Kultur satt im Schlachthof

Egal ob Punk-Konzert, Langschläferfrühstück, Kindertheater oder Poetry-Slam – kaum ein Ort in Bremen ist so vielfältig wie das Kulturzentrum Schlachthof an der Bürgerweide. Dass das Ensemble mit seinem Markenzeichem, dem hohen Schornstein, nicht nur eine kunterbunte Veranstaltungsstätte, sondern auch ein geschichtsträchtiger Ort ist, habe ich bei meinem Besuch allemal erfahren.

Bei sonnigem Wetter ist der Schlachthof richtig freundlich. Als ich ihn Ende der neunziger Jahre kennenlernte, war es hier meist dunkel, bei den düsteren Gruftie-Abenden und den lauten Studenten-Parties im Magazinkeller. Als ich heute die Treppenstufen hochsteige, liegen davor die Buden und Bretter des Winterdorfs zum Abtransport bereit. Im Büro hinter der Kasse treffe ich Matthias Otterstedt, der durchaus als Urgestein des Schlachthofs bezeichnet werden kann. Seit 1984 ist er dabei, erst als ehrenamtlicher Kunst-Student, inzwischen fest angestellt und zuständig für Aus- und Umbau sowie die Gestaltung des einzigartigen Bremer Kulturbaus.

Hier im Büro von Matthias Otterstedt finden sich unzählige Bilder und Dokumente über die Sanierungen des Schlachthofs.

Hier im Büro von Matthias Otterstedt finden sich unzählige Bilder und Dokumente über die Sanierungen des Schlachthofs.

Von der Übernahme einer Ruine

Das Kulturzentrum, das auf dem Areal des ehemaligen Bremer Schlachthofs entstand, kann auf eine lebendige Geschichte zurückblicken. 1892 erbaut, lief der städtische Schlachthofbetrieb, was nur wenige wissen, noch bis Mitte der siebziger Jahre. Als die Bagger im August 1980 kamen und die alte Fleischmarkthalle niederrissen, erhob sich der Widerstand: Demos, Proteste, Tumulte und Besetzung. Vorneweg: Studierende der Hochschule für Gestaltung und viele Punks, die im Haus an ihren Projekten werkelten. Der ein Jahr zuvor gegründete Schlachthof-Verein verhandelte – und zwar erfolgreich. Der Bremer Senat gab nach und letztlich grünes Licht für die Renovierung des Gebäudekomplexes. „Als wir hier Ende 1980 den Schlachthof übernahmen, sah er aus wie eine Ruine“, erklärt Matthias Otterstedt und zeigt mir ein paar alte Aufnahmen aus dieser Zeit.

Das Kulturzentrum Schlachthof gleich neben der Bürgerweide.

Das Kulturzentrum Schlachthof gleich neben der Bürgerweide.

Insgesamt 15 Jahre lang dauerte der Ausbau des ehemaligen Schlachtbetriebs, das alte Backsteingebäude mit der Kesselhalle, den Magazinanlagen, Wasserturm und Schornstein blieb erhalten. Seitdem wird immer wieder saniert, ausgebaut und renoviert, zuletzt gab es eine Verjüngungskur für den Schornstein.

Ein kultureller Leuchtturm mit besonderer Strahlkraft

Im November 1981 wurde die Kesselhalle das erste Mal als Veranstaltungsraum genutzt, erzählt Matthias Otterstedt, der vor seiner Festanstellung bereits neun Jahre ehrenamtlich sowie im Vorstand tätig war. Seither spielten hier nicht nur musikalische Größen wie Die Ärzte, Bad Religion, Beatsteaks, Einstürzende Neubauten oder Laurel Aitken, um nur einige zu nennen – sondern der Schlachthof wurde zur neuen Wirkungsstätte der Bremer Kulturszene, die „in Form eines kooperativen Managements“ geführt wird und verschiedenste Zielgruppen bedient.

Das Schlachthof-Wimmelbild: Matthias Otterstedt hat ganze (künstlerische) Arbeit geleistet.

Das Schlachthof-Bild: Matthias Otterstedt hat ganze (künstlerische) Arbeit geleistet.

Ich starte meine Erkundungstour im Erdgeschoss. Als ich durch das Foyer zu den Toiletten gehe, wo ich bisher immer achtlos vorbeigelaufen bin, erblicke ich ein großes dreidimensionales Wandbild. Auf diesem ist das ganze ehemalige Schlachthofgelände dargestellt und ich erkenne, dass heute nur noch ein Bruchteil davon existiert. Das Foyer bildet quasi das Herzstück des heutigen Komplexes. Es wurde 1996 fertiggestellt und verbindet das alte Magazingebäude mit der Kesselhalle und dem Wasserturm.

Der Treppenaufgang im Wasserturm führt hinauf zu Kneipe und Dachboden.

Der Treppenaufgang im Wasserturm führt hinauf zu Kneipe und Dachboden.

Energie sparen und Spaß dabei

In den Sommermonaten stehen wieder mal Renovierungsarbeiten an, berichtet Matthias Otterstedt. Zum einen soll der marode Wasserturm saniert werden, zum anderen wird die Heizungs- und Belüftungsanlage erneuert. Matthias Otterstedt freut sich auf die Neuerungen: Durch das neue Blockheizungskraftwerk mit Gasbetrieb kann die entstehende Abwärme als Heizwärme für die Kesselhalle und die Kneipe genutzt werden – eine Energieeinsparung für die Zukunft. 2013 wurde bereits eine Windkraftanlage mit Turbine auf dem 50 m hohen Backsteinschornstein errichtet. Durch diesen Schornstein führt jetzt ein Wendeltreppenhaus, durch das wir auf die Ebene der Schlachthofkneipe und des Magazinbodens gelangen, wo neben Vorträgen und Workshops auch regelmäßig Kindertheater-Aufführungen stattfinden.

Schornstein, Magazinboden (o.l.) und die Schlachthofkneipe (u.l.) offenbaren Spuren des ursprünglichen Gemäuers.

Schornstein, Magazinboden (o.l.) und die Schlachthofkneipe (u.l.) offenbaren Spuren des ursprünglichen Gemäuers.

Hoch über den Dächern

Dann geht es weiter hinauf. Puuuh, mir wird ganz schwindelig. Vom Redaktionsbüro des Z-Magazins kann ich über die Dächer der Stadt blicken –  sogar bis zum Dom und zum Weser-Tower! Ich erkenne die Güterabfertigung des Bahnhofs, weite Teile Findorffs, die Bürgerweide und die angrenzenden Bürokomplexe. Was für ein Ausblick! Als wir über die kleine, steile Eisentreppe wieder nach unten klettern, werfe ich noch einen Blick in die hohen Räume der Medienwerkstatt, wo zwei MitarbeiterInnen gerade einen Film sezieren, und in den Uhrenraum, in dem gerade für das Stück „Wir wollen euer Erbe nicht“ geprobt wird. Eine Menge los hier an einem Mittwochmittag, denke ich.

Ausblick über das Bahnhofsgelände: Bis zum St. Petri Dom und zum Weser Tower.

Ausblick über das Bahnhofsgelände: Bis zum St. Petri Dom und zum Weser Tower reicht das Auge.

Ganz oben unter dem Dach entsteht das Z-Magazin, irgendwo mittendrin: Die Medienwerkstatt.

Ganz oben unter dem Dach entsteht das Z-Magazin, irgendwo mittendrin: Die Medienwerkstatt.

Als nächstes drängt es mich auf die große Bühne. Hier in der Kesselhalle habe ich mindestens Deichkind, Amparanoia, Sophie Hunger und The Busters live gesehen. Und leider mit Sicherheit Henry Rollins, NOFX, Dinosaur Jr. und Sonic Youth verpasst, wie ich später laut fluchend beim Betrachten des „Hall of Fame“-Fotoalbums feststelle. Vielleicht war ich einfach noch zu jung für diese Konzerte…

In der Kesselhalle tobt sonst das Publikum, im Backstage-Bereich ab und zu auch.

In der Kesselhalle tobt sonst das Publikum, im Backstage-Bereich kann ich mir das irgendwie nicht ganz so vorstellen.

Im Magazinkeller gaben die Toten Hosen ihr erstes öffentliches Konzert, am 10. April 1982, vor rund 20 Leuten. 2012 feierte die Düsseldorfer Punk-Band deshalb ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum mit einer Neuauflage des legendären Konzerts im Keller – und pflegte damit eine treue Verbundenheit zur Hansestadt. Natürlich blieb es 2012 nicht bei 20 Konzertgästen, verrät mir Jörg Lochmon mit einem Kaffeebecher in der linken Hand lachend. Lochmon ist unter anderem für die Veranstaltungsorganisation im Haus zuständig und gehört wie Matthias Otterstedt zu den „Schlachthof-Urgesteinen“.

Kick Off für den deutschen Hip Hop

Neben den Toten Hosen machten auch heutige Hip Hop-Allstars wie Absolute Beginner, Fettes Brot, Fünf Sterne Deluxe und Deichkind im Schlachthof die ersten Schritte auf ihrer Karriereleiter. Das kultige B.O.B. Festival fand hier sein Zuhause, der kreative Nachwuchs wird am Schlagzeug unterrichtet und Geflüchtete aus Syrien erfahren beim Filmemachen tolle Unterstützung. Ein echtes Zentrum, in dem alle an einem gemeinsamen Strang ziehen, ist mein Eindruck.

Der Magazinkeller bei Tageslicht, ein ungewohnter Anblick.

Der Magazinkeller bei Tageslicht, ein ungewohnter Anblick.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Schlachthofs befinden sich nicht nur der Torfhafen und die ÖVB-Arena, sondern auch die Messe Bremen, wo im März die die PASSION Sports Convention stattfindet. In der Werkstatt, auf dem Weg vom Backstage-Raum in den Magazinkeller, sehe und erfahre ich von meinem Guide Matthias Otterstedt, dass einige der Skater-Rampen, die bei der Convention zum Einsatz kommen, im Schlachthof gebaut werden – und danach auf dem Skater-Anlage vor dem Haus genutzt werden können. Eine Win-Win-Situation.

In der Werkstatt entstehen gerade Skaterampen für die PASSION Messe.

In der Werkstatt entstehen gerade Skaterampen für die PASSION Messe.

Ich verabschiede mich von meinem Guide. Im strahlenden Sonnenschein überlege ich, welchen Auftritt ich demnächst besuchen soll: Das Konzert von Get Well Soon am 1. März ? Das Jubiläum 30 Jahre Dimple Minds? Oder die Lesung von Katrin Bauerfeind im Mai? Am besten alle, denke ich. Und ach ja, im Sommer läuft die Open Air Kino-Saison an und schon ganz bald, ab dem 10. April, startet die Flohmarktsaison auf der Bürgerweide – danach ein kühles Alster oder ein heißer Kakao in der Kneipe, ein perfekter Sonntagvormittag für alle Schnäppchen-Freunde, versprochen!

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