Aus dem „FF“: Ein Spaziergang durch das Fesenfeld

Wie stellt man sich als neue Bloggerin am besten vor? Vielleicht mit: „Gestatten: Rike mein Name!“ Oder mit: „Moin, ich bin seit zwölf Jahren Wahlbremerin und schreibe neuerdings für die BTZ!“ Ach, alles irgendwie Phrasen. Ich begebe mich lieber auf die Pirsch durch das Quartier, in dem ich zuhause bin. Eine Suche nach kuriosen Details im Fesenfeld in Bremens Östlicher Vorstadt. 

Als ich aus dem Haus trete, rieselt Schnee vor mir herab – und das im Juni! Ein Blick nach oben verrät mir zum Glück, dass die kleinen Flocken nur Holzspäne sind, die vom Gerüst am Nachbarhaus herüber wehen. Schnee wäre auch unverschämt gewesen. Schließlich ist heute der erste Tag in diesem Jahr, an dem schon beim morgendlichen Öffnen des Fensters so etwas wie ein Sommergefühl in mir aufstieg. Blauer Himmel, leichte Brise, warme Luft.

Ich folge der Feldstraße gen Westen. Auf den 900 Metern zwischen Sankt-Jürgen-Straße und Am Dobben lässt sich so einiges entdecken. Katzen kreuzen meinen Weg. In dem engen Wegenetz aus Kopfstein bepflasterten Einbahnstraßen im Quartier sind wie so oft in dieser Stadt mehr Fahrräder als Autos unterwegs. Die Parkplatzsuche gleicht ohnehin einer Glückslotterie. Altbremer Häuser kuscheln sich an Neubauten. Ab und zu lässt ein schmaler Gang zwischen den Häusern den Blick in dicht begrünte Hinterhöfe zu. Überall wird gewerkelt, gehämmert, gebaut. Auf meiner Route begegnet mir etwa ein halbes Dutzend Gerüste.

Die gute Art des Schenkens

Schon nach wenigen Schritten finde ich die erste Zu Verschenken-Kiste. Das Prinzip ist seit ein paar Jahren schwer in Mode. Man deponiere auf dem Bürgersteig einfach die Dinge, die aus persönlicher Sicht das Zeitliche gesegnet haben. Irgendjemand scheint immer etwas mit dem vermeintlich überflüssigen Kram anfangen können, zumindest leeren sich die Kisten oft in gefühlter Lichtgeschwindigkeit. Bücher sind die heißeste Ware, dicht gefolgt von Geschirr.

In dem ersten Karton finde ich ein paar Kleidungsstücke. Ich widerstehe meinem Jäger-und-Sammler-Instinkt und lasse sie liegen. Weiter geht es: Vorbei an der Werkstatt eines Gitarrenbauers, in die man von der Straße aus hineinspähen kann, vorbei an einem Fischladen, in dessen vorgebauten Wintergarten Gäste sich durch frische Nordseespezialitäten schlemmen.

Seit einigen Jahren sind die Zu Verschenken-Kisten stark in Mode. Bücher und Geschirr findet man häufig darin.

Seit einigen Jahren sind die Zu Verschenken-Kisten stark in Mode. Bücher und Geschirr findet man häufig darin.

Als die Stadt sich noch hinter den Mauern versteckte

An der Hartungstraße biege ich kurz nach links ab. Ich will einen Blick in den Ostertorweg werfen, der den meisten Bremern wahrscheinlich unbekannt sein dürfte. Der Pfad tarnt sich auch eher als Einfahrt zu den Hinterhofgaragen in diesem Häuserblock. Er ist aber auch hervorragende Abkürzung, wenn man von hier zur Humboldtstraße gelangen will. Zudem ist der Weg stadtbauhistorisches Erbgut. Früher, so wurde mir erzählt, fuhren hier die Bauern und Händler über Land in Richtung des östlichen Stadttores Bremens, dem Ostertor.

Der Ostertorweg war früher Teil der Landstraße zum östlichen Stadttor. Heute ist er Abkürzung und Garagenzufahrt.

Der Ostertorweg war früher Teil der Landstraße zum östlichen Stadttor. Heute ist er Abkürzung und Garagenzufahrt.

Wieder auf der Feldstraße begegnet mir nach einigen Metern eines meiner Lieblingsdetails des Großstadtmosaiks. „Leidenschaft“ heißt die Gehwegplatte, die in den Bürgersteig eingelassen ist und zwei wohlbeleibte, nackte Frauenkörper als Steinrelief zeigt. Eine von hinten, eine von vorne. Sie tragen einen übergroßen Schlüssel. Ein kleines Schildchen am Zaun verrät mir, dass dies die Arbeit des Bildhauers Georg Mann ist, der die Reliefplatte aus Marmor hier am 27.6.2012 verlegte.

"Leidenschaft", Marmorrelief von Georg Mann, das hier seit 2012 verewigt ist. Ob das wohl der Bremer Schlüssel ist, den die beiden Frauen tragen?

„Leidenschaft“, Marmorrelief von Georg Mann, das hier seit 2012 verewigt ist. Ob das wohl der Bremer Schlüssel ist, den die beiden Frauen tragen?

Sonnen- und Schuhkunst an der Humboldtstraße

Vorbei am Lemans, wo ich von Zeit zu Zeit gerne mal einen leckeren Cocktail schlürfe, bringt mich mein Gang zur Herderstraße, in die ich nach links abbiege. Vor mir geht eine Frau im schwarzen Stiftrock und noch schwärzerem Shirt. Ihr Hut würde jeden Outfit-Wettbewerb beim Pferderennen gewinnen – schwarz mit strahlend roter Tuchschleife. „In einem Hitchcock-Film würde sie auch nicht auffallen“, denke ich amüsiert.

Über die Humboldtstraße gelange ich ins berühmt berüchtigte Bermuda-Dreieck. Hier bin auch ich schon die eine oder anderen Nacht verschollen. Gleich vier Bars, ein Rockclub, ein Café und ein Pizza-Imbiss schmiegen sich an den kleinen Platz an der Ecke Fehrfeld/Römerstraße. Ein paar Leute sitzen vor dem Café in der Sonne und trinken Cappuccino. Die Kneipen haben noch geschlossen.

Auf der Humboldtstraße laufe ich wieder stadtauswärts, parallel zur Feldstraße, zurück. Das Sonnenlicht sucht sich seinen Weg durch das Blattwerk der hohen Platanen und malt Muster auf den Plattenbürgersteig unter meinen Füßen.

Zwischen Sonnen- und Schuhkunst: Die Humboldtstraße führt einmal quer durchs Fesenfeld.

Zwischen Sonnen- und Schuhkunst: Die Humboldtstraße führt einmal quer durchs Fesenfeld.

Um die F-Serie (Fesenfeld, Feldstraße, Fehrfeld) voll zu machen, biege ich an der Horner Straße nach rechts ab und laufe bis zur Friesenstraße, hier gehe ich nach links weiter. Über den Leitungen der Straßenlaternen hängen an den Schnürsenkeln verbundene Schuhpaare. Es gibt verschiedene Erklärungen für diesen Brauch, der als „Shoefiti“ (von Graffiti) oder als „Shoe Tossing“ bekannt ist, wie ich später im Netz erfahre. Mir gefällt die Straßenkunst als Begründung am besten.

Das Tor in eine andere Welt?

Das Tor in eine andere Welt?

Wandbilder zieren im gesamten Viertel die Häuserwände mit unterschiedlichsten Motiven.

Wandbilder zieren im gesamten Viertel die Häuserwände mit unterschiedlichsten Motiven.

In einem Vorgarten lehnt an der efeubewachsenen Hauswand ein gelber Bilderrahmen ohne Inhalt – ein Tor in eine andere Dimension? Tatsächlich befinde ich mich ein paar Straßen weiter auf einmal in einer Unterwasserwelt. Das hat aber nichts mit dem mysteriösen Bilderrahmen zu tun. Eines der beliebten Wandbilder, die man überall im Viertel findet, schmückt hier ein Eckhaus und strahlt in den Blautönen des Ozeans.

Augen auf! Gratistipps gibt’s an jeder Ecke…

In einer Seitenstraßen entdecke ich noch einen Gratistipp, der per Schablone an die Stirn einer Trennmauer gesprüht wurde: „Du musst dein Ändern leben.“ Gute Idee eigentlich! Bei mir ändert sich zumindest gerade mal wieder der Blick. Ich entdecke Details und Puzzleteile, die eine Stadt wie Bremen ausmachen und die im Alltag nur all zu gerne untergehen. Zufrieden laufe ich durchs Fesenfeld zurück und kann es kaum erwarten, meine Wahlheimat demnächst noch besser kennen zu lernen.

Gratistipp: Gesprühte Schablonen-Sprüche geben immer mal wieder Anlass zum Nachdenken.

Gratistipp: Gesprühte Schablonen-Sprüche geben immer mal wieder Anlass zum Nachdenken.

 

3 Anmerkungen zu “Aus dem „FF“: Ein Spaziergang durch das Fesenfeld

  1. Helke aus Hamburg says:

    Der Spaziergang durch das Fesenfeld hat mir gut gefallen. Ich habe lange in Bremen-Hastedt gewohnt, bin aber nie da durch gegangen. das werde ich demnächst nachholen.

  2. Rike Oehlerking says:

    Das Fesenfeld ist auch wirklich ein schönes Fleckchen Erde :-) Viel Spaß beim Spaziergang!

  3. Lars aus Hannover says:

    Danke für die guten Tips. Habe nächste Woche dort zu tun und Zeit, ein bißchen zu flanieren und freue mich schon auf ein Mittagessen bei Fisch Tetzke.

    Lars

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