Ort des Gedenkens in Bremen-Nord

Seit heute gibt es in Bremen einen neuen Denkort: Der U-Boot-Bunker Valentin ist als Ort zum Gedenken an die Verbrechen der Nationalsozialisten eröffnet. Ich konnte bereits im Juni einen Blick in die Ruine des Bunkers werfen und habe bleibende Eindrücke mitgenommen.

Mein Navi lenkt mich durch ein Wohngebiet in Bremen-Nord. Und hier soll ich richtig sein? Ich bin auf dem Weg zum Denkort Bunker Valentin, um mich über den U-Boot-Bunker zu informieren. Ich vertraue meinem digitalen Helfer – was bleibt mir auch anderes übrig? Hinter der nächsten Kurve sehe ich ihn dann auch: den monströsen Bau aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, ein Mahnmal der furchtbaren Nazi-Verbrechen umgeben von einem Wald- und Wohngebiet. Es wirkt auf mich so, als hätte man versucht, den Bunker mitten im Wald zu verstecken.

Luftaufnahme vom Bunker Valentin aus dem Jahr 1951 © Heimatverein Farge-Rekum, Landeszentrale für politische Bildung

Aus der Luft werden die Ausmaße des Bunkers deutlich (1951) Foto: Heimatverein Farge-Rekum, Landeszentrale für politische Bildung

Da steh ich nun vor dem Bunker, der ab 1942 von den Nationalsozialisten als verbunkerte Endmontagestätte für den U-Boot Typ 21 gebaut wurde. Das Jahr 1942 stellte einen Wendepunkt im Krieg dar: Enigma wurde entschlüsselt, U-Boote zerstört. Die Nationalsozialisten benötigten neue U-Boote, die länger unter Wasser bleiben konnten als die früheren Modelle. Deswegen wurde in Bremen-Farge an dem Ort, wo bereits 1937 ein unterirdisches Tanklager als Kriegsvorbereitung gebaut worden war, ein Bunker errichtet. Hier war die benötigte Infrastruktur vorhanden. Der U-Boot Typ 21 – 80 Meter lang, 13 Meter hoch – stellte eine Waffe dar, die den Krieg für die Nationalsozialisten noch herumreißen sollte. Die Baustelle für den Bunker war die größte Baustelle der Nazi-Zeit. Diesen Bunker kann man getrost als Koloss bezeichnen: 426 Meter lang, 33 Meter hoch und 90 Meter breit steht er an einer Wesermündung in Bremen-Farge. Die Wände sind bis zu 4,5 Meter dick und im Durchschnitt sind es 10 Grad in dem Bunker.

Zwangsarbeiter bei der Montage der Spannbetonträger, © Landeszentrale für politische Bildung/Staatsarchiv Bremen

Zwangsarbeiter bei der Montage der Spannbetonträger, Foto: Landeszentrale für politische Bildung/Staatsarchiv Bremen

Der Bunker Valentin ist ein Ort des größten Massenverbrechens: Über 22 Monate wurden bis zu 10.000 Arbeiter pro Tag eingesetzt, um dieses Gebäude zu bauen. Zunächst setzten die Nationalsozialisten Osteuropäer und anschließend Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge ein. Es gab insgesamt acht Lager im Umkreis von sieben Kilometern um die Baustelle. Die Arbeiter mussten zu Fuß zum Bunker laufen. Die Arbeiter aus weiter entfernten Lagern wurden mit Loren über Gleise zur Baustelle gebracht. Wie viele Menschenleben diese Baustelle gekostet hat, ist ungeklärt. Seit 1983 erinnert ein Mahnmal außerhalb des Geländes an die Toten. Auf dem Grundstück konnte zu diesem Zeitpunkt kein Denkmal errichtet werden, da es militärisches Sperrgebiet war.

Außerhalb des Geländes steht seit den 1980er Jahren ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer

Außerhalb des Geländes steht seit den 1980er Jahren ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer

Ich darf mich für meinen Besuch einer Gruppe von Berufsschülern anschließen, die sich im Rahmen ihres Unterrichts mit dem Bunker Valentin beschäftigen. Diese Touren über das Gelände bietet die Landeszentrale für Politische Bildung schon einige Zeit an, um Gruppen den Besuch und insbesondere Schulklassen die Beschäftigung mit der Geschichte zu ermöglichen. Seit dem 8.11.2015 kann man den Bunker nun auch ohne Führung besichtigen. 20 Infotafeln leiten den Besucher durch und um den Bunker herum und informieren über die Geschichte dieses Ortes. Auch sind die Infotafeln mit Zitaten von Arbeitern gespickt, die aus Briefen und anderen Aufzeichnungen überliefert sind.

Der Blick in den Ruinenteil des Bunkers Valentin

Der Blick in den Ruinenteil des Bunkers Valentin

4.500 Arbeiter wären nach Fertigstellung des Bunkers pro Tag für die Endmontage der U-Boote benötigt worden. In einer Taktstraße mit 12 Stationen sollte alle 2,5 Tage ein fertiges U-Boot den Bunker verlassen. So der Plan der Nationalsozialisten. In dem Bunker wurde jedoch nie ein U-Boot gebaut: Als das Gebäude zu 90 Prozent fertig gestellt worden war, wurde es im März 1945 bombardiert und teilweise zerstört. Die Alliierten bombardierten den Bunker massiv und zerstörten dabei das Gelände rund um den Bunker. In den hinteren Teil ist eine Bombe an einer Stelle eingeschlagen, an der die Decke noch nicht fertig war. In den Teil der Ruine konnte ich nicht gehen, da der Bereich einsturzgefährdet ist. Aber auch der Blick in diesen Teil lässt das Loch im Dach und somit die Größe der Bombe erahnen.

Nachdem wir den Bunker von innen angeschaut haben, geht es in das Außengelände. Hier laufen wir einmal um das Gelände herum und erst jetzt wird mir das ganze Ausmaß des Gebäudes bewusst. Zahlen sind ja schön und gut – aber wenn man dann die 426 Meter Länge des Bunkers abläuft, sieht man die Größe des Projekts der Nazi-Zeit und kann sich leise vorstellen, wie viele Zehntausende Menschen an dieser Baustelle mitgearbeitet haben müssen. Und das unter den schweren und unmenschlichen Bedingungen als Gefangene. Auf der Rückseite des Bunkers ist direkt die Weser – der Deich wurde erst in den 1960er Jahren für den Schutz des Marine-Lagers gebaut.

Auf den Wegen stehen heute rund 20 Infotafeln für die Besucher

Auf den Wegen stehen heute rund 20 Infotafeln für die Besucher

Hier hätte das Ende der Produktionsstraße für die U-Boote entstehen sollen

Hier hätte das Ende der Produktionsstraße für die U-Boote entstehen sollen

 

Mein Eindruck, dass der Standort bewusst gewählt wurde, bestätigt mir die Leiterin der Gruppenführung. Der Wald sollte den Bunker möglichst tarnen – nach dem Zweiten Weltkrieg wurden gar Pläne des Bürgerparks auf die Stelle in Karten geklebt, wo eigentlich der Bunker steht. Die Aufarbeitung der Geschichte ist nach dem Weltkrieg in Bremen etwas schwer gefallen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es verschiedene Ansätze der Weiternutzung des Bunkers: Von Kühllager für die Fischerei bis hin zum Ausflugsrestaurant waren vielfältige Ideen dabei. Genutzt wurde der Bunker von 1967-2010 dann als Lager für die Marine der Deutschen Bundeswehr. Von 1999 bis 2005 wurde der Bunker als Ort für ein Theaterprojekt genutzt. Heute erobert die Natur den Bunker zurück: Auf dem Dach ist ein Biotop entstanden und seltene Vogelarten haben sich in den Gemäuern eingenistet. Nun ist der Umbau zu einer Gedenkstätte inklusive Informationszentrum abgeschlossen.

Die Baustelle ist weg und der Denkort für die Besucher geöffnet

Die Baustelle ist weg und der Denkort für die Besucher geöffnet

Mein Besuch des Bunker Valentins wirkt bei mir noch lange nach – und ich bin froh, dass Bremen einen Weg des Umgangs mit diesem Teil der Geschichte gefunden hat. Wer Interesse an dem Denkort und dem Informationszentrum hat, kann den Denkort ab heute kostenlos besuchen. Auch Führungen werden weiterhin angeboten.

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