Bremer Geschichte auf kleinstem Raum – das Kaisenhaus-Museum

Seit vier Jahren gibt es im Kleingartengebiet in Walle eine ganz besondere Anlaufstelle: das Kaisenhaus-Museum. Hier wird veranschaulicht, wie ein sogenanntes Kaisenhaus, das in der Nachkriegszeit als vorübergehende Notunterkunft dienen sollte, ausgesehen hat. Ich hab mir das angeschaut und kam mir vor wie in einem Puppenhaus.

Ich treffe mich mit Cecilie Eckler-von Gleich. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins Kaisenhäuser e.V., der vor gut vier Jahren ein Museum in einem Kaisenhaus eröffnete. Bevor sie mir das Häuschen voller Schätze aus vergangenen Zeiten zeigt, sitzen wir eine Weile auf der rückwärtigen Terrasse des Museums im  Behrensweg 5a mitten im Kleingartengebiet des Vereins Blockland e.V. Während unseres Gesprächs wird mir das geschichtliche wie auch politische Ausmaß der Kaisenhäuser erst wirklich bewusst. Nachdem Bremen, vor allem der Bremer Westen, im Zweiten Weltkrieg nahezu dem Erdboden gleich gemacht wurde, hatten viele Einwohner keine Bleibe mehr. Gut 60 Prozent der Wohnungen waren am Ende des Krieges zerstört. Der damalige Bürgermeister Wilhelm Kaisen genehmigte kurzer Hand vorrübergehend das dauerhafte Wohnen in Kleingartengebieten der Stadt. Zahlreiche Familien beantragten daraufhin, von dem Baurecht Gebrauch zu machen. So entstanden in der Nachkriegszeit Hunderte einstöckiger Steinhäuschen, deren Grundfläche dreißig Quadratmeter nicht übersteigen durfte: Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer – mehr umfassten die Mauern meist nicht – beherbergten Familien aller gesellschaftlicher Stellungen. Lange Zeit gab es kein fließend Wasser und nur ein Plumpsklo im Garten.

Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer: In drei Räumen lebten oft ganze Familien.

Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer: In drei Räumen lebten oft ganze Familien.

Die Behelfsheime wurden zum Zuhause vieler, die alles verloren hatten. Aus „vorrübergehend“ wurde „für immer“ und die Stadt konnte nichts machen, solange die Häuschen bewohnt waren. Die Grundstücke in Walle waren sogar teils privat gekauft und nicht von der Stadt gepachtet, sodass sich hier ohnehin nicht eingreifen ließ. Vielerorts entstanden an Feiertagswochenenden ganze Anbauten und Spitzdächer ohne Genehmigung. Die rechtliche Grauzone wurde ausgereizt und so sahen sich die Politiker schließlich gezwungen, eine neue Regelung zu finden. Es wurde beschlossen, dass bis 1975 Zugezogene bleiben durften, anschließend erworbene Kaisenhäuser durften nicht mehr dauerhaft bewohnt werden. Heute existiert noch das sogenannte „Auswohnrecht“. Es wohnen immer noch an die 500 Menschen in Bremens Kleingartengebieten in Häuschen, die einst ihnen oder ihren Vorfahren ein neues Zuhause wurden, als sie ihr altes verloren hatten. Sie dürfen noch bis zu ihrem Tod hier wohnen bleiben. Wenn ihren Nachfahren nicht ebenfalls mit ihnen hier wohnten, wird anschließend das Kaisenhaus wieder zur Gartenlaube oder es wird abgerissen.

Gewaschen wurde draußen - bei Wind und Wetter.

Gewaschen wurde draußen – bei Wind und Wetter.

Strom wurde oberirdisch verlegt. Wasser kam erst später dazu.

Strom wurde oberirdisch verlegt. Wasser kam erst später dazu.

Geschichtsbewahrung in Puppenhausformat

Um dieses geschichtliche Gut zu bewahren, gründete sich vor knapp zehn Jahren der Verein Kaisenhäuser e.V. Man fand ein gut erhaltenes Kaisenhaus, in dem das Museum entstand. Mit öffentlichen Mitteln und Spenden konnte saniert werden. „Das Haus war aber auch ohnehin in einem sehr guten Zustand, weil der Besitzer noch kurz zuvor darin gewohnt hatte“, erinnert sich Cecilie Eckler-von Gleich. Seit der Eröffnung im April 2012 ist das Museum in den Sommermonaten an jeweils einem Sonntag geöffnet. Gruppen können auch außerhalb dieser Termine Führungen buchen.

Im Anbau des Hauses von 1964 (das Haus ist von 1957) führen Infotafeln in die Geschichte der Kaisenhäuser ein.

Im Anbau des Hauses von 1964 (das Haus ist von 1957) führen Infotafeln in die Geschichte der Kaisenhäuser ein.

Ein bisschen kommt man sich vor wie in einem Puppenhaus, wenn man sich im Kaisenhaus-Museum umschaut. Auf kleinstem Raum veranschaulichen zahlreiche Gegenstände und Infotafeln, wie so ein Kaisenhaus damals von innen ausgesehen haben könnte. Der Verein hat hier ganze Arbeit geleistet und dank zahlreicher Spenden geradezu eine Flut an Utensilien untergebracht, ohne dass man sich als Betrachter davon überrollt fühlt. Im Gegenteil: Auch Zeitdokumente lassen mich innehalten und einen Moment lang die Luft der 50er, 60er und 70er Jahre einatmen.

Zahlreiche gespendete Utensilien aus den 50er, 60er und 70er Jahren verleihen der Einrichtung ein authentisches Bild

Zahlreiche gespendete Utensilien aus den 50er, 60er und 70er Jahren verleihen der Einrichtung ein authentisches Bild

Zeitgetreue Einrichtung: Die Schlafzimmermöbel (links) sind vom Vorbesitzer so übernommen worden, viele der anderen Möbel sind Spenden

Zeitgetreue Einrichtung: Die Schlafzimmermöbel (links) sind vom Vorbesitzer so übernommen worden, viele der anderen Möbel sind Spenden

Vor allem ein Brief von Wilhelm Kaisen persönlich rührt mich geradezu: Darin bedankt er sich bei einem Willem von Hörsten für die Zusendung dessen Buches. Herr von Hörsten hatte in den 1970er Jahren in Form eines Romans seine Erlebnisse als Kaisenhausbewohner festgehalten. Wilhelm Kaisen schrieb: „Ihr Buch verschaffte mir eine besinnliche Lesestunde, in der mir zum Bewusstsein kam, wie sehr auch bei mir das Bedrückende der damaligen Zeit an Gewicht verloren hat.“ Und weiter: „Vielleicht ist es gut so. Wir können nicht immer mit einer Trauerfahne herumlaufen. Doch vergessen, völlig vergessen dürfen wir auch nicht, was uns damals bewegte. Aus diesem Grunde sind Ihre mit viel Humor aufgezeichneten Erinnerungen sehr am Platze.“ Der Brief ist datiert auf den 19. Mai 1978. Schon lange war Kaisen nicht mehr Bürgermeister, doch sein Erbe des Wiederaufbaus bestand noch und es besteht noch heute.

Ein Brief vom Bürgermeister: Der Verein sammelte auch Zeitdokumente zusammen.

Ein Brief vom Bürgermeister: Der Verein sammelte auch Zeitdokumente zusammen.

Wohnstätte in Borgfeld

Ich möchte mehr über Kaisen erfahren und nehme mir vor, bald einmal nach Borgfeld zu fahren. Dort ist in seinem ehemaligen Wohnhaus eine Dokumentationsstätte entstanden, die Einblicke in das Leben von Helene und Wilhelm Kaisen gibt. Als ich mit dem Rad auf meinem Rückweg durch das Kleingartengebiet fahre, entdecke ich überall spitze Dächer und verputzte Steinhäuschen, die vielleicht einmal Kaisenhäuser waren oder es immer noch sind. Was hat er sich da nur für ein unfreiwilliges Denkmal gesetzte, denke ich, der „Wiederaufbau-Bürgermeister“, der bei vielen Bremern so beliebt war.

Bunte Vielfalt: Oft verraten Spitzdach und Mauern aus Stein, dass es sich um ein Kaisenhaus handeln könnte

Bunte Vielfalt: Oft verraten Spitzdach und Mauern aus Stein, dass es sich um ein Kaisenhaus handeln könnte

Am Sonntag, 25. September, öffnet das Kaisenhaus-Museum ein letztes Mal in diesem Jahr seine Türen. Es gibt Kaffee und Kuchen sowie einen kleinen Flohmarkt.

Das Kaisenhaus-Museum finanziert sich heute überwiegend durch Spenden und Unterstützung des Stadtteilbeirats Walle.

Das Kaisenhaus-Museum finanziert sich heute überwiegend durch Spenden und Unterstützung des Stadtteilbeirats Walle.

2 Anmerkungen zu “Bremer Geschichte auf kleinstem Raum – das Kaisenhaus-Museum

  1. Constantin Baba says:

    Wo sind Bilder von Kaisern Häusern Wangerooger Weg Bremen Ochtum zur finden???

  2. Lieber Constantin, von Kaisenhäusern an der Ochtum liegen uns leider keine Bilder vor. Haben die Häuser Besonderheiten, was macht diese aus? Viele Grüße, Ingrid

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