Die Mischung macht‘s – Schwankhalle Bremen

Auf dem ehemaligen Brauereigelände am Buntentorsteinweg gibt es seit rund 15 Jahren Theater, Kunst, Gastronomisches und Wohnen – sozusagen Mischnutzung at its best. Wo früher Hopfen, Wasser und Getreide gemischt wurden, braut man heute Jahr für Jahr ein abwechslungsreiches Kulturprogramm zusammen. Ich war zu Besuch in der Schwankhalle und musste feststellen: Weitaus mehr als bloßes Theater.

Eines sei betont: Der Wortteil „Schwank“ im Namen der Kultureinrichtung kommt von schwenken. Hier in der über 100 Jahre alten Backsteinhalle schwenkte man beim Waschen einst die Bierfässer. So erzählt es mir auch Talea Schuré, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Schwankhalle. Die Künstlerische Leiterin Pirkko Husemann gesellt sich zu uns. Beide betonen, dass hier im Kulturzentrum am Buntentorsteinweg 112 keinesfalls Schenkelklopfer-Comedy läuft, wie oft vom Namen fälschlicherweise hergeleitet wird. Im Gegenteil: Das Programm ist seit jeher sehr erlesen. Bühnenkünstlerinnen und -künstler der freien Theaterszene – lokal, national und international – sind hier regelmäßig zu Gast und präsentieren ihre oftmals auch mehrsprachigen Arbeiten. Sie bekommen nicht nur den Raum gestellt, sondern auch administrative sowie netzwerkende Unterstützung durch das rund zwanzigköpfige Team. „Wir wollen eine Plattform für freie Künstler sein“, erklärt Pirkko Husemann. Auf die Frage, wie sie die Inhalte des Schwankhalle-Programms beschreiben würde, fasst sie zielsicher zusammen: „Wir bieten Theater, Performance, Tanz mit Grenzgängen in Neuer Musik und bildender Kunst.“ Aha. Wen das nicht wirklich schlauer macht, dem sei gesagt: Eigentlich ist es auch egal. Denn irgendwie geht es hier vielleicht auch darum, nicht alles klar in Schubladen unterbringen zu müssen. Zumindest weist mich Talea Schuré bei unserem anschließenden Rundgang auch darauf hin, dass die Stücke in der Schwankhalle immer wieder auch bewusste Unterbrechungen des Theaters herbeiführen wollen. Im Kleinen Saal zum Beispiel läuft an den Tagen nach meinem Besuch ein Stück für nur 30 Zuschauerinnen und Zuschauer, die im Stuhlkreis auf der Bühne Platz nehmen. „Das Frontal-Theater wird hier gezielt aufgelöst“, erklärt Talea.

Der moderne Anbau nimmt die Außenwand der alten Schwankhalle mit auf und dient unter anderem als Foyer.

Der moderne Anbau nimmt die Außenwand der alten Schwankhalle mit auf und dient unter anderem als Foyer.

Seit 14 Jahren fester Bestandteil

Mir ist die Schwankhalle seit meinem Umzug nach Bremen 2003 ein Begriff. Als gute Anlaufstelle für Theater und Musik war sie schon damals in aller Munde. Dabei war die Kulturstätte gerade erst eröffnet worden. Das alte Gebäude am Buntentorsteinweg 112 war zwar zuvor bereits für Theater und andere kulturelle Veranstaltungen zwischengenutzt worden, im Zuge Bremens Bewerbung für die Kulturhauptstadt 2010 wurde der Bau dann aber um einen modernen Anbau erweitert und 2003 offiziell als „Schwankhalle“ eröffnet. Seitdem war auch ich bei Theateraufführungen und Konzerten. Das Junge Theater Bremen hat hier zahlreiche Produktionen realisiert, im Haus ist außerdem die Produktions- und Präsentationsplattform für zeitgenössischen Tanz steptext ansässig sowie im hinteren ehemaligen Bierlager die Musikerinitiative Bremen e.V. und die Städtische Galerie.

Im Sudhaus sind heute Restaurant und Wohnungen untergebracht.

Im Sudhaus sind heute Restaurant und Wohnungen untergebracht.

Nach einem Leitungswechsel 2015 sind Teile des Konzepts überarbeitet und neuentwickelt worden. Besonders spannend finde ich den Ansatz des solidarischen Preissystems, von dem mir Pirkko und Talea erzählen. „Es geht darum, dass die, die können, für die, die nicht können, mitbezahlen“, erklärt mir die Leiterin. Ich finde das Konzept super und freue mich, dass solche Ansätze funktionieren. Allerdings geht es nicht ohne öffentliche Förderung. „Wir wurden mal gefragt, was eine Karte kosten müsste, wenn wir die Fördergelder rausrechneten“, sagt Pirkko. „Da kämen wir auf 150 Euro!“

Kultur auf mehreren Ebenen – barrierefrei

Beim Rundgang mit Talea schauen wir im Hauptbau auch in den Backstage-Bereich, wo Künstlergarderoben und Technik untergebracht sind. Überall treffen wir auf Leute, die mit unterschiedlichen Aufgaben beschäftigt sind. Im Neuen Saal, der rund 120 Sitzplätze umfasst, wird gerade alles für eine Rollschuh-Performance vorbereitet. Kleine Rampen in der Mitte der Bühne warten auf ihre Installation, über uns werden die Scheinwerfer an die richtige Position gehängt, hinten am Mischpult werden Einstellungen vorgenommen.

Oben der Kleine Saal, unten der große Saal - beide barrierefrei zugänglich.

Oben der Kleine Saal, unten der große Saal – beide barrierefrei zugänglich.

Wir werfen noch einen kurzen Blick in das aktuell stillgelegte Radiostudio. Von Stilllegung ist hier allerdings nichts zu erkennen – im Gegenteil: Es wirkt so, als ob die Moderatoren den kleinen, bis unter die Decke mit technischem Equipment ausgestatteten Raum nur mal eben kurz für einen Kaffee verlassen haben. „Momentan suchen wir noch nach einem Konzept für das Radio“, erzählt Talea. „Das ist natürlich ein gute Möglichkeit, noch auf anderen Kanäle unser Programm auszuweiten. Aber es muss eben auch passen.“

"On Air" - Aus dem hauseigenen Radio-Studio wurde eine zeitlang die Sendung "Schwankungen" gesendet.

„On Air“ – Aus dem hauseigenen Radio-Studio wurde eine zeitlang die Sendung „Schwankungen“ gesendet.

Dann verlassen wir die eigentliche Schwankhalle und ihren modernen Anbau. Linker Hand erstreckt sich ein Wohnkomplex mit betreuten Wohneinheiten, der ebenfalls zum Gesamtkonzept des Geländes zählt. „Mischnutzung“ ist das Stichwort, über das ich zuvor auch mit Pirkko und Talea gesprochen habe. Auch für die Bewohnerinnen und Bewohner nebenan entwickelte das Team zwei wiederkehrende Veranstaltungen – ein Sommerfest und die 24-Stunden-Adventsaktion, die bisher beide einmal stattfanden und sich vor allem ganz gezielt an Menschen aus dem Stadtteil richteten.

Aufstieg gen Überblick

Wir gehen über den Hinterhof in den Turm des ehemaligen Bierlagerhauses und steigen die etwa 100 Treppenstufen hinauf, ganz nach oben in die verglaste Aussichtplattform. Der Ausblick ist famos – ein vom Januar-Eis und -Schnee geweißtes Bremen liegt uns zu Füßen.

Im Treppenhaus des Turms hätte auch "Vertigo" von Hitchcock gedreht werden können. Die Aussicht oben ist auch im Winter toll.

Im Treppenhaus des Turms hätte auch „Vertigo“ von Hitchcock gedreht werden können. Die Aussicht oben ist auch im Winter toll.

Auf unserem Rückweg machen wir noch einen Abstecher auf eine der zur Schwankhalle gehörenden Ebenen des Gebäudes. Die obere Tür, die vom Turmtreppenhaus abgeht, lassen wir geschlossen. Durch sie dringen wilde Rhythmen und Tanzgeräusche. „Hier ist eine unserer beiden Probebühnen“, verweist Talea auf die Tür. „Sie ist mit Tanzboden ausgestattet.“

Eine Etage darunter gelangen wir zunächst in die hauseigene Wohnung für Künstlerinnen und Künstler. Sie war eine Zeit lang Techniklager und wird gerade erst wieder für die Artisten als Wohnung hergerichtet. Nebenan ist die zweite Probebühne. Ganz am hinteren Ende sitzt die Rollschuhkünstlerin, die am bevorstehenden Wochenende ihre Aufführungen hat. Gerade macht sie Pause und wir dürfen uns kurz umschauen.

Am Zapfhahn der Kultur

Wieder unten, verabschiede ich mich kurz darauf von Talea. Durch den modernen Anbau, in dem sich auch eine kleine Theke befindet, die zu Vorstellungen öffnet, gelange ich nach vorne an den Buntentorsteinweg. Hier ist das dritte wichtige Gebäude des Komplexes: Das Sudhaus. Im Erdgeschoss befindet sich das Restaurant „filosoof“, wo Gäste der Schwankhalle gerne vor den Vorstellungen essen gehen. Auf dem kleinen Platz vor der Schwankhalle, der passenderweise Peter-Zadek-Platz heißt, bleibe ich stehen und werfe einen Blick zurück. Hier werden noch viele kulturelle Leckereien zusammengebraut und gezapft. Da bin ich mir sicher.

Das Leitungsteam der Schwankhalle seit Herbst 2015 - (v.l.n.r.) Talea Schuré, Pirkko Husemann, Florian Ackermann, Marta Hewelt (Foto: Jens Lehmkühler)

Das Leitungsteam der Schwankhalle seit Herbst 2015 – (v.l.n.r.) Talea Schuré, Pirkko Husemann, Florian Ackermann, Marta Hewelt (Foto: Jens Lehmkühler)

Exkurs: Remmer-Brauerei

Wie schon erwähnt, befindet sich die heutige Kultureinrichtung auf einem historisch bemerkenswerten Gelände. An dieser Stelle, südlich der kleinen Weser, befand sich nach der 1900-Wende die Remmer-Brauerei. 1903/04 verlegte man sie vom Schüsselkorb, wo sie von Wilhelm Remmer 1873 gegründet wurde, an den Buntentorstenweg. Bemerkenswert auch dewegen, weil die Brauerei schließlich 1917 aufgekauft wurde und da durch niemand geringeres als die Kaiserbrauerei Beck, heute Brauerei Beck GmbH & Co. KG. Man könnte also sagen: Remmer hat zu einem Teil zur heutigen Beck’s-Brauerei beigetragen.

Das Logo der Remmer-Brauerei (Foto: Überseemuseum)

Das Logo der Remmer-Brauerei (Foto: Überseemuseum)

Die alte Remmer-Brauerei: Das Sudhaus vorne rechts, links daneben die Schwankhalle, hinten das Lagerhaus mit Turm, der vielleicht mal als Wasserspeicher diente. (Foto: Überseemuseum)

Die alte Remmer-Brauerei: Das Sudhaus vorne rechts, links daneben die Schwankhalle, hinten das Lagerhaus mit Turm, der vielleicht mal als Wasserspeicher diente. (Foto: Überseemuseum)

Von der ehemaligen Remmer-Brauerei sind heute nur noch die Gebäude übrig – und die wurden seit 1945 allesamt umfunktioniert. Zunächst war auf dem Gelände der Fuhrpark der städtischen Müllabfuhr untergebracht, bis in den 1990ern erstmals Theateraufführungen und Kunstausstellungen hier stattfanden. 2003 erfolgte dann nach der baulichen Erweiterung nach den Plänen von Manfred Schomers, Rainer Schürmann und Walter Stridde die Eröffnung der Schwankhalle.

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