Einmal tief Geschichte (w)einatmen, bitte!

Der Bremer Weinkeller ist ein wahrer Geschichtsspeicher. 600 Jahre alte Gemäuer finde ich hier vor und den ältesten Fasswein Deutschlands. Ratskellermeister Krötz nimmt mich mit auf einen Rundgang durch das „14. Deutsche Weinbaugebiet“ – mitten in der Bremer Innenstadt, unterm Rathaus.

Ich habe einen Termin beim Ratskellermeister Karl-Josef Krötz. Zuvor hatte er mir am Telefon erklärt, ich möge links neben den Stadtmusikanten die fünf Treppenstufen hochsteigen und an der alten Holztür klopfen. Tatsächlich sucht man hier vergebens nach einer Klingel. Also nehme ich den gusseisernen Ring zwischen die Finger und klopfe – etwas unbeholfen, wie ich finde. Man wird ja heutzutage nicht mehr all zu oft mit dieser altmodischen Form des Klingelns konfrontiert. Dennoch ist mein Versuch von Erfolg gekrönt, denn kurz darauf öffnet sich die schwere Holztür.

Herr Krötz nimmt mich in seinem ebenfalls recht historisch anmutenden Büro in Empfang. Durch die alten Fenster der Rathausrückseite dringen Innenstadtgeräusche und lebendiges Gemurmel. Man mag in Bremen Reeder, Ratsherren und Hafenarbeiter antreffen. Aber einen Weinkellermeister erwartet man zunächst nicht unbedingt. Dabei ist der Posten im Ratskeller einer der begehrtesten der Szene, wie mir Herr Krötz erzählt. Hier lagert immerhin eines der umfangreichsten Sortimente deutscher Weine. Er selbst habe vor 27 Jahren eigentlich nur seinen Marktwert testen wollen, als er sich auf die ausgeschriebene Stelle bewarb. Doch als er die Zusage für den Job bekam, legte der studierte Winzer seine damaligen Aufgaben ad acta und zog von der Mosel in den Norden. „Das habe ich seitdem keinen Tag bereut“, betont Herr Krötz. Überhaupt ist er voll des Lobes für die Hansestadt an der Weser. Er sei ein großer Freund von der norddeutschen Redeweise und der typischen Bescheidenheit.

Letztere, so sagt er selbst, habe er ebenfalls in sich. Das merke auch ich, als es um die Frage geht, ob der Bremer Ratskeller nun der älteste aller deutschen Weinkeller ist oder nicht. Wir einigen uns auf „einer der ältesten“ und mit 1405 als Gründungsjahr kann man das wohl guten Gewissens so stehen lassen. Trotz der Zurückhaltung an dieser Stelle verspricht mir Herr Krötz aber dennoch so einige Superlative auf unserem Weg durch die Kellergewölbe – und er wird sein Wort halten.

Geheimgespräche, die nicht unbedingt geheim bleiben

Auf unserer kleinen Privatführung begleitet uns stets der Duft der Jahrhunderte. Angefangen im gastronomischen Teil des Ratskellers mit dem angrenzenden Bacchus-Keller, wo der kleine Weingott auf einem großen Holzfass thront. Auf der anderen Seite der Gastronomie schauen wir kurz in den Hauff-Saal, der gemeinhin auch als Flüster- oder Echosaal bekannt ist. Säulen und Gewölbe transportieren auch leise gesprochene Dinge von der einen Seite des Raums zur anderen. Die beste Grundlage für Legenden von Geheimgesprächen, deren Inhalte nicht geheim blieben. Wieder umweht mich ein Hauch Geschichte.

Bacchus: Der Weingott prostet den Gästen hier verschmitzt zu.

Bacchus: Der Weingott prostet den Gästen hier verschmitzt zu.

Herr Krötz führt mich weiter ins Senats- und ins Kaiserzimmer – stattlich und prunkvoll eingerichtete Tagungssäle mit Freskenmalerei, Kronleuchtern und dunkler Wandvertäfelung. Die hier besprochenen Dinge hatten und haben mit Sicherheit größere Chancen, nicht nach außen zu dringen.

Der Kaisersaal - stattlich wie sein Name schon sagt.

Der Kaisersaal – stattlich wie sein Name schon sagt.

Ab in den Keller

Dann geht es tiefer in den Keller. Durch die Küche des Ratskellers, in der emsiges Treiben herrscht, gelangen wir auf eine schmale Rampe, die uns stetig nach unten geleitet. Nach einigen Metern befinden wir uns in der Liefer- und Etikettierungsstelle. Hier werden täglich Weine verpackt, neue Lieferungen entgegen genommen, Weinflaschen etikettiert und Testweine bereit gestellt. Herr Krötz erklärt mir, dass das Label des Bremer Ratskeller wie eine Qualitätssicherung funktioniert. Er hat alle Weine im Sortiment selbst getestet und ist weiterhin stets auf der Suche nach den besten Tropfen eines Jahrgangs. Über 1200 deutsche Weine lagern hier und können bestellt werden.

In der Lieferstelle weht ein nicht ganz so alter Wind. Die Regale, ein großer Schubladenschrank und ein kleiner, integrierter Bürokasten versprühen eher den Charme der Dreißiger des vergangenen Jahrhunderts. Auch die Eisenregale im Flaschenlager nebenan stammen aus diesem Jahrzehnt. Alles erinnert an die Einrichtung alter Verwaltungsgebäude – nur, dass hier eben Wein verwaltet wird. Wir befinden uns nun etwa vier Meter unter der Erde, unterm hinteren Teil des Rathauses.

Im zweistöckigen Flaschenlager herrschen kühle Temperaturen, um den Wein zu optimalen Bedingungen zu lagern.

Im zweistöckigen Flaschenlager herrschen kühle Temperaturen, um den Wein zu optimalen Bedingungen zu lagern.

Wein als Geschichtsspeicher – tief unter der Erde

Nachdem wir unseren Rundgang auf dieser Ebene beendet haben, steigen wir noch einmal weiter hinab ins Erdreich. Durch eine wuchtige Holztür, die einst äußere Eingangstür zum Ratskeller war und die fast eine Tonne wiegt, wie Herr Krötz betont, gelangen wir in den Fasskeller. Dieser liegt unterhalb des Domshof. Es gibt sogar eine Ausstiegsluke nach oben, durch die man mitten auf den Domshof steigen könnte – wenn nicht genau auf der Luke eine Sitzbank stehen würde.

Eine Tonne Holz: Früher war dies die Eingangstür zum Ratskeller.

Eine Tonne Holz: Früher war dies die Eingangstür zum Ratskeller.

Die alten Fässer speichern heute nur noch Geschichte.

Die alten Fässer speichern heute nur noch Geschichte.

Über zweihundert Fässer liegen hier, alle fassen etwa 1000 Liter. Oder besser gesagt: Sie fassten einst. Denn heute liegen sie hier, etwa sechs Meter unter der Erde, leer und speichern nur noch Geschichte. Am hinteren Ende des großen Kellerraums entdecke ich die Schatzkammer. Auch hier liegt Geschichte: Es ist eines der umfangreichsten Archive deutscher Weine und beinhaltet Weine aus zahlreichen Jahrgängen. Darunter auch Jahrgang 1959, wie mir Herr Krötz zeigt. Einer der legendärsten, weil besten Jahrgänge aller Zeiten. „Eine Flasche des Weins kostet heute über 8000 Euro“, sagt Herr Krötz und ich muss nochmal nachfragen, ob ich das gerade richtig verstanden habe. Ich hatte ja keine Ahnung…

Ein legendärer Jahrgang: 1959.

Ein legendärer Jahrgang: 1959.

Sechs Meter unter der Erde: der Fasskeller mit Schatzkammer, die deutsche Weingeschichte archiviert.

Sechs Meter unter der Erde: der Fasskeller mit Schatzkammer, die deutsche Weingeschichte archiviert.

Der Wein im Rosekeller ist von 1653 und angeblich heute noch genießbar.

Der Wein im Rosekeller ist von 1653 und angeblich heute noch genießbar.

„Sub rosa“ – von einem knapp 400 Jahre alten Wein

Als wir nach unserem Aufstieg wieder auf der oberen Ebene angelangt sind, bleibt Herr Krötz vor einer unscheinbaren, hölzernen Flügeltür stehen. Er zieht seinen Schlüsselbund aus der Tasche und schließt auf. Beim Betreten des dunklen Raums muss ich unweigerlich an eine Gruft denken. Ich ahne, wo wir sind. Als nächstes schlägt mir ein erdiger, samtig-schwerer Geruch entgegen. Wein! Und zwar sehr, sehr alter Wein. Wir sind im Rosekeller, beziehungsweise im davorliegenden Apostelkeller, in dem zwölf Fässer mit Rheinweinen aus dem 18. Jahrhundert liegen. Herr Krötz beginnt, die auf jedem Fass platzierten Kerzen anzuzünden. Es wird sakral – das ist zumindest meine erste Assoziation. Im hinteren Raum ist das berühmte Rosefass aufgebahrt. In ihm lagert ein Rüdesheimer Wein von 1653 – Deutschlands ältester Fasswein. Da haben wir die versprochenen Superlative. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus.

Die zwölf Apostel in Form von Weinfässern.

Die zwölf Apostel in Form von Weinfässern.

Heilige Stätten: Apostel- und Rosekeller. Im Fass am Ende lagert der berühmte Rosewein.

Heilige Stätten: Apostel- und Rosekeller. Im Fass am Ende lagert der berühmte Rosewein.

Rosekeller und -wein erhielten ihren Namen übrigens aus zweierlei Gründen. Zum Einen wurden früher besonders hochwertige Weine auch „Rose“ genannt, zum anderen aber findet sich seit 1602 an der Decke des Raums das Bild einer Rose. Hier wurden einst geheime Sitzungen der Ratsherren abgehalten, woher auch die Redewendung „sub rosa“ stammt, die für eine geheime Unterredung steht.

Der Wein im Rosekeller ist von 1653 und angeblich heute noch genießbar.

Der Wein im Rosekeller ist von 1653 und angeblich heute noch genießbar.

Auch Herr Krötz erzählt mir an diesem Tag ein paar Geschichten „sub rosa“ – aber darüber darf ich natürlich nicht sprechen. Der Inhalt dieser Gesprächs wird wohl für immer im Rose-Keller bleiben – so wie zahlreiche weitere Geschichten auch.

Ratskellermeister Karl-Josef Krötz - seit fast 30 Jahren auf diesem Posten.

Ratskellermeister Karl-Josef Krötz – seit fast 30 Jahren auf diesem Posten.

Der Bremer Ratskeller bietet auch Führungen durch die Kellergewölbe an. Sie können hier gebucht werden.

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