90 Jahre Schulschiff Deutschland

Hier wird endlich das Klischee erfüllt: Bremen ist maritim! Mit ihren imposanten Masten, dem weiß strahlenden Rumpf und den kreischenden Möwen ringsum lässt sie das Herz der Ship-Lovers höher schlagen! Zugegeben, die „Schulschiff Deutschland“ liegt ein wenig versteckt an der Lesummündung, doch wer sie besucht, den wird sie faszinieren.

Hier, in Bremen-Vegesack, einem der nördlichsten Stadtteile Bremens, ist das maritime Erbe der Stadt noch besonders spürbar. Vom ältesten künstlichen Hafen Deutschlands über die Signalstation, dem historischen Speicher und dem Geschichtenhaus bis zu den modernen Werften am gegenüberliegenden Weserufer.

Nun ist die „Schulschiff Deutschland“ 90 Jahre alt geworden – Grund genug, sie endlich mal mit einem eigenen Artikel in diesem Blog zu würdigen. Zudem habe ich auch gerade auf dem weißen Dreimaster geheiratet. Und das hat meine Faszination für die alte Dame noch einmal neu entfacht, aber dazu später mehr …

Die große Schiffsglocke der Schulschiff Deutschland

Eine wechselhafte Geschichte

Es war ein leicht regnerischer Dienstag, als das 86 Meter lange Dreimast-Vollschiff  am 14. Juni 1927 von der weltbekannten deutschen Werft Joh. C. Tecklenborg in Geestemünde (Bremerhaven) vom Stapel lief. Der Deutsche Schulschiff-Verein hatte es in Auftrag gegeben, um der Ausbildung des Seemannsnachwuchses für Großsegler zu dienen.

Schon zwei Monate später verließ sie ihren Heimathafen Richtung Helgoland. Das Schifftagebuch vermerkt nüchtern: „Das Schiff ist nach der höchsten Klasse des germanischen Lloyd  erbaut. Einrichtung und Ausrüstung entsprechen den gesetzlichen Bestimmungen. Rettungsboote und Rettungsgeräte befinden sich in Ordnung, die Besatzung beträgt einschließlich des Kapitäns 177 Mann.“

Abenteuerliche Reisen standen den jungen Männern bevor, die die Seefahrt teils nur aus Büchern kannten und nicht ahnten, wie hart die Arbeit an Bord sein konnte.

Von 1927 bis 1939 unternahm die „Schulschiff Deutschland” Ausbildungsfahrten bis nach Südamerika, Rio de Janeiro, Buenos Aires, die Bahamas und Venezuela. Insgesamt zwölfmal ging es nach Übersee, weitere 17 Fahrten absolvierte sie in der Nord- und Ostsee.

Das Leben an Bord der Schulschiff-Deutschland zeigen die Bilder der kleinen Ausstellung unter Deck. Mal dürfen die Offiziersanwärter ihre Ausgehuniform tragen und mal geht es gar gefährlich zu, zum Beispiel während eines Sturms auf der Atlantiküberquerung …

Insgesamt war das Schulschiff allerdings nur ganze 18 Jahre auf den Weltmeeren unterwegs, ein Fünftel seiner bisherigen Lebenszeit. Denn der Krieg veränderte die Pläne für den stolzen Segler und er wurde 1940 in die Ostsee verlegt. Von hier startete er nur noch bis 1944 zu Ausbildungsfahrten in die Ostsee.

Ein bisschen versteckt, aber sehr idyllisch liegt das Schulschiff an der Lesum-Mündung.

Zum Schutz vor Luftangriffen musste der Dreimaster jetzt auch noch seinen weißen Rumpf einbüßen und wurde mit einem grauen Tarnanstrich versehen, der nach Kriegsende sogar komplett schwarz überstrichen wurde. Denn ein schwarzer Rumpf war schlicht pflegeleichter.

Um das Schiff nicht nach Kriegsende als Reparation an die Alliierten zu verlieren, wurde es als Lazarettschiff umgerüstet. Anschließend diente es bis 1947 als Wohnschiff für die deutschen Minenräumeinheiten in Cuxhaven. Am 22. Juli 1948 wurde es in die amerikanische Besatzungszone nach Bremen geschleppt, um einer Auslieferung an die Briten zu entgehen.
In den folgenden Jahren diente es als Jugendherberge, 2 als stationäre Seemannsschule und als Schulinternat und Ausbildungswerkstatt.

Historische Gerätschaften gibt es auf dem Rundgang durch das Schulschiff zu bestaunen.

Für mehr als fünf Millionen Deutsche Mark wurde die „Schulschiff Deutschland” Mitter der neunziger Jahre dann in der Bremer Vulkan-Werft renoviert und soweit wie möglich originalgetreu restauriert. Nun wurde auch endlich der Rumpf wieder weiß gestrichen und sie durfte mit Recht wieder als „Weißer Schwan der Außenweser“ bezeichnet werden.

Nun kam die Frage auf, wo das schmucke Stück denn zukünftig liegen sollte. Schnell kam die  Weserpromenade Schlachte ins Gespräch. Zentral und gut sichtbar sollte sie liegen. Doch das Schulschiff hat einen Tiefgang von mehr als fünf Metern. Die Weser ist an der Schlachte jedoch nur drei Meter tief. Und da auch die Masten nicht kippbar sind, wäre sie nur schwer unter den Brücken weseraufwärts hindurchzukriegen gewesen.

Dann also in Bremens maritimsten Stadtteil, nach Vegesack, wo das Flüsschen Lesum in die Weser fließt, direkt am historischen Museumshaven! Begleitet von vielen Schiffen und Zaungästen wurde sie  am 14. Juni 1996 zum jetzigen Liegeplatz an die Lesum-Mündung verholt. Neben dem historischen Kontext hat der neue Liegeplatz auch den Vorteil, dass sie bei Bedarf leichter in die Werft transportiert werden kann. Oder vielleicht ja sogar noch einmal zu einer Sail an die Außenweser, Richtung Bremerhaven, an der sie bereits zweimal teilgenommen hat …

Ein Hauch von Seefahrergeschichte lässt sich an Bord des Schulschiffes erahnen …

Ein kleines Museum an Bord zeigt spannende Bilder aus der bewegten Geschichte des Schiffes. Und wer noch mehr wissen möchte, dem empfehle ich das Buch von Hans Georg Prager, „Schulschiff Deutschland“, erschienen im Hauschild Verlag, ISBN 978-3-89757-439-7.

Sobald die Sonne herauskommt, leuchten die Farben des Schiffes an Deck besonders schön.

Im Juli 2017 feierte die „Schulschiff Deutschland“ nun ihren 90sten Geburtstag mit einem mehrtägigen Fest. Als Geschenk gab es unter anderem ein verschollenen geglaubtes Originalsegel und ein Typhon. Mit diesem neuen  Schiffshorn sollen von Bord aus zukünftig zum Beispiel besondere vorbeifahrende Schiffe gegrüßt werden. Die pressluftbetriebe, 105 Dezibel laute Tute darf allerdings maximal einmal täglich ihren donnernden langanhaltenden Grußton von sich geben, sonst gibt’s Ärger mit den Nachbarn ;-). Aber eins ist gewiss: Es wird Aufmerksamkeit erregen. Und das ist gut so.

Kleiner Tipp zum Gebrauch des Artikels

Hm, wie heißt es denn nun eigentlich genau? DIE Schulschiff Deutschland oder DAS Schulschiff Deutschland? Vor einigen Jahren bat der Weser Kurier zu dieser Frage die Duden-Sprachberatung in Mannheim um kompetenten Rat. Die Antwort: Es gibt keine eindeutige Lösung. Da Schiffsnamen grundsätzlich weiblich sind, liegt man nie falsch, wenn man DIE „Schulschiff Deutschland“ schreibt. Das tut der Schulschiff-Verein auf seiner Internetseite auch so. Allerdings klingt diese Variante laut Duden leider nicht sehr elegant. Deshalb nennen die Experten auch eine Ausweichvariante – für die sich zum Beispiel auch der Weser Kurier entschieden hat: „Wenn ein Ausdruck, der gewöhnlich den Artikel bei sich hat, zugrunde liegt, bleibt das ursprüngliche Genus erhalten.“ Bedeutet: Es heißt „das Schiff“, deshalb auch DAS „Schulschiff Deutschland“. Tja, man kann es halt nicht jedem recht machen. Weest bescheed?!  ;-)

Unter Deck wird es gemütlich – keine Spur mehr vom harten Seemannsleben …

Übernachten an Bord

Wer nun ganz dem Charme des Schiffes verfallen ist und am liebsten zum leichten Schwanken der Wellen einschläft, dem sei eine Übernachtung (ab 32 Euro im Doppelzimmer, hier zu buchen) an Bord empfohlen. Es stehen dreißig Außenkammern zur Verfügung. Mit echten Kojen, zwei Kojen übereinander, wie sie früher von den Seeleuten auf Seeschiffen genutzt wurden. Ein bisschen weniger Komfort als im Vier-Sterne-Hotel, aber hey, dafür authentisch. Immerhin muss nicht mehr wie früher die „Zöglinge“ in Hängematten übernachtet werden. So nannte man damals die Auszubildenden an Bord. Abends wurden die Hängematten in der Messe unter die Decke gehängt; morgens nach dem Aufstehen wieder abgehängt, ordentlich verzurrt und verstaut um Platz fürs „Backen und Banken” (die Einnahme der Mahlzeiten) und für den täglichen Unterricht zu bekommen.

Die heutigen Kojen werden mit Bettwäsche und Handtüchern zur Verfügung gestellt. Das Bettbeziehen und -abziehen, das sogenannte „Koje bauen“, ist allerdings Aufgabe des Gastes!
Die Gemeinschaftswaschräume für Damen und Herren befinden sich auf gleicher Ebene im Zwischendeck. Weitere Waschräume stehen auf dem Oberdeck unter der Back im Vorschiff zur Verfügung.

Wer es etwas komfortabler möchte, der bucht eine Nacht in der Kapitäns-Suite, in den Räumen der damaligen Kapitäne des Schiffes mit originalem Inventar. Dazu gehören dann folgende Räume: der Kapitäns-Salon, die Reederkammer mit Koje, die Kapitänskammer mit der Kapitänskoje und angrenzendem Bad mit Dusche und WC sowie einem Fernseher. Morgens werden die Gäste dann mit Sekt und einem reichhaltigem Frühstück verwöhnt, aufgedeckt im Kapitänssalon.

Die Kammern an Bord des Schiffes sind einfach, aber authentisch!

Ab in den Hafen der Ehe

Heiraten auf historischen Planken …

Für alle verliebten Paar, die eine besondere Zuneigung zum Seefahrtsleben haben, gibt es außerdem die Möglichkeit, sich am ersten Samstag eines Monats standesamtlich an Bord des Großseglers trauen zu lassen. Mehr als 1.200 Paare haben sich hier seit 1997 schon das Jawort gegeben.

Die Hochzeiten finden im hübsch dekorierten Kapitänssalon statt. Zu diesem besonderen Ereignis wird das Schiff zudem geflaggt und ist nur für die Hochzeitsgäste geöffnet.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es lohnt sich. Die Zeremonie ist mit 350 Euro zwar nicht ganz günstig (das Geld kommt dem Schulschiff-Verein zugute), aber das Erlebnis ist schon ein ganz besonderes. In den gemütlichen, fast urigen Kapitänssalon passen nur zwanzig Gäste, das macht die Atmosphäre unter Deck sehr gemütlich. Standesgemäß beginnt die Trauung damit, dass das zukünftige Paar das „Glasen“ demonstriert, das Schlagen der Glocke, die die Wacht ankündigt bzw. die jeweilige Uhrzeit. Nach dem Ja-Wort gibt es dann die Möglichkeit, einen kleinen Sektempfang an Deck zu buchen. Keine Angst vor schlechtem Wetter: Zu unserem Trautermin Anfang Juli nieselte es fleißig, aber unter dem abgehängten Oberdeck wurden nur die Augen der Schwiegermütter leicht feucht ;-)

Und für Hochzeitsfotos bietet das Schiff natürlich ebenfalls jede Menge tolle Motive.

Perfekt für schöne Hochzeitsmotive – das Schulschiff mal ganz festlich.

Im Kapitänssalon finden die trauungen im kleinen Kreise statt.

Heiratswillige sollten sich aber frühzeitig einen Termin beim Standesamt Bremen-Nord reservieren, denn die Location ist äußerst beliebt!

Führungen, Veranstaltungen und Co.

Während der regulären Besichtigungszeiten von 10 bis 18 Uhr kann das Schiff auf eigene Faust erkundet werden. Der Eintritt kostet drei Euro für Erwachsene. Für Gruppen ab zehn Personen bietet der Verein geführte Schiffsbesichtigungen an.

Ganz neu ist die Kooperation des Schulschiff Vereins mit der Jacobs University Bremen. Unter dem Titel „Me(e)hrwissen“ werden internationale Referenten aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Bereichen monatlich auf dem Schulschiff Vorträge rund um das Thema Meer und Wasser halten. Den Anfang macht am 26. Juli 2017 Professor Dr. Smetarek vom Alfred-Wegener-Institut. Der Ozeonologe gibt Einblicke in die Wichtigkeit des Meeres für die Erde und klärt über aktuelle Probleme, gefahren und Chancen auf. Am 30. August 2017 geht es um die Frage, wie ein Helm aus der Bronzezeit in die Lesum gelangen konnte, am 13. September 2017 erklärt Andreas Vogel vom Olbers Planetarium, wie astronomische Navigation funktioniert. Weitere Termine folgen. Der Eintritt ist immer frei, Spenden sind aber herzlich willkommen.

Ausblicke und Einblicke in das Seemannsleben … an Bord der Schulschiff Deutschland wird maritime geschichte erlebbar.

Und für alle, die nun endgültig das Seemannsfieber gepackt hat: Der Schulschiff-Verein sucht noch nach Aktiven! Ganz besonders gerne jüngere Menschen, die auch mal mit Hand anlegen können. oder vielleicht auch besonders fleißig im Spendensammeln sind! Also, bei Interesse wendet euch einfach an:

Deutscher Schulschiff-Verein e.V.
Zum Alten Speicher 15, 28759 Bremen
Bürozeiten: Mo.-Do. 10.00 Uhr – 17.00 Uhr, Fr. 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr
Telefonnummer 0421-658 7373,
oder per
E-Mail: info@schulschiff-deutschland.de

Ahoi! Wir sehen uns an Bord!

Abendstimmung an der Lesum/Weser.

 

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