Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n… mit der Straßenbahn

An einem Sonntagnachmittag fahre ich in den Bremer Osten und besuche das Straßenbahnmuseum. Nicht ganz thementreu gelange ich mit dem Rad nach kurzer Fahrt zum Sebaldsbrücker Depot – noch weiß ich nicht, dass mir auch noch eine spannende Bahnfahrt bevorsteht.

Vereinsmitglied Wolfgang Lukaschewsky nimmt mich in Empfang. Im Ausstellungsraum herrscht bereits emsiges Treiben. Junge und ältere Besucherinnen und Besucher bestaunen die Zeitdokumente, Modelle, Erklärungen zu Signalen und alte Ticketsysteme. Sie können ihr Fahrtalent außerdem selbst an der Modellstrecke testen.

Im Museumsraum finden sich zahlreiche Zeitdokumente und Modelle; oben: alte Tickets

Im Museumsraum finden sich zahlreiche Zeitdokumente und Modelle; oben: alte Tickets

An der Modellbahn können sich Spielkinder am original Fahr-und-Brems-Knauf ausprobieren

An der Modellbahn können sich Spielkinder am original Fahr-und-Brems-Knauf ausprobieren

Herr Lukaschwesky und ich gehen erst einmal in einen ruhigeren Aufenthaltsraum. Auch hier schmücken unzählige Bilder von alten Bahnen die Wände. Seit 1989 gibt es den Verein Freunde der Bremer Straßenbahn, seit 2003 wird hier auf dem Betriebshof Sebaldsbrück das Museum betrieben. Hintergrund für die Gründung war vor fast drei Jahrzehnten die Außerbetriebnahme eines bestimmten Fahrzeugtyps. „Einige Mitarbeiter von der Bremer Straßenbahn AG, aber auch externe und schon verrentete wollten diesen Großraumzug gerne erhalten“, erinnert sich Herr Lukaschewsky.

Ambitioniertes Vorhaben, erfolgreiche Umsetzung

Im Laufe der Jahre kamen immer mehr alte Fahrwagen hinzu. Die Mitglieder, Experten unterschiedlichster Fachbereiche, restaurierten, warteten und pflegten sie. So entstand ein Fuhrpark aus 20 Bahnen und Bussen, von denen fünf betriebsbereit sind. Hinzu kamen zahlreiche Zeitzeugnisse, sodass 2003 ein Museum im hinteren Teil des Selbaldsbrücker Depot eröffnet wurde.

Für große Exponate braucht man Platz; den hat der Verein im Depot an der Schloßparkstraße in Sebaldsbrück gefunden

Für große Exponate braucht man Platz; den hat der Verein im Depot an der Schloßparkstraße in Sebaldsbrück gefunden

Seitdem ist einmal im Monat Museumstag, an dem die Türen Neugierigen offen stehen (immer der zweite Sonntag im Monat). An so gut besuchten Tagen wie diesem haben Besucherinnen und Besucher – und in diesem Fall auch ich – das Glück, dass eine Fahrt mit einer der historischen Bahnen angeboten wird. So erfahre ich während unseres Gesprächs, nachdem ein Kollege bei Herrn Lukaschewsky anruft und mein Gesprächspartner mir mit leuchtenden Augen verspricht: „Na, dann erleben Sie hier heute noch ein besonderes Highlight.“

Wolfgang Lukaschewsky an einem seiner Lieblingsplätze

Wolfgang Lukaschewsky an einem seiner Lieblingsplätze

Auf Schienen unterwegs

Kurz darauf finde ich mich in einem alten Betriebswagen aus dem Jahr 1957 wieder. Etwa 30 Gäste haben auf den Holzstühlen Platz genommen, ich stehe hinter der Fahrerkabine, in der sich jetzt Herr Lukaschewsky bereit macht. Er ist eines der Mitglieder im Verein mit Fahrlizenz. An den Museumstagen hat der Verein eine Sonderfahrtgenehmigung für das Schienennetz – sozusagen eine Flatrate. „Ansonsten müssen wir jede Fahrt extra anmelden“, erklärt mir Herr Lukaschewsky, während sich vor uns das Tor der Gleishalle öffnet und sich die alte Bahn mit einem Ruck in Bewegung setzt.

Freie Fahrt voraus (links); Straßenbahnen stehen selten im Stau, außer die warten auf andere Bahnen (rechts)

Freie Fahrt voraus (links); Straßenbahnen stehen selten im Stau, außer die warten auf andere Bahnen (rechts)

Schön anzusehen: Die original Armaturen wurden überwiegend erhalten

Schön anzusehen: Die original Armaturen wurden überwiegend erhalten

Es rumpelt und schaukelt ganz schön, wenn sich so eine alte Straßenbahn von 1957 auf den Bremer Schienen bewegt. In den Kurven ächzt und quietscht es geradezu ohrenbetäubend. Aber das gehört dazu. Ich habe freie Sicht auf Armaturen-Anlage und Schienen vor uns. Passanten bleiben hier und da stehen und bewundern die vorbeifahrende alte Bahn. Während der folgenden etwa 30 Minuten, beantwortet Herr Lukaschewsky bereitwillig meine Fragen, erklärt mir die Signale, zeigt mir das Weichenstellen und manövriert uns von unserem Startpunkt einmal quer durch Hastedt, die Georg-Bitter-Straße hoch, wieder stadtauswärts zur Wendeschleife am Weserwehr und wieder zurück nach Sebaldsbrück. Nicht nur das Rollen und Quietschen der Räder in den Schienen ist zu hören, sondern hin und wieder auch das Rattern einer großen Kette, wenn der Fahrer die Handbremse über eine große Kurbel bedient. Außerdem bimmelt es hin und wieder, um andere Verkehrsteilnehmer zu warnen. Sein Kollege, der hinten auf dem Schaffnerplatz sitzt, an dem früher alle einsteigenden Passagiere vorbei und bezahlen mussten, fährt den Wagon schließlich am Depot wieder rückwärts in die Halle auf seinen Parkplatz.

Bahnfahrer haben im Verkehr ihre eigenen Signale

Bahnfahrer haben im Verkehr ihre eigenen Signale

Große, alte Zeitgenossen

Nach unserem kleinen Ausflug gehe ich mit Herrn Lukaschewsky durch die große Wagenhalle, in der alle Fahrzeuge untergebracht sind. Das älteste fahrbereite Fahrzeug ist von 1904. Der noch ältere Pferdebahnwagen von 1888 wird aktuell aufgearbeitet. Aus der Passagierkabine des Wagens von 1904, der bei Kennern noch aufgrund seiner früheren Farbe als „Grüne Minna“ bekannt ist, strömt der Geruch von altem Holz. Der Holzboden knackt leicht beim Betreten. Ich darf an einem Seil unter der Decke ziehen, das eine alte Glocke zum Bimmeln bringt. So kommunizierten zu früheren Zeiten Fahrer und Schaffner, der im hinteren Teil der Wagons seinen Arbeitsplatz hatte.

Noch betriebsbereit: Die sogenannte "Grüne Minna" von 1904

Noch betriebsbereit: Die sogenannte „Grüne Minna“ von 1904

Voller Begeisterung gewährt mir Herr Lukaschewsky noch einen Blick in die sogenannte „Zigarre“ – eine der bekanntesten Bahnen von 1954, aufgrund ihrer Form von den Bürgern nach der Rauchware getauft. „Hier zeigt sich, was so ein Verein an Arbeit leisten kann“, erklärt mir mein Gesprächspartner. Ich solle mir vorstellen, dass der Innenraum des Wagons kahl, leer und herunter gekommen war. In mühevoller Kleinst- und Fleißarbeit sei nach und nach alles restauriert worden und so zeige sich der Zug heute wieder so, wie er einmal ausgesehen hat. Ich lasse meinen Blicks staunend durch den ordentlich aufgearbeiteten Innenraum wandern.

Die "Zigarre" wurde von Vereinsmitgliedern liebevoll restauriert und in ihren ursprünglichen Zustand versetzt

Die „Zigarre“ wurde von Vereinsmitgliedern liebevoll restauriert und in ihren ursprünglichen Zustand versetzt

Neben dem regulären Museumsbetrieb stellen die rund 180 Mitglieder über das Jahr noch weitaus mehr auf die Beine. Es gibt Kooperationen mit unterschiedlichen Institutionen der Stadt wie beispielsweise mit dem Olbers-Planetarium, mit dem zum Jahresende immer eine sogenannte Sternfahrt veranstaltet wird. Es finden kleine und große Stadtrundfahrten statt. Schulen buchen Bahnen für Ausflüge, Hochzeiten und andere Privatveranstaltungen fanden auch schon in den Fahrzeugen statt. „Nur die Party-Bahn läuft nicht über uns“, betont Herr Lukaschewsky. „Das muss man über die BSAG buchen.“

Die Molly als Modell: Sie ist die älteste erhaltene elektrische Straßenbahn von 1900

Die Molly als Modell: Sie ist die älteste erhaltene elektrische Straßenbahn von 1900

Beim Verlassen des Geländes an der Schloßparkstraße habe ich noch das freundschaftliche Rumpeln und Quietschen der alten Lady im Ohr, die mich gerade noch durch den sonntäglichen Verkehr gefahren hat. Wieder einmal bin ich Menschen begegnet, die durch ihre Leidenschaft für ein bestimmtest Thema, eine ziemlich große Sache auf die Beine stellen.

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