Hilfe! Eine Giftmörderin auf der Bühne

Wenn ich an Puppen und Figuren auf der Bühne denke, erinnere ich mich unweigerlich an eine kindgerechte Vorstellung von Räuber Hotzenplotz zu Grundschulzeiten. Alberne Gangstergeschichten interessieren mich heute nicht mehr so sehr, aber als Freundin mörderischer Krimis fand ich den Fall der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried schon immer höchst faszinierend. Umso neugieriger war ich auf die Aufführung „Gift – Der Fall Gesche Gottfried“ im Theater Mensch, Puppe!

Ein-Raum-Gemütlichkeit bei Mensch,Puppe!

Ein-Raum-Gemütlichkeit bei Mensch,Puppe!

Obwohl sich das kleine Figurentheater bereits seit Herbst 2011 im Herzen des Viertels befindet, war ich noch nie dort. Mensch, Puppe! hat seinen Sitz im theaterkontor, hier sind unter anderem auch der Literaturkeller und die Initiatoren des Bremer Karnevals beheimatet. Das Foyer verströmt typische Ein-Raum-Gemütlichkeit: Garderobe, Kasse, Infostand, Theke und Lounge teilen sich den Raum. Hier kann man leckeres Pinkus-Bier oder einen Prikkler, einen Bio-Sekt mit merkwürdigem Namen, probieren.

Die Theke ist Kasse und Ausschank zugleich.

Die Theke ist Kasse und Ausschank zugleich.

Natürlich eine popcornfreie Zone.

Natürlich eine popcornfreie Zone.

Welch unlustiges Vergnügen

18.57 Uhr. Bling. Mein Mobiltelefon surrt kurz. Eine Freundin möchte noch mitkommen. Ich frage an der Kasse nach, doch die Vorstellung heute ist längst ausverkauft. Beim kurzen Proben erzählt Spielerin Claudia Spörri ihrem Kollegen am Harmonium, Alexander Seemann, lachend von einem neuen Kommentar im Gästebuch: Das Stück über Gesche Gottfreid sei ganz großartig gewesen, aber beim nächsten Mal solle es doch etwas lustiger zugehen. Ich muss ebenfalls lachen. Dass ein historisches Drama über eine mehrfache Giftmörderin nicht gerade lustig daherkommt, dürfte klar sein.

Die Bremerin ermordete zwischen 1813 und 1827 ihre Eltern, ihren Bruder, die Ehemänner und ihre drei Kinder. Damit nicht genug. Auch die Freundin, eine Nachbarin, die Vermieterin, ein Gläubiger und ein dreijähriges Kind standen am Ende auf der Liste der unschuldig Umgebrachten.

Ein Stück Bremer (Mords-) Geschichte

Das Stück beginnt. Sequenzen, in denen Personen zum Spuckstein auf dem Domshof befragt wurden, werden eingespielt. Der Plot ist interessant und schlau gewählt, finde ich: Eine junge Schriftstellerin aus London erhält 1831 den Auftrag, eine Reisebeschreibung über die schöne Hansestadt Bremen zu verfassen. Als sie ankommt, gerät sie in den Wirbel um die Hinrichtung Gesche Gottfrieds. Schon die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich für die Reiseberichterstatterin schwierig. Denn am nächsten Tag soll das Todesurteil über die Giftmörderin durch das Schwert vollstreckt werden. Schließlich findet sie direkt am Marktplatz eine Bleibe für die Nacht und erlebt hautnah die Geschehnisse mit.

Serienmörderin und "Engel von Bremen": Gesche Gottfried

Serienmörderin und „Engel von Bremen“: Gesche Gottfried

Gesche Gottfried brachte ihre Opfer mit sogenannter „Mäusebutter“ um, eine Portion Fett mit Arsenkügelchen versetzt, die einen schmerzhaften, recht langsamen Tod bereitete. Allein die Tatsache, dass sie ihre eigenen Kinder damit tötete, machte sie zum Unmenschen, zur kaltblütigen und selbstsüchtigen Mörderin. Doch sie kümmerte sich auch hingebungsvoll um jene Opfer, denen sie nur kleine, nicht tödliche Dosen ihrer „Mäusebutter“ verabreichte.

Bis heute wird über ihre Motive diskutiert. Sie gilt als eine der ersten Serienmörderinnen und ihre Geschichte ist auch über die Grenzen der Stadt bekannt. In Bremen wird sie im Geschichtenhaus lebendig, es gibt Theaterstücke, eine Graphic Novel und Hörbücher, die die Historie wiedergeben.

 Selbstsüchtig oder wahnsinnig: Die Bremer Gesellschaft diskutiert bis heute.

Selbstsüchtig oder wahnsinnig: Die Bremer Gesellschaft diskutiert bis heute.

Das Stück „Gift“ fokussiert, was die Gesellschaft zu einer solchen Tat beiträgt und aus welchen Blickwinkeln die Tat betrachtet werden kann: zum einen die boshafte Giftmischerin, zum anderen die fürsorgliche Nachbarin. Senatoren, Verteidiger und Bremer Bürger treten als Figuren auf, ihre Schatten tanzen über den Marktplatz oder diskutieren mit der Reiseschriftstellerin vor dem ehemaligen Gefängnis, der Ostertorwache. Unheimlich, überlege ich, schließlich ist dies alles wirklich passiert – und zwar in Bremen!

Als kleine Erinnerung: Besucher können für 50 Cent eine Postkarte mitnehmen.

Als kleine Erinnerung: Besucher können für 50 Cent eine Postkarte mitnehmen

Die Figuren wirbeln umher

Die Aufführung lebt vom schauspielerischen Können der Figurenspielerin Claudia Spörri. Die gebürtige Züricherin wirbelt auf der kleinen Bühne lebhaft umher. Hier ein Kommodentürchen öffnen, dort eine Puppe im Schattenspiel bewegen und dann schnell einen Regenschirm aufklappen. Ich habe größten Respekt vor diesem Multitasking. Der Mann am Harmonium ist zugleich einfallsreicher Geräuschemacher und lässt Pferde über den Domshof traben. Die Veranstaltungstechnikerin macht erst Kassendienst, dann regelt sie Licht und Ton. Alles ist in Bewegung, alles spielt.

Liebevolle Detailarbeit

Mensch, Puppe! inszeniert liebevolle Geschichten für kleine und große Menschen. Neben dem Abendprogramm für Erwachsene bietet das Theater auch ein abwechslungsreiches Kinder- und Familienprogramm. Nicht nur beim Einsatz des Teams, sondern auch beim Bühnenbild, den Figuren und Kostümen erkenne ich, dass hier absolute Liebe zum Puppenspiel herrscht.

Wie viele kleine Kultureinrichtungen lebt auch Mensch, Puppe! vom zahlenden Publikum und Spenden, außerdem gibt es einen Verein zur Förderung des Figurentheaters e. V., dessen Mitgliedsbeiträge das Theater unterstützen. Ein strahlendes Kleinod am weiten Theaterhimmel – ein Besuch, der sich lohnt!

Die nächsten Termine für „Gift – Der Fall Gesche Gottfried“:
Fr, 13.02., Sa, 21.02, Sa, 11.04. und Fr, 22.05.

Ausschnitte aus dem Repertoire des Figurentheaters.

Ausschnitte aus dem Repertoire des Figurentheaters.

2 Anmerkungen zu “Hilfe! Eine Giftmörderin auf der Bühne

  1. Lutz Röber says:

    ……und wo ist das Grab von Gesche Gottfried? Unbekannt? Die Greeter in Bremen-Nord wissen zumindest wo ein Grabkreuz für Gesche Gottfried steht. Nach einem kostenlosen Greet durch Bremen-Lesum kennt man nicht nur den Standort auf dem Lesumer Friedhof, sondern ist auf dem höchsten natürlichen Punkt (32,5m ü. NN) von Bremen gewesen.

  2. Barbara Peper says:

    Eine gute Frage, Herr Röber! Der echte, in Formaldehyd eingelegte, Kopf Gesche Gottfrieds ging während des Zweiten Weltkriegs verloren, das weiß man. Aber wo ihr Grab ist, fragen sich viele. Sicher ist eins, in Bremen-Nord liegt die Giftmörderin nicht ;-)

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