Nächster Halt: Bremen Hauptbahnhof!

Alltäglich passieren fast 150.000 Menschen das große Eingangsportal des Bremer Hauptbahnhofs. Die Empfangshalle ist erfüllt von Stimmengewirr und Lautsprecherdurchsagen. Zu den Bahnsteigen strömen Reisende, durch die Geschäfte bummeln Wartende und Hungrige greifen bei einem der Verzehrangebote zu. Doch was geschieht eigentlich im Hintergrund? Wer hat bei all dem Gewusel die Fäden in der Hand? Ich durfte einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Unzählige Male habe auch ich schon die helle Bahnhofsvorhalle des Bremer Hauptbahnhofs betreten. Von Weitem habe ich dann auf der großen blauen Abfahrtstafel meinen Zug gesucht, bin durch mir entgegen strömende Reisende in den Gang am Ende der Halle gelangt, von dem die Treppen und Fahrstühle zu den Bahnsteigen führen. Unzählbar oft sind auch meine Füße die Stufen zum Gleis hinauf gestiegen, auch hier oftmals mit Gegenverkehr, weil gerade oben der Zug eingefahren ist und einen Schwung Passagiere ausgespuckt hat. Etliche Male stand ich wartend auf einem der Bahnsteige und habe die Konstruktion der halbrunden Gleishalle über mir bestaunt.

Dass ich mich einmal auf dem Dach eben dieser Gleishalle wiederfinden würde, habe ich all diese Male nicht geahnt. Nun stehe ich hier auf geschätzten zwanzig Metern Höhe und bin ziemlich beeindruckt. Zuvor bin durch eine Dachluke und anschließend über eine schmale, steile Stiege herauf geklettert. Vor mir liegt der Bahnhofsvorplatz, links am Horizont erkenne ich die typischen Flutlichtmasten des Weser-Stadions, rechter Hand – gewissermaßen am Ende all der Gleise, die aus der Halle unter mir führen – ragt mein geliebter Fernmeldeturm in die Höhe. Hinter mir geht es weiter hoch zum Grat des Runddaches, bevor es auf der anderen Seite wieder hinab geht.

Aufs Dach gestiegen - in der Ferne sind Hafen, Weserstadion und Fernsehturm zu erkennen

Aufs Dach gestiegen – in der Ferne sind Hafen, Weserstadion und Fernsehturm zu erkennen

Neben mir steht Heiko Siemers. Er ist der hiesige Bahnhofsmanager und führt mich heute an Orte, die ich als „normale“ Reisende nie gesehen hätte.

Heiko Siemers - seit Februar 2018 ist er Bahnhofsmanager in Bremen

Heiko Siemers – seit Februar 2018 ist er Bahnhofsmanager in Bremen

Der Kommandozentrale aufs Dach steigen

Vor unserem kleinen „Dachspaziergang“ waren wir schon in der Kommandozentrale – so heißt das Ansagezentrum natürlich nicht wirklich, aber es sieht ein bisschen so aus. Hier zeigen etliche Monitore den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die einzelnen Züge samt Uhrzeiten und Verspätung an. Auf einem Monitor gibt es eine Übersicht aller Gleisanzeigen. Die Kollegen können dort manuell Verspätungen und andere Anzeigen ändern. Während Heiko Siemers mir die einzelnen Funktionen erklärt, sind die drei Kollegen vor uns an den Monitoren ständig dabei, Korrekturen einzugeben. Sie sind nicht nur für die Bremer Gleise zuständig, sondern betreuen von hier aus den gesamten nordwestdeutschen Raum mit insgesamt 154 Bahnhöfen. „Früher gab es hier am Bremer Bahnhof auch noch ein Stellwerk“, erzählt Herr Siemers. „Das wird inzwischen aber alles aus Hannover gesteuert. Wenn irgendwo im Bremer Hauptbahnhof eine Weiche gestellt werden muss, drückt jemand in Hannover dafür auf einen Knopf.“ Ich staune nicht schlecht.

Die "Kommandozentrale" - von hier aus steuern die Zuständigen Anzeigentafeln und Durchsagen

Die „Kommandozentrale“ – von hier aus steuern die Zuständigen Anzeigentafeln und Durchsagen

Nebenan sitzen noch zwei weitere Mitarbeiter. Auch der Bremer Hauptbahnhof beherbergt eine sogenannte 3-S-Zentrale, die rund um die Uhr für Sicherheit, Sauberkeit und Service sorgt.

Von Rotkäppchen und Blech-Elsen

Zu Beginn unseres Treffens hat Herr Siemers mir ein paar Zahlen verraten. In Bremen befindet sich eines von bundesweit 46 Bahnhofsmanagements. Es ist für 154 Bahnhöfe im Nordwesten zuständig und heißt korrekterweise eigentlich Bremen-Osnabrück. 135 Mitarbeiter hat Heiko Siemers an seiner Seite, 120 davon sind operativ unterwegs. Herr Siemers nennt als Beispiel die „Rotkäppchen“ auf den Bahnsteigen und meint damit das rotbemützte Servicepersonal, das Reisende unterstützt und fürs sichere Ein- und Aussteigen sowie Abfahren sorgt.

Neben den logistischen Aufgaben rundum die Zugein, -durch- und -abfahrten zählen zu den Aufgaben des Bahnhofsmanagements natürlich auch ganz klassische Hausmeisteraufgaben: Instandhaltung der Aufzüge, Beleuchtung und weitere Reparaturen.

145000 Menschen können im Schnitt täglich im Bremer Hauptbahnhof gezählt werden. Davon sind rund 60000 reiner Durchgangsverkehr, der in Bremen recht hoch ist, weil der Bahnhof von vielen einfach als Verbindung zur Bürgerweide, nach Findorff, zu den Messehallen und dem Bürgerpark genutzt wird. 85000 Menschen sind Reisende, die hier täglich abfahren und ankommen. 500 Zugfahrten werden verbucht, zusätzlich 200 Durchfahrten von Güterzügen.

Einsteigen, bitte! - Mit jedem abfahrenden Zug packt einen ein kleines bisschen das Fernweh.

Einsteigen, bitte! – Mit jedem abfahrenden Zug packt einen ein kleines bisschen das Fernweh.

Auch die Verwaltung und Betreuung der Mieter der Ladenräume im gesamtem Bahnhofsgebäude zählt zu den Aufgaben des Bahnhofsmanagements.

Als wir im Ansagezentrum den drei Zuständigen über die Schulter schauen dürfen, erzählt mir der Bahnhofsmanager, dass die automatische Ansagestimme, die alle Reisende mit Sicherheit schon einmal gehört haben, intern auch liebevoll „Blech-Else“ genannt wird. Es gebe auch noch sogenannte empathische Ansagen, also von einer echten Person Gesprochenes, aber das kommt nur selten vor.

Ein Ballungsort der Geschichten

Wir beenden unseren Rundgang in der prächtigen Bahnhofsvorhalle. Zuvor durften wir noch ins Fundlager schauen, wo unzählige Koffer und anderes Gepäck auf ihre Besitzer warten. Neben Kinderwagen, Regenschirmen  und Rollkoffern entdecke ich sogar eine alte Schreibmaschine. Warum wurde sie wohl einst vergessen? Hinter jedem dieser Stücke steckt eine Geschichte. Überhaupt ist so ein Bahnhof, an dem täglich so viele Menschen sind, ein Knotenpunkt unzähliger Geschichten.

Vergessene Erinnerungen - hinter jedem Gepäckstück steckt eine Geschichte (ganz rechts im Bild die Schreibmaschine).

Vergessene Erinnerungen – hinter jedem Gepäckstück steckt eine Geschichte (ganz rechts im Bild die Schreibmaschine).

Der Bremer Hauptbahnhof hat eine gut 170-jährige Geschichte auf dem Buckel. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die erste Zugstation unter dem Namen „Hannoverscher Bahnhof“ in Bremen errichtet. Eine Eisenbahnstrecke verband von da an Bremen mit Hannover. Dreißig Jahre später musste der Bahnhof bereits neu gebaut werden, weil der alte dem zunehmenden Verkehr nicht mehr gewachsen war. Die typische Fassade im Stil der Neorenaissance entstand.

Die Reliefs an der Fassadenfront stellen die Seefahrt (links) und die Zugfahrt (rechts) dar.

Die Reliefs an der Fassadenfront stellen die Seefahrt (links) und die Zugfahrt (rechts) dar.

Im zweiten Weltkrieg überstand das Gebäude mehrere Luftangriffe und ist deswegen heute noch in großen Teilen original erhalten. Zur Tarnung des Gebäudes hatte man eine Straßenattrappe über den Bahnhof gebaut. Heute steht die Empfangshalle unter Denkmalschutz.

Auf dem Treppenaufgang, der in der Halle linker Hand hoch zur DB-Lounge führt, verabschiede ich mich von Herrn Siemers. Zuvor hat er mich noch auf das hübsche Mosaik oberhalb der großen Zuganzeigentafel hingewiesen. Es sei bei Umbaumaßnahmen im Jahr 2000 unter großen Werbetafeln wiederentdeckt und sogleich restauriert worden. Eine Bremer Tabakfabrik hatte es in den 1950er Jahren gestiftet. Daher ist auch der Weg des Tabaks von Südamerika nach Europa dargestellt.

Das Fliesenmosaik stammt aus den 1950er Jahren und wurde im Zuge von Baumaßnahmen wieder freigelegt.

Das Fliesenmosaik stammt aus den 1950er Jahren und wurde im Zuge von Baumaßnahmen wieder freigelegt.

Gleishalle – Beeindruckende Konstruktion

Ein letzter Gang führt mich noch einmal in die Gleishalle. Wie schon so oft steige ich die Treppen zu einem der Bahnsteige hinauf. Über mir wölbt sich das halbrunde Dach, auf dem ich eben noch stand und über Bremens Dächer schauen konnte. Hier unten herrscht der klassische Bahnhofsbetrieb. Züge fahren ein, Türen schließen sich, Durchsagen ertönen. Wartende vertreiben sich die Zeit mit ihren Handys, telefonieren oder schreiben Nachrichten. Mein Blick wandert unters Dach, das von einem fest verstrebten Gerüst gehalten wird. Sonnenstrahlen suchen sich ihren Weg durch die Trägerstreben und werfen Schatten auf Bahnsteige und Gleise.

Beeindruckende Konstruktion - die Gleishalle überspannt einen Großteil der Bahnsteige und Gleise. Auch Güterzüge rauschen hier durch.

Beeindruckende Konstruktion – die Gleishalle überspannt einen Großteil der Bahnsteige und Gleise. Auch Güterzüge rauschen hier durch.

Die „Blech-Else“ kündigt eine Zugeinfahrt an. Ein „Rotkäppchen“ läuft an mir vorbei. Ich schmunzel über die internen Bezeichnungen, die mir Herr Siemers verraten hat. Wenn ich das nächste Mal den Bremer Hauptbahnhof betrete, muss ich mit Sicherheit daran denken. Wieder mit ein paar Geschichten mehr im Gepäck verlasse ich den Bahnhof durch die große Eingangshalle.

Übrigens: Wer mit dem Zug in Bremen ankommt, kann sich gleich im Hauptbahnhof gegenüber des DB-Reisezentrums bei der Tourist-Information erkundigen, was die Hansestadt alles zu bieten hat.

2 Anmerkungen zu “Nächster Halt: Bremen Hauptbahnhof!

  1. Klaus Moll says:

    Sehr gut geschrieben und bebildert. Als alter Eisenbahner-Sohn habe ich die Informationen mit großem Interesse gelesen. Früher als Kind war für mich immer die wichtigste Person auf dem Bahnhof der Mann mit der roten Mütze. in meiner Fantasie kam er gleich nach dem Papst. und so hatte ich natürlich, wenn ich mit meiner elektrischen Eisenbahn spielte, selbst eine rote Mütze auf und genoss die uneingeschränkte Macht, die ich dann hatte.

  2. Rike Oehlerking says:

    Freut mich, dass mein Beitrag gut ankommt und Erinnerungen geweckt hat. Die „Rotkäppchen“ freuen sich bestimmt auch über die unverhoffte Beförderung zum „Fast-Papst“ ;-)

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