Von Freigeistern, Freibeutern und Freihandel

Das kleine Wörtchen „Hanse“ ist natürlich in einer Stadt wie Bremen allgegenwärtig. Einst war Bremen Teil eines der mächtigsten Handelsbündnisse der Welt, das für sichere Handelswege und gemeinsame wirtschaftliche Interessen einstand. Aber was ist eigentlich von der Hanse geblieben? Welche Spuren lassen sich in Bremen ausmachen? Ich habe mich auf die Suche nach Hinweisen gemacht.

Bevor ich mich auf einen reellen Rundgang begebe, wandel ich erst einmal virtuell durch die Zeiten der Hanse, die vom 12. bis zum 17. Jahrhundert bis zu 300 See- und Binnenstädte in Nordeuropa zusammenschloss. Ich erfahre, dass Bremen immer eine Sonderstellung in der Hanse hatte. Die Stadt war zwischen 1260 und 1669 viermal Mitglied im mächtigen Handelsbund, dreimal wurde sie wieder ausgeschlossen. Bremen hatte schon vor Gründung der Hanse und auch während ihrer Laufzeit eigene, mächtige Handelsverbindungen. Daher sahen die Bremer Kaufleute einen Eintritt in die Hanse nicht als sehr notwendig an. Als sie 1260 zu ersten Mal beitraten, kam es daher schnell zu Konflikten. Ein großer Kritikpunkt war, dass Bremen nicht hart genug gegen Seeräuber vorging. Im Gegenteil: Die Kaufleute von der Weser nutzten teils sogar das Vorgehen der Hanse gegen die Freibeuter zu ihrem Vorteil aus und schlossen hinterrücks eigene Pakte. Noch zweimal wurde die Weserstadt im Laufe der Hansegeschichte von dem Bund ausgeschlossen. Die Gründe dafür waren stets Provokation, Diskrepanzen und das Missachten von Regeln. Den Bremer Hansekaufleuten wurde unterstellt, sie würden die Vorteile der Hanse für sich ausnutzen, den Pflichten aber nicht nachkommen. Die Geschichte mag an dieser Stelle etwas zu komplex sein, um sie vereinfacht wiedergeben zu können. Während meiner Recherche (zum Beispiel hier) fällt mir auf jeden Fall auf, wie groß das Thema „Freiheit“ schon immer für die Stadt an der Weser war.

Sichtbare Spuren

Im Netz habe ich auch gelesen, dass der architektonische Stil der Backsteingotik vorwiegend in Hansestädten zu finden ist. Vor meinem inneren Auge kommen Bilder von Städten wie Lübeck, Wismar, Rostock und auch Stralsund auf. Ja, alle irgendwie ähnliche Baustile, viele Backsteine, oft schmale Häuschen mit hohen Giebeln, manch eine Fassade recht prunkvoll. Davon finden sich im Bremer Innenstadtraum auch noch einige Beispiele.

Neben den Merkmalen in der Architektur gibt es aber natürlich auch typische Symbole der Hanse wie zum Beispiel die Kogge, dem wendigen Warentransportschiff, das im Wappen der Hanse zu finden ist. Auch die Farben Rot und Weiß sind typische Hinweise auf den Handelsbund. Sie finden sich heute noch in vielen Stadtwappen.

Die Seefahrt war für den Bremer Handel schon immer ungemein wichtig.

Die Seefahrt war für den Bremer Handel schon immer ungemein wichtig.

Freiheit für Stadt und Bürger

Ich radel mit dem Fahrrad in die Innenstadt. Mein Ziel ist der Marktplatz. Es ist halb elf am Montagvormittag und der Himmel über Bremen zeigt sich in seiner schönsten Farbe. Um den Roland herum tummeln sich Touristen, Jugendgruppen und Einheimische.

Zunächst lasse ich meinen Blick über die prunkvolle Fassade des Rathauses schweifen. Eindeutige Zeichen für die Hanse finde ich nicht auf Anhieb. Aber ich entdecke Figuren mit Ankern und anderen Seefahrtsymbole.

Anker und andere Symbole zeigen die Wichtigkeit des Wassers für Bremen.

Anker und andere Symbole zeigen die Wichtigkeit des Wassers für Bremen.

Als das Alte Rathaus 1409 fertig gestellt wurde, war Bremen gerade ein zweites Mal Mitglied der Hanse. Im 15. Jahrhundert beherbergte der Repräsentationsbau daher die sogenannten Tagfahrten, die von Vertretern der Hanse regelmäßig abgehalten wurden. Zweimal eben auch im Bremer Rathaus. Anfang des 17. Jahrhunderts kam dann allerdings erst die detailiert gestaltete Fassade hinzu, die in ihrer Symbolik an die Selbstständigkeit der Bürger und die städtische Freiheit erinnern soll.

Die prunkvolle Fassade des Rathauses sollte auch Macht und Reichtum der Stadt präsentieren.

Die prunkvolle Fassade des Rathauses sollte auch Macht und Reichtum der Stadt präsentieren.

An dieselben Werte sollte übrigens auch der Roland erinnern, der 1405 auf dem Marktplatz aus Stein wieder errichtet wurde, nachdem sein Holzvorgänger verbrannt war. Die Figur des Roland steht als Repräsentant des Kaisers für die Marktrechte und Freiheiten der Bürger.

Roland = Freiheit

Roland = Freiheit

Im Zentrum der wirtschaftlichen Macht

Gleich gegenüber von Rathaus und Roland steht der Schütting. Um die Präsenz und Macht der Kaufleute zu präsentieren, erwarben die sogenannten Elterleute in Bremen (die Vorsteher der Kaufleute) im 15. Jahrhundert ein Gildehaus am Markt, ließen dieses einige Jahrzehnte später abreißen und ein prachtvolleres, größeres Gebäude errichten.

Der Schütting: Zentrum der Handelsmacht in Bremen. Schon lange bevor die Handelskammer hier einzog.

Der Schütting: Zentrum der Handelsmacht in Bremen. Schon lange bevor die Handelskammer hier einzog.

Die Grundmauern für den Schütting als Zentrum für den Handel und die Wirtschaft waren geschaffen, die Fassade wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder überarbeitet und gestalterisch erweitert. Heute ist der Schütting Sitz der Bremer Handelskammer. Anders als beim Rathaus entdeckte ich hier auf Anhieb Indizien für Bremens Mitgliedschafte(en) in der Hanse. Auf dem Hauptgiebel steht ganz oben Neptun, der Gott der Meere und Herr aller Seefahrer. Unter ihm ein Segelschiff in den Stein gemeißelt. Die Wichtigkeit der Seefahrt für den Bremer Handel ist hier klar hervorgehoben. Weiter unten entdeckte ich noch eindeutigere Verbindungen zur Hanse: Über dem Eingangsportal ist das Schüttingwappen mit dem kaiserlichen Doppeladler und dem Bremer Schlüssel im Brustschild zu erkennen. Auf selber Höhe, etwas kleiner, sind links und rechts über den Fenstern die Wappen von sechs weiteren Städten bzw. Handelskontoren (also Niederlassungen hansischer Kaufleute im Ausland) auszumachen: Hamburg, Bergen, Brügge, London, Nowgorod und Lübeck. Allesamt Mitglieder der Hanse.

Die wichtigsten Bündnispartner für Bremen vereint: Hamburg (links oben), Bergen, Brügge, London, Nowrogod und Lübeck (rechts unten).

Die wichtigsten Bündnispartner für Bremen vereint: Hamburg (links oben), Bergen, Brügge, London, Nowrogod und Lübeck (rechts unten).

Und noch etwas fällt mir beim Gang über den Marktplatz auf, was mir vorher noch nie bewusst ins Auge fiel: Mittig im Pflaster des großen Platzes ist ein etwa fünf mal fünf Meter großes Kreuz in den Boden gelassen, das sogenannte Hanseatenkreuz. Es erinnert an Zeiten, lange nach der Hanse, als sich Bürger der Städte Hamburg, Lübeck und Bremen zur Hanseatischen Legion für den Einsatz in den Befreiungskriegen zusammentaten. Napoleon Bonapartes Vorherrschaft wurde damit Anfang des 19. Jahrhunderts beendet. Wieder war Bremen Teil im Kampf um die Freiheit.

Das Hanseatenkreuz mitten auf dem Marktplatz erinnert zwar an Zeiten nach der Hanse, steht aber auch für Freiheit und Zusammenschluss.

Das Hanseatenkreuz mitten auf dem Marktplatz erinnert zwar an Zeiten nach der Hanse, steht aber auch für Freiheit und Zusammenschluss.

Zum Schutz des Handels

Zum Abschluss wende ich mich vom Marktplatz ab und schlendere gen Südwesten durch die Langenstraße. Nach einigen Metern bleibe ich vor einem weiteren Gebäude rechter Hand stehen, das ich irgendwie mit der Hanse in Verbindung bringe: Die Stadtwaage. Das Gebäude in seiner heutigen Erscheinung wurde wie viele der schon erwähnten Bauten um 1600 errichtet. Die Stadtwaage war, wie der Name schon verrät, eine öffentliche Einrichtung für das Abwiegen von Waren. So konnten Betrügereien vermieden und Steuern für Güter bestimmt werden. Die Idee mag nicht direkt von der Hanse eingeführt worden sein, scheint mir aber durchaus mit den damaligen Entwicklungen der Vereinheitlichung von Maßen und der Idee des Händlerschutzes verknüpft zu sein.

Die Stadtwaage: Hier ließ man im Mittelalter seine Waren wiegen.

Die Stadtwaage: Hier ließ man im Mittelalter seine Waren wiegen.

Die städtische Waage diente dem Schutz vor Betrug und der Erhebung von Warensteuern.

Die städtische Waage diente dem Schutz vor Betrug und der Erhebung von Warensteuern.

Auf den letzten Metern meines Hanserundgangs quere ich die Martinistraße in Richtung Weser. Am Fluss schlendere ich entlang bis zur Unterführung zum Schnoor. Auch im ältesten Viertel der Stadt werden Hansekaufleute unterwegs gewesen sein. Sie werden verhandelt und Teile ihrer sechsjährigen Ausbildung zum Hanse-Fernhändler absolviert haben. Sie werden Pakte geschlossen haben, die oft auch über wirtschaftliche Interessen hinaus politische Machtstrukturen beeinflusst haben. Der eine oder anderen Seeräuber wird sich hier wohl auch mal durch geschummelt haben. So stelle ich es mir auf jeden Fall vor. Es mag nicht im Ansatz eine so romantische Zeit gewesen sein, wie sie einem aus heutiger Sicht manchmal erscheint. Aber auch diese Periode hat Bremen zu dem gemacht, was es heute nun mal ist. Zur Freien Hansestadt.

Der Schlüssel als Symbol für die Freiheit?

Der Schlüssel als Symbol für die Freiheit?

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