Schwerelos in Bremen

Nicht zu übersehen: Mit seinen 146 Metern Höhe ist der Bremer Fallturm ein einzigartiges Großlabor, das für Sekunden Schwerelosigkeit ermöglicht – ganz ohne einen Ausflug ins Weltall.

Zunächst möchte ich mit einem Gerücht aufräumen: Auf der 146 Meter hohen Spitze des Bremer Fallturms gibt es kein Restaurant. Die gute Nachricht: Ab und an öffnet der Fallturm seine Türen für Besucher. Seit Juni können beispielsweise Verliebte in himmlischer Höhe den Bund fürs Leben schließen. In der Regel bleibt der Turm allerdings den Mitarbeitenden des Zentrums für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) vorbehalten. Denn der Fallturm ist ein Labor, das Forschern den Zustand der Schwerelosigkeit ermöglicht. Aber was ist das eigentlich?

M- Pilath vor einer Fallkapsel

Als Gästeführer erklärt Mikka Pilath – hinter ihm das Beispielexemplar einer Fallkapsel – anschaulich und leicht verständlich.

Eine Besucherführung im Fallturm erklärt dieses Phänomen mit leicht verständlichen Experimenten und Beispielen aus dem Alltag. Hier eines, das jeder kennt:
Man sitzt in schwindelerregender Höhe im Free-Fall-Tower eines Jahrmarkts. Noch wenige Sekunden bis zum freien Fall. Plötzlich rauscht die Kabine abwärts, nur die Schulterbügel hindern den Insassen daran, sich vom Sitz zu verabschieden. Der Einfluss der Schwerkraft, die den Körper normalerweise auf den Sitz drückt, ist für kurze Zeit aufgehoben. Der Körper ist schwerelos.

Der Bremer Fallturm bietet die Möglichkeit, diesen Zustand bis zu dreimal täglich für rund zehn Sekunden herzustellen. Denn: Forscher wollen wissen, wie sich Flüssigkeiten und Körper ohne die Wirkung der Schwerkraft verhalten. Man denke beispielsweise an einen Astronauten, der im Weltall aus einer Tasse trinken will – klappt nicht. Gut, wenn man so etwas vor einer Mission weiß.

Fallröhre und Fallkapsel im ZARM

Blick in die Fallröhre (links): In Fallkapseln finden die jeweiligen Experimente statt. Vorbereitet werden sie in der Integrationshalle, am Fuß des Turms (rechts). (Bilder: ZARM).

Zur Durchführung der Experimente wird eine Fallkapsel in der 110 Meter hohen Fallröhre innerhalb des Turms fallen gelassen. Damit die Kapsel auch ungehindert fällt, wird vorher die Luft aus der Röhre gesaugt, sodass ein Vakuum entsteht. Während des Falls herrscht, ähnlich wie im Free-Fall-Tower, Schwerelosigkeit. Unten landet die bis zu 167 Kilometer pro Stunde schnelle Kapsel in einem großen Behälter mit Styroporkugeln und wird abgebremst.

Winzige Styroporkugeln bremen den bis zu 160 km/h schnellen Fall der Kapsel ab.

Nach dem Fall bergen Wissenschaftler die Kapsel. Winzige Styroporkugeln bremsen ihren bis zu 167 km/h schnellen Fall ab. (Bild: ZARM)

Das ganze dauert gerade einmal 4,74 Sekunden, in denen die Wissenschaftler ihr in der Kapsel ablaufendes Experiment ferngesteuert durchführen müssen. Durch eine 2004 installierte Katapultanlage funktioniert dieser Flug auch in die andere Richtung – die Dauer des Fallexperiments kann so auf rund zehn Sekunden verdoppelt werden.

Sie flogen schon durch das Weltall: In der Integrationshalle lassen sich Satelliten bestaunen.

Hauseigene Museumsecke: In der Integrationshalle lassen sich Satelliten bestaunen, die schon durch das Weltall flogen.

Seit der Inbetriebnahme des Fallturms 1990 werden pro Jahr rund 400 dieser Experimentabwürfe von Wissenschaftlern aus beispielsweise der Verfahrenstechnik, der Materialwissenschaften oder auch der Biologie durchgeführt. In der Integrationshalle am Fuße des Fallturms bereiten sie die Kapseln vor. Fotos sind hier leider nicht erlaubt, um keine Hinweise auf das Forschungsvorhaben zu geben. Bleibt also nur, selbst vorbei zu schauen und sich ein eigenes Bild zu machen. Führungen für Gruppen sind in Absprache mit dem ZARM oder über die Bremer Touristik-Zentrale möglich.

Wer mehr über das Thema Raumfahrt erfahren will, kann auch die Raumfahrt-Führung in Bremen besuchen.

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