Bremer Köpfe: Mudder Cordes

Sie ist so etwas wie eine regionale Berühmtheit. Immer noch. Dabei ist sie schon vor über 100 Jahren gestorben. Mudder Cordes – ihres Zeichens so etwas wie Bremens erster mobiler Wochenmarkt. In der Knochenhauerstraße steht eine Skulptur von ihr.

Ruhig und sicher steht sie da, ihren Esel Anton ganz nah an sich geschmiegt. Die Statue von Mudder Cordes in der Knochenhauerstraße wurde 1987 in Auftrag gegeben. Vom Bauunternehmer Karl Engelland, Urenkel der einst stadtbekannten Frau. Die Künstlerin Christa Baumgärtel entwarf und fertigte die etwa zwei Meter hohe Bronzeskulptur.

Aber wen stellt sie eigentlich genau dar? Wer war diese Urgroßmutter des Skulpturauftraggebers? Mudder Cordes, ohne bremisch-lockere Aussprache Mutter Cordes, wurde 1815 in Bremen geboren, als Metta Behrens. Als Tochter eines Landwirtes aus Oberneuland war sie früh das arbeitsreiche Leben gewohnt. Nach dem Besuch der Dorfschule war sie als Hausgehilfin tätig.

Auf den ersten Blick recht mürrisch

Beim Betrachten der Skulptur fallen mir vor allem die harten Gesichtszüge auf. Erst einmal ist mir die mürrische Ausstrahlung nicht sonderlich sympathisch. Streng und konzentriert blickt diese Frau in skulpturenhafter Starre vor sich. Doch als ich um sie herumschleiche, entdeckte ich, dass ein leichtes Lächeln ihre Mundwinkel im linken Profil umspielen. „Eine klassische Hanseatin“, schießt es mir durch den Kopf. Erst einmal etwas abweisend, aber doch mit freundlichem Gemüt.

Von links gesehen (aus der Sicht der Skulptur) erahnt der Betrachter ein wohlwollendes Lächeln.

Von links gesehen (aus der Sicht der Skulptur) erahnt der Betrachter ein wohlwollendes Lächeln.

Hartes Leben

Mit 18 Jahren heiratete Metta den Zigarrenhersteller Cordes. Dieser verstarb früh und hinterließ neben der Witwe fünf gemeinsame Kinder. Aus der Not heraus musste Mutter Cordes schließlich vier ihrer Kinder ins Waisenhaus geben. Kaum auszumalen, was das für seelische Schmerzen bringen muss. Nur den jüngsten Sohn, der gerade einmal zwei Jahre alt war, behielt sie bei sich.

Ich konnte nicht herausfinden, ob es eine Art Brauch ist, Geld am Fuße der Statue abzulegen. Ich hab mich auf jeden Fall nicht getraut, die 50Ct. aufzuheben.

Ich konnte nicht herausfinden, ob es eine Art Brauch ist, Geld am Fuße der Statue abzulegen. Ich hab mich auf jeden Fall nicht getraut, die 50Ct. aufzuheben.

Stadtbekanntes Gespann: Der Esel Anton zog fast drei Jahrzehnte lang den mobilen Gemüsewagen durch die Stadt.

Stadtbekanntes Gespann: Der Esel Anton zog fast drei Jahrzehnte lang den mobilen Gemüsewagen durch die Stadt.

Not macht erfinderisch

Um sich und ihr Kind über Wasser zu halten, begann Mutter Cordes Gemüse und Obst von einem Kramwagen zu verkaufen. Daher auch an der linken Seite der Skulptur die Andeutung eines Wagenrads. Diesen Wagen zog sie selbst durch die Stadtteile, bevor ihr 1860 ein Hund geschenkt wurde. Von da an zog Sultan den Wagen durch die Stadt. Das Hundegespann erregte viel Aufmerksamkeit. Sechs Jahre lang schenkte ihr der Vierbeiner seine Dienste.

Ich sehe das Wagengespann vor meinem inneren Auge durch Bremens Straßen ziehen.

Ich sehe das Wagengespann vor meinem inneren Auge durch Bremens Straßen ziehen.

Mudder Cordes im Glück

Der Weg dieser Frau war zwar immer wieder recht steinig, aber auch von der glücklichen Hilfe begeisterter Mitmenschen gepflastert. Kurz nachdem ihr Sultan gestorben war, bekam sie von den Mitgliedern einer Totenladen (so eine Art Sterbeversicherung, die die Beerdigungskosten deckt) einen Esel geschenkt. Diese hatten nämlich ihren Pfingstausflug absagen müssen, weil das Wetter zu schlecht war. Auf Anregung des Küpers Anton Spohler kaufte man von dem Ausflugsgeld einen Esel und schenkte ihn Mutter Cordes. Natürlich bekam der Esel den Namen Anton.

I-A! Esel Anton war der treue Begleiter des Bremer Originals Mudder Cordes.

I-A! Esel Anton war der treue Begleiter des Bremer Originals Mudder Cordes.

Dreißig Jahre lang zog das Eselchen den mobilen Gemüseladen der Mutter Cordes. Nach seinem Tod stopfte das Überseemuseum ihn sogar aus. Sein Ableben nahm Mudder Cordes zum Anlass sich zur Ruhe zu setzen. Die 80-Jährige zog zu ihrer Tochter nach Delmenhorst, wo sie zehn Jahre später verstarb.

Typisch Bremen

Man bedenke, dass sich all dies im 19. Jahrhundert zutrug. Sicherlich gibt es vergleichbare Geschichten auch aus anderen Städten, aber mir kommt dennoch der Gedanke, dass so eine Figur wie Mudder Cordes „typisch bremisch“ ist. Sich als Frau im 19. Jahrhundert (als Frauen noch ziemlich wenig Rechte hatten) aus immer wieder hoffnungslos scheinenden Situationen mit viel Erfindergeist und Überschreiten gängiger Gesellschaftsregeln heraus zu kämpfen – das passt irgendwie ins tolerante Bild der Hansestadt. Dass sie trotz aller Not 90 Jahre alt wurde und dass die für ihren Überlebenskampf das Ansehen der Bürger genoss und sogar Hilfe bekam, ist allemal – ich kann es nicht anders sagen: Typisch Bremen!

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