Ausflug in höhere Gefilde – Bremen als Luftfahrtstandort

Man mag überrascht sein, aber Bremen hat nicht nur bezüglich des Elements Wasser eine ziemlich lange Tradition. Auch die Luft spielt als Fortbewegungselement schon seit über 100 Jahren eine wichtige Rolle in der Hansestadt. Ich hab mich auf die historischen Spuren der Luftfahrt begeben.

Als erstes fahre ich natürlich zum Flughafen. Liegt bei dem Thema ja nahe – und der Flughafen tut es auch. Nur elf Minuten braucht die Straßenbahn von der Innenstadt aus. Auch ich und mein Fahrrad sind schnell vor Ort. Als ich durch die Schiebetüren das Flughafengebäude trete, schlägt mir der typische Geruch des Langstreckenreisens entgegen. Kaffeegeruch mischt sich mit einem Hauch Parfüm. Rollkoffer werden über den glatten Boden gezogen, es liegt überraschend wenig Hektik in der Luft. Eher eine geruhsame Wartehaltung. Kurz steigt Fernweh in mir hoch.Der Flughafen Bremen feierte bereits 100-jähriges Jubiläum, weil hier einst der BVL seine ersten Flüge unternahm.

Der Flughafen Bremen feierte bereits 100-jähriges Jubiläum, weil hier einst der BVL seine ersten Flüge unternahm.Seit über 100 Jahren ist das Gebiet, auf dem sich heute der Flughafen Bremen befindet, mit der Luftfahrt verknüpft. Der heute noch existierende „Bremer Verein für Luftschiffahrt“ (seit 1913 ohne „schiff“ und kurz BVL) führte hier schon früh Flugversuche und schließlich auch Rundflüge für Privatpersonen durch und legte somit den Grundstein für den heutigen Flughafen. Nach dem ersten Weltkrieg beschloss der Senat die Eröffnung eines professionellen Flughafens, 1920 wurde er offiziell eingeweiht, im selben Jahr landete die erste Linienmaschine in Bremen. Seitdem ist viel passiert. Heute rangiert der Flughafen sowohl nach Passagier- als auch nach Frachtzahlen bundesweit auf Platz 11.

Auf Platz 11 im Bundesvergleich - über 40.000 Starts und Landungen sowie über 2,5 Mio. Passagiere pro Jahr.

Auf Platz 11 im Bundesvergleich – über 40.000 Starts und Landungen sowie über 2,5 Mio. Passagiere pro Jahr.

Zurück zu den Ursprüngen

Ich laufe zum Terminal 3. Hier ist die Bremenhalle zu finden, in der eine alte Junkers-Maschine ausgestellt ist. Nein, eigentlich nicht irgendeine, sondern die Maschine „Bremen“, die im April 1928 als erstes Flugzeug den Atlantik von Osten nach Westen überquert hat. Beim Anblick des silberglänzenden Wellblech-Fliegers kann ich mir lebhaft vorstellen, wie dieser Überflug gewesen sein muss. 36 Stunden brauchten Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld von der Norddeutschen Lloyd in Bremen, der Pilot Hermann Köhl und der irische Kopiloten James Fitzmaurice am 12. April 1928 von Baldonnel in Irland nach Greenly Island, Neufundland. Eineinhalb Tage nur das Brummen des Propellers, der Luftzug um die Tragflächen, das Ruckeln und Schaukeln der Winde an der kleinen Blechbüchse über dem riesigen Ozean – das war noch wahrer Abenteuergeist. Wieder kommt etwas Fernweh in mir auf.

Die Bremenhalle findet sich auf dem Terminal 3 am Flughafen

Die Bremenhalle findet sich auf dem Terminal 3 am Flughafen

Die "Bremen" brachte in ziemlich kleinen Sitzen ihre drei Insassen (Initialzünder war Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld - Büste) über den Atlantik.

Die „Bremen“ brachte in ziemlich kleinen Sitzen ihre drei Insassen (Initialzünder war Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld – Büste) über den Atlantik.

Die „Bremen“ erlitt in Neufundland schließlich eine Bruchlandung und konnte nicht wie geplant weiter nach New York fliegen. Auch an Land machte die Maschine noch so einige Abenteuer durch – sie wurde vom Deutschen Museum als Geschenk abgelehnt, landete wieder in den USA und hing hier zehn Jahre lang im Zentralbahnhof New Yorks, wurde letztlich von Henry Ford gekauft und ausgestellt. Nach 70 Jahren gelang es dem Verein „Wir holen die Bremen nach Bremen“ das Flugzeug als Leihgabe in den Bremer Flughafen zu überführen. Hier steht die alte „JU“ heute noch. Der Flughafen hat den Leihvertrag inzwischen übernommen.

Die "Bremen" wurde Ende der 1990er Jahre zunächst restauriert und dann in der Bremenhalle ausgestellt.

Die „Bremen“ wurde Ende der 1990er Jahre zunächst restauriert und dann in der Bremenhalle ausgestellt.

In einer Vitrine entlang einer der Hallenseiten finde ich zahlreiche Gegenstände aus der Zeit: Medaillen, Urkunden, Zeitzeugenberichte, Fotos und Flugpläne belegen die abenteuerliche Reise der „Bremen“ und ihrer Insassen.

Zahlreiche Exponate zeugen in den Vitrinen von einer aufregenden Zeit voller Pioniergeist und Abenteuerlust.

Zahlreiche Exponate zeugen in den Vitrinen von einer aufregenden Zeit voller Pioniergeist und Abenteuerlust.

Fortschritt unaufhaltsam

Ich gehe auf die anliegende Besucherterrasse hinaus und lasse meinen Blick über das Rollfeld schweifen. Just in diesem Moment landet tatsächlich eine Airbus A300B4-600ST (hab es nachgeschaut) – aufgrund der Form auch „Beluga“ genannt. Das riesige Flugzeug, das von Airbus für den Transport von Flugzeugteilen zwischen einzelnen Produktionsstätten eingesetzt wird, gibt es nur fünfmal auf der Welt. Ich staune jedes Mal, wenn ich eine Beluga sehe, weil ich kaum glauben kann, dass dieses unförmige, kugelige Ding wirklich fliegen kann.

Du kannst doch gar nicht fliegen - Belugas können es ja auch nicht.

Du kannst doch gar nicht fliegen – Belugas können es ja auch nicht.

Mir wird auf einmal die ganze Tragweite des Erfindergeists und der Abenteuerlust der einstigen Flugpioniere bewusst. Weder Charles Lindbergh noch der Freiherr von Hünefeld haben sich wohl träumen lassen, wo ihre Entwicklungen und Impulse einst hinführen würden.

Kleine Schmuckstücke - die Flugzeuge der Firma Junkers, kurz auch gerne "Ju" genannt.

Kleine Schmuckstücke – die Flugzeuge der Firma Junkers, kurz auch gerne „Ju“ genannt.

Berühmter Bremer Luftfahrtpionier

Es gibt übrigens noch einen Bremer, der sich wohl kaum ausmalen konnte, was seine Erfindungen einst für die Luftfahrt bedeuten würden: Henrich Focke. Der Sohn des Museumsgründers Johann Focke wurde 1890 in Bremen geboren. Ihn zeichnete schon früh ein unbändiger Forscherdrang aus, den er unter anderem während seines Maschinenbaustudiums auslebte. Mit Georg Wulf, ebenfalls ein Bremer, entwickelte er schon im jungen Alter verschiedene Flugzeuge, gründete schließlich 1923 mit ihm und dem Kaufmann Werner Naumann die Focke-Wulf-Flugzeugwerke in Bremen. Sein Kollege und Freund Georg Wulf kam 1927 bei einem Testflug ums Leben. Focke selbst begann schließlich in den 1930er Jahren mit der Entwicklung von sogenannte Drehflüglern und gründete nach seinem Austritt aus der Focke-Wulf-AG, die inzwischen mit den Albatros Flugzeugwerken fusioniert worden war und nun Kampfflugzeuge produzieren sollte, gemeinsam mit dem Kunstflugweltmeister Gerd Achgelis die erste Hubschrauberfabrik der Welt in Delmenhorst-Hoykenkamp. Nach dem Krieg war Focke zunächst Kriegsgefangener in Frankreich, schließlich eröffnete er in Bremen ein Ingenieursbüro und war im folgenden Jahrzehnt stets mit der Entwicklung von neuen Hubschraubertypen und anderen Maschinen (u.a. bei Borgward) beschäftigt. Anfang der 1960er Jahre erbaute er sich einen privaten Windkanal, um hier verschiedene Flugeigenschaften zu testen.

Nach dem Tod Fockes 1979 geriet der Windkanal zusehends in Vergessenheit. Erst Ende der 90er Jahre, um dieselbe Zeit als die „Bremen“ restauriert und anschließend in der Bremenhalle ausgestellt wird, wird der Doktorand Kai Steffen darauf aufmerksam und erfährt von Fockes Nachfolgern, dass der Windkanal noch existiert. Im Laufe der folgenden Jahre gelingt es, genügend Spenden zu sammeln, um den Windkanal und das Gebäude sanieren zu können. Seitdem können Interessierte den Focke-Windkanal regelmäßig besichtigen.
Nachtrag vom 21.03.2017: Lt. heutigem Zeitungsbericht wird der Focke-Windkanal zwar weiter gepflegt, ist aber nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich.

Fockes Erbe - er legte Zeit seines Lebens viel Energie in die Entwicklung von Drehflüglern.

Fockes Erbe – er legte Zeit seines Lebens viel Energie in die Entwicklung von Drehflüglern.

In noch höhere Sphären

Bevor ich meinen Rückweg antrete, fahre ich noch einen kleinen Schlenker vom Flughafen durch die Fitzmauricestraße zur Airbus-Allee.

Beim größten Flugzeughersteller Europas gipfelt das, was einst die Flugzeugpioniere begonnen haben

Beim größten Flugzeughersteller Europas gipfelt das, was einst die Flugzeugpioniere begonnen haben

Wie der Name schon verrät, hat hier der größte europäische Flugzeughersteller eine Produktionsstätte errichtet. Dort werden die Tragflächen aller Airbus-Flugzeugtypen konstruiert und gefertigt. Auch in der Raumfahrt ist Airbus Bremen tätig. Gleich nebenan hat die MT Aerospace AG mit der ESA eine riesige Fertigungshalle für Teile der Rakete Ariane 5 eröffnet. Es wird geforscht, getestet, produziert wie es einst die Flugzeugpioniere taten. Kaum auszumalen, was ich wohl an dieser Stelle in 100 Jahren über die Geschichte der Raumfahrt schreiben werde … ähm, würde.

Ein Kommentar zu “Ausflug in höhere Gefilde – Bremen als Luftfahrtstandort

  1. Ulrich Bremer says:

    Zum letzten Absatz:

    Die Strukturen der Tragflächen der AIRBUS Großraumflugzeuge kommen mit dem BELUGA-Transportflugzeug aus England nach Bremen, werden hier endgültig ausgerüstet und dann nach Toulouse zur Endmontage geflogen.

    In der neuen Halle der Firma MT Aerospace sollen die Tanks für die Oberstufe der Ariane 6 (nicht 5) gebaut werden. Die Endmontage der Oberstufe soll dann gleich nebenan in einer ebenfalls neuen Halle von AIRBUS stattfinden.

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