Wissen für alle! – Ein Besuch im Staatsarchiv Bremen

Zwölf Regalkilometer Archivalien, 8.000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr und noch weitaus mehr schriftliche Anfragen zu Familienforschung, historischen Zusammenhängen sowie unterschiedlichsten Forschungsansätzen – das Bremer Staatsarchiv ist deutlich mehr als reine Aufbewahrung alter Akten und Dokumente. Unzählige Zeugnisse alter Zeiten lassen Abertausende an Geschichten wieder lebendig werden beziehungsweise erhalten sie am Leben.

Vor mir liegt ein rund 500 Jahre altes Dokument. Zur Erhaltung wurde es vor langer Zeit bereits von Papier auf Leinen übertragen. Es ist ein Schriftstück in Latein und selbst, wenn ich die Handschrift entziffern könnte, würde ich kein Wort verstehen. Dennoch hat es gewissermaßen eine Aura. Es strahlt Geschichte aus und zeugt von längst vergangenen Zeiten. Im Jahre 1523 war es an die Türen des Bremer Doms angeschlagen, um die Bevölkerung aufzuklären über das Wormser Edikt, das die Verbreitung Luthers Schriften verbat und ihn zum Vogelfreien erklärte. Für eine Ausstellung zum diesjährigen Reformationsjahr wurde das Dokument ausgesucht und wieder aufbereitet.

500 Jahre alt - die Bremer Erklärung zum Wormser Edikt.

500 Jahre alt – die Bremer Erklärung zum Wormser Edikt.

Der Zahn der Zeit

All das hat mir Konrad Elmshäuser erzählt, während er vorsichtig das Zeitdokument erst aus einer Pappschachtel, dann aus einem schützenden Umschlag herausholte und es behutsam auf einem großen Arbeitstisch vor uns auffaltete. Wir stehen in der Restaurationswerkstatt des Bremer Staatsarchivs am Präsident-Kennedy-Platz. Seit 1967 befindet sich die öffentliche Einrichtung in dem kantigen Glasbau mit dem anliegenden, quaderförmigen Magazin. In Letzterem sind auf sechs Ebenen Abertausende an Papierdokumenten untergebracht. Mit den ausgelagerten Stücken in einem Bunker im Viertel käme man insgesamt auf zwölf Regalkilometer, erzählt mir Archivleiter Konrad Elmshäuser. Ich staune. Zwölf Kilometer! Zur Veranschaulichung: Die Strecke vom Weserwehr bis zur Waterfront zählt etwa elf Kilometer. Das Bremer Archivalienregal am Stück würde also noch an der Waterfront vorbeigehen. Ganz schön lang.

Glasbau und Magazin wurden 1967 nach Plänen des Bremer Oberbaurats Alfred Meister errichtet.

Glasbau und Magazin wurden 1967 nach Plänen des Bremer Oberbaurats Alfred Meister errichtet.

Konrad Elmshäuser leitet seit 2003 das Staatsarchiv Bremen.

Konrad Elmshäuser leitet seit 2003 das Staatsarchiv Bremen.

Geschichte(n) lebendig halten

Seit 2003 leitet Konrad Elmshäuser das Staatsarchiv Bremen, das zu den ältesten öffentlichen Bremer Einrichtungen zählt. „Eine erste Erwähnung des Archivs finden wir in den 1220er Jahren“, bestätigt Herr Elmshäuser. „Das war direkt mit der Einführung von verwaltenden Instanzen verbunden.“ Damals sei allerdings noch wenig in Urkunden und anderen Dokumenten festgehalten worden, sodass das Archiv in einen kleinen Raum passte. Lange Zeit sei es aus Brandschutzgründen im Nordturm der Unserlieberfrauen-Kirche untergebracht worden, Anfang des 20. Jahrhunderts wurde am Tiefer erstmals ein Staatsarchivgebäude eingerichtet, das aber Bomben im zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel. „Glücklicherweise war zuvor schon ein Großteil der Archivalien in Sicherheit gebracht worden“, erzählt Konrad Elmshäuser. Ende der 1960er Jahre habe man dann das Gebäude am Kennedy-Platz errichtet.

Altes Sortiersystem und Signaturen - wer hier sucht, muss schon sehr genau wissen, wonach er eigentlich sucht.

Altes Sortiersystem und Signaturen – wer hier sucht, muss schon sehr genau wissen, wonach er eigentlich sucht.

Ein Ort voller Wissen

Herr Elmshäuser weist mich darauf hin, wie edel der Bau ausgestattet ist. Marmorplatten im großzügigen Eingangsbereich, wo gerade alle Vorbereitungen für eine große Ausstellung zu „Bremen und die Reformation“ laufen. „Mit solch edlen Materialien würde man heute nicht mehr ohne Weiteres bauen“, erzählt Elmshäuser lachend und zeigt auf den großen Magazinbau, den wir durch den Lichthof des flacheren Glasanbaus sehen können. „Die Fassade ist mit persischem Travertin verkleidet. Purer Prunk.“

Marmor im Eingangsbereich, Travertin an der Außenfassade. Die Wichtigkeit der Einrichtung lässt sich auch an diesem Prunk ablesen.

Marmor im Eingangsbereich, Travertin an der Außenfassade. Die Wichtigkeit der Einrichtung lässt sich auch an diesem Prunk ablesen.

Fragen erwünscht

Vor dem Lesesaal bleiben wir am Arbeitsplatz einer Kollegin stehen. „Es ist wichtig, dass unsere Besucherinnen und Besucher wissen, dass so ein Archiv anders funktioniert als eine Bibliothek“, betont der Archivleiter. Es sei daher ungemein wichtig, zunächst eine kurze Einführung zu bekommen. „Unser Sortiersystem ist ein ganz anderes“, erklärt auch Frau Alpert. „Wenn man nach einer Schlagwortsuche keinen Treffer hat, dann heißt das noch lange nicht, dass wir hier im Haus nichts dazu haben. In den meisten Fällen wurden einfach die falschen Begriffe eingegeben.“ Oft würden sich beispielsweise Namen von Behörden und Einrichtungen oder auch Begriffe für Alltägliches ändern. „Dann findet man zum Beispiel zum Thema Radfahren nur Akten aus alten Zeiten, wenn man nach Veloziped sucht.“ Bei so etwas hilft man vor Ort natürlich weiter, daher ist eine der obersten Devisen im Bremer Staatsarchiv: Fragen ist ausdrücklich erwünscht!

Im Lesesaal herrscht stets höchste Konzentration.

Im Lesesaal herrscht stets höchste Konzentration.

Wissensdurst berechtigt

Und wonach wird hier so gesucht? „Wir haben sehr oft Anfragen zu Abstammungshintergründen“, erzählt Herr Elmshäuser. Menschen aus aller Welt begeben sich auf die Suche ihrer familiären Ursprünge. Das sei oft bloßes Interesse, es gebe aber auch Erbenermittler und in den letzten Jahren vermehrt auch Migrationsfragen. Natürlich habe man im Staatsarchiv auch viele Forschungsanfragen zu unterschiedlichsten Themen. Zunehmend würde man das Zeitalter der Digitalisierung auch hier im Staatsarchiv zu spüren bekommen, erzählt mir Herr Elmshäuser. In Spitzenjahren habe man über 10.000 Besucherinnen und Besucher, die auch real Dokumente aus dem Magazin vorgelegt bekommen haben, verbucht. Hinzu kämen noch unzählige schriftliche Anfragen, die nicht einzeln registriert werden können. Die Zahlen gingen aber seit Jahren zurück. „Inzwischen haben wir eher 8.000 Registrierungen im Jahr“, sagt Herr Elmshäuser. Wer darf kommen? „Ganz einfach“, sagt mir mein Gesprächspartner: „Alle mit einem berechtigten Interesse. Und in diesem Fall berechtigt schon der reine Wissensdurst.“ Herr Elmshäuser lacht und erklärt, dass diese offene Formulierung bewusst gewählt wurde, um das im Archiv abgelegte Wissen einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ob Hochzeit, Geburt oder Tod - hier lagert das gesamte Bremer Familienwissen.

Ob Hochzeit, Geburt oder Tod – hier lagert das gesamte Bremer Familienwissen.

Sauber sortiert: Alte Karteischränke, Pappakten und Mikrofilme in Schubladen.

Sauber sortiert: Alte Karteischränke, Pappakten und Mikrofilme in Schubladen.

Das Herz der Geschichte

Im Lesesaal, wo bereits konzentriert gearbeitet wird, zeigt mir Herr Elmshäuser einen alten Urkundenschrank aus dem Paulskloster. „Der dürfte aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammen“, erzählt er mir.

Ein Urkundenschrank aus dem Paulskloster. Über 600 Jahre alt.

Ein Urkundenschrank aus dem Paulskloster. Über 600 Jahre alt.

Nachdem wir auf unserem Rundgang durch die Werkstätten gegangen sind, wo mir Herr Elmshäuser auch das eingangs erwähnte Dokument zeigt, landen wir schließlich im Herzen des Staatsarchivs – im Magazin.

"Kontaminierte" Akten werden vor der Lagerung an diesem sterilen Arbeitsplatz gesäubert. Schimmel und Tierchen können für ein Archiv sehr bedrohlich sein.

„Kontaminierte“ Akten werden vor der Lagerung an diesem sterilen Arbeitsplatz gesäubert. Schimmel und Tierchen können für ein Archiv sehr bedrohlich sein.

In der Werkstatt für Restauration bedient man sich unter anderem auch alten Buchbinder-Techniken und -Gerätschaften.

In der Werkstatt für Restauration bedient man sich unter anderem auch alten Buchbinder-Techniken und -Gerätschaften.

Ich stelle fest, dass ich die Etagenfläche von außen deutlich größer eingeschätzt habe, bin aber dennoch arg beeindruckt von den bis unter die Decken mit Dokumentenkartons bepackten Regalmetern. Zunehmend wird mir die Herausforderung bewusst, hier ein Ordnungssystem einzurichten. „Was machen Sie denn, wenn mal ein Dokument verschwindet“, frage ich. Herr Elmshäuser lacht. „Tja, verloren gegangen kann bei uns einer Vernichtung gleichkommen. Das kann schnell die berühmte Stecknadel im Heuhaufen werden.“ Es sei aber auch schon vorgekommen, dass man über das Ausgabeverzeichnis nachvollziehen konnte, wer welche Akten zu welchem Zeitpunkt vorgelegt bekommen hat. „Manchmal hat man dann Glück und findest das verlorene Dokument in einer anderen Akte wieder, weil derjenige, der es zuletzt in den Händen hatte, schlicht und einfach durcheinander gebracht hat.“

Tunnelblick - im Magazin lagern Tausende dieser Aktenkartons.

Tunnelblick – im Magazin lagern Tausende dieser Aktenkartons.

Nachdem wir im Magazin einen Blick in die Plakatsammlung geworfen haben, vorbei gegangen sind an einem gut verschlossenen Raum, in dem geheime Akten lagern, und noch ein paar ausgestellte Urkunden in einem Schaukasten bestaunt haben, entlässt uns der auf 18 Grad temperierte Bau wieder in den von der Vormittagssonne hell durchfluteten Glasanbau. Um etwa 11 Uhr verlasse ich das Staatsarchiv und weiß: Hinter mit lagern unzählige Geschichte. Viele von ihnen werden wohlmöglich nie wieder an die Oberfläche geholt werden, andere werden gesucht, gefunden und in neue, spannende Zusammenhänge gesetzt. Man kann tief graben im Bremer Staatsarchiv. Nur zwei Dinge sollte man dafür mitbringen – Wissensdurst und ausreichend Zeit.

Wohlmöglich das perfekte Setting für einen Spionagefilm :-)

Wohlmöglich das perfekte Setting für einen Spionagefilm :-)

Geradezu dekorativ, solch alte Akten.

Geradezu dekorativ, solch alte Akten.

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