Masken, Narren und die Blaumeier

„Helau!“, rufen sie bei der Mainzer Fastnacht, „Alaaf!“ beim Kölner Rosenmontagszug – und in Bremen? Da wird getrommelt! Der Bremer Karneval unter dem Motto „Samba, Masken und Spektakel“ und ist weit mehr als ein bloßer Karneval. Er ist Maskenspiel, Samba-Show und Straßentheater in einem. Eben ein ganz besonderes Erlebnis. Und immer dabei: die Truppe vom Blaumeier-Atelier mit ihrem fabelhaften Maskenspiel.

Der Bremer Karneval ist Street-Art. Wer einmal den Umzug und die teilnehmenden Maskenspielerinnen, Sambatrommler, Feuerspucker und Stelzenläuferinnen erlebt hat, weiß, dass hier Schunkeln und Kamelle kaum eine Rolle spielen. Das bunte Spektakel, das vom Bremer Marktplatz bis ins Ostertor zieht, steht in diesem Jahr unter dem Motto „Die Reise“. Als 1986 der 1. Bremer Karneval durch die Straßen zog, hätten nur die wenigsten eine solche Erfolggeschichte vorhergesagt, in diesem Jahr treiben die Jecken und Narren zum 31. Mal ihren norddeutschen Karneval-Spaß.

Bunt, laut und exotisch - der Bremer Karneval ist eine riesige Street Art Show.

Bunt, laut und exotisch – der Bremer Karneval ist eine riesige Street Art Show.

Neben Samba- und Brass-Bands machen Stelzenläufer, Feuerspucker, Akrobaten und andere auf dem Ostertorsteinweg großes Theater. Um einmal hinter die Kulissen dieser Fantasiewelten zu blicken, habe ich einem der Akteure im Vorfeld einen Besuch abgestattet: dem Blaumeier-Atelier in Walle.

Die Besonderheit des Einzelnen

Das Blaumeier-Atelier entstand Mitte der achtziger Jahre aus einer psychiatriekritischen Bewegung heraus. Heute treffen sich jede Woche über 250 Menschen mit und ohne Behinderung oder Psychiatrieerfahrung, um sich in den Bereichen Theater, Maske, Musik, Literatur und Bildender Kunst inklusive Fotografie auszuprobieren und gemeinsam in Kursen an ihren Projekten zu arbeiten. Die Kurse sind offen für alle und kostenfrei. Am Ende steht in der Regel die Öffentlichkeit: Lesungen, Ausstellungen, Konzerte und Theateraufführungen. Das Besondere: hier arbeiten alle zusammen, ob im Chor oder im Atelier, und begegnen sich auf Augenhöhe.

Auch im Malatelier ist es gerade ruhig - doch man sieht den Räumen das künstlerische Schaffen an.

Auch im Malatelier ist es gerade ruhig – doch man sieht den Räumen das künstlerische Schaffen an.

Hier in der Masken-Werkstatt entstehen gerade Masken, die 2016 beim Bremer Karneval zum Einsatz kommen sollen. In dem kleinen Raum liegen sie wie Obst im Supermarktregal – ein ungewohnter Anblick auf Masken. Das Erste, was mir auffällt sind die Nasen. Ihre Spitzen sind in den Himmel, besser gesagt die Decke, gerichtet und sie haben alle das gleiche Format. Ansonsten ist jede Maske individuell ausgeprägt, die eine mit blondem Strubbelhaar, die andere mit Mütze, die andere mit Pagenkopf.

Charakteristisch bei all diesen Masken: die Himmelfahrtsnase.

Charakteristisch bei all diesen Masken: die Himmelfahrtsnase.

Die Körperlichkeit steht beim Maskenspiel im Fokus

Die Maskenspielerinnen und -spieler arbeiten nicht mit Sprache, sondern mit ihrem Körper, mit ihrer Haltung und Gestik, erzählt mir eine Blaumeier-Mitarbeiterin. Erst im Spiel entstehen so die Charaktere der Figuren, sie erhielten einen Gefühlsaudruck, eine Stimmung.

So könnte ich also im Maskenspiel aussehen.

So könnte ich also im Maskenspiel aussehen.

Ich starre in den Spiegel und sehe einen überdimensionierten Kopf mit einem leuchtenden, orangefarbenen Haarfransenwuschel, einer riesigen spitzen Nase und einem offenen Lächeln – das bin doch nicht ich? Doch, ein wenig. Ich habe mir eine der Masken geschnappt und ausprobiert. Komisches Gefühl. Schwer, stickig und ganz schön warm hier drin.

Als ich sie absetze, efahre ich mehr über den aufwendigen Prozess des Maskenbaus, bei dem der gestaltete Tonkopf mit Maskenpapier und Leim versehen wird, anschließend grundiert und abschließend bemalt und mit den Details ausgeschmückt. Von innen werden die Masken mit Schellack grundiert und an einzelnen Stellen ausgepolstert, damit sie bequem sitzen.

Der modellierte Tonkopf wird im ersten Schritt mit Maskenpapier und Leim bearbeitet.

Der modellierte Tonkopf wird im ersten Schritt mit Maskenpapier und Leim bearbeitet.

Jede Maske ist individuell an jeden Spieler bzw. jede Spielerin angepasst.

Jede Maske ist individuell an jeden Spieler bzw. jede Spielerin angepasst.

Bekannt geworden ist das inklusive Kunstprojekt vor allem durch seinen Chor Don Bleu, der 2014 bis zu einem inklusiven Festival nach Peking reiste sowie das rosarote Maskenensemble Blaumeier-Schweinebande, das unter anderem beim Internationalen Fest der Straßenkünste, La Strada, für Begeisterung sorgte. Auch mit dem „Fest der Masken“ (2011), dem Walking-Act der Süßen Frauen und dem Projekt TERRA INCOGNITA (2010) hat das Blaumeier-Atelier viel Anerkennung geernet. 2016 feiert Blaumeier bereits sein 30-jähriges Bestehen.

Hilfe – beim Karneval gibt es viel zu viele Masken!

Ob ich die Blaumeier-Masken wohl beim Karneval wiederfinde? Klar, denke ich mir, kann ja nicht so schwierig sein. Als ich um kurz vor 12 Uhr im strömenden Regen auf dem Marktplatz ankomme, sehe ich sie nirgendwo. Doch dann? Sehe ich überall nur noch Masken. Und Walking-Acts. Und noch mehr Masken. Hilfe!

Gehören diese beiden vielleicht zu Blaumeier? Auf jeden Fall reisen sie gegen den Strom - vom Ostertor zum Marktzplatz.

Gehören diese beiden vielleicht zu Blaumeier? Auf jeden Fall reisen sie gegen den Strom – vom Ostertor zum Marktzplatz.

Zufällig treffe ich beim großen Spenden-Schwein auf Martin Sasse, Veranstalter des Karnevals, und frage nach, wo die Blaumeier-Truppe umherschwirren könnte. Er lacht und zuckt mit den Schultern: „Ach, die, die halten sich an keine Regel. Die mischen sich einfach irgendwo in den Umzug.“ Na toll. Irgendwie symphatisch, aber irgendwie regnet es auch die ganze Zeit… Ich lasse den farbenprächtigen, lautstarken und gut gelaunten Umzug an mir vorbeiziehen. Keine Blaumeier.

Oder sind diese beiden Ladies in Wahrheit Blaumeierinnen? Oder doch echte Polizistinnen?

Oder sind diese beiden Ladies in Wahrheit Blaumeierinnen? Oder doch echte Polizistinnen?

Ob die beiden mit dem Koffer und den schweren Mänteln von Blaumeier sind? Oder die beiden Polizistinnen? Leider Fehlanzeige. Später erfahre ich, dass die Maskenspielerinnen und -spieler von Blaumeier sich spontan in die trockene Katharinenpassage gerettet haben, um dort aufzutreten. Schade, ich hätte sie zu gerne live erlebt! Zum Abschluss des Karnevals tröste ich mich mit einem kleinen Milchreis bei Emmi, trockne meine Haare und lausche den Trommeln. Links neben mir sitzt ein fröhlicher, durchnässter Flamingo. Sowas hat man ja auch nicht jeden Tag.

Und wer mit den Blaumeiern KarneWalle feiern möchte, sollte sich den 8. Februar vormerken: Denn am Rosenmontag wird im Theatersaal die große weite Welt bereist – mit Show und anschließender Party mit Live-Musik, DJ und kleinen Snacks.

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