde, lässt sich nicht mehr sagen, erzählt uns die Kaffeehändlerin, aber ganz sicher Zichorien, Zuckerrüben und Dinkel. Not macht erfinderisch. Ich schüttele mich kurz, trotzdem. Ilse Münchhausen-Prüße lässt die Tüten aus der Kriegszeit als Ansichtsexemplare durch die Reihen gehen, dessen Inhalt passenderweise als Münchhausens „Lügenkaffee“ bezeichnet wurde.

Die Zeit ist hier nur auf den ersten Blick stehen geblieben

Die Zeit ist hier nur auf den ersten Blick stehen geblieben

In den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders stieg die Nachfrage nach hochwertigen Arabica-Kaffees wieder und der Kaffeehandel erfuhr eine neue Belebung. Doch den harten Verdrängungswettbewerb Ende der 196oer Jahre überlebten nur wenige der kleinen Röstereien, die großen Kaffee-Magnaten setzten sich durch. Doch Münchhausen überstand alle Krisen. Als „Deutschlands ältester aktiver Röstmeister“ röstete August Münchhausen bis kurz vor seinem Tod selbst. Die Rösterei und das Geschäft blieben sein Hobby, sein Herzblut. Seine Produkte galten als Geheimtipp für Kenner, so seine Tochter, die nach dem Tod des Vaters 2003 das Geschäft übernahm. Und sogar der NDR drehte 2011 einen Beitrag über das urige Kaffeegeschäft.

Alles unter einem Dach

Im rechten Teil des Raums stehen jene Schreibtische, die Vertrieb, Rechnungswesen und Buchhaltung ausmachen. Gleich daneben befindet sich die Verkaufstheke, die im Original erhalten geblieben ist und auch 2014 noch genutzt wird. Durch einen langen Gang kommt man vorbei an Pack- und Lagerräumen zum Röstraum. Von dort gelangt man über die Außenrampe und ein paar Stufen – die Speditionsarbeiter erhielten hier übrigens ihr „Treppengeld“ als Zusatzlohn – in die Lagerräume, in denen der Rohkaffee gelagert wird.

Dekorative Kaffeesäcke werden hier auch verkauft

Dekorative Kaffeesäcke werden hier auch verkauft

Verkostung verschiendener Kaffees bei Münchhausen

Verkostung verschiendener Kaffees bei Münchhausen

Hier gibt uns Mitarbeiter Klaus Welter Einblicke in die Welt des Kaffees. Zu Beginn reicht er eine Schale mit gräulich-grünen Bohnen herum. Ich alte Häsin falle natürlich nicht darauf herein, schließlich habe ich einige Jahre selbst in einer Kaffeerösterei gearbeitet. Doch um mich herum wird geschnuppert, was das Zeug hält. „Die riechen ja gar nicht!“, ruft eine junge Frau empört. Ach?! Darauf hat der Experte gewartet und erklärt anschaulich und humorig wie die Aromen in den Kaffee kommen – durch das Rösten nämlich – und wie Schadstoffe herausgeröstet werden.

Ob Kenia, Brasilien oder Indonesien: Ein Kaffeebusch trägt erst nach drei Jahren zum ersten Mal Früchte, nach fünf Jahren den vollen Ertrag und mit 20 Jahren hat er ausgedient. Jeder klimatische Einfluss beeinflusst Ertrag und Geschmack. Als Zuhörer bekommt man eine Vorstellung davon wie mühsam sich der Weg von der Kaffeekirsche am Baum bis hin zum Genuss in der Tasse darstellt. Wer gerne mal einen halben Becher Kaffee leichtfertig in den Ausguss gießt, denkt jetzt hoffentlich anders, resümiere ich. Die Rösterei Münchhausen produzierte 2013 rund 29 Tonnen Kaffee. Heute verkosten wir drei ihrer Erzeugnisse: Ein kakaoig-milder Kaffee aus Guatemala, ein fruchtig-zitroniger aus Kenia und die beliebte Festtagsmischung, die Bohnen unter anderem aus Tansania, Peru, Kenia, Mexiko, Guatemala und Nicaragua vereint. Das Beste: Eine Mischung ist hier ein harmonisches Best Of, keine Resterampe. Ich schmecke das – der Kaffee ist exzellent und ich, ich bin plötzlich sehr wach.

Hilfe! Der Trommelröster ist so alt wie Popstar Madonna

Als wir durch die Lagerräume zum großen Trommelröster geleitet werden, fallen mir weitere Relikte längst vergangener Zeiten auf. Alte Mahlmaschinen, Waagen, Kannen und natürlich überall: die „Kleinkantine Piccolo“, die 1950 vom Röstmeister persönlich entwickelt wurde. Für einen Groschen gab es eine Tasse frisch gemahlenen und aufgebrühten Kaffee, quasi der Vorreiter der heutigen Kaffeepadsysteme, nur eben frischer. Doch die alteingesessene Rösterei passt sich auch den Wünschen der Gegenwart an und erweiterte derzeit ihr Angebot mit Kaffeepads – für die Piccolos von heute.

Die Rösterin Natalie Prüße erklärt den Ablauf beim Röstvorgang

Die Rösterin Natalie Prüße erklärt den Ablauf beim Röstvorgang

Wir schlängeln uns hinauf in den Röstraum, vorbei an Paketen, Säcken und natürlich noch mehr „Piccolos“, die sich bis unter die Decke stapeln. Natalie Prüße, Enkelin des Röstmeisters, begrüßt uns am Produktionsort, am Gothot-Trommelröster (Jahrgang 1958! Wie Pop-Sängerin Madonna!) und erklärt dem Publikum, was bei einer Röstung mit traditionellem Langzeitverfahren alles passiert.

Röstprobe während der Röstung

Röstprobe während der Röstung

Beeindruckend und zugleich erschreckend: Industrieller Kaffee wird in wenigen Minuten bei mehreren hundert Grad geröstet, hier benötigt die Rösterin eine Temperatur um die 200 °C und zwischen 12 und 20 Minuten pro Röstvorgang. Wahres Slow Food also. Ganz zum Schluss werden die Bohnen sogar von Hand verlesen, in Tüten gefüllt und für den Versand gepackt. Denn viele Gastronomen und Einzelhändler in und um Bremen führen Münchhausen-Kaffee in ihrem Sortiment.

Der Ordnung wegen: Über 20 sortenreine Kaffees und traditionellen Mischungen gibt es hier

Der Ordnung wegen: Über 20 sortenreine Kaffees und traditionellen Mischungen gibt es hier

Auf dem Weg zurück sehe ich im Packraum leere Tüten auf ihre Bohnen, volle Tüten auf ihren Verkauf warten. Es ist kurz vor Weihnachten, das Geschäft brummt und ich merke, dass hier wirklich gearbeitet wird und die Führungen nicht inszeniert, sondern Teil des Ganzen sind. Eine sympathische Authentizität könnte man es auch nennen, ein echtes Bremer Traditionsunternehmen eben! Und statt mir hier eine 250 g-Packung Festtagsmischung zu kaufen, habe ich am Ende etwas mehr in meiner Einkaufstasche: ein richtig heimeliges Erlebnis, das nach Kindheit riecht.

Die Kaffeerösterei hat immer montags bis freitags von 10 bis 12.30 Uhr für den Einkauf geöffnet. 

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