Die Gluckhenne von Bremen – Bremens Gründungssage und die Fürsorge des Rates

Als ich noch klein war, erzählte mir meine Großmutter gerne Geschichten. Eine ihrer Lieblingsgeschichten betraf die Stadt Bremen, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Es ist die Erzählung von einer Gluckhenne, die für die Gründung Bremens verantwortlich und aus diesem Grund an der Fassade des alten Rathauses zu Bremen zu sehen ist.

Später stellte ich immer wieder fest, dass diese Geschichte in Bremen sehr populär ist. Zu jedem Stadtrundgang, ob im Zuge meiner Tätigkeit als Gästeführer oder im privaten Rahmen, gehört die Sage von der Gluckhenne an der zum Marktplatz hin gewandten Seite der Fassade des alten Rathauses zu den beliebtesten Anekdoten aus Bremen. Wenn dann sowohl Gäste unserer Stadt als auch Bremer Urgesteine mit angestrengtem Blick den Bereich über dem von links aus gesehen zweiten Arkadenbogen, bzw. der dritten Säule der Renaissancefassade des alten Rathauses absuchen, kann es nur eins bedeuten: Sie sind auf der Suche nach der berühmten Gluckhenne.

Das Bremer Rathaus, Foto: Alena Zeman

Das Bremer Rathaus, Foto: Alena Zeman

Seit 1612 sitzt sie da, in Stein verewigt, stolz auf ihrem Nest, mit ihren vier wohl behüteten Küken unter sich und von einer Frau mit wehendem Gewand umarmt. Angebracht wurde sie dort von Lüder von Bentheim, „des ehrbaren Rates Steenhower“, wie es damals hieß. Der Stadtbaumeister wurde damit beauftragt, die Fassade des Rathauses zu restaurieren. Der nüchterne gotische Stil, in dem das Rathaus gut 200 Jahre zuvor erbaut wurde, war zur Zeit der Weserrenaissance aus der Mode geraten. Man liebte den Prunk und so sollte auch die Marktfassade des Rathauses zeitgemäß verschönert werden.(1) Was nun hat es mit der Henne im rechten Zwickel des zweiten Arkadenbogens auf sich?

Friedrich Wagenfeld, ein Bremer Sagenschreiber des 19. Jahrhunderts, kam auf die Idee, der Gluckhenne die Gründung Bremens zuzuschreiben. Seiner Erzählung zufolge fuhren in grauer Vorzeit ein paar von Feinden verfolgte Flussfischer auf der Suche nach einer neuen Bleibe die Weser hinauf und hinab. Die freiheitsliebenden Fischer erspähten, nachdem die Sonne wundersam durch die Wolken brach, in den Weserdünen eine Henne, die sich zu ihrem Nest begab. Dies deuteten sie als glückliches Zeichen, denn wo eine Henne sich um ihre Küken sorgen kann, da sollten auch sie Nahrung und ein Zuhause finden. Fortan soll hier Bremen, ein „Hort der Freiheit“, gegründet worden sein.(2)

Tafel mit der Sage in der Böttcherstraße

Tafel mit der Sage in der Böttcherstraße

So schön diese Geschichte auch ist, sie ist leider nur „Fischergarn“, ein Produkt der blühenden Phantasie des Sagenschreibers. In Wahrheit hat der Rat der Stadt Bremen mit der Gluckhenne ein Zeichen für Tugend und Fürsorge gesetzt. Neben weiteren zeichenhaft an der Marktfassade des alten Rathauses dargestellten Tugenden wie etwa Großmut, Mäßigung, Fleiß, u.a. erkennen wir in der Gluckhenne die „Vigilantia“, die fürsorgende Wachsamkeit. Ihr gegenüber findet der aufmerksame Beobachter die Darstellung einer Frau, die einen Hahn auf der Hand und einen Hund unter dem Arm trägt. Das ist „Custodia“, der wachende Schutz. Die Frau, die das Nest der Gluckhenne umarmt, trägt einen Lederstreifen auf dem Oberschenkel, einen Teil einer römischen Rüstung. Dies ist als Zeichen für die „Vigilantia“ gedeutet worden.(3) Der Rat zeigte damit seine Fürsorglichkeit gegenüber den Bürgern der Stadt Bremen. Henne und Hahn wurden zudem auch als Zeichen der Fruchtbarkeit gedeutet, die Henne insbesondere als Symbol für Mütterlichkeit.(4)

Die Gluckhenne in der Böttcherstraße

Die Gluckhenne in der Böttcherstraße

Doch die Gluckhenne wacht nicht nur am alten Rathaus über ihre Küken, sondern auch in der Böttcherstraße, Bremens „heimlicher Hauptstraße“. Dort steht sie seit 1958 auf einem Vorsprung am Haus des Glockenspiels. Die Bronzeskulptur sowie eine Tafel mit einer Bezugnahme auf die Bremer Gründungssage darunter wurden von dem Bildhauer Alfred Horling geschaffen.(5)

Obwohl die Geschichte von der Gluckhenne doch nur eine Sage ist, wird sie sich doch gerne mit einem liebevollen Schmunzeln in Bremen erzählt. Die Gluckhenne ist darüber hinaus mit der Sage der Entstehung des in Bremen berühmten Kükenragouts verbunden(6), doch das ist eine andere Geschichte.

 

Gastbeitrag von Daniel Stefanovic

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Quellen

  • (1) Gabriele Brünings, Pressestelle des Senats [Hg.]: Das Bremer Rathaus. Welterbe der Menschheit, Edition Temmen, Bremen 2012, S. 91.
  • (2) Friedrich Wagenfeld, Bremen‘s Volkssagen, Wilhelm Kaiser, Bremen 1845, Erster Band, S. 1-2.
  • (3) Rolf Gramatzki: Das Renaissance-Rathaus. Bürgerstolz und Glaubensbekenntnis in schwerer Zeit, in: Gotthilf Hempel [Hg.]: Das Rathaus und seine Nachbarn. Macht und Pracht, Gott und die Welt am Markt zu Bremen, Verlag H.M. Hauschild GmbH, Bremen 2005, S. 43-44.
  • (4) Brünings: Das Bremer Rathaus, S. 95.
  • (5) Online-Ressource: http://www.kunst-im-oeffentlichen-raum-bremen.de/werke.php?edit_artist_id=1152&edit_art_id=2207 [eingesehen am: 09.06.2015]
  • (6) Daniel Tilgner: Das Bremer Schnackbuch. Begriffe, Redensarten und ´n büschen Tünkram, Edition Temmen, Bremen 2011, S. 76.

Literatur

  • Gabriele Brünings, Pressestelle des Senats [Hg.]: Das Bremer Rathaus. Welterbe der Menschheit, Edition Temmen, Bremen 2012.
  • Rolf Gramatzki: Das Renaissance-Rathaus. Bürgerstolz und Glaubensbekenntnis in schwerer Zeit, in: Gotthilf Hempel [Hg.]: Das Rathaus und seine Nachbarn. Macht und Pracht, Gott und die Welt am Markt zu Bremen, Verlag H.M. Hauschild GmbH, Bremen 2005, S. 39-54.
  • Daniel Tilgner: Das Bremer Schnackbuch. Begriffe, Redensarten und ´n büschen Tünkram, Edition Temmen, Bremen 2011.
  • Friedrich Wagenfeld, Bremen‘s Volkssagen, Wilhelm Kaiser, Erster Band, Bremen 1845.

Online-Ressourcen

  • URL: http://www.kunst-im-oeffentlichen-raum-bremen.de/werke.php?edit_artist_id=1152&edit_art_id=2207 [eingesehen am: 09.06.2015].

Ein Kommentar zu “Die Gluckhenne von Bremen – Bremens Gründungssage und die Fürsorge des Rates

  1. Peter Meyer-Odewald says:

    Auch wenn es als Werbung rüberkommen mag:

    Die Gluckhenne ist tatsächlich noch heute in aller Munde. So ist unlängst das Buch „Gluckhenne süßsauer“ im Bremer nr-Fachverlag erschienen:

    Bremischer geht’s kaum noch. Dazu aus dem Vorwort:
    In Bremen kennt sie jedes Kind: Die Gluckhenne. Mit ihren vielen Küken verewigt im zweiten Rundbogen des altehrwürdigen Rathauses, Retterin der wackeren Fischer, denen sie, lang, lang ist es her, auf der Flucht vor ihren Feinden den Weg gewiesen hatte. Dort, wo das Federvieh unbehelligt leben konnte, inmitten der sandigen Weserdüne, hatten auch sie nichts zu befürchten, dachten sie, die Fischer, und ließen sich an eben dieser Stelle nieder.
    Das war die Geburtsstunde Bremens. Sagt man.
    Den Bewohnern dieser Stadt ist dieses Büchlein gewidmet, diesem wunderbaren Menschenschlag, den kaum etwas aus der Ruhe zu bringen vermag, wenn es nicht gerade um Fußball geht ….

    Es geht noch weiter.

    Viele Grüße

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