Liebeserklärung an eine Kommode

Gut 140 Jahre ist sie alt und eines der Wahrzeichen der Stadt Bremen, die „umgedrehte Kommode“ auf dem Stadtwerder. Ein Wasserturm, der erst seine Aufgabe und später seine Füße, oder besser gesagt Turmspitzen, verloren hat und eine neue Bestimmung sucht.

Ja, ich bin verliebt in diese betagte stolze Dame.

Sie kommt trutzig daher, vielleicht auch trotzig, und ist doch so verletzbar und ganz leer. Um sie herum erwacht die Natur langsam zum Leben, rund um ein neues Stadtviertel. Eine Schlafstadt ist im Entstehen, die sich meine geliebte Kommode vielleicht mehr als schöne Kulisse denn als lebendigen Ort wünscht. Ich sehe ihr an, wie sie altert. Sie wartet darauf, in liebevolle Hände zu kommen.

Kommode hinter neuen Gebäuden und Schild Schlafstadt

Kommode hinter neuen Gebäuden und Schild Schlafstadt

Für Investoren heißt das eine lukrative, denkmalschutzkonforme und barrierefreie Nutzung zu finden, die auch in der neuen Nachbarschaft Akzeptanz findet. Die Aufgabe ist nicht leicht. Ideen hätte ich viele, wenn ich über Lärm und Autos einen Moment nicht nachdenke, das macht ja keinen Spaß. Ich sehe mich draußen bei guter Musik im Biergarten sitzen, erkenne auf dem Dach ein Restaurant mit Bar und herrlicher Sicht über die Stadt, Aussichtspunkte auf den verbliebenen Türmen, ich tanze im geistigen Auge auf Rock-Konzerten und sehe mir spannende Kunstausstellungen an. Ein ganz besonderes Design-Hotel könnte entstehen; oder ein Zentrum für Nachhaltigkeit inklusive Bauernmarkt, Laden mit Öko-Fair-Trade-Design-Produkten und mehr. Alle Kleingartenbesitzer könnten ihre überschüssige Ernte dort feilbieten – regionaler geht es nicht. Die bremer shakespeare company hat während der Zeit des Theater-Umbaus ganz real gezeigt, wie man die Kommode für Theateraufführungen nutzen und mit beleuchteten Fenster weithin sichtbar in Szene setzen kann. Jede Menge Ideen für jede Menge Leben.

Doch wo wohnt sie eigentlich, die Kommode?

Die Kommode hinter den Dächern der Bremer Neustadt

Die Kommode hinter den Dächern der Bremer Neustadt

Ich mache eine Entdeckungsreise und beginne auf dem Dach meines Hauses in der Neustadt. Da hinten ist sie, rechts daneben ist der runde Turm der Städtischen Galerie Buntentor an der Schwankhalle zu sehen. Zwischen beiden Seiten der Kleinen Weser, also Kommode und Kulturzentrum Schwankhalle, sollte es mal eine Brücke geben, die an Protesten bisher aber gescheitert ist, wegen der Bäume. Rüber geht’s also nicht direkt, stattdessen nehme ich die Weserbrücke am Deichschart, die heute Morgen ganz leer ist. An schönen Wochenenden treffen sich hier unglaublich viele FreizeitsportlerInnen, Familien, Hunde samt BesitzerInnen, MüßgiggängerInnen und ein paar Heimatlose. Dazu jede Menge Kleingarten- sowie abends das Grill- und Partyvolk. Es ist toll die unterschiedlichsten Menschen zu beobachten, und schon hier erfasst mich ein leichtes Urlaubsgefühl.

Panoarama der Kleinen Weser am Deichschart

Panoarama der Kleinen Weser am Deichschart

Etwas stadtauswärts komme ich zum Werdersee. Dort lässt es sich super grillen, chillen, baden. Mein Entspannungs-Tipp für lau: Einfach auf einen Steg setzen, Füße ins Wasser halten, Erfrischungsgetränk genießen und Enten beobachten. Hört sich unspektakulär an, ist aber: Toll! Wer braucht schon Wellness? Noch ist es dafür aber für meinen Geschmack zu frisch. Also geht es weiter mit dem Rad.

Der Werdersee - Strand und Enten

Der Werdersee – Strand und Enten

Durch das ruhige Kleingartengebiet mit vielen skurril-verrückten bis skurril-pedantisch getrimmten Parzellen gelange ich von der Kleinen Weser zur „richtigen“ Weser. Am Strandweg (was für eine Adresse!) befindet sich unter anderem das Café Sand mit dem Stadtstrand und der Sielwallfähre, die mich schon so oft in mein „Viertel“ gebracht hat, aber das ist eine andere Liebesgeschichte. Rundherum befinden sich ein Licht-Luft-Bad, Segelvereine, Beach Club, Kuhhirte, Kinderwildnis, die Zentrale der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (Danke für euer Engagement!) gegenüber der Hochschule und vieles mehr. Jede Menge buntes Leben, Urlaub in der Stadt, …

Collage mit Motiven rund um die Kommode

Collage mit Motiven rund um die Kommode

… und mittendrin schläft die Kommode ihren Schönheitsschlaf.

Collage von Aufnahmen der Kommode

Collage von Aufnahmen der Kommode

Rettet die Kommode!

Wenn ihr Ideen habt, wie man „meine“ Kommode nutzen und langfristig erhalten kann, dann freue ich mich auf eure Kommentare!

Übrigens: Im Inneren des Turms befinden sich noch zwei stählerne Flachbodenbehälter mit einem Fassungsvermögen von 800.000 Litern. Was man daraus nicht alles machen kann!?

6 Anmerkungen zu “Liebeserklärung an eine Kommode

  1. Nyabana says:

    Da bin ich wirklich neugierig geworden – kann man das Gebäude eigentlich besichtigen?

    Ich kann mir einfach so in meiner Phantasie noch nicht ganz vorstellen, was für Ausmasse 800.000 Liter wohl in der Realität haben… Das reicht wahrschinlich nicht für ein Tauchzentrum wie es das im Ruhrgebiet in ehemaliger Industriearchitektur bereits gibt, oder?

    Ich persönlich wäre auf jeden Fall für eine coole Rooftop-Bar, die aber wahrscheinlich aus Lärmschutzgründen von den Anwohnern bereits im Keim erstickt werden würde. Nichtsdestotrotz, ein gutes (heisst ja nicht notwendigerweise teures) Konzept – weit von einem 08/15-Desaster entfernt ! – für eine Bar mit Restaurant über den Dächern von Bremen würde die Stadt wirklich bereichern und bestimmt neue Besucher in unsere schöne Stadt locken.

    Ich kann auch nur dafür plädieren, die Dame mit Kreativität aus ihrem Dornröschenschlaf zu holen. Wer also hat Ideen UND das nötige Kleingeld ?

  2. Hallo Nyabana, vielen Dank für deinen Kommentar. Zu deiner Frage: Das Gebäude kann man leider nicht besichtigen.

  3. Michael Wildhagen says:

    In der Kommode hoch oben könnte auch eine Wellness Landschaft entstehen.Eine schöne, bitte kein Fitnessstudio, davon gibt es genug.Nette Vorstellung: So nach der Sauna, vielleicht mit einem Glas Sekt den Sonnenuntergang zu bewundern…………

  4. albert schnelle says:

    Leider präsentiert sich die Kommode heute ohne ihre Füße. Die Ecktürmchen wurden aus unerfindlichen Gründen in den 50er Jahren verstümmelt. Zu einer denkmalgerechten Sanierung müsste selbstverständlich die Wiederherstellung der Türme gehören, damit man die alte Wasserkunst wieder auf ihre vier Beine stellen kann !

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