Die wohl lockerste Amtsstube der Welt

Die Sonne schickt ein paar Strahlen durch das Glasdach. Ich schlängele mich mit einer Freundin und einem Besucher aus Paris, der gerade auf dem Rückweg in seine Heimatstadt mit dem Fahrrad (!) Station macht, durch die Lloydpassage. Wir wollen dem Auswärtigen etwas Spannendes zeigen und was gibt es Besseres als eine typisch deutsche Amtsstube im Stile der Fünfziger Jahre? In der man auch einen Cortado Leche y Leche trinken kann? Also auf ins Café „Das Amt“, das versteckt in der Nähe zur Brill-Kreuzung, zum Lloydhof und Gewerbehaus liegt.

Ein pdt mit Wegweiser

Ein pdt mit Wegweiser

Die Zeitreise beginnt. Von außen lässt sich schon mal nichts erahnen. In der Straße wird gerade der LKW eines Drogeriemarkts entladen, der Aufgang zum Café ist architektonisch so charmant wie ein Schlagloch, der Aufzug so angsteinflößend wie eine Adler-Olsen-Verfilmung. Doch dann, ein Schild mit der Aufschrift „Das Amt“. Hier entlang, bitte sehr. Inhaber – und damit Amtsleitung – Arndt Forquignon begrüßt uns gut gelaunt. Auf Nachfrage erfahren wir, dass er kein Franzose ist wie es sein Nachname vermuten lässt – und sich entsprechend nicht über einen Landsmann als Besucher freuen kann. Wie schade.

Der Blick zu Adenauer und der Raucherlounge.

Der Blick zu Adenauer und der Raucherlounge.

Bürokratisch unverkrampft

Abgelehnt und genehmigt: Stempel gibt es hier so einige

Abgelehnt und genehmigt: Stempel gibt es hier so einige

Zwischen Aktenordnern und Schreibmaschinen erkenne ich auf den ersten Blick die Politprominenz: Ludwig Erhard und Konrad Adenauer. Nicht hinter der Theke, keine Sorge, der ehemalige CDU-Kanzler thront über dem grünen Sofa und starrt mich an. Rechenmaschinen, Stempel jedweglicher Art, Telefone mit Wählscheibe, Bleistiftanspitzer, Locher und natürlich BGB und StGB vertiefen das Gefühl, einer behördlichen Aufsicht zu unterstehen. Dieses Gefühl beschleicht mich ansonsten nur bei der Abgabe der jährlichen Steuererklärung im Haus des Reichs, wo die Bremer Senatorin für Finanzen ihren Dienstsitz hat.

Doch der charmante Kaffee-Ausschenker Forquignon unterhält sein Publikum und begrüßt seine Stammgäste überaus herzlich.  Er plaudert ein wenig aus dem Aktenschränkchen: Ein besonders rührseliges Erlebnis hatte er vor einiger Zeit mit einer alten Dame im Rollstuhl, die bei ihm eine Tasse Kaffee trank und von den Erinnerungen an vergangene Tage zu Tränen gerührt wurde.

Die Amtsleitung empfiehlt: Schokokuchen und Buttercroissants

Die Amtsleitung empfiehlt: Schokokuchen und Buttercroissants

Wir bestellen Schokokuchen, Cappuccino und Orangensaft und ich schaue mich um. Die Grünpflanzen erinnern mich tatsächlich an meinen letzten Behördenbesuch und an den vielen Accessoires kann ich mich kaum satt sehen. Viele Gäste bringen ihm etwas mit, erzählt Forquignon. Eine hochbetagte Dame hat ihm eine Rechenmaschine geschenkt. Ich halte sie in der Hand, sie wiegt mindestens fünf Kilogramm, soll aber noch einwandfrei funktionieren.

Geheime Zuflucht: Speakeasy… and Please Don‘t Tell

Schon bei der Recherche auf der Facebook-Seite stolperte ich über drei Buchstaben: „Pdt Amt“. Pdt? Forquignon klärt mich auf: Die Abkürzung meint „Please Don‘t Tell“. Vorbild sind versteckte Cocktail-Bars und Szene-Kneipen in amerikanischen Metropolen wie New York, die ihren Ursprung in den 1920er Jahren während der Prohibition haben. Inzwischen gibt es diese sehr coolen Läden auch in London, Wien oder Mumbai – und eben in Bremen. Allerdings wird in diesem Café kein Alkohol ausgeschenkt, dafür gibt es eine Raucher-Lounge.

So sieht für die Raucher also der Tresen mit dem Kuchen aus...

So sieht für die Raucher also der Tresen mit dem Kuchen aus…

Auch der Tenor im Internet klingt nach einem Versteck: „Die geheime Kaffee-Bar im 1. Stock“ heißt es dort. Doch ein Geheimtipp ist „Das Amt“ schon lange nicht mehr. Als im Mai 2011 die dpa (Deutsche Presse-Agentur) „Das Amt“ besuchte und einen Artikel veröffentlichte, der deutschlandweit von vielen, sehr vielen Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien aufgenommen und abgedruckt wurde, ist das Geheime fast unheimlich geworden.

Trotzdem kennen nur wenige Bremer diesen Ort. Kein Wunder, denn an Cafés mangelt es in der Innenstadt kaum. Und Amtsleiter Forquignon ist auch gar nicht sonderlich erpicht darauf, Massen durch seine Fünfziger Jahre-Oase anzulocken. Es soll bleiben wie es ist – still und geheim.

Nostalgie pur: Eine Olympia-Schreibmaschine und ein Telefon mit Wählscheibe

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Wilde Parties, die Beamtenverabschiedungsfeier heißen

Die Öffnungszeiten könnte man als ein wenig willkürlich bezeichnen, an sonnigen Sommertagen schließt Arndt Foquignon oft schon am frühen Nachmittag, denn schließlich gibt es auch für ihn schönere Dinge als bis abends im Café zu stehen und zu schwitzen. Nebenbei betreibt er einen Catering-Service. Oft gehen beide Unternehmen Hand in Hand.

Die Idee zum „Amt“ kam ihm, erzählt er lachend, als in seinem Sandwich-Laden, den er zuvor führte, ab 16 Uhr Flaute herrschte. „Da kann ich ja auch gleich ‘ne Behörde eröffnen!“, entfuhr es ihm – und zack, war die Geschäftsidee geschlüpft. Das Inventar bekam er zum allergrößten Teil vom Bauamt in Bremen-Nord, die gerade aussortierten, den Rest sammelte er auf Flohmärkten und Auktionen zusammen.

Inhaber Arndt Forquignon kümmert sich um das Mittagessen: Erbseneintopf

Inhaber Arndt Forquignon kümmert sich um das Mittagessen: Erbseneintopf

Inzwischen bestreitet er neben dem täglichen Café-Geschäft Veranstaltungen im „Amt“. Dazu zählen unter anderem Konferenzen von hiesigen Werbern, 70. Geburtstage mit Feuer-Show oder Beamtenverabschiedungsfeiern mit Barkeeper und Cocktails. Um 12.07 Uhr kommt heute der erste Gast mit Hunger. Es gibt amtlichen Mittagstisch bei Erbseneintopfwetter: Erbseneintopf! Wir ziehen weiter, um unserem französischen Besuch möglichste viele der touristischen Hotspots in Bremen zu zeigen. Und höchstwahrscheinlich auch noch ein weiteres Café.

Die Öffnungszeiten gleichen einer mathematischen Formel: In der Regel und bei Regen ist dienstags bis samstags zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet. Bei Sonnenschein und über 20 °C von 10.30 Uhr bis 14 Uhr. Wer ganz sicher gehen will, sollte einfach auf sein Glück vertrauen.

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