Bock auf Brauen

Gestern durfte ich Mäuschen spielen – ich bekam eine Sonderführung durch die Union Brauerei. Braumeisterin Doreen, schon seit September dabei, hat gerade Besuch von Kristof, ebenfalls Braumeister und ab sofort ihr Kollege. Mich haben die beiden in ihre heiligen – noch nicht ganz fertigen – Hallen gelassen und ein wenig mit mir geplaudert.

Schon einmal habe ich mir die Baustelle ansehen dürfen. Im Frühsommer war das, man musste aufpassen wo man hintrat. Viel Phantasie war vonnöten, um sich die spätere Brauerei mit Gaststätte vorzustellen. Nun ging es also noch einmal nach Walle, per Fahrrad im November-Regen. Auf dem Weg sah ich einen Trecker samt Anhänger. Aha, der holt bestimmt Treber ab, für das liebe Vieh eine Delikatesse. Und der Treckerfahrer sah mich, an der Ampel wartend, und hatte Mitleid. Während ich langsam trocknete kümmerte sich Doreen um die Treber-Lieferung. Mit diesem „Abfallprodukt“ kann man übrigens super Brot backen, günstig und gesund … Dann konnte es losgehen.

Baustelle in der Union Brauerei vor wenigen Monaten

Baustelle in der Union Brauerei vor wenigen Monaten

Braumeisterin mit Faible für Bananen-Aroma

Doreen ist erst 24 Jahre jung, und hat schon eine Menge Verantwortung. In Sulingen aufgewachsen, hat es sie nach Ihrer Ausbildung im Brauhandwerk nach München verschlagen, um dort den Meister zu machen und in der Camba-Brauerei weitere Erfahrungen zu sammeln. Das allgemeine Interesse an Lebensmitteln und insbesondere die Faszination, aus nur vier Zutaten ein so tolles und vielfältiges Produkt herzustellen, brachten Sie zu diesem Beruf. Zufällig erfuhr sie von der neuen Union Brauerei und bewarb sich. Nicht nur wegen der spannenden Aufgabe, sondern auch wegen der schönen norddeutschen Stadt Bremen. Richtige Antwort! Gemütlich nennt sie Stadt und Menschen, im besten Sinne. Einer ihrer Lieblingsorte ist die Böttcherstraße. Gemütlich, das ist ihr Arbeitsplatz nicht, aber die Gastronomie wird es allemal.

Einen Ritterschlag nennt Doreen es, dass Sie als junge Braumeisterin eine ganz neue Brauanlage in Betrieb nehmen durfte. Vorher hieß es aber, sich durch Zollbestimmungen und vielen anderen Papierkram zu kämpfen. Letzten Dienstag war es dann so weit, die ersten drei Sorten wurden gebraut: Weissbier, Rotbier und Porter habe ich gesehen, im Gärtank brodelte es. Darauf folgen nun weitere drei Sorten, damit in wenigen Wochen die ersten Bremer Biere der Union ausgeschenkt werden können.

Impressionen aus dem Gär- und Lagerkeller

Impressionen aus dem Gär- und Lagerkeller

Und das tollste Erlebnis? Das war nach der Einbringung vom Sudwerk. Nun war die Planungsphase abgeschlossen, es konnte gebraut werden, eine Punktlandung. Jetzt geht es richtig los. Doreen konnte es abends, kaputt aber glücklich auf dem Sofa, kaum glauben – ein besonders emotionaler Moment mit Gänsehautfaktor.

Das Sudhaus - Herzstück der Brauerei

Das Sudhaus – Herzstück der Brauerei

Und das schlimmste Erlebnis? Katastrophen blieben aus, sagt sie; nur einmal, da stockte der Atem. Als die „Waschmaschine“ geliefert wurde und nur ungefähr ein Zentimeter Platz zu den Trägern blieb – die dann doch nicht weggeflext werden mussten.

Flaschen-Waschanlage

Flaschen-Waschanlage

Und ihre Lieblings-Biersorte? Ganz klar, Weizenbier. Sie bringt ein wenig Zwickel vom ganz jungen Weissbier, es duftet nach Banane, das macht der tolle Hefestamm. Und Doreen strahlt wieder.

Zwickel vom Bremer Weissbier

Zwickel vom Bremer Weissbier

Von BrewDog zur Brau Union

Kristof hat keine Lieblingssorte. Er mag Bier queerbeet, und liebt es zu experimentieren. Auch er ist jung, erst 27 Jahre, und kommt gerade aus Schottland, wo er bei der Craft Brauerei BrewDog gearbeitet hat. Vorher hat er, nach seiner praktischen Ausbildung, in Berlin studiert. Seine Erfahrungen bringt er nun in Bremen ein.

Im Sudhaus: Doreen und Kristof und die Technik

Im Sudhaus: Doreen und Kristof und die Technik

Er, ein Nordlicht aus Schleswig-Holstein, kennt Bremen und fühlt sich hier sehr wohl, besonders an der Weser. Und er freut sich bei seiner Arbeit auf die Feedbacks der Gäste und Kunden, möchte ihnen „seine“ Biere näher bringen. Direkten Kontakt zu den Gästen werden beide auch haben, denn sie werden teilweise aufgrund der großen Glasfronten bei der Arbeit beobachtet, vor allem aber werden sie bei Führungen und Brauseminaren ihr Wissen weitergeben.

Sortenvielfalt zwischen Porter und Hanseat 2.0

Auf der Messe Fisch & Feines wurde der erste Sud, noch in einer anderen Brauerei hergestellt, präsentiert: Das Keller Pils. Craft Beer muss nicht immer experimentell sein. Wenn man im Indoor-Biergarten bei Werder-Spielen fiebert, dann braucht man kein anstrengendes Bier, sondern eins das süffig ist. Und warum Keller Pils? Ganz klar, bei Pils denkt man an eine der vielen gefilterten Sorten von großen Brauereien. Dieses Keller Pils ist nicht filtriert, also noch ein wenig trüb. Das ist kein Makel, ganz im Gegenteil; ich persönlich mag das auch viel lieber. Und es kommt direkt aus dem Lagerkeller über eine Leitung durch den Zapfhahn ins Glas – frischer geht’s nicht.

Flaschen-Prototypen bei der Messe Fisch & Feines

Flaschen-Prototypen bei der Messe Fisch & Feines

Die anderen Sorten, die zu Anfang geplant sind: Hanseat 2.0, Rotbier, Weissbier, Porter und Pale Ale. Die Beschreibungen findet ihr auf der Seite der Brauerei.

Dazu sind noch einige Sondereditionen geplant. Vielleicht mal etwas Leichtes für den Sommer? Oder etwas Kräftiges zum Grünkohl?

Brauer und Mälzer – ein Traumjob?

Sicher ist der Job extrem spannend. Aber wer denkt, dass man die ganze Zeit wie in einer Hexenküche an neuen Rezepturen feilt, der irrt. Zoll, Eichamt und Co. möchten, dass man sich mit Ihnen auseinandersetzt. Man muss vorausschauend planen können, denn bis ein Sud gezapft oder abgefüllt werden kann vergehen Wochen. Und, das Wichtigste: Putzen, putzen, putzen. Der Sprüher mit dem Desinfektionsmittel ist ein ständiger Begleiter. Man muss sich um die Technik kümmern, und bei der Union auch um die Kunden. Um danach weiter zu putzen.

Zudem ist die Liste der Zutaten in Deutschland eingeschränkt, was ein Wettbewerbsnachteil gegenüber dem Ausland ist:

Im Jahr 1516 trat in Bayern das Deutsche Reinheitsgebot in Kraft, das besagte dass zur Herstellung des Bieres nur Gerste (gemeint war Gerstenmalz), Hopfen und Wasser verwendet werden dürften. Die Bedeutung der Hefe war noch nicht bekannt, Wildhefen taten ihr Werk. Na ja, wenn ich lese dass vorher manchmal Tollkirsche und Ähnliches hinzugegeben wurde, dann finde ich das Gesetz eine gute Idee. Nach den neueren Verordnungen sind allerdings einige Ausnahmen möglich, die unter anderem dazu dienen sollen das Bier haltbarer zu machen. Die Hauptzutaten sind aber weiterhin für den deutschen Markt eingeschränkt, importiert werden darf dagegen fast alles. Mit Reisflocken arbeiten? Oder Polenta einsetzen? (Harmlose) Kräuter verwenden? Oder Espresso-Bohnen zugeben? In anderen Teilen der Welt darf man so etwas machen. Und bei Experimenten zu Hause, für den Eigenbedarf.

Craft Beer – Handwerk, oder was?

Auf den Fotos sieht man viel Technik. Die Frage mag sich stellen, was denn eigentlich Craft Beer ausmacht. Handwerk – ist es das noch?

Tripod vs. Black Lord

Tripod vs. Black Lord

Brauen in der heimischen Küche

Brauen in der heimischen Küche

Es ist sicher ein besonderes Erlebnis, wenn man zu Hause stundenlang mit dem Rührpaddel versucht, das Anbrennen in Muttis Einkochtopf zu verhindern. Bei dieser nostalgischen Art des Brauens kommt man auf einen Preis von gut 25 Euro pro 0,5 Liter-Flasche (bei 20 Stunden Arbeitszeit je 50 Euro Handwerkerlohn, plus Material). Wer möchte das bezahlen? Craft Brauer produzieren mit (technischen) Kleinstanlagen, oder lassen außerhalb brauen, sofern sie nicht, wie die Union, eigene Anlagen haben. Übrigens: Der „Tripod“ auf dem oberen Bild wird zum Hopfenstopfen verwendet. Cool …

Handwerk muss hier eine andere Bedeutung haben. Es ist der Mut, Neues auszuprobieren, auch ungewöhnliche Geschmacksrichtungen zu kreieren, Vielfalt zu erzeugen. Besondere Bier-Spezialitäten begleiten verschiedene Speisen, zum Beispiel durch die Zugabe von Schokoladen- oder Whiskeymalz, oder durch fruchtige Aromen. Wie Banane. Ich bin gespannt, was Doreen und Kristof noch alles einfällt. Mit Malz, Hopfen, Hefe, Wasser, und ganz viel Begeisterung. Zum Abschied ein letzter Blick aus dem späteren Biergarten auf Gärtanks und leckeren Zwickel – ich komme wieder …

Ab wann genau das möglich ist, kann man auf der Website der Union Brauerei verfolgen. Die Führungen und Seminare, die sind in Kürze schon online buchbar. Ansonsten ruft uns einfach an. Ein schönes Weihnachtsgeschenk, so ein Brautag, denke ich – das wünsche ich mir auch!

Blick vom Indoor-Biergarten in den Gär- und Lagerkeller

Blick vom Indoor-Biergarten in den Gär- und Lagerkeller

 

 

Ein Kommentar zu “Bock auf Brauen

  1. Maik says:

    Danke für den Tipp, für Bremer die sonst schon alles von der Stadt gesehen haben eine sehr schöne Geschenkidee.

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