9 Fragen an: Marc Sifrin

Für meinen ersten Beitrag zieht es mich, Anna (25), zu einem der Orte, die Bremen zu meinem zweiten Zuhause machten: die Schauburg. Vor sechs Jahren hätte ich wohl nicht gedacht, dass mir der nordische Gruß einmal so geradeheraus über die Lippen kommen wird. Sechs Jahre später kann ich euch unverblümt mit einem aufrichtigen „Moin“ als neues Gesicht auf diesem Blog begrüßen. 

Vor ein paar Jahren haben wir euch das Bremer Filmkunsttheater bereits vorgestellt, sprachen mit Inhaber Manfred Brocki über prominente Kinogäste und warfen einen Blick hinter die Kulissen. Heute soll es aber weniger um das Kino selbst, als um einen seiner längsten Mitarbeiter gehen: Marc Sifrin gehört fast schon zum Inventar der Schauburg. Seit 22 Jahren steht er montagabends um 21 Uhr auf der Kinobühne und moderiert ein Format, das sich bei vielen Bremerinnen und Bremern großer Beliebtheit erfreut: die OV Sneak Preview (OV für Originalversion). So auch bei mir, pilgerte ich phasenweise jeden Montagabend ins Steintor-Viertel. Ich würde lügen, euch zu erzählen, ich wäre hinterher jedes Mal begeistert aus dem Kinosessel aufgestanden. Denn die Sneak ist ein Format, bei dem man sich auf Überraschungen einlässt: Vor Filmbeginn wird nur das Genre bekannt gegeben. Inzwischen weiß ich, dass zuweilen schlechte Filme die guten Kinoabende erst richtig berauschend werden lassen. Und so verspürt man immer wieder die gleiche kitzelnde Neugier: Was gibt es diesmal?

Auf einen Kaffee im Steintor-Viertel

Im Viertel angekommen, folge ich den Straßenbahnschienen bis fast ans Ende, kurz bevor eine große Kreuzung das quirlige Steintor-Quartier vom Stadtteil Peterswerder trennt. Hier, zwischen bunten Schaufenstern, alteingesessenen Kneipen und Bistros mit Leckereien aus verschiedensten Ländern, verbirgt sich hinter einer Backsteinfassade Bremens ältestes Kino: die Schauburg, Gründungsjahr 1929. Geschmückt von handbemalten Filmplakaten und roten Markisen ziert ein leuchtender Namensschriftzug den Eingang.

Bremens ältestes Kindo, die Schauburg (Foto: Anna Kehl)

Als ich um die Ecke in die Horner Straße biege, winkt mir Marc schon von einem typisch Pariser Bistrotisch aus zu. Wir sind verabredet in der Bar Tabac, die zum Jahresbeginn 2019 nur wenige Meter neben der Schauburg eröffnete und seitdem französisches Flair versprüht. Neben Kaffeespezialitäten und originalgetreuer Patisserie gibt es hier Zeitungen und Tabakwaren zu kaufen – und natürlich Tickets für die Bremer Filmkunsttheater.

Als langjähriger Bremer und durch seine Tätigkeit in der Schauburg hat Marc so einiges über die Hansestadt zu erzählen. Bevor es aber richtig los geht mit dem Interview, darf er sich erst einmal unserem Fakten-Check unterziehen:

Vor- und Nachname: Marc Sifrin

Geburtsjahr/-ort: 1976 in Hamburg

Beruf/Tätigkeit: Assistenz der Theaterleitung im Bremer Filmkunsttheater Schauburg

Zuhause in: Peterswerder

Typisch bremisch ist… „erstmal zu gucken, wie sich die Dinge entwickeln, und dann erst seinen Senf dazuzugeben – eine herrliche Gelassenheit!“

 

Und los geht’s…

Marc, du lebst seit 1996 fest in Bremen. Wie hat sich die Stadt über die Jahre verändert?

„Wenn ich zurückdenke, dann war das Viertel vor 20 Jahren auf seine Art Klein-Kreuzberg – ein Konglomerat, in dem viele Menschen miteinander arbeiten, ohne in den anderen eine Konkurrenz zu sehen. Mit der Initiative ‚Das Viertel lebt‘ kam das Gefühl vor ein paar Jahren noch einmal verstärkt zurück. Der Stadtteil lebt von Leuten, die um die Häuser ziehen. Menschen, die nach einem Besuch im Theater oder im Kino in ein, zwei, drei, manchmal zehn Kneipen einkehren. Gerade jetzt während der Corona-Zeit wird deutlich, wie sehr die Viertel-Kultur daraus ihre Existenz zieht“, schildert er.

Blick vom Sielwall in Richtung Sielwall-Kreuzung, wo sich Ostertor und Steintor treffen. Zusammen bilden sie das Szene-„Viertel“. (Foto: Jonas Ginter)

Ich merke schnell, dass ich von dem Gespräch noch viel über meine Stadt lernen kann. Marc erzählt mir von Zeiten, in denen das Viertel zur autofreien Zone erklärt wurde und Menschen bis tief in die Nacht auf den Straßen plauderten und feierten. Der Gedanke daran erscheint während einer globalen Pandemie weit weg und ich spüre die Nostalgie, die den Geschichten mitschwingt. Über die Jahre beobachtete er viele Orte in ihrem Wandel – Straßen und Ecken wurden „lebendig“, erinnert er sich: „Vieles, das heute nicht mehr aus Bremen wegzudenken ist, habe ich in seiner Entstehung miterlebt. Zum Beispiel die Schlachte: Bremen als Stadt am Fluss, womit heute vor allem die Weserpromenade mit ihren Biergärten direkt am Wasser gemeint ist – das gab es früher nicht.“

Was schätzt du an der Hansestadt als Wohn- und Lebensort; was hält dich hier?

Marcs Antwort auf meine zweite Frage fällt in vergnüglichen Bildern aus: Bremen sei wie eine Insel, ein Dorf mit Straßenbahn und natürlich alte Hansestadt. „Ich mag die Beschaulichkeit und dass man überall schnell hinkommt. Die Stadt bietet tolle Möglichkeiten, aber trotzdem bleibt sie immer gemütlich“, beurteilt er. Auch das viele Grün unterschätze man häufig. Und dann wäre da noch die nordische Gelassenheit, die oben schon durchblitzte. Hanseatisch zurückhaltend oder auch herrlich unaufgeregt sei die Lebensart der Bremerinnen und Bremer.

Stell dir vor, du wärst noch einmal neu in Bremen. Was würdest du dir selbst raten, wo du abends weggehen sollst, welche Erlebnisse du nicht verpassen darfst? Mit wem würdest du dich bekannt machen wollen?

Kurzes Grübeln, schließlich ist es lange her, dass der 44-Jährige neu in Bremen war. „Es gibt viele kleine Klubs und Lokalitäten, die man unbedingt einmal besucht haben muss. Zum Beispiel das Lagerhaus, das zakk oder das Jugendkulturzentrum in der Friesenstraße. Hier habe ich früher viele kleine Konzerte erlebt“, erzählt er. Bis zu 250 Menschen wären genau der richtige Rahmen für ein Konzert – wenn eine Gruppe bekannter wurde und größere Auftritte etwa in der ÖVB-Arena hinlegte, sei das nichts mehr für ihn.

Das legendäre „Eisen“ im Bremer Viertel (Foto: BTZ)

„Ein Muss für jeden Neu-Bremer und jede Neu-Bremerin ist auch das Elektro-Bingo im Eisen. Wer einen originellen Abend für wenig Geld erleben will, ist hier genau richtig“, empfiehlt er. Das Eisen ist wohl die Kult-Kneipe im Viertel, direkt am berühmtberüchtigten Sielwalleck‘ gelegen. Wer hier einen „Krabeldiwandenuff“ trinkt, darf sich offiziell Bremer oder Bremerin nennen, legte man mir in meinen ersten Tagen in der Hansestadt nahe. Beim Elektro-Bingo habe ich aber wohl etwas nachzuholen…

Seit 22 Jahren moderierst du die OV Sneak Preview in der Schauburg. Wann findest du deinen Job klasse? Welche Momente sorgen für Begeisterung?

„Erst einmal ist es natürlich schön, selbst im Kino zu sitzen und Filme zu sehen, die einen wirklich begeistern und mitreißen. Ich nenne das gerne den körperlichen Effekt im Kino – nicht nur die eigene Anspannung zu spüren, sondern auch die der anderen Menschen“, erklärt Marc. Von etwa 150 Filmen, die er jährlich schaut, lösen meist drei bis vier den beschriebenen Effekt aus. Dieses Jahr schaffte es unter anderem „Les Misérables“ auf die Liste. Besonders viel Freude bereite ihm natürlich die Sneak – und dazu gehöre auch ab und an die Zuschauenden mit dem Gesehenen zu schocken: „Manchmal lachen Menschen aus Unsicherheit, wenn ethische Grenzen überschritten werden. Gefühle sozialer Ungerechtigkeit sprechen dann unterschiedliche Konfliktzonen an. ‚Pieta‘ war zum Beispiel so ein Film: Da sind die Leute nicht drauf klar gekommen und reihenweise rausgegangen.“

Natürlich hat Marc auch genauso lebhafte Erinnerungen an besonders schöne Momente, etwa bei der Premiere von „Yesterday“ 2019, bei der gemeinsam mit Xav Clarke, einem Musiker aus dem Film, Beatles-Songs zum Besten gegeben wurden – mit dem Publikum: „Wir waren alle verkleidet und hatten sogar eine Seifenblasenmaschine organisieren können. Das war wie eine emotionale Zeitreise für die Menschen. Hinterher kamen noch viele zu mir und haben sich bedankt, waren schlichtweg begeistert – ein toller Abend, der mir großen Spaß bereitet hat.“

 Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten kennen Menschen aus der ganzen Welt. Aber neben ihrem kulturellen Erbe beheimatet die Hansestadt auch modernste Forschungszentren und Wissenswelten. Womit hat Bremen dich überrascht? 

„Dass Bremen Weltraumstandort und so weit vorne in der Raumfahrt ist, hätte ich nicht erwartet. Auch der Technologiepark hinter der Uni – da passiert so vieles, von dem man nichts ahnt“, so der Bremer. Neben der Wissenschaft überrascht Marc aber auch die Dichte reicher Einwohnender: „Menschen von außerhalb teilen oft das Bild einer armen Stadt, dabei leben auch viele alte Kaufmannsfamilien, Unternehmer und sogar Millionäre in Bremen. Institutionen wie etwa die Kunsthalle leben oft von finanzieller Unterstützung durch diese Menschen.“

Besonders flüssige Genüsse wie Wein, Bier oder Kaffee haben in Bremen eine langjährige Tradition. Welcher ist dein kulinarischer Lieblingsort? Hast du einen Geheimtipp?

Erneutes Grübeln und sogleich erfahre ich den Grund dafür: Marc entdeckt gerne Neues – jeden Tag das gleiche Café besuchen, das sei ihm schnell zu langweilig. Aber ein paar Tipps hat er dann doch noch für uns, zum Beispiel das Metaxa, ein griechisches Restaurant in Peterswerder. „Leider kann ich dort nicht mehr hingehen, seit ich Vegetarier bin“, lacht er.

Auf der Suche nach kleinen, besonderen Lokalitäten, schaut er als erstes auf die Bier-Karte. „Wenn eine Kneipe oder ein Restaurant mehr als das klassische Bremer Beck´s oder Haake Beck auflistet, hat es gute Chancen. Vor allem, wenn es Craft Biere wie etwa Pale Ales gibt, die ich noch nicht kenne“, verrät mir Marc. Ausgenommen von der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen ist für ihn genau ein Ort, an dem Tradition stets willkommen sei – und der befindet sich, wie könnte es anders sein, am Sielwall: das Eisen.

Der Bremer Veranstaltungskalender ist bekanntlich – wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht – bunt und prall gefüllt. Worauf freust du dich jedes Jahr am meisten?

Dass Marc kein Fan von Großveranstaltungen ist, wissen wir inzwischen. „Deshalb gehe ich zur Breminale mit meinen Kindern auch nur mittwochs, bevor es zum Wochenende hin zu voll wird“, sagt er. Trotzdem schaue er jedes Jahr bei Veranstaltungen wie etwa dem Straßenzirkusfestival La Strada oder beim Tag der offenen Tür im Theater Bremen vorbei. Besonders gefreut habe er sich in diesem Jahr auf das Internationale Festival für Neue Musik. Die Vorfreude gilt nun 2021, wenn die Premiere des Festivals im Mai nachgeholt werden soll.

Neben dem Bremer Kulturangebot kommen wir auf Sportliches zu sprechen und wie sich herausstellt, ist Marc kein Fan mehr, sondern ein echter Fußball-Nostalgiker. Jahrelang besaß er eine Dauerkarte für Werder-Spiele, bis das berufsbegleitende Studium nicht mehr genügend Zeit für Fußball übrig ließ. „Früher bin ich oft mit dem Rad 15 Kilometer aus Lilienthal zum Stadion gefahren. Damals hätte ich kein einziges Spiel freiwillig verpasst“, erinnert er sich gut gelaunt. Mindestens ein Heimspiel im Weserstadion sollte man also erlebt haben, notiere ich im Geiste.

Von Radio Bremen über den Weser Kurier, das Bremen-Stadtportal, Social-Media-Kanäle, zahlreiche Blogs und Stadtteilmagazine – wo informierst du dich am liebsten über Aktuelles aus Bremen?

„Aufgrund meiner kulturellen Arbeit bekomme ich meist ohnehin schnell mit, was in Bremen gerade los ist – etwa durch Links zu Bremer Portalen wie des Regionalmagazins ‚buten un binnen‘, die mir bei der Betreuung der Schauburg-Kanäle auffallen“, sagt Marc. „Ganz interessant ist auch die neue App ‚molo.news‘. Aber wenn man wirklich an etwas teilhaben möchte, kriegt man das in Bremen am besten über die eigenen Freunde mit“, meint er – der klassische Weg der Mund-Propaganda also.

Die Hansestadt bringt immer wieder Neues hervor: Orte wie etwa der Waller Sand entstehen, ganze Stadtteile sind in Planung, Unternehmen werden neu gegründet, Gebäude und Geschäfte wachsen aus dem Boden. Was wünschst du dir für Bremens Zukunft?

Über diese letzte Frage sprechen wir am längsten, denn Marc hat viele Wünsche und genauso viele interessante Ideen für die Zukunft der Hansestadt. „Ich wünsche mir mehr offene Konzepte und mehr Vielfalt für Bremen. Besonders im kulturellen Bereich gibt es so viele Möglichkeiten. Bremen hat zum Beispiel Grünflächen, die im Sommer als Bühnen unter freiem Himmel genutzt werden könnten – etwa der Park hinter der Kunsthalle oder der Osterdeich. Eine auf der Weser schwimmende Bühne für die Breminale wäre auch klasse, um den Publikumsstrom besser zu verteilen“, lächelt er.

„Aber Vielfalt hört nicht bei Veranstaltungen auf, sondern betrifft auch die Geschäfte und allgemein die Bevölkerungsstruktur der Stadt. Kleine Läden mit originellen Ideen lassen das Bremer Viertel aufleben, wie zum Beispiel der neue Plattenladen Black Plastic am Sielwall. Je bunter, desto stärkender: Man kann immer etwas für sich mitnehmen, ob es nun neue Bekanntschaften, Inspiration oder ein neues Hobby sind“, so die Schlussfolgerung.

Das Herz des Szene-„Viertels“ – die Sielwall-Kreuzung, am Tag. Hier herrscht Tag und Nacht reges Treiben. (Foto: Jonas Ginter)

Zusatzfrage: Welche*n Bremer*in sollten wir in dieser Reihe unbedingt noch vorstellen?

„Auch wenn er schon oft interviewt wurde – Fernando Guerrero vom Eisen. Der Mann hat einfach so viel zu erzählen“, lautet Marcs Empfehlung.

Danke für den Tipp und für das Gespräch! Ich kehre gefüllt von neuen Eindrücken meiner Stadt zurück ins Büro und beschließe, am nächsten Montagabend endlich einmal wieder bei der Sneak vorbeizuschauen…

…und dann kam der zweite Corona-Lockdown. Leider muss auch die Schauburg ihre Kinosäle vorerst schließen. Mit lieben Grüßen und einem „hoffentlich noch mal in diesem Jahr in der Sneak“ verabschiedet sich Marc in seiner letzten E-Mail – das hoffe ich auch! Wenn ihr jetzt Lust auf Kino bekommen habt, findet ihr weitere cineastische Geschichten aus Bremen hier.

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