Italienische Eleganz und digitale Künste

Es geht mal wieder heiß her in der Hansestadt. 30. Samba-Karneval im Viertel, Classic Motorshow in den Messehallen, Hochschultage an der Hochschule für Künste (HfK) in der Überseestadt, ein Internationales Festival für zeitgenössischen Tanz und Werder Bremen spielt gegen Leverkusen. An diesem Wochenende toben in Bremen wahrlich die Massen – und ich stürze mich hinein. Meine Wahl: Elegante Oldtimer und inspirierende Hochschulkunst.

44.737 Besucher zog es am Wochenende in die Messehallen.

44.737 Besucher zog es am Wochenende in die Messehallen.

Samstag, 15.27 Uhr. Leichter Nieselregen.

In den Messehallen herrscht leichtes Gedränge und, schwups, finde ich mich inmitten – meist männlicher – Oldtimer- und Motoren-Fans wieder. 650 Aussteller aus elf Nationen präsentieren hier in der Messe Bremen Designklassiker und Liebhaberstücke. Das Motto der Sonderschau lautet „Italienische Eleganz“.

So viel italienische Eleganz in einer Reihe.

So viel italienische Eleganz in einer Reihe.

Gut, ich merke schnell: alles kann ich mir kaum alles angucken. Ich entscheide mich zunächst für das Oberdeck der ÖVB-Arena, wo mir sofort Garda-See, Rimini und Dolce Vita in den Sinn kommen: Hier stehen sie, die legendären Motorroller der fünfziger und sechziger Jahre.

Ich spüre ihn, den Adriaküsten- Fahrtwind

Italienische Klassiker wie die Lambretta von Innocenti, der Ducati Brio oder ein Miniscooter von Laverda stehen unweit einer Reihe blank polierter Original-Vespas und einer knallorangenen Simson Schwalbe aus der DDR. In den unteren Hallen finde ich beim Stand des Rollerhofs ähnliche Modelle wieder, die aber zum Verkauf stehen und viele Neugierige anziehen.

Vespa hin oder her, der Rollerhof bietet liebevoll restaurierte Zweiräder.

Vespa hin oder her, der Rollerhof bietet liebevoll restaurierte Zweiräder.

Weil nicht alles was zwei Räder hat, zum TÜV muss, gibt es sowas.

Weil nicht alles was zwei Räder hat, zum TÜV muss, gibt es sowas.

Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz ?

Ich schlendere durch die unzähligen Hallen, vorbei an den Benzingesprächen im Race-Café,  am Kiosk der Bremer Mofa-Gang „Heiße Kette“ und sehe Würstchendosen zwischen Lenkern klemmen und höre fanatische VW Bulli-Fans über Chrom-Spiegel diskutieren. Ich erblicke Oldtimer, die ich sofort haben möchte (Mercedes!) und Mofas, die ich nicht mal als solche erkenne (Würstchendose?).

An den Tüftler-Ständen scharren sich deutlich Fachkundigere um Kolbenringe, Bremsleuchten und Betriebsanleitungen älterer Automobile. Ich hingegen finde mich plötzlich inmitten wirklich vieler Totenkopf-Aufklebern wieder. Sowas würde sicherlich auch meinem Sparta-Hollandrad gut stehen…

Totenköpfe scheinen immer noch ein Renner zu sein...

Totenköpfe scheinen immer noch ein Renner zu sein…

 

Nach rund zwei Stunden habe ich ein leichtes Motorenbrummen im Kopf. Und ich bilde mir ein, dass ich jetzt, wenn ich genau hinhöre, die feinen Unterschiede zwischen einem Citroen B 14, einem Ferrari 250 GT SWB und einem Lotus Elite ausmachen könnte. Das ist doch was!

Oldtimer-Fans scheinen das Bröckeln und Tatschen zu lieben.

Wahre Oldtimer-Fans scheinen das Bröckeln und Tatschen zu lieben.

Ein Tag später. Sonntag, 10.43 Uhr. Strahlender Sonnenschein.

Die Werkstätten und Ateliers der Studierenden warten schon. Malerei und Mode, Design und Digitale Medien, Fotokunst, Musik, Film und Videokunst, Keramik und Rauminstallationen – ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, ohne im zweiten Stockwerk schon völlig ermattet aufzugeben. Same procedure as last year. Erst mal schlendern, erst mal schauen.

Auch mal angenehm: Kein Gedränge zu früher Stunde.

Auch mal angenehm: Kein Gedränge zu früher Stunde.

In den Ateliers sitzen Studierende vor ihren iPhones und blicken kaum auf, wenn neue Besucher den Raum betreten. In den Fluren bin ich mir nicht immer sicher, was Kunst ist und was weg kann. Meine Tochter malt derweilen mit Kohle – selbstverständlich unter künstlerischer Aufsicht! – an einer Wand herum und ich tigere auf der Suche nach einem frühen Mittagessen in die Couscous-Bar. Alles sehr schön bunt, auch hier. Die Studierenden haben wirklich etwas auf die Beine gestellt, sie stellen nicht bloß Kunst aus, sondern zeigen, dass die Bremer Hochschule für Künste ein toller Ort, ein kreativer Hotspot in der Überseestadt ist.

In der Holzwerkstatt entdecke ich Maschinen und... den Knödelhocker.

In der Holzwerkstatt entdecke ich Maschinen und… den Knödelhocker.

„Ist das Kunst – oder soll das bleiben?“

Was mich wie in jedem Jahr begeistert, sind die fabelhaften Multiplex-Hocker im Bereich Produktdesign. „Ein Hocker in acht Tagen“ lautet der Titel des Workshops, den Prof. Andreas Kramer in jedem Jahr Erstsemester-Studierenden anbietet. In dem Kurs lernen die angehenden Designer, einen Hocker zu entwerfen und mittels 3D-Gestaltung in die Realität umzusetzen. Dabei gehen computergestützter Gestaltung und mechanischer Herstellung Hand in Hand. Die Ergebnisse werden unter anderem bei den Hochschultagen präsentiert. Vom flauschigen Knödelhocker bis hin zum ausgeklügelten Hocker-Stecksystem ist in diesem Jahr so Einiges dabei.

Da lohnt sich der Blick in die Ecken: Überall Kunst.

Da lohnt sich der Blick in die Ecken: Überall Kunst.

Schon bei der Ausstellung „EX_IT – Best of HfK Design 2014“ im Wilhelm Wagenfeld Haus hat mich die Fotoreihe „Hundertdreiundvierzig Zentimeter“ der Künstlerin Sabine Lewandowski bewegt. Sie fotografierte ihre Schwester Marina in fröhlichen, ausgelassenen und zärtlichen Momenten. Na und?, mag man fragen. Marina hat das Down-Syndrom. Lewandowski hinterfragt mit ihrer Arbeit die gesellschaftliche Akzeptanz pränataler Diagnostik und behinderter Kinder und zeigt damit, dass Kunst oft weit mehr in sich birgt als einen flüchtigen Blick auf etwas Buntes. Die gelungene Fotoreihe ist vom 19. März bis 14. April 2015 auch in der Ring-Galerie der Zentralbibliothek Am Wall ausgestellt.

Strahlender Himmel am Speicher XI.

Strahlender Himmel am Speicher XI.

Von der Ästhetik des Digitalen bis zur Bratwurst

Draußen vor der Tür ist alles eitel Sonnenschein: Bei Bratwurst, Butterkuchen und Café Latte tauschen sich die Besucherinnen und Besucher aus, über den Anspruch der Malerei und die Ästhetik des Digitalen, über den blauen Himmel und das bevorstehende Werder-Spiel am Nachmittag. Und ich fahre mit einem satten Gefühl aus Inspiration und Beschwingtheit – gepaart mit einem veganen Schoko-Kirsch-Muffin – nach Hause. Mein Fazit: Ein abwechslungsreiches Wochenende, das mir wieder mal zeigt: Es gibt immer etwas Neues in Bremen zu entdecken.

Kommentieren

Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind markiert *