Hidden History – Unsichtbare Balge

Wenn man so will, kann man die Balge durchaus als einen der Ursprungsgründe Bremens bezeichnen. Der heute nicht mehr existierende Seitenarm der Weser, war einst wichtigster Wasserweg der Stadt. Durch die urbane Ausbreitung wurde der Fluss immer kleiner, seit 180 Jahren gibt es ihn nicht mehr. Dennoch hab ich bei der Suche nach dem ehemaligen Verlauf noch so einige Hinweise auf die Balge finden können.

Am Altenwall beginnt meine Suche nach dem verschwundenen Fluss. Allerdings kann ich hier keinen Hinweis darauf finden, wo genau einst die Balge von der Weser am nördlichen Ufer abzweigte. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Landschaft hier vor rund 1000 Jahren ausgesehen haben muss. Eine Sumpflandschaft, durchzogen von größeren und kleineren Wasserläufen, alles ausgehend vom Hauptstrom, der Weser. Dazwischen durch Ablagerungen kleinere Inseln, aus Sand. Eher flaches Buschwerk und Wiesen. Eine Flussmarsch auf Höhe der heutigen Altstadt.

Wichtiger Faktor in den Anfängen

Als die ersten Siedler sich hier niederlassen, sind vor allem jene Inseln (oder besser: die langgezogene Düne, auf der heute noch die Innenstadt steht) und der gute Zugang zum Wasser ausschlaggebend. Beides spielte im 9. Jahrhundert schließlich auch eine Rolle für die Erhebung zur Bischofsstadt und Handelssiedlung. Die geschützte Lage auf der hohen Düne vor Hochwasser und Angreifern sowie der Anschluss an Fernhandelsrouten über die Weser machte Bremen schnell zu einem begehrten Ort. Die Balge diente hierbei als erster Hafen der Stadt. Sie führte direkt am südlichen Rand des Marktplatzes entlang, sodass an ihrem Ufer eine reger Handel mit verschifften Waren betrieben wurde. Durch das städtische Wachstum wurde die Balge im Laufe der Jahrhunderte immer schmaler, 1602 wurde der Flusslauf schließlich für den Schiffsverkehr gesperrt. Sechs Jahre später kanalisierte man den Wasserlauf und nutzte ihn nur noch als Abwasserkanal, der Anfang des 19. Jahrhunderts noch eine Zeitlang unterirdisch lief und 1838 letztlich komplett zugeschüttet wurde.

Dank der Balge war auch das Schnoor-Viertel eine Zeitlang reger Handelsplatz.

Dank der Balge war auch das Schnoor-Viertel eine Zeitlang reger Handelsplatz.

Hier schipperten einst vor langer Zeit Warenschiffe lang und legten am Marktplatz an.

Hier schipperten einst vor langer Zeit Warenschiffe lang und legten am Marktplatz an.

Heute unsichtbar

Zugegeben: An den meisten Stellen bei meinem Gang entlang des ehemaligen Balge-Verlaufs stehen inzwischen Häuser im Weg. Ich laufe von der Weser durch die Marterburg, vorbei an der Hauptstraße „Schnoor“ durch das historische Viertel und bleibe an der nächsten Ecke stehen. Hier geht eine Straße nach links ab, deren Name ein deutlicher Hinweis auf das Objekt meiner Suche ist: Hinter der Balge.

Ob man wohl vom Schiff ins Haus stieg? Oder hab es einen schmalen Gehweg entlang der Balge? Schwer vorzustellen, dass hier einmal Flussmarsch war.

Ob man wohl vom Schiff ins Haus stieg? Oder hab es einen schmalen Gehweg entlang der Balge? Schwer vorzustellen, dass hier einmal Flussmarsch war.

Aha, denke ich, hier floss sie also einst entlang. Ich erinnere mich, dass ich bei einem Besuch im Ausspann erfahren hab, dass tatsächlich am hinteren Hausteil früher Schiffe angelegt haben. Da besteht also eine klare Verbindung, denn das „Ausspann“ befindet sich nun links von mir hinter der Mauer, die hier die schmale Gasse am linken Rand begrenzt. Ich schlendere durch den Gang, rechts kleine Türchen, schmale Häuschen, vor mir der altgepflasterte Weg. Nach etwa zwanzig Metern knickt die Gasse nach links ab und führt durch einen Durchgang zum Schnoor. Der Flusslauf aber führte an dieser Stelle sicherlich weiter geradeaus. Ich schaue nach, ob ich in der nächsten Querstraße, der Süsterstraße, einen Hinweis darauf finde, kann aber nichts ausmachen.

Irgendwo hier verlief vor vielen Hunderten von Jahren noch die Klosterbalge. Hinten quert die Kolpingstraße, an der das Kloster liegt.

Irgendwo hier verlief vor vielen Hunderten von Jahren noch die Klosterbalge. Hinten quert die Kolpingstraße, an der das Kloster liegt.

Auf der Schnoor-Straße laufe ich noch einmal ein paar Meter zurück und gehe durch die Wüstestätte – der wahrscheinlich schmalsten Gasse im Schnoor – noch einmal Richtung Weser. Aber erneut finde ich keinen Hinweis darauf, dass hier irgendwo einst die Balge floss. Auf dem Rückweg spreche ich die drei zauseligen, mittelalterlich gekleideten Gefährten an, die vorm Bremer Geschichtenhaus gerade Passanten für das historische Interaktiv-Theater gewinnen wollen. Ob sie irgendetwas über die Balge wüssten, frage ich, und einer von ihnen sagt: „Die Balge, ja, die Balge… ich weiß gar nicht, ob ich sie als Fluss bezeichnen sollte. War sie doch eigentlich eher ein Rinnsal, von dem heute nichts mehr zu sehen ist.“ Die anderen beiden nicken zustimmend. Aber sie habe ja schon eine recht zentrale Bedeutung für die Entstehung Bremens, wende ich ein. „Ja, soweit richtig. Dennoch bleibe ich dabei: Ein richtiger Fluss war das nicht. Eher ein Abwasserkanal.“ Einer seiner Gefährten meldet sich nun aber zu Wort und sagt: „Nun, ja, ob Fluss oder nicht: Hinweise auf die Wichtigkeit seiner Existenz gibt es aber bis heute.“ Dann erwähnt er die Balgebrückstraße und eine Stelle an der Schlachte, wo auf den früheren Zufluss der Balge hingewiesen wird. Die Zustimmung findet nun auch im Nicken des Vormannes Ausdruck. Ich bedanke mich und gebe an, mich weiter auf die Suche zu begeben.

Pflastersteine symbolisieren Flusslauf

Mein nächstes Ziel: Die Balgebrückstraße, die von der Haltestelle Domsheide bis zur Martinistraße führt, gerade mal 150 Meter lang. Aber ich werde fündig. Auf Höhe des katholischen Bildungswerks, Hausnummer 22, finde ich nicht nur ein in den Gehweg eingelassenes Schild, auf dem „Balge“ steht. Auch die Pflasterung ist hier auf einem etwa zwei Meter breiten Streifen anders.

Gut veranschaulicht: Hier sieht man den ehemaligen Verlauf der Balge ziemlich gut. Drüben verschwindet sie in Richtung Marktplatz.

Gut veranschaulicht: Hier sieht man den ehemaligen Verlauf der Balge ziemlich gut. Drüben verschwindet sie in Richtung Marktplatz.

Dieser Streifen führt nur von Fahrspuren und den Bahnschienen unterbrochen quer über die Balgebrückstraße und ist auch drüben vor der Einfahrt ins Parkhaus deutlich zu sehen.

Andere Pflasterung verrät den ehemaligen Flussverlauf.

Andere Pflasterung verrät den ehemaligen Flussverlauf.

Ich stelle auch fest, dass es wohl noch mehrere Seitenarme der Balge gegeben haben muss, denn hier vorm Bildungswerk ist ein zweiter Fluss mit dem Namen „Klosterbalge“ angedeutet, der im 13. Jahrhundert nach einem Durchstich auf Höhe der Holzpforte entstand. Bei meiner späteren Recherche stelle ich fest, dass die Balge tatsächlich in einzelne Abschnitte sowie Nebenarme unterteilt war, die alle nach umliegenden Orten benannt sind: Klosterbalge, Marktbalge, Marterbalge, Martinibalge usw.

Nach einem Durchstich verlief ein kleinerer Arm nördlich durchs Schnoor-Viertel am Kloster vorbei. Bald war dieser nur noch Abwasserkanal, Schiffe fuhren nur auf der Großen Balge, die südlicher verlief.

Nach einem Durchstich verlief ein kleinerer Arm nördlich durchs Schnoor-Viertel am Kloster vorbei. Bald war dieser nur noch Abwasserkanal, Schiffe fuhren nur auf der Großen Balge, die südlicher verlief.

Ich merke mir die Richtung, in der die Balge im Parkhaus „verschwindet“, gehe um den Block und finde tatsächlich die Fortführung in Form von Pflastersteinen in der Wachtstraße.

In der Wachtstraße ist sogar ein großer Schriftzug zu finden.

In der Wachtstraße ist sogar ein großer Schriftzug zu finden.

Links vom "Spitzen Gebel" fuhren die Schiffchen auf der Balge entlang.

Links vom „Spitzen Gebel“ fuhren die Schiffchen auf der Balge entlang.

Der "Fietje Balge" (von Bernd Altenstein), Hinter dem Schütting, erinnert seit 2007 an die Existenz der Balge.

Der „Fietje Balge“ (von Bernd Altenstein), Hinter dem Schütting, erinnert seit 2007 an die Existenz der Balge.

Direkt dort, wo die Straße „Hinter dem Schütting“ abgeht, verlief der alte Fluss, dessen Ufer sich dann am südlichen Rand des Marktplatzes als willkommene Anlegestätte für Warenschiffe anbot.

Als die Böttcherstraße gebaut wurde, war die Balge schon lange Geschichte. Der Schütting (links in Blickrichtung Marktplatz) ist auf ehemaligem Flussgrund errichtet worden. Die Balge wurde immer schmaler und bald in ihrer Funktion als Warenschiffahrtsstraße von der Weser abgelöst.

Als die Böttcherstraße gebaut wurde, war die Balge schon lange Geschichte. Der Schütting (links in Blickrichtung Marktplatz) ist auf ehemaligem Flussgrund errichtet worden. Die Balge wurde immer schmaler und bald in ihrer Funktion als Warenschiffahrtsstraße von der Weser abgelöst.

Hier und in der Fortsetzung in der Langenstraße erstreckten sich über Hunderte Meter Schiffsanleger. Die Langenstraße, auch das lese ich nach, galt übrigens lange Zeit als eine der wichtigsten Kaufmannsstraßen der Stadt.

Die Straße "Stintbrücke", westlich vom Schütting, verweist ebenfalls auf eine Überquerungsmöglichkeit der Balge hin.

Die Straße „Stintbrücke“, westlich vom Schütting, verweist ebenfalls auf eine Überquerungsmöglichkeit der Balge hin.

Der Standort der Stadtwaage, wo Kunden sich vor Betrügereien schützen konnten und Steuern ermittelt wurden, ist also nicht zufällig direkt am größten Warenumschlagsplatz der Hansestadt entstanden.

Die Stadtwaage stand ebenfalls am Ufer der Balge. Hier wurden Waren gewogen, um Steuern zu errechnen und Betrügereien aufzudecken.

Die Stadtwaage stand ebenfalls am Ufer der Balge. Hier wurden Waren gewogen, um Steuern zu errechnen und Betrügereien aufzudecken.

Unrühmliches Ende, aber umso wichtigerer Anfang

Durch die Langenstraße gelange ich, linker Hand das Pressehaus, an die Martinistraße, die ich auf Höhe der Pieperstraße überquere. Durch die Heimlichenstraße, deren Bedeutung sich wohl von selbst erschließt, gelange ich an die Schlachte. Vor mir die Treppen zur Teerhofbrücke, links daneben eine Treppe hinunter zu den Anlegern. Ungefähr auf Höhe des Anlegers A2, wo der Raddampfer Weserstolz gerade vertaut liegt, finde ich mein letztes Hinweis-Puzzlestück: Wieder ist hier ein Streifen anders gepflastert als der Rest und es gibt Schildchen, die auf die Balge hinweisen. Hier also vereinte sich das Flüsschen einst wieder mit der Weser.

Die Schlachte ist heute das, was einst am südlichen Rand des Marktplatzes über die Balge zu erreichen war.

Die Schlachte ist heute das, was einst am südlichen Rand des Marktplatzes über die Balge zu erreichen war.

Obwohl es im 19. Jahrhundert ein recht unrühmliches Ende fand, ist seine Bedeutung für die Stadt Bremen bis heute zu spüren. Sonst würde man wohl kaum an so vielen Stellen an den einstigen Flusslauf erinnern.

Einen spannenden Artikel über die Arbeit von Archäologen und den stückhaften Verlauf der Balge findet ihr hier beim Weser-Kurier.

4 Anmerkungen zu “Hidden History – Unsichtbare Balge

  1. Annette says:

    Sehr interessant! Ich las letztes Jahr das Buch „Mit Koggen zum Marktplatz“ von Ulrich Weidinger, wo sehr ausführlich über die Balge und die entstehung der Schlachte berichtet wird.

    Auf einer Stadtführung vor ca. 2 Jahren erfuhr ich, dass man den Verlauf der Balge im Schnoor in den Kellern einiger Häuser sehen kann. Offenbar sind dort Rest von Uferbefestigungen usw.

    Bei einem Punkt muss ich mosern: „Hidden History“? Ach mensch, immer die doofen Anglizismen. Ginge nicht auch „Verborgene Geschichte“? Ich spreche perfekt Englisch, daran liegt es nicht, aber überall werden ohne Not (!), nur um modern zu sein, Englische Begriffe verwendet.

  2. Rike Oehlerking says:

    Hallo und danke für den Beitrag! Hier und da findet man also offensichtlich noch mehr Hinweise auf die Balge.
    Kleines Argument für den englischen Titel: Ich habe das Englische eigentlich nicht der Modernität wegen gewählt, was bei dem Thema ja auch irgendwie inhaltlich fehl am Platze wäre. Vielmehr hab ich mich über die Alliteration gefreut und bin deswegen aufs Englische gegangen :) Danke dennoch für Ihre Anmerkung und besten Gruß!

  3. Jasmin says:

    Ohne die Balge wäre Bremen nicht das geworden, was es heute ist :-)

  4. Rike Oehlerking says:

    Das kann man so wohl ohne Einwände stehen lassen :) LG!

Kommentieren

Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind markiert *