Auf der Spur seltsamer Straßennamen

Die Benennung von Straßen erfolgt ja meist nach recht offensichtlichem Muster. Eine mehr oder weniger berühmte Persönlichkeit ist oft Namensgeber, manchmal halten auch fiktive Figuren aus Büchern und anderen Kulturgütern her. Auch die Lage des Verkehrsweges kann für dessen Benennung verantwortlich sein. Ab und zu stoße ich im Verkehrsnetz aber auch mal auf Straßennamen, deren Herkunft ich mir nicht auf Anhieb erklären kann. Ich hab mich auf ihre Fährte begeben.

Wenn ich mich nicht recht irre, begann alles mit der Herrlichkeit. Nachdem ich zum ersten Mal diesen Straßennamen wahrgenommen hatte, blieb die Frage, wie es wohl zu einer solchen Benennung kommt. Klein und unauffällig und dabei aber einen so großen Namen: Die Herrlichkeit geht von der Wilhelm-Kaisen-Brücker auf Höhe der Teerhofinsel gen Westen ab, macht einen Rechtsknick und erstreckt sich dann in beide Richtungen entlang des Weserufers über etwa 400 Meter. Dabei unterquert sie in Richtung Osten besagte Brücke. Für Autofahrende, die aus der Innenstadt kommen und auf die Werderinsel wollen, ist die Herrlichkeit ein wichtiger Insidertipp. Denn von der Brücke aus können Autos nicht nach links abbiegen. Der Ausblick auf die Skyline der Bremer Innenstadt lässt in der Tat von hier aus als „herrlich“ bezeichnen. In meiner Vorstellung bleiben Spazierende hier regelmäßig stehen, lassen den Blick schweifen und sich zu einem zufriedenen „Herrlich“-Seufzer hinreißen. Die eigentlich Herkunft der Straßenbenennung ist nicht ganz eindeutig. Sicher ist, so lese ich im „Bremer Straßenlexikon“ von Monika Porsch (erschienen im Schünemann Verlag) nach: Die Straße wurde bereits 1714 angelegt. Eine mögliche Herleitung des Namens könnte auch sein, dass das Land einst den „Herren“, also dem Bremer Rat gehörte.

Naja, "herrlich" geht aber besser: Heute überzeugt die Herrlichkeit hier nicht gerade durch Schönheit ;-)

Naja, „herrlich“ geht aber besser: Heute überzeugt die Herrlichkeit hier nicht gerade durch Schönheit ;-)

Herrlicher Ausblick

Von der Herrlichkeit aus lässt sich, so fällt mir auf, eine weitere Zeile mit ungewöhnlichem Namen sehen: Die Schlachte. Seitdem die Uferstraße vor rund 20 Jahren endgültig zur Promenade umgestaltet wurde, ist hier eine der bekanntesten Kneipen- und Restaurantzeilen der Stadt entstanden. Ihr Name ist zwar in aller Munde, wird aber wohl oft gar nicht mehr hinterfragt. Und wer doch mal mutmaßt, woher die Benennung kommen möge, wird wahrscheinlich nicht den wahren Ursprung erahnen. Wie viele Bremer Straßennamen leitet sich auch das Wort „Schlachte“ aus dem Niederdeutschen ab. „Slagte“ stand für das Einschlagen von Befestigungspfählen entlang Ufern. Schon 1250 tauchte erstmals das Wort „slait“ und später dann „slagte“ und „slacht“ in Urkunden für diese Gegend am rechten Weserufer auf.

Die Schlachte: Zentraler Handelspunkt - früher wie heute.

Die Schlachte: Zentraler Handelspunkt – früher wie heute.

Weserabwärts

Weiter im Westen der Stadt gibt es einen Straßennamen, der mir immer mal wieder auffällt, seitdem ich in Bremen unterwegs bin. Als ich den Namen zum ersten Mal hörte, weil er als Haltestelle in der Bahn angesagt wurde, brannte er sich unweigerlich in mein Gedächtnis. Die Rede ist von „Use Akschen“. Sobald ich den Namen höre, spreche ich ihn liebend gerne englisch aus: „Use action“. Die Übersetzung „Benutze/Verwende die Tat/das Handeln“ macht zwar eigentlich überhaupt keinen Sinn, passt aber inhaltlich doch irgendwie zur eigentlichen Bedeutung des Straßennamens. Auch hier ist die Mundart wieder der Ursprung. „Use Akschen“ heißt nämlich ins Hochdeutsche übersetzt „Unsere Aktien(gesellschaft)“ und meint die AG Weser, die von den Werftarbeitern so genannt wurde. Die Straße liegt auf dem ehemaligen Werftgelände im Bremer Hafen. Die Geschichte der AG Weser ist eine Geschichte voller Höhen und Tiefen mit abschließendem ruhmlosen Untergang. Übrig geblieben ist nur noch der Straßenname, der an diese Geschichte erinnert.

Eine Schüssel im Korb?

Zentral in der Innenstadt befindet sich ein kleiner Straßenabschnitt mit einem Namen, dessen Bedeutung ich schon länger wissen möchte: Der Schüsselkorb ist keine 200 Meter lang, ist aber aufgrund der Bahn- und Bushaltestelle stadtbekannt.

Vielleicht wurden hier früher am Domshof Schüsseln hergestellt.

Vielleicht wurden hier früher am Domshof Schüsseln hergestellt.

Schüsselkorb – „ja, was denn jetzt?“, mag die eine oder der andere fragen: „Schüssel oder Korb?“ Die Herleitung ist nicht ganz eindeutig. Im 15. Jahrhundert wurde dieser Straßenabschnitt noch unter dem Namen Scottelkorf verzeichnet, was soviel heißt wie „Schüsselhaus“. Hier könnten also Schüsseln hergestellt worden sein. Eine andere Erklärung wäre, dass sich das Wort Schüsselkorb vom niederdeutschen Wort Schuttkaven oder Schuttelkaven ableitet. Kaven steht hier für Pferch, Schutt oder Schuttel oder auch Schütt steht für herrenloses oder gepfändetes Vieh. Es könnte sich also um eine Sammelstelle von eingepferchtem Vieh gehandelt haben. Ein dritter Ansatz geht von einem steuerlichen Bezug aus, da das niederdeutsche Wort für Steuer Schoss war. Ganz geklärt ist die Bedeutung von Schüsselkorb also nicht. Seltsam und einzigartig bleibt der Name allemal.

Doppelt gemoppelt - Schüssel oder Korb?

Doppelt gemoppelt – Schüssel oder Korb?

Lautverschiebung im Laufe der Zeit

Auf der anderen Seite des Walls, verbunden durch die Bischofsnadel, deren Bedeutung ich in einem anderen Beitrag schon einmal erklärt habe (und zwar hier), beginnt die Straße Fedelhören. Auch ihre Herkunft möchte ich klären, denn in meinen Ohren klingt auch dieser Name ungewöhnlich. Der Wortteil Fedel dürfte sich auf ein ehemaliges Gewässer namens Widel beziehen – so lese ich nach -, das im 12. Jahrhundert an dieser Stelle Erwähnung findet. Der Wasserlauf galt damals als die südwestliche Begrenzung der Bürgerweide. Das niederdeutsche Wort für Ecke ist Horn, zusammengesetzt wäre es dann also Widelecke. So ähnlich, nämlich Vedelhorne, wurde früher die Flur, also die Umgebung in dieser Gegend genannt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus Fedelhören.

In dieser Gegend befand sich der Wasserlauf Widel.

In dieser Gegend befand sich der Wasserlauf Widel.

Ohne Sorgen über morgen

Von Zeit zu Zeit stolpere ich auch über einen seltsamen Straßennamen in der östlichen Vorstadt. Die Straße Sorgenfrei schmiegt sich in U-Form an nördlicher Flanke an die Straße „Am Schwarzen Meer“. Letztere bezieht sich übrigens nicht auf das große Binnenmeer in Osteuropa, sondern meint einen im 18. Jahrhundert hier gelegenen Sumpf, der als „swarte mähr“ bezeichnet wurde. Aber das nur nebenbei. Im Sorgenfrei lebt es sich ebenso. Der Name bezeichnet den Besitzer eines kleinen Hauses, der eben durch diesen Besitz keine Sorge mehr bezüglich des Wohnens haben muss. Die Straße wurde 1861 angelegt und in der Tat überkommt einen beim Hindurchspazieren eine recht sorgenfreie Friedlichkeit ;-)

Vom Schwarzen Meer ist es zur Sorgenfreiheit nicht mehr weit - zumindest in Bremen.

Vom Schwarzen Meer ist es zur Sorgenfreiheit nicht mehr weit – zumindest in Bremen.

Sorgenfreies Flanieren durchs Sorgenfrei. Wirklich schön hier.

Sorgenfreies Flanieren durchs Sorgenfrei. Wirklich schön hier.

Wer trifft, gewinnt

Beim Durchblättern des Bremer Straßenlexikons fällt mir noch ein Name auf: Papagoyenboom. Der kurze Straßenabschnitt liegt in der Neustadt und reicht von der Kleinen Weser-Straße „Am Deich“ bis zur Grünenstraße etwa 80 Meter. Den Wortteil „boom“ kann ich mir noch aus dem Plattdeutschen in „Baum“ übersetzen und bei „Papagoy“ vermute ich, dass sich dahinter tatsächlich die Bezeichnung für den bunten Plappervogel verbirgt. Allerdings bringe ich die beiden Wörter im Zusammenhang mit dem norddeutschen Klima nicht wirklich sinnig in Verbindung. Hier soll mal ein Papageienbaum gestanden haben? Ich wage das zu bezweifeln. Tatsächlich werde ich auch beim Nachlesen eines Besseren belehrt: Bei diesem Baum handelt es sich nämlich nicht um einen echten Baum, in dem echte Papageien Platz fanden. Der Papageienbaum war für Schützen ein Ziel, ähnlich dem Maibaum. Also eine lange senkrechte Stange, an deren oberen Ende ein meist aus Silber gefertigter Vogel befestigt war. Auf diesen zielten die Schützen mit ihrer Armbrust. Wer ihn als erstes traf, wurde zum „König“ ernannt und ein Jahr lang von allen Abgaben befreit. Dort wo heute die Papagoyenboom-Straße entlang führt, war einst einer der ältesten Bremer Schützenplätze.

Nein, es handelt sich hier nicht um echte Papageien, auf die Bezug genommen wird.

Nein, es handelt sich hier nicht um echte Papageien, auf die Bezug genommen wird.

Augen auf

Es gibt natürlich noch zahlreiche weitere Straßennamen, die durch ihre Seltsamkeit auffallen. Wen ihre Bedeutung und Herkunft interessieren, der sollte in jedem Fall mal einen Blick ins Bremer Straßenlexikon werfen. Hinter vielen Namen verbirgt sich eine ganze Menge Stadtgeschichte, aber auch regionale Besonderheiten. Oft mit einem Wortstamm im Niederdeutschen – schließlich wurde hier früher überall Plattdeutsch „gesnackt“. Und natürlich findet sich in vielen Namen auch der Bezug zur Seefahrt und zur Hanse wieder. Straßennamen erzählen einem also eine ganze Menge über die Stadt. Auch die, deren Bedeutung sich nicht auf den ersten Blick erschließt.

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