Aus alt mach neu – Umnutzung ganz groß

Ich gebe es zu: Ich mag alte Dinge. Warum immer Neues anschaffen, wenn man doch auch aus Altem noch eine ganze Menge herausholen kann? Das gilt für jede Größenordnung. Daher freu ich mich auch jedes Mal, wenn statt eines Neubaus wieder ein altes Gebäude in Bremen einfach umgenutzt wird. Alte Gemäuer versprühen einfach mehr geschichtlichen Charme.

Ich mache mich mit dem Rad auf die Suche nach alten Gebäuden, in denen Neues stattfindet. Zunächst steuere ich Findorff an. Hier an der Bürgerweide steht das Kulturzentrum Schlachthof. Wie der Name schon verrät, war dies einst der städtische Schlachthof. Als das 1892 errichtete Backsteingebäude in den 1980er Jahren abgerissen werden sollte, gründete sich ein Verein, der diesen Abriss verhinderte und hier eine Veranstaltungsstätte eröffnete. Heute ist der Schlachthof eine der Top-Adressen, wenn es um Konzerte und andere kulturelle Events geht.

Kulturzentrum, Konzertstätte, Gastronomie - der Schlachthof an der Bürgerweide lockt mit buntem Programm.

Kulturzentrum, Konzertstätte, Gastronomie – der Schlachthof an der Bürgerweide lockt mit buntem Programm.

Die Geschichte des Schlachthofs passt ziemlich gut in mein heutiges Thema: Neues im Alten. Das sahen die Gründungsmitglieder des Schlachthofs wohl ebenso als Chance wie ich. Meiner Meinung nach generiert man echten Mehrwert, wenn es gelingt, Bestehendes zu erhalten und es kreativ zu nutzen. Viel zu oft wundere ich mich über Neubauten, wo doch andere Gebäude in dieser Stadt leer und ungenutzt sind. Außerdem mag ich vergangene Baustile oft lieber als das neue, glatte Äußere heutiger Bauten.

Musik in alten Gemäuern

Ich radel an diesem Vorzeige-(Fast-)Sommertag Mitte Juni durch Findorff, unterquere auf der Münchener Straße die Bahngleise und fahre in Richtung Hafen. An der Hans-Böckler-Straße ragt ein Bunker in die Höhe. Nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern auch wegen seiner auffälligen Bemalung, ist er kaum zu übersehen. Der Künstler Victor Ash kreierte die Wandbemalung Look at me, look at you 2009. Wenn alles gut läuft, werden hier in naher Zukunft ein Club sowie Ateliers und Werkstätten eines Kollektivs von Kultur- und Kunstschaffenden eröffnet.

"Look at me, look at you" - In diesem Bunker entsteht demnächst hoffentlich ein Club.

„Look at me, look at you“ – In diesem Bunker entsteht demnächst hoffentlich ein Club.

Ein paar Meter weiter wird ein altes Gebäude bereits von einem Verein genutzt. Die Musikszene Bremen bietet im ehemaligen Zollamt am Hansator Raum für Musikerinnen und Musiker der Stadt. In der Zollkantine finden Konzerte und andere Veranstaltungen statt.

Alte Hafengebäude ganz neu

Mein nächstes Ziel ist der Schuppen Eins. Das 400 Meter lange Gebäude am Europahafen hat immerhin auch schon fast 60 Jahre auf dem Buckel und diente einst als Umschlagsplatz für verschiedenste Güter, die hier von den Schiffen geladen und dann auf dem Landweg verteilt wurden. Vor zehn Jahren wurde das Gebäude von zwei Investoren gekauft, die hier neue Nutzungsmöglichkeiten schufen. So finden sich heute in dem einst größten Hafenschuppen der Stadt nicht nur zahlreiche Büros und mehrere gastronomische Stätten. Es gibt auch ein Fitnessstudio, eine Druckerei, ein Oldtimer-Museum, Team Escape und vieles mehr. Eines der spannendsten Elemente der Neunutzung lässt sich nur aus der Vogelperspektive sehen. Auf einem Teilstück des Daches sind zwanzig Wohnlofts entstanden, die sogar per Autofahrstuhl erreicht werden können.

Allein architektonisch ein spannendes Gebäude. Der Schuppen Eins ist Herberge für zahlreiche Nutzungen - Arbeit, Freizeit, Wohnen.

Allein architektonisch ein spannendes Gebäude. Der Schuppen Eins ist Herberge für zahlreiche Nutzungen – Arbeit, Freizeit, Wohnen.

Auch Schwimmendes wird neu genutzt

Ich fahre wieder stadteinwärts. Am Kaffeequartier mache ich noch einen kurzen Halt und schieße ein Bild vom alten Zollhaus. Hier ist heute ein Hostel untergebracht.

Vom Zoll- zum Schlafhaus: Hier ist ein Hostel untergebracht.

Vom Zoll- zum Schlafhaus: Hier ist ein Hostel untergebracht.

An der Willhelm-Kaisen-Brücke fällt mir noch eine Umnutzung ins Auge. Die MS Treue liegt hier am Tiefer-Anleger. Das alte Betonschiff beherbergt heute einen Club. Im Rumpf des Schiffes wird an Wochenenden getanzt und gefeiert. Umnutzung par excellence, denke ich. Wozu ein ausgedientes Holz-Transportschiff von 1943 verkommen lassen oder entsorgen, wenn man darauf auch einen Club einrichten kann?

Schon über 70 Jahre alt und aus Beton - schwimmt aber trotzdem: Die MS Treue.

Schon über 70 Jahre alt und aus Beton – schwimmt aber trotzdem: Die MS Treue.

Einst Transportschiff, heute Herberge für Feier- und Tanzlustige. Im Rumpf der MS Treue finden sich Bar und Tanzfläche für ausgiebige Partynächte.

Einst Transportschiff, heute Herberge für Feier- und Tanzlustige. Im Rumpf der MS Treue finden sich Bar und Tanzfläche für ausgiebige Partynächte.

Kloster trifft auf Leckereien

Am Domshof schließe ich mein Rad an, schlendere über den Marktplatz und schaue mir auch hier die Gebäude ganz genau an. Zum Thema passend fällt mir die Markthalle Acht auf, die in einem ehemaligen Bankgebäude untergebracht ist und gerade wächst und gedeiht.

Bremen hat wieder eine Markthalle! Wo? Na, am Marktplatz natürlich.

Bremen hat wieder eine Markthalle! Wo? Na, am Marktplatz natürlich.

Am Schüsselkorb biege ich nach links ab. Hier an der Ecke zur Katharinenstraße steht eingepfercht zwischen all den innerstädtischen Neubauten ein uraltes Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert. Das hier ansässige Restaurant Knurrhahn wirbt zwar damit, das älteste Fischrestaurant der Stadt zu sein. Aber ich vermute, dass auch dieses Gebäude mal für andere Zwecke erbaut wurde. Vielleicht also Bremens älteste Umnutzung.

Die vielleicht älteste Umnutzung der Stadt: Das Fischrestaurant Knurrhahn am Schüsselkorb.

Die vielleicht älteste Umnutzung der Stadt: Das Fischrestaurant Knurrhahn am Schüsselkorb.

Noch eingepferchter und etwas versteckt liegt der StadtWirt. Ebenfalls ein Restaurant, das in noch älteren Gemäuern eine Bleibe gefunden hat. Von außen ahnt man kaum, dass sich im Innern noch Mauern des im 13. Jahrhundert errichteten Katharinenklosters verbergen. Im ehemaligen Kreuzgang kann heute lecker gespeist werden. Der Mittagstischansturm ist gerade vorüber und so kann ich ungestört ein paar Bilder im Kreuzgang machen. Ich bilde mir ein, dass ich das Alter diese Gemäuer wirklich spüren kann. Eine ruhige Stimmung und angenehme Kühle umgeben mich. Hier lässt sich im Eifer des alltäglichen Gefechts sicherlich gut neue Kraft schöpfen.

Oben Parkhaus, unten Kloster aus dem 13. Jahrhundert. Direkt an der Katharinenpassage findet sich diese Umnutzung: Der StadtWirt.

Oben Parkhaus, unten Kloster aus dem 13. Jahrhundert. Direkt an der Katharinenpassage findet sich diese Umnutzung: Der StadtWirt.

Im alten Kreuzgang des Katharinenklosters kann heute lecker gespeist werden.

Im alten Kreuzgang des Katharinenklosters kann heute lecker gespeist werden.

Kreative Arbeit statt Schnaps

Auf der anderen Weserseite beende ich meine kleine Tour im Karton. Das Café ist angegliedert an die Alte Schnapsfabrik, die hier an der kleinen Weser steht. Tatsächlich wurde hier einst der Korn „Alter Senator“ produziert, aber das ist längst vorbei. Zwischendurch wurde der Komplex mal als Schulungsstätte der ehemaligen Beluga-Reederei genutzt. Vor fünf Jahren dann zog ein Kollektiv Kreativer hier ein. Kleine Event- und Werbeagenturen, Mediendesigner, Film- und Fernsehproduzenten, Musikstudios und noch viele weitere Freiberufler verschiedener Branchen fanden hier eine neue Arbeitsstätte.

Im Schnaps liegen die kreativsten Ideen? In diesem Fall stimmt das :-)

Im Schnaps liegen die kreativsten Ideen? In diesem Fall stimmt das :-)

Während ich meinen leckere Cappuccino schlürfe, fällt mir auf, dass sich die Umnutzung alter Gebäude in sämtlich Lebensbereiche erstreckt. Arbeit, Wohnen, Freizeit – so ließe sich das ganz knapp zusammenfassen. All das ist möglich in den alten Gebäuden dieser Stadt. Manchmal sogar vereint unter einem Dach. Jegliche Umnutzung trägt außerdem einen ganz ordentlichen Teil dazu bei, dass das städtische Bild ein Stück Baugeschichte bewahrt. Was wäre Bremen ohne die alten Hafengebäude, ohne die Schnapsfabriken und Schlachthöfe, ohne die alten Kloster- und Hansegemäuer in der Innenstadt, ohne einen schwimmenden Club? Wie gut, dass sich immer wieder Menschen finden, die mutig genug sind, aus Altem Neues zu machen.

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