Bremer Köpfe: Paula Modersohn-Becker

Seit 2007 steht hinter der Kunsthalle in den Wallanlagen eine kleine Büste. Sie stellt den Kopf der großen Künstlerin Paula Modersohn-Becker dar, die vor über 100 Jahren in Bremen und der Region wirkte. Beim Spaziergehen ist mir die Skulptur immer mal wieder aufgefallen.

Irgendwie ist sie eindringlich, diese Büste – und das, obwohl sie doch eigentlich geradezu zierlich wirkt. Ein kleiner Kopf auf einem schmalen Sockel. Vielleicht ist es die ungewöhnliche Haltung des Kopfes, vielleicht sind es die zarten, aber dennoch prägnanten Gesichtszüge der Frau, die ein solch wichtigen Namen trägt: Paula Modersohn-Becker. Zigmal hab ich den gemeißelten Namen im Steinsockel unterhalb der Bronzebüste gelesen. Oft hab ich ihr dann in die Skulptur-Augen geschaut, die zwar zielgerichtet, aber doch mit leerem Blick nach vorne schauen.

Die Vorlage der Büste stammt aus dem Jahr 1899, erschaffen von Clara Rilke-Westhoff. Noch so eine Künstlerin mit großem Namen – und damit meine ich nicht nur den ihres dichtenden Gattens. Die Bremer Bildhauerin war mit dem Worpsweder Kunstkreis verbandelt, mit dem sich auch Paula Modersohn-Becker im Laufe ihres Lebens unwiderruflich verwachsen sollte.

Ein Bronzeguss der Büste, die 1899 Clara Westhoff geschaffen hat. Der Sockel vom Künstler HAWOLI.

Ein Bronzeguss der Büste, die 1899 Clara Westhoff geschaffen hat. Der Sockel vom Künstler HAWOLI.

Der Weg zur Kunst

Ihr Schaffen war bewundernswert. In nur 14 Jahren, in denen sie aktiv als Künstlerin arbeitete, schuf sie fast zweitausend Gemälde, Zeichnungen und Radierungen. Das ist im Schnitt alle drei Tage eine Arbeit.

Wer war die Person hinter diesem Bronzekopf? 1876 in Dresden geboren, verlebte sie die ersten zwölf Jahre ihres Lebens dort. Paula hatte sechs Geschwister. Der Vater war Ingenieur, die Mutter entstammte einer Adelsfamilie. Ihnen waren Kunst und Kultur sehr wichtig, was sie an ihre Kinder ebenso weitergaben wie ihre Weltoffenheit. 1888 zog die Familie schließlich nach Bremen. Der Vater hatte zuvor seine Beamtenstelle verloren, weil sein Bruder Oskar Becker ein Attentat auf den damaligen preußischen König Wilhelm von Preußen verübt hatte und verurteilt wurde. In Bremen fand Paulas Vater eine Stelle im Baurat. Sie bezogen in der heutigen Schwachhauser Heerstraße eine Villa – das jetzige Haus Paula Becker. Hier hatte die junge Nachwuchskünstlerin ihr erstes Atelier und knüpfte erste Bande mit der Bremischen Kunstszene. Sie besuchte zunächst auf Drängen des Vaters ein Lehrerinnenseminar, schloss dieses auch erfolgreich ab, belegte aber nebenher weiter Kunstkurse.

Worpswede ruft

Nach einem Kunstkurs in Berlin und einem Sommerausflug nach Worpswede, auf dem sie sich unweigerlich in die farbenfrohe und doch einsame Landschaft des Teufelsmoors verguckte, zog sie 1898 aus Bremen in die Künstlerkolonie. Hier tauchte sie mehr und mehr in die Szene um die früh-expressionistischen Künstler der Jahrhundertwende ein, fuhr auch nach Paris und entwickelte zunehmend ihren eigenen Stil. 1901 heiratete sie den elf Jahre älteren und frischen verwitweten Otto Modersohn, aus dessen Tagebucheinträgen zu entnehmen ist, dass er fest davon überzeugt war, mit einer wichtigen Künstlerin verheiratet zu sein. Dennoch verkaufte Paula zu ihren Lebzeiten nur zwei Bilder – und diese jeweils an befreundete Künstler. Ohne eine Heirat mit dem erfolgreichen Künstler Modersohn, hätte sie ihrer Kunst nie so nachgehen können. Das hielt sie aber nicht davon ab, sich von Otto Modersohn nach fünf Jahren Ehe wieder zu trennen und sich in Paris ihrer Malerei zu widmen. Ihre Tagebücher und Briefe an befreundete Künstler zeugen davon, dass die Künstlerin in ihrem Schaffen oftmals an ihre körperlichen Grenzen gegangen ist. Schon früh verausgabte sie sich beim Malen so sehr, dass ihr Ärzte im Anschluss strenge Bettruhe verordnen mussten.

Je länger man ihr ins Gesicht schaut, desto mehr Regungen meint man zu erkennen.

Je länger man ihr ins Gesicht schaut, desto mehr Regungen meint man zu erkennen.

Zum Schluss

Nach einer Weile in Paris, kam sie schließlich doch wieder mit ihrem Mann zusammen. Einer ihrer innigsten Wünsche wurde wahr: Paula Modersohn-Becker wurde schwanger und brachte am 2. November 1907 ihre Tochter Mathilde zur Welt. Die Geburt war kompliziert und schwächte Paula sehr. Sie musste einige Wochen im Bett bleiben, bevor sie am 20. November wieder aufstehen durfte. Hierbei entstand eine Embolie und Paula Modersohn-Becker starb. Sie wurde 31 Jahre alt.

Zum Gedenken

Im November 2007 jährte sich ihr Todestag zum hundertsten Mal. Zu Gedenken wurde ein Bronzeguss der Büste von Clara Westhoff angefertigt und dieser auf dem Steinsockel des Bildhauers HAWOLI hinter der Kunsthalle installiert. Seitdem hat Paula Modersohn-Becker ein in Bronze gegossenes Denkmal in Bremen. Auch der Steg, der ganz in der Nähe der Skulptur, über das Ende des Stadtgrabens in den Wallanlagen führend trägt ihren Namen – und das Museum in der Böttcherstraße ist weltweit das erste Museum für eine Malerin. 1927 eröffnet, von Ludwig Roselius beauftragt und vom Bildhauer Bernhard Hoetger gebaut, sollte es als Sammlermuseum die Hauptwerke der Künstlerin der Öffentlichkeit bereitstellen. Schon zwanzig Jahre nach ihrem Tod war die Wichtigkeit ihres Werks bekannt.

Der Steg trägt auch ihren Namen.

Der Steg trägt auch ihren Namen.

Hinterm Gerhard-Marcks-Haus führt der Steg über das Endstück des Wallgrabens.

Hinterm Gerhard-Marcks-Haus führt der Steg über das Endstück des Wallgrabens.

Ich schaue noch einmal die Büste an und lächel ihr zu. Die harten Gesichtszüge weichen auf einmal sanfteren. Unter der strengen Oberfläche, ohne die sie nicht dorthin gelangt wäre, wo sie war, versteckt sich eine empfindsame Person mit einer klaren inneren Stimme. All das meine ich zumindest in dem bronzenen Gesicht zu erkennen.

Sie ist nur 31 Jahre alt geworden und dennoch ist ihr Werk so bedeutend..

Sie ist nur 31 Jahre alt geworden und dennoch ist ihr Werk so bedeutend.

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