In aller Öffentlichkeit: Ist das Kunst oder …?

In Bremen gibt es an die 700 dauerhaft installierte Kunstwerke und Denkmäler. Täglich passieren sie zahlreiche Menschen auf ihren Wegen. Auch ich komme an vielen davon vorbei, ohne sie oftmals wirklich wahrzunehmen. Es gibt auch eine ganze Menge, die man auf den ersten Blick gar nicht als Kunst wahrnimmt. Ich mache mich auf einen Rundgang.

Mal ganz ehrlich, wer kennt das nicht: Da bewegt man sich auf einem der üblichen Wege durch die Stadt und auf einmal fällt einem eine Skulptur, eine Installation oder ein Denkmal auf. Sofort schießt einem die Frage durch den Kopf: „Stand das da schon immer?“ Die Antwort darauf heißt in den meisten Fällen: „Nein, natürlich nicht immer, aber es befindet sich schon seit langem an diesem Ort.“

„Bremen ist bundesweit die erste Stadt gewesen, die die Kunst im öffentlichen Raum als staatliches bzw. kommunales Kunstprogramm formulierte“, so heißt es auf der zugehörigen Website. Das Programm löste in den 1970er Jahren die sogenannte Kunst-am-Bau-Regelung ab, die seit den 50ern (und auch schon zuvor) für einen gewissen Kunstanteil im städtischen Bauwesen gesorgt hatte. Ihm lag der Gedanke zu Grunde, Kunst aus dem Museumraum herauszuheben und für alle zugänglich zu machen. Das Angebot nehme ich Ende Mai mal bewusst wahr und schaue mir ein paar Kunstwerke genauer an.

Am Bahnhof geht der Mond auf

Ich starte am Bahnhof. Vorm alten Postamt, an der Ecke „An der Weide“ steht ein ziemlich großes Kunstwerke. Es ist der Aufgehende Mond von Manfred Ortner. Die Telefonzelle unterhalb an der Gebäudemauer gehört zum Gesamtkunstwerk, das in Zusammenarbeit mit der Künstlergruppe Haus-Rucker-Co entstand. Abends wird die riesige Tellerlinse, die auf mehreren Stelzen balanciert, beleuchtet.

„Aufgehender Mond“ (1990) von Manfred Ortner

„Aufgehender Mond“ (1990) von Manfred Ortner

Ins Zentrum der Macht

Weiter geht es zum Rudolf-Hilferding-Platz. Hier vor dem heutigen Sitz des Finanzsenators und dem ehemaligen Haus des Reichs steht seit 1989 eine große Arbeit des Künstlers HAWOLI. Sie stellt die Fragilität der Macht dar, wie ich der Beschreibung auf der Kunst im öffentlichen Raum-Webseite entnommen habe. Die Arbeit heißt Fragment und besteht auch aus einzelnen solcher, nämlich aus vier umgekippten Steinsäulen und aus drei aufrecht stehenden Säulen, die oben mit einer großen Manschette zusammengehalten werden. Als ich das Werk fotografiere, spricht mich ein Passant an, ob ich ihm die Bedeutung erklären könne. Ich fasse ihm kurz das Gelesene zusammen, er bedankt sich und schlendert weiter.

„Fragment“ (1989-1991) von HAWOLI

„Fragment“ (1989-1991) von HAWOLI

Die Raupe auf dem Würfel

Auch ich gehe weiter und gelange durch den Richtweg auf den Präsident-Kennedy-Platz. Hier steht eine Skulptur des Künstlers Bernd Uiberall, die im Rahmen der 1. öffentlichen Bildhaueraktion 1974 auf dem Platz entstand. Warum die Arbeit Raupe heißt, ist deutlich zu erkennen. Ich mag die Arbeit aus einem stringenten Glaswürfel mit Querstreben und der organisch anmutenden Polyester-Schaumstoff-Raupe, die im Dunkeln leuchtet und die Strenge des Quaders irgendwie auf eine fast verschmitzte Art auflöst.

„Raupe“ (1974) von Bernd Uiberall

„Raupe“ (1974) von Bernd Uiberall

Mittendrin das Ende

Über die kleine Fußgängerbrücke mache ich einen kleinen Abstecher zur Bischofsnadel, der Wall-Unterführung zum Domshof. Hier steht der Bronzeguss Das Ende von Bernd Altenstein. Auf mich übt die Skulptur etwas Unheimliches und Düsteres aus. Allerdings muss ich auch ein bisschen schmunzeln, denn auch hier begegnet mir ein gutes Beispiel, wie sehr sich Kunst und Stadt durchdringen. Zwei Räder sind an den Fuß der Bronzefigur gekettet, die mit aller Wucht versucht, in der Wand zu verschwinden. So bekommt die Momentaufnahme irgendwie einen amüsanten Anblick, weil es so scheint, als wenn die Fahrräder die Figur an ihrem Handeln hindern.

„Das Ende“ (1978) von Bernd Altenstein

„Das Ende“ (1978) von Bernd Altenstein

Ein Brunnen für drei

Natürlich zählen zu Kunstwerken im öffentlichen Raum auch deutlich ältere Arbeiten wie zum Beispiel ein Brunnen an der Ecke Ostertorsteinweg und Contrescarpe. Der Tränkbrunnen aus Gusseisen ist von 1900, wurde aber erst 1960 wieder restauriert und aufgestellt. Beim Recherchieren bin ich deswegen auf den Brunnen aufmerksam geworden, weil er auf eine besondere Weise friedliches Miteinander für mich demonstriert: Er ist nämlich gleicherzeitig Tränke für Hunde (unten), Pferde (Mitte) und Vögel (oben). Passenderweise ist er komplett von der Außeneinrichtung eines Cafés umstellt. So wie die Kunst sich in die Stadt integriert, arrangiert sich eben die Stadt auch um sie herum.

„Tränkebrunnen“ (1960) von Unbekannt

„Tränkebrunnen“ (1960) von Unbekannt

Wo Paula und Heinrich sich treffen

Weiter geht es jetzt für mich über den Paula Modersohn-Becker-Steg hinter die Kunsthalle und an der Bronzebüste eben jener Künstlerin vorbei, geschaffen von Clara Westhoff. Gleich ein paar Meter weiter finde ich das Denkmal eines weiteren großen Künstlers, allerdings der schreibenden Zunft. Hier am Rande der Wiese wurde 2010 das Heinrich-Heine-Denkmal von Waldemar Grzimek aufgestellt. Ebenfalls zum 100. Todestag des Autors, ebenfalls aus Bronze. Es gibt noch drei weitere Abgüsse in Ludwigsfelde und in Berlin. Der vierte ist ein Geschenk von Uwe Hollweg und Klaus Hübotter an die Stadt Bremen.

„Denkmal Paula Modersohn-Becker“ (2007) von Clara Westhoff

„Denkmal Paula Modersohn-Becker“ (2007) von Clara Westhoff

„Heinrich Heine“ (2010) von Waldemar Grzimek

„Heinrich Heine“ (2010) von Waldemar Grzimek

Kunst im Tunnel, Kunst im Fluss

Durch den Kunsttunnel gelange ich an die Weser. Flussaufwärts bringt die Weserfähre Passanten auf die andere Uferseite. Sie ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie gut Kunst sich an ihre Umgebung anpassen kann. Die Bemalung des Schiffs ist nämlich eine künstlerische Arbeit von Veronika Dobers, deren Entwurf und Idee bei einem Wettbewerb von Hal över gewannen. Gemeinsam mit Dorit Hillebrecht und Rolf Wienbeck setzte sie die Arbeit um. Ich habe vorher noch nie darüber nachgedacht, dass die Fähre ja auch einfach weiß sein könnte. Irgendwie ist ihre Bemalung für mich schon immer selbstverständlich gewesen.

Der Kunsttunnel

Der Kunsttunnel

Gestaltung der Fähre „Ostertor“ (1985) von Veronika Dobers, Dorit Hillebrecht und Rolf Wienbeck

Gestaltung der Fähre „Ostertor“ (1985) von Veronika Dobers, Dorit Hillebrecht und Rolf Wienbeck

Flussabwärts

Ich wende mich nun aber nach rechts und gelange zu den nächsten beiden Kunstobjekten. Sie sind beide vom selben Künstler, nämlich von Hein Sinken. Die Arbeit Windobjekt erkenne ich schon von der Weserpromenade aus. Drei schlanke Fahnenmasten ragen gen Himmel. Die oben aufliegenden Querstreben drehen sich lautlos im leichten Wind. Einmal über die große Kreuzung an der Wilhelm-Kaisen-Brücke kann ich nun, nachdem ich die Steintreppe von der Weser hochgestiegen bin, auch die zweite Arbeit ausmachen. Sie heißt Kinetische Plastik. Es ist im Rahmen des Projekts „Moving the city“ von seinem ursprünglichen Standort auf einem Schulhof 2003 an diese Stelle gezogen. Die Edelstahl-Halbkugeln bewegen sich in einander und umeinander durch den Wind. Sie erinnern mich irgendwie an riesige Eiskellen.

„Windobjekt“ (1978) von Hein Sinken

„Windobjekt“ (1978) von Hein Sinken

„Kinetische Plastik“ (1973) von Hein Sinken

„Kinetische Plastik“ (1973) von Hein Sinken

Ein Kunstturm als Kommando-Zentrale

Ich mache einen kleinen Abstecher zur Domsheide. Hier steht der Verkehrs-Turm von Per Kirkeby. Auch er ist Kunstobjekt und gleichzeitig hat er lange die Funktion der Verkehrsleitzentrale der Bremer Straßenbahn AG. Das Bauwerk hebt sich durch das intensive Rot der Klinkersteine von seiner Umgebung ab, fügt sich aber durch seine ehemalige Funktion gleichzeitig auch perfekt ein. Irgendwie gehört er unweigerlich zur Domsheide dazu.

Verkehrs-Turm (1988) von Per Kirkeby

Verkehrs-Turm (1988) von Per Kirkeby

Vier Meter Tidenhub in Form von Kunst

Ich wende mich wieder in Richtung Weser, biege aber an der Kreuzung in die Martinistraße rechts ein. An der Pieperstraße finde ich den Gezeitenbrunnen von Wolfgang Zach. Vier Edelstahl-Säulen ragen in unterschiedlicher Länge in die Höhe. Von einer in den Boden eingelassenen Tafel erfahre ich, dass die Säulen den tatsächlichen Tidenhub in der Weser anzeigen, und zwar an den Orten Bremerhaven, Brake und Bremen.

Gezeitenbrunnen (1992) von Wolfgang Zach

Gezeitenbrunnen (1992) von Wolfgang Zach

Ein Giebel auf der Brücke

Am Brill biege ich nach links auf die Bürgemeister-Smidt-Brücke ab. Hier finde ich auf der rechten Seite das Outdoor Piece For Bremen des Concept Art-Künstlers Sol Lewitt. In der  Anordnung der weißen Mauersteine findet sich die typische Giebelform der alten Teerhof-Häuser wieder. Auch das  gegenüberliegende Museum Weserburg hat diese Form im Logo.

„Outdoor Piece For Bremen“ (1994) von Sol Lewitt

„Outdoor Piece For Bremen“ (1994) von Sol Lewitt

Auf der Bügermeister-Smidt-Brücke findet man auch diese spannende Arbeit: "Die Bremer Befragung. Sine Somno Nihil" (1995) Jochen Gerz

Auf der Bügermeister-Smidt-Brücke findet man auch diese spannende Arbeit: „Die Bremer Befragung. Sine Somno Nihil“ (1995) Jochen Gerz

Affentheater

Zurück am Brill schaue ich mir noch die Affenskulptur von Jörg Immendorff an. Das Affentor aus Bronze ist über sechs Meter hoch. Die Affen sind, wie so oft in Immendorffs Arbeiten, als Symbol für Selbstironie zu verstehen. Fast sehe ich sie umher tollen und verspielt mit einander raufen.

„Affentor“ (2007) von Jörg Immendorff

„Affentor“ (2007) von Jörg Immendorff

Es wird rund wie die Acht

Auf meinem Weg zurück zum Bahnhof begegnen mir noch eine ganze Menge Denkmäler und Skulpturen. Die Stadt ist voll davon und ich merke, wie unausgefüllt die Straßen und Plätze wären, wenn die Kunst sie nicht so vielfältig beleben würde. Am Hillmannplatz mache ich noch kurz an der Arbeit Eisengitter von Norbert Radermacher Halt. Sie führt für mich die Verbindung von Kunst mit städtischem Raum und Funktion perfekt ins Absurde.

„Eisengitter“ (1988) von Norbert Radermacher

„Eisengitter“ (1988) von Norbert Radermacher

Die Seite zum Programm Kunst im öffentlichen Raum ist für Infos zu allen Arbeiten, die im Stadtraum zu finden sind, absolut zu empfehlen.

15 Anmerkungen zu “In aller Öffentlichkeit: Ist das Kunst oder …?

  1. Bernd says:

    Es ist sehr interessant wie viele riesige Skulpturen es in Bremen gibt. Schade dass man diese so gar nicht mehr wirklich wahrnimmt. Ich finde, selbst die abstrakteste Kunst hat eine Daseinsberechtigung.

  2. Rike Oehlerking says:

    Dem kann ich nur zustimmen :-)

  3. Heiner says:

    Da kann ich meinem Vorredner nur zustimmen. Ich finde es wirklich beeindruckend, wie abstrakte Kunst künstlerisch wertvoll in unsere Umwelt integriert werden kann!

  4. Rike Oehlerking says:

    Genau. Ich laufe seit meinem Rundgang auch mit einem anderen Blick durch die Stadt. Es gibt wirklich so viel Kunst – kein Wunder, dass man da manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht :-)

  5. Martina Ziesing says:

    Danke für diesen Artikel, er hat mir mal wieder gezeigt wie überraschend Bremen ist. Man entdeckt immer wieder Neues – egal wie lange man schon in dieser Stadt lebt. :-)

  6. Rike Oehlerking says:

    Dem kann ich nur zustimmen :-)

  7. Katharazzi says:

    Interessante Auflistung, oft läuft man einfach an diesen Kunstwerken vorbei… ich glaub ich muss auch mal verstärkt darauf achten….

  8. Rike Oehlerking says:

    Ja, es lohnt sich bestimmt, mal hier und da genauer hinzuschauen… viel Spaß dabei!

  9. Peter says:

    Eine sehr schöne Sammlung, die Sie da zusammengetragen haben – auch für Nicht-Bremer wie mich. :-) Mein Favorit ist definitiv die Raupe! Die Kunstwerke aus Edelstahl sagen mir persönlich mal wieder nicht ganz so zu, obwohl es mein tägliches Arbeitsmaterial darstellt ( ich meine übrigens, so eine „Kinetische Plastik“ auch schon mal in Hannover gesehen zu haben). Insgesamt ist das leider selten der Fall; dabei gibt es immer wieder Fälle, die beweisen, dass man aus Edelstahl auch sehr ansprechnde Objekte herstellen kann. Die „Dendroiden“ von Roxy Paine zum Beispiel gehören für mich definitiv dazu. Ein Beispiel findet man hier: –> http://www.awmagazin.de/design-style/design-news/artikel/maelstrom-von-roxy-paine
    Grüße,
    Peter

  10. Rike Oehlerking says:

    Ja, ein schönes Beispiel. Dank dafür.
    Ich war übrigens auch der Meinung, dass es in Hannover eine ganz ähnliche Arbeit gibt… und tatsächlich fand heraus, dass dem so ist und die Arbeit auch vom selben Künstler stammt.

  11. Peter says:

    Na, dann lag ich ja richtig. :-) Danke für das Update!

  12. Schöner Blogbeitrag – Ein Brunnen für drei habe ich selbst schon Vorort sehen dürfen und war begeistert von diesem Kunstwerk.

    Liebe Grüsse Sebastian

  13. Rike Oehlerking says:

    Hallo Sebastian! Danke. Der Brunnen ist in der Tat spannend…
    Besten Gruß.

  14. Harald says:

    Danke für den Beitrag. Bremen hat wirklich viel zu bieten. Bei dem Brunnen frage ich mich, wo der herkommt, denn den habe ich auch schon in anderen Städten gesehen (und natürlich in der Obernstraße).

  15. Rike Oehlerking says:

    Unter folgendem Link finden sich ein paar Infos zum Brunnen :-)
    http://www.kunst-im-oeffentlichen-raum-bremen.de/werke/kior_art/show/traenkebrunnen.html
    Besten Gruß.

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