Alle Wege führen zum Dom

Wenn ich mich in der Stadt bewege, fällt entdecke ich manchmal am Ende einer Straßenflucht die zwei Türme des Bremer Doms. Jedes Mal lässt mich dieser Anblick gedanklich in längst vergangene Zeiten schweifen. Denn die Ursprünge der sternförmigen Straßenführung liegen weit zurück.

Man stelle sich vor: Wir schreiben das Jahr 1345. Bremen ist eine kleine Ansiedlung auf einem Dünenzug an der Weser. Vor den Toren der Stadt liegen kleinere Dörfer und einzelne Höfe, von wo aus regelmäßig Bauern aufbrechen, um ihre Waren auf dem Marktplatz feil zu bieten. Mit ihren Karren schunkeln sie über unbefestigte Wege durch das Bremer Umland, ihr einziger Anhaltspunkt: Der Bremer Dom, der als höchstes Bauwerk der Stadt in die Höhe ragt.

So in etwa dürften über die Jahrhunderte aus Trampelpfaden schließlich befestigte Einfallsstraßen zu den Stadttoren im Wall geworden sein. Diese Entwicklung lässt sich auch heute noch in einigen Straßen erkennen.

Auch des Nachts dank Beleuchtung zu erkennen - sowohl von nah als auch von fern.

Heute: Auch des Nachts dank Beleuchtung zu erkennen – sowohl von nah als auch von fern.

Der Grundstein für den heutigen Dom wurde im 11. Jahrhundert gelegt. Zuvor war hier eine Holzkirche errichtet worden, schließlich erbaute man ein Gotteshaus aus Stein, das im Laufe der folgenden Jahrhunderte nicht nur von etlichen Katastrophen wie Bränden, Zusammenstürzen und Blitzeinschläge heimgesucht, sondern auch je nach Baustil erweitert wurde. Spätromantische sowie gotische Elemente sind zu erkennen. Die heutige Form mit seinen zwei Türmen und dem großen Westportal bekam das Bauwerk im die 1900-Wende, wobei das Gebäude auch in seine Anfangszeit schon einmal zwei Türme hatte. Auch nach oben wurde stets erweitert, sodass die Türme heute eine Höhe von knapp 93 Metern erreichen. Auch früher schon war der Dom aus weiter Ferne über das flache Bremer Umland gut auszumachen und diente daher stets als Orientierungspunkt – eben nicht nur geistlich, sondern auch räumlich.

Aus Norden durchs Fedelhören

Die Schwachhauser Heerstraße, die aus Nordosten in Richtung Innenstadt führt, zielt ziemlich genau auf den Dom zu. Der direkte Blick auf das Gotteshaus ist allerdings inzwischen verbaut. Doch wenn ich mit dem Rad hier entlang komme, fahre ich das letzte Stück auf meinem Weg in die Innenstadt durch die Straße „Fedelhören“. Vom südlichen Abschnitt des Fedelhören hat man den uneingeschränkten Blick auf die zwei grünen Turmdächer des Doms. Die Straße endet dort, wo einst das Bischofstor im alten Befestigungsring um die Altstadt Zugang zum Dombezirk gewährte. Sinngemäß kamen also die Bischöfe an dieser Stelle in die Altstadt – wir nennen heute noch den Zugang von den Wallanlagen zum Domshof „Bischofsnadel“. (Das Wort Nadel, früher Natel, steht für Nadelöhr, wie enge Mauerdurchlässe damals bezeichnet wurden.) Der Begriff „Bischofsnadel“ taucht übrigens zum ersten Mal bereits 1274 auf.

Durchs Fedelhören in Richtung Bischofstor.

Durchs Fedelhören in Richtung Bischofstor.

Nachdem das alte Bischofstor im 16. Jahrhundert an Bedeutung verloren hatte, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts ein neues Tor samt Brücke über den Wallgraben und einem Wachhaus errichtet.

Noch ein Blick aus Norden: Von der Meierei aus erstreckt sich Bremens längste Sichtachse – natürlich in Richtung Dom. Über 2,9 Kilometer steht er entfernt.

Noch ein Blick aus Norden: Von der Meierei im Bürgerpark aus erstreckt sich Bremens längste Sichtachse – natürlich in Richtung Dom. Über 2,9 Kilometer steht er entfernt.

Von Osten durch gleich zwei Tore

Im Osten steuert unter anderem die Friesenstraße schnurstracks auf den Dom zu. Wenn ich die St.-Jürgen-Straße entlanglaufe und auf die Mündung der Friesenstraße treffe, kann ich die beiden Domtürme am anderen Ende ausmachen. Das sind immerhin über 2 Kilometer Luftlinie, die man ja für gewöhnlich am Boden in einer Stadt nicht unbedingt überblicken kann.

Über zwei Kilometer entfernt und auch nur im Winter zu erahnen, wenn die Bäume keine Blätter tragen.

Über zwei Kilometer entfernt und auch nur im Winter zu erahnen, wenn die Bäume keine Blätter tragen.

Die Friesenstraße steuert auf gleich zwei ehemalige Stadttore zu – das Ostertor und das Steintor. Letzteres lag einst auf Höhe der heutigen Sielwallkreuzung und bestand aus einer einfachen Zugbrücke, die über den Dobbengraben reichte. Übrigens war die Landstraße von Verden nach Bremen eine der ersten mit Stein gepflasterten im Bremer Raum. Schon im 14. Jahrhundert findet sie als „Steenstrate“ Erwähnung. Auch ihr Verlauf hat sich sicherlich an der Lage des Doms orientiert.

Vom Steintor aus ging es für die Scharen aus Richtung Verden weiter zum Ostertor, das den östlichen Durchlass in die Altstadt durch die Stadtmauer bildete.

Aus dem Süden über den Fluss

Obwohl aus Süden kommend die Weser den direkten Zugang zur Innenstadt versperrt, war schon früh auch der Zugang zur Altstadt aus dieser Richtung möglich. Zahlreiche Brücken, die allesamt als Große Weserbrücke bezeichnet wurden, entstanden im Laufe der Jahrhunderte. Die heutige Brücke über die Große Weser ist die 1960 eingeweihte Wilhelm-Kaisen-Brücke und natürlich führt auch sie ziemlich genau auf dem Dom zu.

Die zwei Türme des Doms überragen alle anderen Gebäude in der Innenstadt. Hier aus Richtung der Wilhelm-Kaisen-Brücke.

Die zwei Türme des Doms überragen alle anderen Gebäude in der Innenstadt. Hier aus Richtung der Wilhelm-Kaisen-Brücke.

Die Verlängerung der Weserüberquerung ist die Friedrich-Ebert-Straße, eine große Einfallsstraße aus Süden. Auch für ihre Entstehung wird der Dom richtungsweisend gewesen sein, wobei natürlich vor allem die Brücken und ihre dazu gehörigen Stadttore ausschlaggebend gewesen sind.

DOMinierend: Am Ende der Friedrich-Ebert-Straße.

DOMinierend: Am Ende der Friedrich-Ebert-Straße.

Übrigens fiel mir bei einem Spaziergang vor einiger Zeit auf, dass man auch vom Deich an der Ochtum südlich des Flughafens den Dom erkennen.

Aus dem Westen kommen die Schiffe

Es bleibt noch der Zugang aus Westen. Obwohl der Dom im östlichen Teil der Altstadt steht, ist er auch weit aus dem Westen noch deutlich zu erkennen. Das wird auch den Bewohnern des Dorfes Walle, das im 12. Jahrhundert erstmalig erwähnt wird, nicht entgangen sein. Auch die Wege aus dem im 19. Jahrhundert entstandenen Europahafen und späterem Freihafen verlaufen in Richtung Dom. Selbst heute noch, nach all den großen Umbaumaßnahmen in der Überseestadt, gibt es Straßenverläufe, an deren Ende die zwei Türme erkennbar sind. Auch hier ist die Rechnung wohl einfach: Waren aus dem Hafen sollten gehandelt werden, Dom bedeutet Stadtzentrum und das wiederum verspricht Handelsmöglichkeiten.

Führt aus dem Hafen direkt auf den Dom zu: die Konsul-Smidt-Straße.

Führt aus dem Hafen direkt auf den Dom zu: die Konsul-Smidt-Straße.

Ob vom Schiff oder vom Dorf aus – die Stadtbesucherinnen und -besucher einstiger Zeiten mussten im Westen auch erst einmal die Stadtmauer passieren. Dies geschah durch das Stephanitor.

Der Dom wurde übrigens einst an der höchsten Stelle der Weserdüne errichtet wurde. Vielleicht trägt auch dieser Umstand dazu bei, dass er aus so vielen Richtungen zu sehen ist.

Kommentieren

Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind markiert *