Es grünt so grün – Ein Park für Bremens Bürger

Sein Grundriss erinnert schon ein bisschen an den New Yorker Central Park und seine urbane Lage auch: Der Bürgerpark ist Bremens grüne Lunge. Als Wilhelm Benque die Grünanlage vor über 150 Jahren plante und anlegte, war noch nichts von dem sichtbar, wie der Park heute aussieht.

Kaum habe ich am südöstlichen Rand den Park betreten, da werde ich quasi verschluckt vom tiefen, noch sommerlichen Grün. Die Bäume, die rundum den Bürgerpark säumen, schirmen den Stadtlärm ab und lassen ihn zu einem dumpfen Gemurmel aus Motoren-, Asphalt- und Bahngeräuschen werden. Ich hole tief Luft – eine waldige, feuchte Luft, die mich im wahrsten Sinne des Wortes sofort erdet. Wie erholsam so ein Wäldchen sein kann. Er wischt sofort den Alltagsstress von mir, wie ein feuchter Schwamm Kreide von der Tafel wischt.

Das Besondere am Bürgerpark – das fällt mir bei meinem Gang wieder einmal auf – ist die Tatsache, dass er mitten in der Stadt liegt. 200 Hektar Wiese, Wald und Wasser erstrecken sich hier gleich hinter dem Bremer Hauptbahnhof. Das kann nicht jede urbane Umgebung vorweisen. Mir fällt auf, dass ich lange nicht mehr hier war. Früher wandelte ich regelmäßig quer durch das Labyrinth der Waldwege und kleinen Pfade, bis ich an jeder Ecke wusste, wo ich bin. Dem ist inzwischen nicht mehr so. Schon nach einigen Metern entlang der Ostflanke des Parks bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich hier schon einmal war. Irgendwie scheint alles neu und doch beim Alten geblieben zu sein. Ich staune über riesige und wahrscheinlich uralte Buchen, die auf den Naturwiesen in die Höhe ragen, und über den weitläufigen Blick, den mir die Bäume zwischendurch freigeben. Nach wenigen Schritten gelange ich in einen dichtes Nadelwäldchen, dessen harzig-warmer Geruch mich unmittelbar umgibt.

Alles für alle: Lichte Buchenbestände auf Naturwiesen wechseln sich mit dichten Nadelwäldchen ab.

Alles für alle: Lichte Buchenbestände auf Naturwiesen wechseln sich mit dichten Nadelwäldchen ab.

Geplante Natürlichkeit trifft gezielte Gestaltung

Während manche Abschnitte hier fast so aussehen, als ob sie vollkommen der Natur überlassen worden seien, sind andere Stellen wiederum sehr parkähnlich angelegt. Schuld an dieser Mischung trägt ein Mann namens Wilhelm Benque. Er komponierte einst gekonnt unterschiedliche Stile der Landschaftsarchitektur und schuf so ein grünes Universum aus strukturierter Parkanlage und scheinbar willkürlich gewachsenen Hainen und Wäldern.

Neben der Benquestraße in Schwachhausen gibt es auch den Benquestein, der den Gestalter des Parks ehrt. (vom Bildhauer Ernst Gorsemann, Fichtelgebirgsgranit, 1937)

Neben der Benquestraße in Schwachhausen gibt es auch den Benquestein, der den Gestalter des Parks ehrt. (vom Bildhauer Ernst Gorsemann, Fichtelgebirgsgranit, 1937)

Kurz vor der großen Fahrradstraße, die über die Melcherbrücke einmal quer durch den Park verläuft, besuche ich den Benquestein. Natürlich ist dem Erschaffer des Bürgerparks auch hier ein Denkmal gesetzt. Ein grabender und ein pflanzender Gärtner sind an den Seiten des etwa zwei Meter hohen Granitblocks zu erkennen. Auf der Rückseite ist eingemeißelt: „Seine Meisterhand schuf Bremens Bürgerpark in den Jahren 1866 -1884.“ Ich setze mich auf die im Halbrund angelegte Steinbank hinter dem Denkmal. Mein Blick wandert nach oben. Wie alt mögen die Bäume hier wohl sein? Mit Sicherheit hat Benque sie in dieser Form nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er muss eine ziemlich ausgeprägte Vorstellungsgabe gehabt haben, wenn er einen Park planen konnte, ohne je das Resultat davon zu sehen.

Ländliches Idyll mitten in der Stadt

Ich schlendere weiter. Hinter der Marie-Bergmann-Brücke entdecke ich linker Hand das schwarzbunte Fell von Rindern. Ländliche Ruhe strahlt von ihnen ab – und ich bin immer noch mitten in der Stadt, zwischen Schwachhausen und Findorff, nur etwa zehn Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Auf meinem weiteren Weg begegnen mir Jogger, Radfahrer, Hunde und ihre Besitzer. Auf dem kleinen Kanal  sind vereinzelte Ruderboote unterwegs. Der Park hält seinem Namen nach sein Versprechen, ein Park für die Bürger zu sein. Doch der Name bedeutet noch mehr: Es ist auch ein Park von Bürgern. Denn nicht der Stadt oder einem Privatier gehört die riesige Grünanlage, sondern den Bürgern. Das ist für eine Anlage dieser Größe einzigartig in Deutschland. Der Bürgerparkverein mit Direktor Tim Großmann übernimmt die Verwaltung, die Bürger der Stadt finanzieren die Erhaltung des Parks über Spenden, Benefizveranstaltungen sowie Deutschlands umsatzstärkste Sachwertlotterie. Die Bürgerpark-Tombola wird jedes Jahr über drei Monate hinweg im gesamten Stadtgebiet veranstaltet.

Nicht nur Kühe grasen auf den weitläufigen Wiesen. Ab und zu kann man auch mal ein Reh sehen.

Nicht nur Kühe grasen auf den weitläufigen Wiesen. Ab und zu kann man auch mal ein Reh sehen.

Das Lebenswerk des durchaus streitbaren Wilhelm Benque

Apropos „Direktor“: Wilhelm Benque war auch Direktor des Parks – und das gleich zweimal. Als 1865 das „Comité für die Bewaldung des Bürgerweide“ einen Wettbewerb ausschrieb, bekam er mit seinem Entwurf für ein Erholungsgebiet den Zuschlag. Erfahrungen zur landschaftlichen Gestaltung brachte der damals bereits 51-Jährige unter anderem aus den USA mit. Hier war er Zeuge der Entstehung des Central Parks in New York geworden und hat womöglich dem zuständigen Landschaftarchitekten Frederick Law Olmsted auch mal einen Blick über die Schulter werfen können. Inwieweit er direkt am Central Park mitwirkte, ist nicht überliefert, aber Parallelen zwischen dem New Yorker und dem Bremer Park finden sich nicht nur im Grundriss.

Die Mischung aus strukturierter Gestaltung und Natürlichkeit war zu der Zeit typisch. Sie resultierte aus den Erkenntnissen der Aufklärung, in der der Mensch in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt war. Das Bezwingen der Natur gehörte quasi zum guten Ton der Landschaftsgärtner. Die Wälder waren bis dato gefährliche Gegenden gewesen, die Waldanlagen in Parks und Gärten hingegeben konnten unbesorgt durchschritten werden. All das vereinte Benque in seinem Entwurf. 1870 zerwarf er sich dann zum ersten Mal mit seinen Auftraggebern, ließ es sich aber im Anschluss nicht nehmen, stets öffentlich Kritik zu üben.

Kein einfacher Typ: Wilhelm Benque war gleich zweimal Parkdirektor. Beide Amtszeiten endeten aufgrund von Streitigkeiten. (Bildquelle: Archiv / Bürgerparkverein)

Kein einfacher Typ: Wilhelm Benque war gleich zweimal Parkdirektor. Beide Amtszeiten endeten aufgrund von Streitigkeiten. (Bildquelle: Archiv / Bürgerparkverein)

In seinen „Bürgerparks-Betrachtungen“ von 1875 schrieb er zu den fortlaufenden Baumaßnahmen im Park: „Diese Aufgabe […] wird in den Augen des Kenners – ich bin so frei mich dafür zu halten – leider nicht erfüllt, wie es sein müsste, sie wird sichtlich überwuchert von einem üppigen Triebe des Schaffens, richtiger vielleicht des Flickens, der, einige Jahre so fortwirkend, den Bürgerpark schwer, vielleicht unheilbar beschädigen, vielleicht in Grund und Boden ruinieren müsste.“

Trotz seiner teils harschen Kritik wurde Benque 1877 dank eines Vorstandswechsels noch ein zweites Mal Parkdirektor. Diesmal widmete er sich der Gestaltung des oberen Teils und der Zusammenführung mit dem unteren Areal des Parks. Sein Generalplan entstand 1877/78.

Links der erste Entwurf Benques, den er von 1866 an umsetzte. Rechts der Generalplan von 1877/78, der den unteren Teil mit der oberen Erweiterung verknüpft. (Bildquelle: Archiv / Bürgerparkverein)

Links der erste Entwurf Benques, den er von 1866 an umsetzte. Rechts der Generalplan von 1877/78, der den unteren Teil mit der oberen Erweiterung verknüpft. (Bildquelle: Archiv / Bürgerparkverein)

Nichts ist hier dem Zufall überlassen – auch wenn es so wirkt

Obwohl der Landschaftsplaner dann kurz vor der Fertigstellung 1884 ein zweites Mal aufgrund von Streitigkeiten zurücktrat, wandeln wir heute eindeutig auf den Spuren seines Wirkens. Alles scheint irgendwie zufällig angeordnet und hat doch seinen Platz. Ich streife vorbei am Gerdespavillon und lasse an der Meierei meinen Blick durch die breite Baumschneise gen Dom schweifen. Auch einen kleinen Schlenker am Tiergehege vorbei lasse ich mir nicht nehmen. Ich mag die niedlichen Eselchen so gerne. Zwei Pfaue kreuzen meinen Weg. Schließlich begegne ich dann sogar noch einem der freilaufenden Rehe.

Der Gerdespavillon war ein Geschenk des norwegisch-schwedischen Konsuls Hermann S. Gerdes. Seit 1903 steht er im Bürgerpark.

Der Gerdespavillon war ein Geschenk des norwegisch-schwedischen Konsuls Hermann S. Gerdes. Seit 1903 steht er im Bürgerpark.

Gut geplant: Auch wenn im Bürgerpark vieles naturbelassen wirkt, hat doch jeder Baum einen fest geplanten Standort - sonst könnte man wohl kaum so weit schauen.

Gut geplant: Auch wenn im Bürgerpark vieles naturbelassen wirkt, hat doch jeder Baum einen fest geplanten Standort – sonst könnte man wohl kaum so weit schauen.

Die Meierei im Abendlicht. Von hier aus kann man den Dom sehen.

Die Meierei im Abendlicht. Von hier aus kann man den Dom sehen.

Erholt gelange ich zu meinem Rad zurück. Ich nehme von diesem kleinen Ausflug gleich mehrere Erkenntnisse mit nach Hause. Erstens: Ich muss unbedingt wieder häufiger hierher kommen. Zweitens: Es ist schon etwas sehr Besonderes, mitten in der Stadt auf ein Reh zu treffen. Und drittens: Wäre Wilhelm Benque bei all seiner charakterlichen Schwierigkeiten auch noch unverschämt gewesen, hätte es den Bürgerpark in seiner heutigen Form wahrscheinlich nicht gegeben. Zum Glück hat Benque immer die richtige Mischung gefunden – sowohl in der Gestaltung seines Parks als auch im Verhältnis von Kritik und Tonfall.

3 Anmerkungen zu “Es grünt so grün – Ein Park für Bremens Bürger

  1. Hansi says:

    Ein wunderschöner Bericht über „meinen“ Bürgerpark!

  2. Rike Oehlerking says:

    :-)

  3. David Braun says:

    Hallo Rike!
    Ich und meine Familie erholen uns oft im Bürgerpark. Man fühlt sich da sehr wohl. Ich muss aber zugeben, dass wir noch nie eine Kuh gesehen haben ;)

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