Bremen und die Wolle

Bremen hat eine lange Tradition in Bezug auf den Handel von Baumwolle und Wolle. Seit 140 Jahren vertritt die Bremer Baumwollbörse die Interessen der nationalen und internationalen Mitglieder. Die Bremer Woll-Kämmerei AG ist seit 2009 zwar nicht mehr aktiv, war aber einst weltweit das größte Unternehmen seiner Art; das Areal wird nun neu entwickelt. Tradition und globales Handeln, Stadtentwicklung und Architektur, Rohstoffe aus denen Klamotten-Träume sind – hier kommt einiges zusammen, das mich interessiert.

Kürzlich habe ich über die Geschichte des Herrn Lahusen und die Nordwolle in Delmenhorst berichtet. Aus der Vergangenheit, um die es dort ging, geht es nun um die Gegenwart. Die Entwicklung, die das Nordwolle-Gelände bereits hinter sich hat, hat auf dem Gebiet der Woll-Kämmerei in Blumenthal gerade begonnen. Und (fast) am Marktplatz, im dem Eckgebäude an der Wachtstraße mit dem Turm und dem wunderbaren Treppenhaus, ist die Wolle vom Baum – äh, Busch – noch heute sprichwörtlich greifbar.

Repräsentatives Treppenhaus in der Bremer Baumwollbörse

Repräsentatives Treppenhaus in der Bremer Baumwollbörse

Die Bremer Baumwollbörse – Baumwollwirtschaft in Bremens guter Stube

Die Bremer Baumwollbörse ist eine internationale Schiedsgerichtsstelle. Mit 16 weiteren Baumwollbörsen weltweit wacht sie über Verträge im Baumwollgeschäft. Die 1872 erlassenen und stets weiterentwickelten “Bremen Rules” bilden die Grundlage für das „Grundgesetz“ für Baumwollhandelsverträge. 2006 wurden die „Liverpool Rules“ übernommen, mit dem Ziel einer weltweit einheitlichen Regelung. Die Baumwollbörse bietet zudem Schulungen für die Branche an und vermietet Tagungsräume. Der Blick aus dem Turmzimmer auf den Marktplatz ist schon toll.

Ich hatte einmal das Glück, im Rahmen einer Recherche auf das Dach zu steigen, das war klasse. Während der Gruppenführungen darf man zwar nicht aufs Dach, dafür erfährt man aber jede Menge über die Architektur des Hauses mit dem markanten Treppenhaus, und natürlich über das Thema Baumwolle. Sicher ist in diesem Zusammenhang auch immer mehr der Aspekt der Nachhaltigkeit zu diskutieren, ich denke da zum Beispiel an den hohen Wasserverbrauch im Rahmen der Produktion. Zu den Fasern der Zukunft hat Die Zeit einen interessanten Bericht veröffentlicht. Wie wäre es übrigens mal mit Fasern aus Milch „Made in Bremen“?

Mein ganz besonderer Tipp für einen Besuch: Hier gibt es noch einen Paternoster. Eine Runde musste ich mir bei meinem Besuch gleich gönnen. Aber Vorsicht, man muss gut zu Fuß sein. Ich habe die abenteuerlichsten Geschichten über Menschen gehört, die sich dort schon sehr verschätzt haben, um es vorsichtig auszudrücken. Nur soviel: Rollatoren gehören da nicht rein.

Die Bremer Baumwollbörse am Marktplatz

Die Bremer Baumwollbörse am Marktplatz

Bremer Woll-Kämmerei in Blumenthal – Verfall und Neuentwicklung

Von der schmucken Baumwollbörse in der City geht es in den Norden, in ein riesiges und derzeit weniger schmuckes Gewerbegebiet mit ganz, ganz viel Potenzial.

In Blumenthal befindet sich das Gelände der Woll-Kämmerei, direkt an der Weser. Sie war weltweit lange Zeit das größte Unternehmen ihrer Art. Die Verarbeitung von Rohwolle wurde 2009, nach 125 Jahren, eingestellt. Wenige damals ausgegründete und inzwischen auch neue Unternehmen sind auf dem Gelände aktiv, unter anderem ein Unternehmen das sich mit Chemiefasern beschäftigt. Dem Stadtteil ist zu wünschen, dass die weitere Entwicklung dort zu einem – mindestens kleinen – Aufbruch führt.

Bei meinem Besuch im Frühjahr war die Umgebung aber tatsächlich ein wenig skurril. In Entwicklung eben. Es gab große moderne Spielbereiche zwischen Ruinen, Behindertenparkplätze im Nirgendwo am Sandhaufen. An der Weser, die hinter den Spundwänden aber nicht zu sehen ist. Da ich aber viel Fantasie habe kann ich mir durchaus vorstellen, was dort entstehen könnte.

So lange gilt: Safety first! Der Bagger rollt, und für Sicherheit ist ebenfalls gesorgt: Eingänge sind bombensicher, die Feuerwehr ist schon da. Gefühlt sind zudem 100 Schilder auf den neu gepflasterten Wegen aufgestellt, um den jeweiligen Anfang und das Ende jedes Spielstraßen-Abschnitts zu markieren.

Bremer Woll-Kämmerei in Blumenthal

Bremer Woll-Kämmerei in Blumenthal

Auf Facebook gibt es übrigens einige historische Bilder und Infos zum Förderverein Kämmereimuseum, das zu eingeschränkten Zeiten auf dem Gelände geöffnet hat.

Hafenmuseum im Speicher XI

Die Themen Globalisierung, Nachhaltigkeit und Handelsgeschichte werden oft auch im Hafenmuseum in der Überseestadt aufgenommen. In einer Sonderausstellung wurde mal eindrucksvoll gezeigt, welchen Weg eine Jeanshose aus Baumwolle hinter sich hat bevor sie hier in die Geschäfte kommt. Ein Besuch in einem meiner Bremer Lieblingsmuseen lohnt sich allemal.

Beitragsbild oben: Jörg Machirus / Faserinstitut Bremen e. V. (FIBRE)

Ein Kommentar zu “Bremen und die Wolle

  1. Robert Dadanski says:

    Das Gebäude der Baumwollbörse ist was besonderes. Vor meinem Studium habe dort in einem Laden ausgeholfen und natürlich haben wir versucht die Börse mit den großen Treppen und Kellern auszukundschaften. :)

    Das war eine lustige Zeit.

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