Im Keller der Geschichte(n) – Literaturkeller Bremen

Es mag schon an die zwei Jahre her sein, als ich bei einer Vorstellung im Literaturkeller war. Dennoch steigen sofort wieder Erinnerungen an den Abend in mir hoch, als ich den urig mit Holz verkleideten Kellerraum betrete. Diesmal bin ich tagsüber zu Besuch und lasse mir vom Theaterbetreiber Benedikt Vermeer die Geschichte hinter den Geschichten erzählen.

Das kurzweilige Stündchen meines letzten Aufenthalts ist mir noch gut im Gedächtnis. Vor allem Benedikt Vermeers Stimme hat sich offensichtlich fest darin verankert. Zumindest habe ich bei der Begrüßung mit dem Schauspieler direkt wieder Bilder vom damaligen „Faust“-Abend vor Augen.

Einlass: Ganz so rot wie auf dem Bild ist es in Wirklichkeit nicht, aber mindestens genauso gemütlich

Einlass: Ganz so rot wie auf dem Bild ist es in Wirklichkeit nicht, aber mindestens genauso gemütlich

So ein Besuch im „kleinsten Theater der Welt“, wie der Weser Kurier den Literaturkeller einst betitelte, bleibt unvergessen. Alles daran ist besonders und in erfrischender Weise anders, als man es von einem üblichen Theaterabend kennt. Gäste werden persönlich am Hauseingang des alten Kontorhauses in der Schildstraße in Empfang genommen und in die Katakomben geleitet. Dort nehmen sie in einem winzigen Raum so nah nebeneinander Platz, dass sich ihre Schultern berühren. Ich erinnere mich noch gut an das kurzzeitig befremdliche, dann durchaus aufheiternde Gefühl mit gut 20 Menschen auf so engem Raum zu sein. Der uralte Kellerraum im ehemaligen Verwaltungsgebäude des angrenzenden Lagerhauses (heute Kulturzentrum) strahlt Schutz und Geborgenheit aus. Das dunkle Holz der Vertäfelung und Samtstoffe tragen ihren Teil dazu bei. Die heimelige Stimmung ist so eindringlich, dass es für die Theaterstücke kaum noch Requisiten, nur ein bisschen Kostümierung und vor allem so gut wie keine Kulisse braucht. Das ist auch gut so – all das hätte neben den Spielenden im Bühnenbereich ohnehin keinen Platz mehr.

Im kleinen Kellergang vor dem Raum ist Empfang und Garderobe

Im kleinen Kellergang vor dem Raum ist Empfang und Garderobe

In der Kürze liegt die Würze

„Faust in 40 Minuten“ hieß es damals – und tatsächlich, so erinnere ich mich, ist das Stück, das auch heute noch regelmäßig im Programm zu finden ist, so sehr auf seine Essenz komprimiert, dass es geradezu zur rasant unterhaltenden Kurztragödie wird. Bestens vorgetragen und gespielt vom Theaterbetreiber Vermeer. Inzwischen haben er und seine Frau Gala Z., die das Theater gemeinsam 2009 gründeten, 18 Stücke im Repertoire. Von Goethe und Schiller über Heine und Tucholsky bis hin zur Biographie der Schauspielerin Sarah Bernardt oder Wilhelm Busch – ein abwechslungsreiches Programm voller Geschichten, die allesamt von den Theatermachern selbst für den Literaturkeller zurecht geschrieben wurden. Ohnehin machen die beiden eigentlich alles selbst. Für neue Stücke laden sie sich ab und zu jemanden ein, der mit dem Blick der Endregie noch einmal zuschaut. Meistens aber führen sie selbst gegenseitig Regie, bearbeiten die Stücke und entwickeln Licht- und Tonkonzept.

Requisite beim "Faust" - der Schädel ist eine der wenigen Utensilien, die beim Faust zum Einsatz kommen

Requisite beim „Faust“ – der Schädel ist eine der wenigen Utensilien, die beim Faust zum Einsatz kommen

Durch die räumliche Nähe, die für viele schon an sich eine kleine Herausforderung darstellen dürfte, hat so ein Theaterstück im Literaturkeller seine ganz besondere Intensität. Deswegen dauern die Stücke nicht länger als sechzig Minuten. Genau richtig – alles andere wäre einfach zu viel des Guten.

Für die One-(wo)man-show - auch Musikeinspielungen, Licht und Filmprojektionen werden von den Schauspielenden direkt gesteuert

Für die One-(wo)man-show – auch Musikeinspielungen, Licht und Filmprojektionen werden von den Schauspielenden direkt gesteuert

Klein aber fein

Die Idee, in dem kleinen Kellerraum ein Theater zu eröffnen, entstand vor gut acht Jahren. Damals waren die beiden mit einer Theatergruppe oben im Haus auf einer Bühne zugegen und lagerten im Keller Kulissen und Requisiten. „Irgendwann kam es dazu, dass wir den Keller mal ganz leer geräumt haben“, erinnert sich Benedikt Vermeer – übrigens kein Künstlername, sondern der echte. „Erst da tat sich die Schönheit dieses Raums auf.“ Als Versuchsprojekt gingen sie anfangs mit einer Vorstellung pro Woche an den Start. Nach einem Jahr waren die Vorstellungen stets ausgebucht, sodass sie nach und nach ihr Programm erweiterten. Inzwischen umfasst der Spielplan mindestens drei Abende pro Woche, meistens sogar mehr.

Genauso muss meiner Meinung nach eine Theatergarderobe aussehen!

Genauso muss meiner Meinung nach eine Theatergarderobe aussehen!

Geschichtsträchtige Wände

Während meines Besuchs wird mir die Besonderheit des Literaturkellers noch einmal deutlich. Allein die Tatsache, dass wir in einem ehemaligen privaten Weinkeller eines Hauses von 1870 sitzen, begeistert mich. Hier ist 150-jähige Geschichte spürbar. Alte Bücher in den Wandregalen und das Ticken einer 100 Jahre alte Standuhr unterstreichen das altertümliche Ambiente. Die Uhr sowie eine Spieluhr mit zwölf verschiedenen Liedern stammen von Vermeers Urgroßvater. „Er hat beides mit den eigenen Händen erbaut“, erzählt Vermeer. „Es ist schön, dass diese Gegenstände sich hier so gut einfügen und noch Verwendung finden.“

Bücher machen's gemütlich - vor über 100 Jahren wurde hier noch Wein gelagert

Bücher machen’s gemütlich – vor über 100 Jahren wurde hier noch Wein gelagert

100 Jahre alte Handarbeit vom Urgroßvater

100 Jahre alte Handarbeit vom Urgroßvater

Ebenfalls Handarbeit von vor 100 Jahren - eine Spieluhr, die zwölf verschiedene Lieder spielen kann

Ebenfalls Handarbeit von vor 100 Jahren – eine Spieluhr, die zwölf verschiedene Lieder spielen kann

Pay as much as you can

Gezahlt wird übrigens erst am Ende des Abends und zwar soviel, wie man eben kann oder möchte. Wenn man einen Gutschein verschenkt, dann kostet dieser 20 Euro – das sei in etwa der Richtwert, sagt Benedikt Vermeer. Aber es gibt letztlich keinen festen Preis. Auch das ist ein Aspekt, der das Theater von anderen unterscheidet. Beim Verlassen des Kellers freue ich mich darüber, dass das eher unkonventionelle Bezahlkonzept so gut funktioniert. Es ermöglicht schließlich auch Menschen einen Theaterbesuch, die sich das normalerweise nicht unbedingt leisten können.

Geheimnisvolle Box: Hierin wird am Ende der Vorstellung das Geld gesammelt

Geheimnisvolle Box: Hierin wird am Ende der Vorstellung das Geld gesammelt

Die 20 Plätze pro Vorstellung sind übrigens heiß begehrt: Ein Blick auf die Theater-Homepage zeigt, dass bevorstehende Aufführungen fast alle stets ausgebucht sind. Wer also einen Besuch im „kleinsten Theater der Welt“ plant, sollte in jedem Fall vorher Plätze reservieren.

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