Eine kleine Laus ganz groß

Aufgepasst: Jetzt kann etwas gelernt werden! Es geht um Schellack. Ja, genau. Das Material, das einst für Schallplatten verwendet wurde, bis in den 1950er Jahren der Kunststoff Vinyl aufkam. Im Gegensatz zu Vinyl ist Schellack ein reiner Naturstoff und hat ziemlich beeindruckende Eigenschaften. Warum schreibe ich das hier? Weil ich gerade in Europas einziger Schellack-Fabrik zu Besuch war – und die steht in Bremen.

In Südostasien gibt es eine Laus. Ja, eine Laus! Sie – mit lateinischem Namen Kerria lacca – ist eine Schildlaus und befällt mit Vorliebe Baumpflanzen. Selten haben sich wohl Menschen so sehr über einen solchen Befall gefreut, denn die Kerria lacca produziert einen ganz besonderen Rohstoff. Für ihren Nachwuchs nämlich wird aus den Baumsäften des befallenen Wirts von den Weibchen ein wachshaltiges Sekret fermentiert. Dieses legt sich wie eine zweite Baumrinde um die Äste. Wie in einem Kokon entwickelt sich der Nachwuchs im Schutze der harzähnlichen Masse und schlüpft schließlich. Das, was am Baum übrig bleibt, wird abgekratzt und zu Gummilack, auch Schellack genannt, verarbeitet. Das Naturprodukt hat höchstinteressante Eigenschaften, die vielfältig in zahlreichen Branchen Verwendung finden. Es ist filmbildend, thermoplastisch und daher sehr flexibel, es glänzt und schützt, ist wasserabweisend, magensaftresistent, widerstandsfähig – kurzum: Schellack ist ein wahres Multitalent.

Links das Produkt, wie es am Baum aussieht, mittig die nächste Produktionsstufe und rechts das Endprodukt, wie es in Bremen entsteht.

Links das Produkt, wie es am Baum aussieht, mittig die nächste Produktionsstufe und rechts das Endprodukt, wie es in Bremen entsteht.

Schellack von der Weser

Ich bin zu Besuch in Europas einziger Schellackfabrik. Seit über 120 Jahren ist die Firma Stroever GmbH & Co. KG Spezialist für den nachwachsenden Rohstoff. Hier werde ich von Geschäftsführer Burkhard Volbert und Verkaufsleiter Hauke Sieling empfangen. Sie zeigen mir eine Präsentation über die Geschichte des Unternehmens, das 1893 als Handelsunternehmen und Importeur von Naturharzen gegründet wurde. Im Laufe der Jahrzehnte änderten sich Firmennamen und Zusammenschlüsse, aber das Hauptprodukt blieb. Auch nachdem Kunstharze und Kunststoffe den Markt revolutionierten.

Seit 1893 am selben Standort.

Seit 1893 am selben Standort.

Beim Rundgang erkennt man noch alte Teile des ursprünglichen Gebäudes.

Beim Rundgang erkennt man noch alte Teile des ursprünglichen Gebäudes.

Wir sprechen über die Firmennamen, über alte Logos, über den Standort im Europahafen und versuchen uns vorzustellen, wie wohl einst die Menschen darauf gekommen sein mögen, die harzige Kruste von Bäumen abzukratzen und zu verwenden. Hauke Sieling weiß, dass schon vor 500 Jahren in Japan Schmuck mit Schellack überzogen wurde, um ihn edler glänzen zu lassen. Später lese ich im Netz nach, dass die Lackschildlaus sogar schon vor 3000 Jahren in asiatischen Kulturkreisen erwähnt und das Sekret bereits zu medizinischen Zwecken eingesetzt wurde.

Wahre Teamarbeit

300.000 Läuse braucht es, um ein Kilogramm Schellack zu erhalten. „Nachgezählt haben wir nicht“, sagt Herr Volbert lachend, als er mein staunendes Gesicht sieht. „Aber das ist so in etwa die Größenordnung.“ Nach einer Einführung in die Welt des Schellacks darf ich bei einem kleinen Rundgang durch die Fabrik einen Eindruck der Produktionsstätte sammeln. Das meiste beim Verarbeitungsprozess spielt sich in großen Tanks und nicht einsichtigen Anlagen ab, doch ab und zu kommt das bernsteinfarbene Material zum Vorschein. Es läuft erwärmt in flüssiger Form durch Rohre und an kleinen Sichtfenstern vorbei, über Walzen auf Laufbänder und wird schließlich nach der Abkühlung zu Granulat klein gehäckselt. Herr Volbert schenkt mir ein Stück Schellack aus einem Auffangbehälter. Es ist leicht und trotz der glatten Oberfläche und eckigen Bruchkanten irgendwie weich. „Sieht aus wie Bernstein“, stelle ich fest. Herr Volbert antwortet: „Das wird es ja quasi auch, wenn wir noch ein paar Tausend Jahre warten…“ Auf einmal wird mir die Verwandtschaft der beiden Stoffe bewusst. Sie haben nun mal beide Baumsäfte als Grundstoff in sich.

An kleinen Sichtfenstern vorbei läuft das bernsteinfarbene Material durch zahlreiche Rohre

An kleinen Sichtfenstern vorbei läuft das bernsteinfarbene Material durch zahlreiche Rohre

Farbgebung je nach Baum, Laus und Region

In sieben verschiedenen Farben wird Schellack produziert. Die Benennungen wie „SSB 56 Sonne“ stammen aus dem Hause Stroever und sind weltweit bekannt. Der Rohstoff wird aus Südostasien bezogen und hier in Bremen weiter verarbeitet. Je nach Region, Baum und Laus lassen sich die unterschiedlichen Farben gewinnen.

Die Farbpalette von Schellack.

Die Farbpalette von Schellack.

Nachdem Mitte des vergangenen Jahrhunderts der Vertrieb des Rohmaterials schwieriger wurde, weil Kunststoffe ihm Konkurrenz machten, begann das Bremer Unternehmen zunehmend auch Weiterverarbeitungen anzubieten. Heute kann so auf jeden Kundenwunsch reagiert werden. Alles findet vor Ort auf dem Gelände am Europahafen statt. In einem Lager stehen schon eine ganze Reihe blauer Fässer zur Auslieferung bereit. In ihnen befindet sich Eierfarbe. Auch für den Überzug von Zitrusfrüchten wird Schellack verwendet. Außerdem kommt es in der Pharma- sowie in der Kosmetikindustrie vielseitig zum Einsatz. In Tattoofarben und in der Möbel- und Musikinstrumentenproduktion wird Schellack ebenso verwendet.

Schonendes Verfahren

Das Herzstück der Fabrik ist ein großer Raum mit mehreren hohen Tanks, wo der schwere Geruch von Alkohol in der Luft liegt. Hier – so erklärt mir Herr Volbert – würde das Lösungsmittelextraktionsverfahren durchgeführt. Was für ein Wort! Vereinfacht heißt das, dass hier mit Alkohol Fremdstoffe vom Schellack getrennt werden, damit dieser am Ende so rein wie möglich ist. Der Rohstoff habe auch einen hohen Wachsanteil, den man durch dieses Verfahren und Filtration mit Aktivkohle herausziehen könne. Das Endprodukt ist der sogenannte entwachste Blätterschellack, der in Form von Granulat dann weiterverarbeitet werden kann. Übrigens wird im hauseigenen Labor stets die Qualität der Ware überprüft.

Druckmesser, Rädchen, durchsichtige Rohre dienen den Einstellungen und Kontrollen bei der Verarbeitung.

Druckmesser, Rädchen, durchsichtige Rohre dienen den Einstellungen und Kontrollen bei der Verarbeitung.

Naturstoff besser als Kunststoff

Mit meinem Stück Schellack in der Tasche mache ich mich schließlich auf den Rückweg. Ich freue mich, dass ich diesen seltenen Einblick bekommen habe. In den folgenden Tagen wandern meine Gedanken immer mal wieder zurück zum Thema „Schellack“. Ich bemerke, dass mich vor allem die Tatsache fasziniert, dass es sich um einen Naturstoff handelt, der im Umweltkreislauf keine Sorgen bereitet – im Gegensatz zu Kunststoffen. Ich freue mich, dass das bernsteinfarbene Material von Bremen aus nach wie vor die Welt erobert.

Der Rohstoff kommt in Säcken, wird zu Granulat verarbeitet und wieder in Säcke abgefüllt oder wird vor Ort weiter verarbeitet und verlässt zum Beispiel in blauen Fässern in Form von Eierfarbe die Fabrik.

Der Rohstoff kommt in Säcken, wird zu Granulat verarbeitet und wieder in Säcke abgefüllt oder wird vor Ort weiter verarbeitet und verlässt zum Beispiel in blauen Fässern in Form von Eierfarbe die Fabrik.

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