Ein Schiff auf dem Trockenen – die Hansekogge „Roland von Bremen“

Es ist fast drei Jahre her, da sank ein Holzschiff an der Weserpromenade Schlachte. Die Hansekogge war quasi über Nacht mit Wasser vollgelaufen und am nächsten Morgen zeigte sich ein trauriges Bild. Das Schiff wurde geborgen und im Hohentorshafen abgestellt. Ich war dort, um zu schauen, was sich da genau tut. Ziemlich viel – wie ich herausfand.

Das Schiff, um das es sich hier dreht, ist keine zwanzig Jahre alt. Nach der Jahrtausendwende wurde die „Roland von Bremen“ zu Wasser gelassen und im verflixten 13. Jahr sank sie bereits. Die Geschichte hinter dem Holzfrachtsegler hat ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel – nämlich so in etwa 650. Im 14. Jahrhundert baute man Koggen für die Hanse, die für den Transport von Handelsware ausgelegt waren, gleichzeitig aber zum Schutze vor Piraten mit Kanonen ausgerüstet werden konnten. Eine dieser Hansekoggen wurde Anfang der 1960er Jahre aus der Weser geborgen. Ihr Baujahr ließ sich über das vom Schlick konservierte Holz auf etwa 1380 schätzen. Die Überreste sind heute im „Deutschen Schiffahrtsmuseum“ in Bremerhaven ausgestellt. Anhand des Jahrhunderte alten Vorbilds baute die Beschäftigungsinitiative „Bootsbau Vegesack“ (BBV) Ende der 1990er ein Replik. Es kam für Ausflüge und Rundfahrten zum Einsatz und hatte seinen regulären Liegeplatz an der Schlachte. Tatsächlich verströmte das Schiff auch auf mich immer ein mittelalterliches Hanse-Feeling, wenn ich es auf der Weser entdeckte. Und dann das: Am 28. Januar 2014 schaute auf einmal nur noch der Holzmast des Boots aus der Weser. Schuld daran trug ein undichtes Seeventil.

Der Besitzer „Hal över“ legte das Wrack kurzerhand auf seinem Werftgelände am Hohentorshafen ab. 2015 übernahm letztlich der Beschäftigungsträger bras die Restaurierung.

Mit Dach überm "Kopf", eingerüstet: So der aktuelle Anblick des 24 Meter langen Holzschiffs

Mit Dach überm „Kopf“, eingerüstet: So der aktuelle Anblick des 24 Meter langen Holzschiffs

Außen hui – innen pfui!

Nach den ersten Begutachtungen und Baumaßnahmen stellte sich heraus, dass noch mehr im Argen lag, als zuvor angenommen. „Fast das gesamte Holzschiff war von holzzerfressenden Pilzen befallen“, erinnert sich Projektleiter André Stuckenbrok, mit dem ich mich auf der Werftanlage treffe. „Von außen sah das Holz noch ganz gut aus, aber unter den Lackschichten bröselte es einem nur so entgegen.“ Das Projekt wurde neu formuliert und man legte es auf den Versuch an, das Schiff wieder zum Schwimmen zu bringen.

Fiese Pilze haben einen Großteil des Holzes von innen zerfressen...

Fiese Pilze haben einen Großteil des Holzes von innen zerfressen…

Seit 1,5 Jahren sind nun täglich bis zu zwanzig Menschen an der Restaurierung beteiligt. Gemeinsam mit zwei weiteren Anleitern kümmert sich André um den Ablauf. Er ist gelernter Tischler und bringt außerdem Erfahrung im Schiffswesen mit. Noch drei weitere Mitarbeiter sind gelernte Handwerker, der Rest ist aus berufsfremden Sparten. Langzeitarbeitslose sowie Geflüchtete kommen hier zum Einsatz. Sie nahmen zunächst den Holzkoloss Stück für Stück auseinander, überprüften die Materialien auf ihre Wiederverwendbarkeit, bürsteten lackiertes Holz ab, durchliefen Tests mit verschiedenen Beschichtungsmaterialien, bauten eine Thermokammer, in der das befallene Holz auf 70 Grad erwärmt werden kann und so die Pilze vernichtet werden.

Traditionell hält besser

Bei der Begehung des 24 Meter langen Holzschiffes erfahre ich ein paar beeindruckende Zahlen: Insgesamt 1200 Metallbolzen wurden für die Befestigung der Planken verwendet, über eine Tonne Kabel holten die Arbeiter neben der Antriebsmaschine zunächst aus dem Innenraum des Schiffs heraus. Mit Aufbau und ehemaliger Ausstattung hatte das Schiff eine Verdrängung von gut 120 Tonnen, ohne sind es immerhin noch 50.

1200 Bolzen sind für die Befestigung der Planken verwendet worden

1200 Bolzen sind für die Befestigung der Planken verwendet worden

André zeigt mir auch, wie das befallene Holz aussieht. Tatsächlich sieht man von außen keine Beeinträchtigung, von innen aber kann man es mit der bloßen Hand zerdrücken. „Das ist Eiche, die bei richtiger Behandlung durchaus 700 Jahre hält“, betont er. „Diese hier hat keine 20 Jahre überlebt.“ Wahrscheinlich seien die Lacke dafür verantwortlich, vielleicht auch die Tatsache, dass das Schiff wenig in Bewegung war. Beim Auseinandernehmen stellte man fest, dass die Bodenpartien des Rumpfes wie zu alten Zeiten mit Holzteer behandelt waren. Interessanterweise war das Holz an diesen Stellen ohne Befall. Holzteer, so erklärt mir André, ist eine holzeigene Substanz. Sofort habe ich im Kopf, dass es wohlmöglich der interne Immunstoff des Materials ist. Kein Wunder, dass hier die Pilze keinen Nährboden fanden. „Da Holzteer einen sehr intensiven Eigengeruch hat, konnte man die oberen Partien damit nicht behandeln, sondern verwendete Lacke. Hinzu kamen teils schlecht abgedichtete Bolzenlöcher, in die Wasser ins Holz eindrang. Der perfekte Nährboden für Pilze“, erklärt mir André. Für die neue Beschichtung hat man sich daher eine Behandlungssubstanz auf Holzteer-Basis gesucht. Tests ergaben, dass Pilze hier keine Chance haben.

Links: Mast und Aufbau - sie sollen am Ende auch wieder auf das restaurierte Schiff gesetzt werden. Rechts: Wie in einem Puzzle werden die einzelnen Planken wieder zusammen gefügt.

Links: Mast und Aufbau – sie sollen am Ende auch wieder auf das restaurierte Schiff gesetzt werden. Rechts: Wie in einem Puzzle werden die einzelnen Planken wieder zusammen gefügt.

Puzzle wird wieder zusammen gesetzt

Inzwischen ist das Schiffsbauteam wieder mit dem Zusammensetzen der Hansekogge beschäftigt. Wie bei einem riesigen dreidimensionalen Puzzle werden an den Spanten die Planken befestigt, die am besten passen. Studierende der Hochschule, mit der das Projekt kooperiert, berechnen die Statik des Schiffs, und auch mit dem Bremerhavener Schifffahrtsmuseum arbeitet man eng zusammen.

Wenn dann in 1,5 Jahren die Hansekogge wieder zu Wasser gelassen wird, bekommt sie ihren Liegeplatz gleich neben dem Pfannkuchenschiff und der Alexander von Humboldt. Sie wird als Museumsschiff an der Schlachte wieder ihrer ursprünglichen Aufgabe nachgehen, ein Wahrzeichen Bremens darzustellen und ganz gewiss wieder zum hanseatischen Flair an der Weser beitragen.

Der Blick von weiter weg: Auf der Werft-Anlage arbeiten gut zwanzig Menschen am Schiff und sorgen auch für die nötige Infrastruktur.

Der Blick von weiter weg: Auf der Werft-Anlage arbeiten gut zwanzig Menschen am Schiff und sorgen auch für die nötige Infrastruktur.

Am Sonnabend, 17. September, wird auf dem Werftgelände der Hansekogge im Hohentorshafen, Ladestr. 2-4, ein Richtfest gefeiert. Im Rahmen der Maritimen Woche können Neugierige sich hier den Stand der Restaurierungsarbeiten zeigen lassen und jede Menge über das Schiff erfahren. Vom Martinianleger gibt es stilecht auch eine Schiffsüberfahrt zur Hansekogge, bei der man von den Hanse-Scouts des Geschichtenhauses schon mal thematisch eingestimmt wird. Ab 15 Uhr geht es im Hohentorshafen los, Live-Musik und Leckereien gibt es auch :-)

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