Alles dreht sich, alles bewegt sich

Ein Beitrag über den 980. Bremer Freimarkt? Kein Problem… obwohl, Moment mal: Ich als Angsthase steige ja kaum in eines der Fahrgeschäfte ein. Ich lasse lieber die anderen fahren und gehe derweil mit einem Experten über den Freimarkt. Denn fahren kann ja jeder, doch die wenigsten wissen wirklich viel über die einzelnen Fahrgeschäfte. Zum Glück kenne ich Dieter, der mir zu jeder Bahn auf dem Freimarkt eine Geschichte erzählen kann.

Schon vorm Hauptbahnhof riecht es nach Kirmes. Der süßlich, warme Geruch erinnert mich sofort an meine Kindheit, als ich Jahrmarkt noch aufregend und spannend fand. Inzwischen hat sich das eigentlich eher in Anstrengung gewandelt, aber der Dienstagabend, den ich mir für meinen Besuch auf dem Bremer Freimarkt ausgesucht habe, entpuppt sich als guter Zeitpunkt. Kein Regen, nicht zu voll, entspannte Stimmung. Und irgendwie kommt beim Anblick all der bunten Lichter, der Zuckerwatte und Losbuden, der großen Flauschteddybären und Dosenwerf-Stände doch das Kind in mir wieder hoch.

Ein Jahrmarkt ohne Kettenkarussell wäre kein Jahrmarkt

Ein Jahrmarkt ohne Kettenkarussell wäre kein Jahrmarkt

Sparen, damit es noch lukrativ ist

Dieter bleibt gleich am Eingang zum Freimarkt hinterm Bahnhof stehen und zeigt auf das Kettenkarussell. Man könne hier eine wichtige Veränderung der letzten Jahre bei Fahrgeschäften entdecken. Er meint die unzähligen LED-Lampen, die mich geradezu blenden. Tatsächlich – das fällt mir immer wieder bei unserem Rundgang auf – erstrahlen viele Fahrgeschäfte heller als früher. Bei der Umstellung auf LED, so lerne ich, geht aber vor allem um die Energieersparnis. Was früher Millionen von Glühlampen Abend für Abend hier auf dem Freimarkt an Strom fraßen, wird inzwischen durch die LED-Technik drastisch eingespart. „Sparen müssen die Schausteller auch, weil die goldenen Jahre der Kirmes lange vorbei sind“, erklärt mir Dieter. Daher gäbe es auch einen zweiten Trend: Die neueren Fahrgeschäfte werden in der Regel so konstruiert, dass sie mit deutlich weniger Aufwand aufgebaut und transportiert werden können. Die riesige Schaukel „Konga“ zum Beispiel, an der wir vorbeikommen, kann ohne Kran auf- und abgebaut werden und wird auf nur drei LKWs verladen. Zum Vergleich: Das Riesenrad wird auf sage und schreibe 32 LKWs verladen.

Hin und her - wer auf Schaukeln steht, sollte das "Konga" nicht verpassen

Hin und her – wer auf Schaukeln steht, sollte das „Konga“ nicht verpassen

Ich lerne an diesem Abend viel über die Geschichte und die Logistik, die hinter der Massenbespaßung von Jahrmärkten steckt. Das ist es wohl auch, was Dieter schon von klein auf so fasziniert an dieser Szene. Er bezeichnet all sein Wissen über die Fahrgeschäfte als Hobby.

Imposante Zahlen und ganz schön viele Superlative

Die Zahlen rund um das Kirmesgeschäft sind tatsächlich allesamt sehr beeindruckend. Mich machen vor allem auch die Baujahre der großen Fahrgeschäfte sprachlos. Breakdancer, Top Spin, Happy Traveller – sie stammen alle aus den 1980er Jahren. Das goldene Zeitalter des modernen Rummels hat also auch 30 Jahre später noch seine Auswirkungen – auch, wenn die Glühbirnen inzwischen durch LEDs ausgetauscht wurden.

Wir bleiben vor der „Teststrecke“ stehen – der einzigen Looping-Bahn hier. Laut Freimarkt-Website ist sie die einzige mobile Achterbahn mit Doppellooping und ist dieses Jahr zum ersten Mal in Bremen zu Besuch. Auch sie ist ein Oldtimer unter den Fahrgeschäften. 1979 wurde sie bereits gebaut, allerdings zunächst mit nur einem Looping. Ein Jahr später wurde ein zweiter Looping ergänzt. Bis 2008 war sie erst in Süd-, dann in Nord-Amerika stationär installiert. Zwei deutsche Schausteller erwarben sie schließlich, brachten sie nach Deutschland und ließen sie komplett überholen und mit modernster Technik ausstatten. Dieter weist mich noch auf die Schwarzkopf‘sche Loopingform hin, die Mitte der 1970er die Kreisform ablöste. Nachdem man festgestellt hatte, dass kreisrunde Loopings oft Nackenschmerzen bei den Mitfahrenden verursachten, entwickelte die Firma Schwarzkopf in Zusammenarbeit mit dem Ingenieur Werner Stengel eine Loopingform, die deutlich sanftere Übergänge und verträglichere Wirkungskräfte ermöglichte.

Doppel-Looping der "Teststrecke" - ist hoffentlich schon vorher getestet worden

Doppel-Looping der „Teststrecke“ – ist hoffentlich schon vorher getestet worden

Heimspiel in Bremen

Vorm „Happy Traveller“ verbringen wir auch einen Moment. Dieter sagt, das sei ein echtes Premium-Fahrgeschäft. „Alles LEDs und in der Regel findet man hier keine einzige kaputte Birne“, erklärt er. Der „Happy Traveller“ gehöre zur Familie der Breakdancer, was sozusagen die Typbezeichnung sei, während „Happy Traveller“ den Namen des Fahrgeschäfts darstelle. Der Standort auf dem Freimarkt sei für den „Happy Traveller“ außerdem ein wahres Heimspiel, denn das Gerät wurde einst in Bremen von der Firma Huss gebaut und wird von einer Bremer Schausteller-Familie betrieben.

Heimspiel für den in Bremen gebauten "Happy Traveller"

Heimspiel für den in Bremen gebauten „Happy Traveller“

Was ist rund und dreht sich?

Wir nähern uns langsam meinem persönlichen Lieblingsfahrgeschäft beziehungsweise dem einzigen Fahrgeschäft, das auch ich besteige: Das Riesenrad. „Bis vor zwei Jahren das größte transportable Riesenrad der Welt“, betont Dieter. Wir steigen ein und unsere Gondel bringt uns gemächlich auf fast 60 Meter Höhe. Das hat man in Bremen ja auch nicht so oft – und der Freimarkt sieht von oben mit all seinen bunten Lichtern aus wie eine kleine Fantasie-Stadt, durch deren Straßen sich aufgeregt spielwütige Kinder schieben. Nebel und Dampf steigen aus den kleinen Gassen herauf zu uns und legen sich wie eine Schutzschicht über die riesige Spielwiese. Während der Auffahrt vereinen sich die Schreie, die Musik und das Zischen der Fahrgeschäfte zu einem weichen, leiser werdenden Gemurmel.

Ganz schön imposant - 60 Meter hoch und bis vor zwei Jahren das größte mobile Riesenrad der Welt

Ganz schön imposant – 60 Meter hoch und bis vor zwei Jahren das größte mobile Riesenrad der Welt

Spielwiese in der Stadt - Der Freimarkt in Miniaturform

Spielwiese in der Stadt – Der Freimarkt in Miniaturform

Freier Fall mit Magnetbremse – funktioniert auch bei Stromausfall

Nebenan entdecke ich die neueste Neuigkeit auf dem Freimarkt: Der „Hangover“-Turm – der höchste mobile Free Fall-Tower der Welt. Wieder so ein Superlativ. Das Fahrgeschäft, oder besser gesagt, das Fallgeschäft hatte erst im Juli 2015 seine Premiere. Die Gondel fährt auf 85 Meter Höhe und wird dann fallen gelassen. Sie erreicht eine Geschwindigkeit von fast 100 km/h und wird per Magnetbremse wieder angehalten. Beim Zuschauen wie die Gondel von oben einfach gen Boden saust, wird mir ganz anders. Aber die Mitfahrenden steigen alle mit strahlenden Gesichtern wieder aus. Wahre Adrenalin-Junkies. Wir schauen noch einen Moment zu, wie sich die Gondel wieder mit vorfreudigen Gesichtern füllt, und lauschen den lustigen Sprüchen des sogenannten Rekommandeurs, der mit sonorer Stimme quasi aufmunternde und mutmachende Beschimpfungen in sein Mikro spricht.

Zum Glück heißt der Free Fall-Tower nicht "Gameover"

Zum Glück heißt der Free Fall-Tower nicht „Gameover“

Einen letzten, großen Klassiker passieren wir auf unserem Rundgang noch. Die Wilde Maus – allerdings in XXL-Ausführung. Dieter erklärt, dass das Fahrgeschäft vor einigen Jahren um einige Abfahrten erweitert wurde. Die kleinen Wagons fahren derweil emsig um enge Kurven, über kleine Hügel und rasante Abfahrten hinunter. Immer wieder dringen freudige Schreie an mein Ohr.

Ein Klassiker: Die Wilde Maus in XXL-Ausführung

Ein Klassiker: Die Wilde Maus in XXL-Ausführung

Ohne Rekommandeure wäre es nur halb soviel Spaß

Langsam macht sich in den Zuckerwatte- und Würstchenbuden eine Aufräumstimmung breit. Beim Blick auf die Uhr bin ich erstaunt. Es ist tatsächlich schon kurz vor elf und gleich schließt der Freimarkt. Die Zeit verging wahnsinnig schnell. Das Kind in mir wird noch mit einer Portion Pommes mit Ketchup belohnt, dann beenden wir unseren Rundgang. Die Kirmeswelt hat mich für einen Moment in ihren Bann gezogen und beim Verlassen der Bürgerweide klingen die Geräusche noch eine Weile in mir nach. Vor allem die eindringlichen Stimmen und Sprüche der Rekommandeure, die so unweigerlich zu jeder Kirmes gehören, bleiben hängen. Am „Happy Traveller“ begegnete mir da schon der so dankbare Titel dieses Beitrags. Und ich bediene mich nun auch für meinen Abschluss an dem freundlichen Gruß der Rekommandeurin des Fahrgeschäfts „Hot Shot“, kurz bevor sie die kugelförmige Gondel mit zwei Insassen an den langen Gummiseilen in den Himmel katapultierte: „Und, tschüss!“

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