Guck mal, wer da liegt

Eine Stadt wie Bremen ist voller Geschichten. Das ist kein Geheimnis. Aber wer würde schon auf dem Friedhof danach suchen. Christine Renken tut das seit elf Jahren und hat dabei schon Erstaunliches ans Licht befördert. Ich habe sie auf einem Rundgang über den Waller Friedhof begleitet.

Bestatter Bergmann von Hurrelberg wartet im feinen Zwirn am Haupteingang des Waller Friedhofs auf mich. Von Hurrelberg heißt im „echten“ Leben eigentlich Christine Renken, aber das ist für diese Geschichte unwichtig. Wir spazieren los. Ich erfahre, dass der Friedhof rund 29 Hektar groß ist und insgesamt 33.000 Gräber beherbergt. Da finden sich einigen Namen, die nicht nur den Angehörigen ein Begriff sein dürften.

Das dachte sich Christine Renken vor etwa 11 Jahren auch und entwickelte gemeinsam mit dem Verbund der Schomacker Bestattungen, des Bremer Bestattungsinstituts und des Bestattungshaus Niedersachsen die erste Führung unter dem Motto „Guck mal, wer da liegt“. Man sei auf der Suche nach neuen Wegen gewesen, Friedhöfe zu „beleben“. „Das hat am Anfang ganz schön viel Mut gebraucht“, erinnert sich Christine Renken. „Weil das Thema Tod in unserer Gesellschaft oft sehr tabuisiert wird, hätten wir mit diesen Führungen auch ganz schön viel Gegenwind bekommen können.“ Doch es kam anders. Spätestens als das Projekt 2007 den „International Funeral Award“ gewann, sahen die Beteiligten sich in ihrer Idee bestätigt.

Am Grab der Waldaus: Bergmann von Hurrelberg weiß viele Bremer Geschichten

Am Grab der Waldaus: Bergmann von Hurrelberg weiß viele Bremer Geschichten

Inzwischen sind die Rundgänge eine feste Größe in den Programmen der städtischen Friedhöfe. Nicht nur hier in Walle, sondern zum Beispiel auch auf dem Riensberger Friedhof kann man von Zeit zu Zeit Bergmann von Hurrelberg in seinem schwarzen Bestatter-Outfit entdecken, um den sich eine Gruppe Neugieriger scharrt. „Wir hatten tatsächlich auch schon Rundgänge mit 150 Leuten“, erzählt die Schauspielerin.

Von Vorfahren und Urenkelinnen

Auch ich lerne an diesem Nachmittag eine ganze Menge über Bremen und seine bekannten Persönlichkeiten. Bergmann von Hurrelberg, in dessen Rolle Christine Renken nun wieder geschlüpft ist, weiß haargenau, wie er auch komplizierte Zusammenhänge verständlich und mich zunehmend neugierig machen kann. Gleich zu Beginn heißt es: „Wir werden gleich hören, dass hier auf dem Waller Friedhof Vorfahren unserer aktuellen Verteidigungsministerin liegen.“ Kurz darauf stehen wir vor einer großzügig angelegten Ruhestätte. Ein steinernes Mausoleum ist hier für die Familie Knoop auf einer kleinen Anhöhe, direkt am See angelegt worden. „Baron Ludwig Knoop wurde hier 1894 in der Familiengruft beigesetzt“, erzählt von Hurrelberg. Bremer würden den Großkaufmann vor allem durch Knoops Park in Bremen-Nord kennen, den er in den 1860er Jahren von niemand geringerem als Wilhelm Benque gestalten ließ. „Ursula von der Leyen ist eine Ur-Ur-Urenkelin von ihm“, betont von Hurrelberg und erklärt mir noch ein wenig detailierter die familiären Zusammenhänge.

Das Mausoleum der Familie Knoop

Das Mausoleum der Familie Knoop

Schön gelegen, im gotischen Stil - Knoops Mausoleum

Schön gelegen, im gotischen Stil – Knoops Mausoleum

Von Hurrelberg erzählt etwas zu den familiären Zusammenhängen der Knoops

Von Hurrelberg erzählt etwas zu den familiären Zusammenhängen der Knoops

Museum, Theater und Musik

Unser Gang führt uns vorbei an den Gräbern von Johann Focke, Ernst Waldau und Ronny – gewissermaßen einem Ausschnitt der Bremer Kulturszene. Johann Focke, der das Focke-Museum gründete,

Der Museumsgründer

Der Museumsgründer

Ernst Waldau, der Jahrzehnte lang das Waldau Theater in Walle leitete und eben dieser Ronny – mit bürgerlichem Namen Wolfgang Roloff. Vielen dürfte zumindest seine Schlagermusik ein Begriff sein. Wenn er in den 1960er Jahren mit sonorer Stimme sang, hieß es beispielsweise „Oh My Darling Caroline“ oder „Kenn ein Land“. Bergmann von Hurrelberg sagt treffend: „Er ist einer der prominenten Neuzugänge.“ Denn der Schlagersänger wurde hier erst 2011 beigesetzt.

"Der prominente Neuzugang" - Schlagersänger "Ronny" wurde 2011 hier beerdigt

„Der prominente Neuzugang“ – Schlagersänger „Ronny“ wurde 2011 hier beerdigt

Kaufmänner, Räte und Soldaten

Beeindruckende Bauten - der Baldachin über der Nielsen-Familiengruft

Beeindruckende Bauten – der Baldachin über der Nielsen-Familiengruft

Unter alten Bäumen hindurch, entlang an kleinen Wasseranlagen und vorbei am nächsten großen Mausoleum, dem Grab der Kaufmannsfamilie Nielsen, gelangen wir schließlich über das Ehrenfeld der Gefallenen zum Ehrenschrein der Räterepublik – eine weitere besondere Komponente der Bremer Geschichte. Die Räterepublik war im Zuge der vorangegangenen Novemberrevolution Anfang 1919 in Bremen ausgerufen worden und scheiterte schließlich nach knapp vier Wochen. Hier auf dem Waller Friedhof, so betont von Hurrelberg, gedenke man der gefallenen Verteidiger der Bremer Räterepublik.

Der Ehrenschrein für die Verteidiger der Räterepublik

Der Ehrenschrein für die Verteidiger der Räterepublik

Das Ehrenfeld der Kriegsgefallenen

Das Ehrenfeld der Kriegsgefallenen

Einige Meter weiter bleibt von Hurrelberg vor einer unscheinbaren Bodenplatte mit unleserlicher Gravur stehen. „Das hier ist nur ein Ehrengrab, weil das Original im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde“, berichtet mir von Hurrelberg. Und wem gebührt es, dieses Ehrengrab? Dem guten, alten Wilhelm Benque, der sich so sehr um die grünen Aspekte dieser Stadt kümmerte. Er entwickelte den Bürgerpark, Knoops Park (wie oben schon erwähnt) und tatsächlich auch den Waller Friedhof, auf dem er schließlich auch seine letzte Ruhestätte fand.

Unscheinbar und doch wichtig: Wilhelm Benques Ehrengrab

Unscheinbar und doch wichtig: Wilhelm Benques Ehrengrab

Heidiii, Heidiii, deine Welt sind die Berge

Bevor unser Rundgang endet unternimmt Bergmann von Hurrelberg noch einen kleinen Ausflug in die Schweiz. Wir bleiben vor dem Grab von Cornelius Rudolf Vietor stehen. „Wissen Sie, wer hier liegt?“, fragt von Hurrelberg grinsend. Ich verneine, schließlich hab ich diesen Namen nun wirklich noch nie gehört. „Der Grund für die Entstehung einer der bekanntesten literarischen Figuren der Schweiz.“ Damit meint er tatsächlich Heidi. In mir steigt eine Melodie hoch, die noch lange nach dem Verlassen des Friedhofs innerlich summen werde – das ist aber auch ein Ohrwurm. Von Hurrelberg geht es allerdings nicht um das Lied zur Zeichentrickserie, sondern um die Erschafferin der Romanfigur: Johanna Spyri. Die Schweizerin hatte über ihre Mutter Kontakt nach Bremen und besuchte hier den Pasto Vietor, der die junge Frau zum Schreiben anregte. Er ließ 1871 ihre Erzählung „Ein Blatt auf Vrony’s Grab“ in Bremen veröffentlichen. Durch seinen Zuspruch blieb Spyri beim Schreiben und feierte schließlich ihren größten Erfolg mit den „Heidi“-Büchern.

Als ich den Friedhof verlasse, bin ich voller Geschichte über Personen, die die Hansestadt mit ihrem Wirken geprägt haben. Zusammenhänge haben sich mir erschlossen und unterhaltsames Wissen hat sich mir eingebrannt.

Übrigens: Vor zwei Jahren habe ich schon einmal an einer Friedhofsführung von Bergmann von Hurrelberg teilgenommen – damals allerdings auf dem Riensberger Friedhof und bei Nacht. Das war ein bisschen gruselig, aber mindestens ebenso informativ und unterhaltsam. Seitdem weiß ich auch, warum hier ein Mitglied des Sioux-Stammes begraben liegt. Aber das ist eine andere Geschichte…

Termine für die nächsten „Guck mal, wer da liegt“-Führungen findet ihr hier und hier.

Ein Kommentar zu “Guck mal, wer da liegt

  1. PatrWink says:

    Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, auf dem Friedhof nach den Persönlichkeiten einer Stadt zu suchen. Ich hätte das jetzt eher in der Bibliothek oder im Stadtarchiv vermutet. Aber die Idee ist doch gut. Und die Grabgestaltung vieler Gräber verrät ja auch viel über die Persönlichkeit. Sehr interessanter Artikel.

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