Ein Plausch mit Gesche Gottfried

Lust auf eine Zeitreise? Im Bremer Geschichtenhaus werden rund 300 Jahre Stadtvergangenheit lebendig – durch Menschen, die Bremer Originale mimen. Monate lang bereiten sie sich auf diese Rollen vor. Doch sie sind keine Schauspieler, sondern Leute wie du und ich.

„Und bitte“ sagt Laura und startet die Zeitreise in das Bremen um 1910. Uns begrüßt ein junger Kaufmann, der mit Tabak und Baumwolle handelt. Das Geschäft blüht – Bremen ist gerade größter Umschlagplatz für Baumwolle in Europa. Doch der Kaufmann ist beunruhigt von den Mitbringseln der Industrialisierung, die auch die Hansestadt verändern. Bald solle das erste Fräulein in seinem Haus arbeiten, noch dazu an einem brandneuen Gerät – der aus Übersee eingeschifften Schreibmaschine. „Sind Sie gekommen, um sich für die Stelle zu bewerben?“, fragt er und tritt nah an uns Zuschauer heran. „Und stopp“, sagt Laura und beendet das Spiel.

Darsteller sitzen auf dem Boden.

Gut drei Monate probt Theaterpädagogin Laura (rechts) mit den Darstellern, bevor sie im Geschichtenhaus eine Bremer Persönlichkeit spielen. Zum Training gehört auch, sich in das Publikum zu versetzen.

Originale treffen – wie Heini Holtenbeen

Auf der Probebühne im Geschichtenhaus arbeitet Theaterpädagogin Laura mit den Darstellern an ihren Rollen. Sie alle möchten irgendwann historische Bremer Persönlichkeiten spielen: den Handelskaufmann, den Böttcher oder den Lebenskünstler Heini Holtenbeen beispielsweise.

Mode und Gegenstände aus vergangenen Zeiten lassen die Bremer Geschichte aufleben.

In der hauseigenen Schneiderei (links) entsteht Mode aus vergangenen Zeiten. Auch die Kulissen in der Ausstellung (rechts) vermitteln anschaulich Geschichte – wie die des Bremer Kaufmanns.

Schauspieltraining – fünf Tage die Woche

Dafür gehen die Laienschauspieler zum mehrmals in der Woche angebotenen Training für Aussprache, Gestik und Mimik und lernen die Bremer Geschichte. Nach rund drei Monaten sind sie bereit, ihre Rolle in der Ausstellung für Besucher zu spielen: Jede Figur in ihrer eigenen Kulisse, doch ohne Textbuch und mit unmittelbarer Nähe zum Publikum.

Figuren im Geschichtenhaus

Nur wenige Zentimeter trennen Publikum und Figuren, die ihre Geschichte erzählen: Die Böttchersfrau (links) klagt über die Belagerung der Schweden, der Totengräber (oben) macht eine Pause und Fleutenkapitän Jakob träumt von Spitzbergen.

„Das Publikum steht direkt vor deiner Nase“, sagt Sven, der den im 17. Jahrhundert lebenden Fleutenkapitän Jakob spielt. Er mag seine Figur, die davon träumt, in der Weite Spitzbergens zur See zu fahren. 2008 war Sven noch selbst Besucher im Geschichtenhaus, kam später über eine Eingliederungsmaßnahme der Agentur für Arbeit dazu. Seitdem arbeite er nicht nur an seiner Rolle, sondern auch an sich: „Hier hatte ich die Möglichkeit, etwas für mich zu tun, habe gelernt, vor Menschen frei zu sprechen. Durch die Schauspielerei bin ich persönlich gewachsen“, sagt der 42-Jährige.

Besuch in der Pesthütte

Rund 50 Darstellerinnen und Darsteller, die meisten über Eingliederungsmaßnahmen beschäftigt, erwecken an verschiedenen Stationen rund 300 Jahre Bremer Geschichte zum Leben. Sie zeigen den Besuchern ihre gute Stube, die Pesthütte oder die Schenke und berichten dabei über den Dombrand oder die Belagerung durch die Schweden.

Der Ausblick aus dem Fenster und der Empfang im Geschichtenhaus

Mitten im Schnoor ist das Geschichtenhaus umringt von denkmalgeschützten Häuschen. Drinnen trift man auch auf den Lebenskünstler Heini Holtenbeen – nicht nur als Puppe.

Eine Führung sogar ohne Termin

Insgesamt sind es rund 140 Mitarbeiter, die täglich und sogar spontan Führungen ermöglichen. Keine großen Helden, sondern ganz normale Bremer Leute – damals die Vorbilder wie heute ihre Darsteller – stehen dabei im Mittelpunkt. Und Wiederkommen lohnt sich, denn jeder erzählt „seine“ Geschichte ein klein wenig anders.

 

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