Stippvisite bei Puppen und Bären

Am Osterdeich befindet sich ein Krankenhaus der ganz besonderen Art. Die Patienten hier sind nämlich meist recht klein, nicht wirklich lebendig, aber es geht immer um ihr Überleben. Täglich werden bei Christine Krah Puppen und Teddybären abgegeben. Ich bin mal auf einen Krankenbesuch dort vorbei.

Beim Betreten des Geschäftsbereichs im Souterrain der großen Villa am Osterdeich 59 starren mich unzählige Augenpaare an. Ich komme mir umgehend beobachtet vor und will mich schon gruseln, da bemerke ich, dass die Atmosphäre überaus gutmütig ist. Sterilität und Kälte sind nicht zu spüren – ganz anders als in Menschenkrankenhäusern, denke ich erleichtert.

Das untere Geschoss der etwas zurück gelegenen Villa am Osterdeich wird von unzähligen Bewohnern bevölkert.

Das untere Geschoss der etwas zurück gelegenen Villa am Osterdeich wird von unzähligen Bewohnern bevölkert.

So viele Augenpaare - nachts feiern die kleinen Bewohner bestimmt heimlich lustige Puppen- und Tierpartys

So viele Augenpaare – nachts feiern die kleinen Bewohner bestimmt heimlich lustige Puppen- und Tierpartys

Mitarbeiterin Hiltrud Wilking kommt aus dem hinteren Teil der Puppen- und Bärenklinik nach vorne und nimmt mich in Empfang. Sie arbeitet bereits seit 20 Jahren für Christine Krah, die einst die Puppen- und Bärenklinik eröffnete und heute für ein Treffen leider verhindert ist. Ich folge Frau Wilking in die hinteren Räume. Überall sehe ich in hohen Regalen beschriftete Kisten, aus denen Arme und Beine und andere Puppen- und Bärenteile herauslugen. „Unser Ersatzteillager“, beschreibt Frau Wilking treffend.

Gut sortiert - hier hat alles seinen Platz.

Gut sortiert – hier hat alles seinen Platz.

Liebevolle Operationen

Hinten nehmen wir im Arbeitsraum Platz. Die „Operationstische“ mögen auf den ersten Blick von einem hoffnungslosen Chaos übersäht sein, aber alles – das erkenne ich bald – hat hier seinen berechtigten Platz. „Ich habe beim Arbeiten gerne alles griffbereit um mich herumliegen“, erklärt mir Frau Wilking, die sich selbst auch als Oberschwester hier in der Puppenklinik bezeichnet. Gerade hat sie einen niedlichen, kleinen Teddybären repariert. Er sei erst vom Regal und dann dem Hund zum Opfer gefallen, erzählt mir die liebevolle Operateurin und ergänzt: „Tatsächlich hat der Mann der Besitzerin den Teddy vor ein paar Tagen heimlich bei uns abgegeben. Seine Frau darf nichts merken.“

Operationstische - hier wurde schon zahlreichen Patienten zu einem neuen Leben verholfen.

Operationstische – hier wurde schon zahlreichen Patienten zu einem neuen Leben verholfen.

Wer sieht in diesem Gesicht keinen Charakter? Das Spielzeug von früher funktioniert auch heut noch.

Wer sieht in diesem Gesicht keinen Charakter? Das Spielzeug von früher funktioniert auch heut noch.

Liebhaber und Sammler werden weniger

Die Kundenbandbreite der Klinik ist weit gefächert. Junge wie alte Puppen- und Teddybesitzerinnen und -besitzer bringen ihre Lieblinge hier vorbei, wenn sie „krank“ sind. Behandelt wird von Frau Wilking, Frau Krah und deren Cousine alles, was sich heilen lässt. „Das können abgerissene Ohren sein oder kaputte Keramikköpfe“, zählt Frau Wilking auf. Sie selbst ist schon seit über 40 Jahren im „Puppengeschäft“, d.h. vor allem, dass sie sich als leidenschaftliche Sammlerin regelmäßig auf Messen, Flohmärkten und Börsen nach besonderen Schätzen umschaut. Denn – so lerne ich – die „Puppensammlerszene“ hat so einiges zu bieten. Da werden schon mal besondere Exemplare, die wohlmöglich über 100 Jahre alt sind, zu fünfstelligen Summen gehandelt. Frau Wilking erinnert sich noch gut an einen Patienten. „Das war ein schwarzer Bär von Steiff, der anlässlich des Titanic-Unglücks 1912 für Großbritannien hergestellt wurde“, erzählt sie. „Das war ein Familienerbstück, das auch Bekanntschaft mit einem Hund gemacht hatte und den wir repariert haben. Dieser Bär wurde damals für 30 bis 40.000 Mark gehandelt.“ Die Hochphase hatte diese Sammlerszene in den 1980er und 90er Jahren. Inzwischen hat der Sammelwahn wieder etwas abgenommen, denn die einstigen Sammler-Generationen sterben langsam aus.

Der wertvollste Bewohner: Das Kaiser-Baby oben links. Auch Käthe Kruse-Puppen, Steiff und Schildkröt sind vertreten.

Der wertvollste Bewohner: Das Kaiser-Baby oben links. Auch Käthe Kruse-Puppen, Steiff und Schildkröt sind vertreten.

Leidenschaft als Antrieb

„So eine Puppenklinik wird vor allem aus Leidenschaft betrieben“, betont die langjährige Mitarbeiterin. Auch Frau Krah sei einst an das Kunsthandwerk geraten, weil sie eigentlich nur eine kaputte Puppe ihrer Tochter reparieren wollte. Von da an ließ sie die Faszination für die menschenähnlichen Spielzeuge nicht mehr los. Selbiges gilt auch für Frau Wilking, die als Kind gar keine Puppenspielerin war: „Das hat sich erst im Laufe der Zeit ergeben.“

Sie brauchen einen neuen Kopf, Äuglein, Zungen oder Hände? Kein Problem.

Sie brauchen einen neuen Kopf, Äuglein, Zungen oder Hände? Kein Problem.

Mit Aderklemme und Pinzette

Obwohl es die Kunsthandwerkerinnen hier nicht mit lebendigen Patienten zu tun haben, geht es doch irgendwie um Leben und Tod. Schließlich sind oftmals echte Gefühle zu den einzelnen Figürchen, Tierchen und Püppchen im Spiel. Daher ist die Parallele zur menschlichen Krankenhauswelt gar nicht so abwegig. „Wir arbeiten sogar tatsächlich mit Instrumenten, die man auch in der Medizin findet“, erzählt Frau Wilking lachend und zeigt auf Aderzangen, Pinzetten, Skalpelle sowie Nadel und Faden. Sie sagt auch, dass die Arbeit mit diesen Gegenständen deswegen so besonders sei, weil man eben doch Kontakt zu ihnen aufbaut. „Sie haben alle einen Charakter“, erklärt sie.

Hiltrud Wilking arbeitet schon seit 20 Jahren als Oberschwester in der Puppen- und Bärenklinik.

Hiltrud Wilking arbeitet schon seit 20 Jahren als Oberschwester in der Puppen- und Bärenklinik.

Moderne Materialien lassen sich nicht reparieren

Ein Lehrberuf ist der Puppendoktor nicht. Alles basiert auf eigener Erfahrung, die gerne weiter gegeben wird. Allerdings fehlt dem Geschäft die Aussicht auf Nachfolge. Wo keine Patienten, da auch kein Krankenhaus. Es liege nicht an den mangelnden Liebhabern, denn Spielzeug wie Puppen oder Teddys würde immer noch gekauft und benutzt. Viel mehr sind es die modernen Patienten an sich, die sich oftmals nicht mehr reparieren ließen. „Billiges Plastik ist irreparabel“, sagt Frau Wilking. „Und bei einem Kuscheltier, das zehn Euro gekostet hat, lohnt sich die Reparatur meist einfach nicht.“

Gut sortiert - hier hat alles seinen Platz.

Gut sortiert – hier hat alles seinen Platz.

Wie so oft ist an solch seltenen Berufszweigen deutlich der Wandel der Zeit abzulesen. Früher saßen Puppenhandwerkerinnen und -handwerker oft mit in Frisörgeschäften, wo das Echthaar direkt weiter verarbeitete wurde. Die alten Bestände dieser Einrichtungen kaufte Frau Krah schon in den 80er Jahren nach und nach auf. Seit 30 Jahren hält sich ihr Puppenkrankenhaus in Bremen. Inzwischen ist es weit und breit eines der wenigen, das noch existiert.

"Doof" hängt warm und trocken - und wartet schon sehnsüchtig auf seine Abholung, wie Frau Wilking der Kundin am Telefon erzählt.

„Doof“ hängt warm und trocken – und wartet schon sehnsüchtig auf seine Abholung, wie Frau Wilking der Kundin am Telefon erzählt.

Ausgeliebt - dieser junge Bube wurde als "Organspender" in der Klinik abgegeben. Vielleicht wird er aber auch nochmal adoptiert?

Ausgeliebt – dieser junge Bube wurde als „Organspender“ in der Klinik abgegeben. Vielleicht wird er aber auch nochmal adoptiert?

Zukunft für Püppchen und Bärchen ungewiss

Bevor mich der frühlingshafte Garten vor der etwas zurück gelegenen Villa wieder in das Brausen und Rauschen des Osterdeich-Verkehrs entlässt, werfe ich noch einmal einen Blick zurück. Bereits genesene Patienten aller Formen, Farben und Größen blicken mir aus den Schaufenstern des Geschäfts sehnsüchtig nach. Vielleicht findet die eine oder andere Puppe, das ein oder andere Bärchen von hier ja nochmal eine neue Besitzerin oder einen neuen Besitzer. Ich drücke fest die Daumen für die kleinen, treuen Gefährten.

Warten auf eine neue Liebe - sehr geduldig, die kleinen Patienten.

Warten auf eine neue Liebe – sehr geduldig, die kleinen Patienten.

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