Die Stadt als Museum: Bremer Streetart

Bei meinen Streifzügen durch die Straßen fallen mir immer wieder auch Wandbilder und Graffiti auf. Für mich gehören sie unweigerlich zu jedem Stadtbild dazu. Sie sind Ausdruck einer bestimmten Szene und schon längst auch in der zeitgenössischen Kunst angekommen. Ich hab mich mit dem Bremer Künstler Markus Genesius auf die Graffiti-Spuren entlang der Weser begeben. Denn Bremen hatte in den 1980er eine ausgesprochen große Szene.

Hinfort mit allen Vorurteilen: Graffitikunst ist schon lange nicht mehr stets illegal und ihre Künstler sind nicht den Tag verschlafende Nachtschwärmer. Nein, ich treffe Markus Genesius um 9 Uhr morgens, und er hatte zuerst sogar 8 Uhr vorgeschlagen. Wir haben einiges vor und sind daher mit dem Auto unterwegs. Immerhin finden sich im gesamten Stadtgebiet Graffiti, Wandbilder und andere Streetart-Arbeiten, die Markus mir zeigen möchte.

Historisches Graffiti in der Neustadt

Zu allererst betreten wir quasi historischen Boden. An den Außenwänden einer Sporthalle in der Erlenstraße in der Neustadt ist noch immer eines der ältesten Graffitis Bremens zu finden. Das Bild ist von 1988. Und obwohl es damals illegal entstand, hat es heute einen besonders wichtigen Stellenwert. Erstens, weil es nie übermalt wurde, zweitens weil es letztlich die Tür öffnete, auf den Wänden daneben weitere Bilder sprühen zu dürfen. „Die Farben bleichen langsam aus“, sagt Markus besorgt. Er habe schon darüber nachgedacht, mal mit Sportverein und Behörden zu sprechen, um die Bilder versiegeln zu lassen.

Historisches Gemälde: Eins der ersten Bremer Graffiti von 1988.

Historisches Gemälde: Eins der ersten Bremer Graffiti von 1988.

Zwischen Provokation und Akzeptanz im Kunstbetrieb

Weiter geht es durch den Bremer Vormittagsverkehr. Wir steuern in der Neustadt noch ein weiteres Ziel an, wo Markus vor einigen Jahren eine Auftragsarbeit gemacht hat, und fahren dann nach Woltmershausen weiter, schließlich noch nach Walle und nach Findorff. Dabei sprechen wir über die Anfänge der Graffitikunst vor 30 bis 40 Jahren, über den Reiz des Verbotenen und warum Markus damals dann doch recht schnell auf legale Flächen umgestiegen ist. Wir kommen auch nicht umhin über Banksy zu reden – einem britischen, anonymen Streetart-Künstler, der mit seinen gesellschaftskritischen Projekten und dem Aufstieg seiner Kunst in die Museen seit Jahren Gesprächsthema ist und zu dem Markus nur sagen kann: „Der hat alles richtig gemacht.“ Thema ist auch immer wieder die Diskrepanz zwischen Graffiti auf Hauswänden und dem Einzug dieser Kunstform in die Museen und Kunstgalerien. Seiner Meinung nach lassen sich Graffiti nicht einfach so auf Leinwand übertragen, das funktioniert für den 1974 geborenen Künstler nicht. Schließlich sind sie immer noch Ausdruck von Rebellion und Protest, was natürlich nur in der Öffentlichkeit der Stadt ankommt.

Bei der Arbeit - draußen und drinnen. Fotos: Markus Genesius.

Bei der Arbeit – draußen und drinnen. Fotos: Markus Genesius.

Markus ist, wenn man so will, auch einer, „der es geschafft hat“. Seine Bilder werden inzwischen auf dem Markt für einige 1000 Euro gehandelt. Er findet das immer noch irgendwie bizarr und ruht sich darauf nicht aus. „Ich gehe noch gerne auf die Straße und male draußen, weil das für mich einfach dazu gehört“, betont er. Das sei eben der Ursprung dessen, was er heute in weiter entwickelter Form auf Leinwand verewigt.

Das fortgeschrittene Tag: Was er früher noch aus der Hand schrieb, wird heute per Schablone aufgesprüht.

Das fortgeschrittene Tag: Was er früher noch aus der Hand schrieb, wird heute per Schablone aufgesprüht.

Legal Walls zum Ausleben

In Woltmershausen halten wir vor einer etwa 100 Meter langen Wand eines flachen Gebäudes, in dem ein Bootsbau-Unternehmen sitzt. Sieben oder acht verschiedene Graffiti-Bilder in kräftigen Farben und mit für mich unleserlichen Schriftzügen mache ich aus. Gleich das erste, ganz links ist von Markus und seiner Crew „Almost Busted“. Den Schriftzug des Crew-Namen kann ich ja noch lesen, aber die darunter gesprühten sogenannten Style-Writings sind für mich nur noch Farben und Formen. Markus erklärt, dass der Style von ihm „Wow“ heißt, in Anlehnung an seinen Künstlernamen „wow123“. Die Signatur, das sogenannte Tag, finde ich ganz links und oben drüber das Jahr 2014.

"Legal Wall" in Woltmershausen

„Legal Wall“ in Woltmershausen

Ja, der rot-weiß-bunte Schriftzug (Style) heißt "WOW". Wer kann es erkennen?

Ja, der rot-weiß-bunte Schriftzug (Style) heißt „WOW“. Wer kann es erkennen?

Solche Wände, auf denen Sprayer sich auf legalem Wege ausleben können, sogenannte „legal walls“, gibt es inzwischen an etlichen Orten der Stadt. In der Szene selbst wird entschieden, wer hier sprühen darf.

"Legal Wall" in der Neustadt - von Zeit zu Zeit werden die Wände hier neu bespielt (so nennt sich das im Fachjargon).

„Legal Wall“ in der Neustadt – von Zeit zu Zeit werden die Wände hier neu bespielt (so nennt sich das im Fachjargon).

Auftragsarbeit in der Neustadt - das Element des Farbeimers findet sich auch in anderen Bildern von Markus Genesius.

Auftragsarbeit in der Neustadt – das Element des Farbeimers findet sich auch in anderen Bildern von Markus Genesius.

„Daneben gibt es natürlich die Auftragsarbeiten von Privatpersonen oder Firmen“, erklärt Markus. Die Stadt Bremen habe in den 80er Jahren eine ganze Menge solcher Wandbilder in Auftrag gegeben, was zwar wenig mit Graffiti zu tun hatte, aber die Szene dennoch habe wachsen lassen.

Wand im Viertel: Markus Genesius spielt immer wieder mit bestimmten Motiven. Den Pinguin kann man zum Beispiel auch in Verden finden. Foto: Jack Green.

Wand im Viertel: Markus Genesius spielt immer wieder mit bestimmten Motiven. Den Pinguin kann man zum Beispiel auch in Verden finden. Foto: Jack Green.

„Die Bremer Szene war außerdem schon immer recht gut international vernetzt“, betont der gebürtige Bremer, der inzwischen selbst in der ganze Welt für Aufträge, Projekte und mit Ausstellungen unterwegs ist. Im vergangenen Jahr hat er in Russland zum Beispiel eine riesige Hauswand gestaltet – eines seiner spannendsten Projekte, wie er selbst sagt. Seine letzte Ausstellung in seiner Heimatstadt Bremen hatte er Anfang 2016 in der Villa Ichon.

Aus grauem Beton werden bunte 3D-Bilder

Wir steuern noch ein Gebäude in der Woltmershauser Straße an. Hier hat der Bremer Künstler Jimmi D. Päsler schon in den 70er Jahren einen Bunker zum Goldspeicher umgemalt. Vom selben Künstler sind ähnlich wie von Markus im ganzen Stadtgebiet Arbeiten zu finden. Er spielt vor allem mit Plastizität auf zweidimensionalen Flächen.

Nicht in Enten-, sondern in Woltmershausen: Ein riesiger Goldspeicher vom Bremer Künstler Jimmi D. Päsler aus den 70er Jahren.

Nicht in Enten-, sondern in Woltmershausen: Ein riesiger Goldspeicher vom Bremer Künstler Jimmi D. Päsler aus den 70er Jahren.

Unser nächstes Ziel ist Walle: Hier hat Markus 2010 an einem großen Projekt mitgearbeitet, in dessen Rahmen ebenfalls ein Bunker komplett bemalt wurde. „Ingesamt waren an die 20 Künstler beteiligt“, erinnert er sich. Um alle Beiträge zu vereinen, habe man zunächst auf drei Wänden des Bunkers einen großen Karton für Sprühdosen gemalt. „Hierauf konnten sich dann alle mit ihren Arbeiten in Form von Aufklebern auf dem Karton verewigen.“

Sprühdosenkarton in Übergröße: Rund 20 Künstler haben an diesem Projekt 2010 mitgearbeitet.

Sprühdosenkarton in Übergröße: Rund 20 Künstler haben an diesem Projekt 2010 mitgearbeitet.

Streetart-Projekt mit belgischem Künstler am "westend"-Gebäude.

Streetart-Projekt mit belgischem Künstler am „westend“-Gebäude.

Ebenfalls am "westend"-Gebäude entstand das Bild zum Thema "Kafkas Verwandlung" - gemeinsam mit einem belgischen Streetart-Künstler.

Ebenfalls am „westend“-Gebäude entstand das Bild zum Thema „Kafkas Verwandlung“ – gemeinsam mit einem belgischen Streetart-Künstler.

Zum Abschluss fahren wir noch nach Findorff ins Atelier von Markus Genesius. Hier hängen einige seiner Leinwand-Arbeiten. Sie zeigen keine klassischen Graffiti mehr, sondern weisen nur Elemente wie Farben und Formen der Kunstform auf. Markus widmet sich seit einigen Jahren dem Motiv des alten TV-Testbildes und bearbeitet es auf verschiedenen Ebenen. Vor einiger Zeit hat er sich von der Leinwand gelöst und arbeitet nun mit Holz, mit dem er das Testbild in die Dreidimensionalität überträgt. Damit greift er ein wichtiges Element der Streetart auf, die zwar oft auf zweidimensionalen Flächen aber dennoch im plastischen Raum der Großstadt stattfindet.

Auftragsarbeit in Walle, um die es Streit in der Nachbarschaft gab: Graffiti führt eben immer auch zu Reaktionen.

Auftragsarbeit in Walle, um die es Streit in der Nachbarschaft gab: Graffiti führt eben immer auch zu Reaktionen.

Auf meine Rückweg fallen mir nicht nur zahlreiche weitere Wandbilder und Graffiti auf, die ich zuvor noch nie wahrgenommen habe. Ich bin auch von der Vielschichtigkeit der Graffiti-Kunst beeindruckt und sehe in jedem Bild einen Teil Geschichte, zumindest Kunstgeschichte.

Porträts an der Nordstraße: Willkommene Abwechslung zwischen all dem grauen Beton.

Porträts an der Nordstraße: Willkommene Abwechslung zwischen all dem grauen Beton.

3 Anmerkungen zu “Die Stadt als Museum: Bremer Streetart

  1. Udo Hollmann says:

    Moin,

    schöne Bilder!! Ich hätte gern Kontakt zu Markus Genesius. Wie kann ich ihn erreichen?? Möchte gern 2 Graffitis an meine Hauswand haben.

    Gruß
    Udo

  2. Moin Udo,

    das freut uns aber! Hier sind die Kontaktdaten zu finden: http://markus-genesius.com/contact

    Einen sonnigen Tag noch

    Ingrid

  3. Udo Hollmann says:

    Moin Ingrid,

    hat geklappt!! Ich habe schon Kontakt zu Markus aufgenommen. Vielen herzlichen Dank.
    Auch noch einen schönen sonnigen.

    Gruß
    Udo

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