Bremen: Stadt der kurzen Wege

Was Städtereisende mir bestätigen werden: Wer als Tourist in eine andere Stadt reist, ist vor Ort meist sehr viel zu Fuß unterwegs. So lässt sich eine neue Umgebung bestens erkunden. Wo man in anderen Städten allerdings einen halben Marathon zurücklegen muss, um die Sehenswürdigkeiten zu Gesicht zu bekommen, ist Bremen ein dankbares Pflaster. Vieles ist auf einem entspannten Spaziergang durch die Innenstadt in kürzester Zeit erreichbar.

Ein sonniger Donnerstagmittag. Der Frühling steht in den Startlöchern. Ich laufe durch die Wallanlagen zum Startpunkt meines Spaziergangs in der Innenstadt. Mein Plan ist es heute, die so genannte Nagel-Route abzulaufen. Auf rund 1,5 Kilometern ist mit etwa 2000 talergroßen Nagelköpfen im Boden ein Rundgang abgesteckt, der Touristinnen und Touristen aber auch Einheimische an die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Innenstadt führt.

Ich gelange an den Anfangspunkt am Beginn der Obernstraße Ecke Unser Lieben Frauen Kirchhof. Wo jetzt ein Kosmetikgeschäft ansässig ist, war früher die Touristen-Information. Diese befindet sich inzwischen in der Böttcherstraße. Dennoch starte ich am alten Standort, weil hier nämlich auch der Audioguide beginnt, den ich mir kostenlos im Netz herunter geladen habe.

Audioguide in den Ohren und Blick immer schön auf den Boden, um auf der Route zu bleiben.

Audioguide in den Ohren und Blick immer schön auf den Boden, um auf der Route zu bleiben.

Mit Infos auf den Ohren und Nägeln unter den Füßen

Schon etliche Male gesehen, und doch nicht wahrgenommen: Die Nägel im Boden, die einen an so wichtige Punkte der Stadt geleiten.

Schon etliche Male gesehen, und doch nicht wahrgenommen: Die Nägel im Boden, die einen an so wichtige Punkte der Stadt geleiten.

Ich setze mir also meine Kopfhörer ins Ohr und starte den ersten Track. Zwei Stimmen begrüßen mich und weisen mir die Richtung zum ersten Standort. Ich überquere also, wie mir geheißen, die Schienen und folge den glänzenden Nagelköpfen im Boden in Richtung Marktplatz. Ein bisschen erstaunt es mich, dass mir die Nägel vorher noch nie bewusst aufgefallen sind. Jeweils im Abstand von etwa 1 Meter oder weniger kann ich einen ausmachen.

In der guten Stube

Vor mir liegt jetzt der Marktplatz. Eingerahmt von Bremens zentralen Sehenswürdigkeiten und die „gute Stube“ der Stadt, wie die Einheimischen sagen. Hier herrscht oft buntes Treiben von Geschäftsleuten, Einkaufsbummlern und Stadtgästen. Das Rathaus mit seiner imposanten Fassade lockt genauso neugierige Blicke an wie die Bürgerschaft und der Schütting.

Nacheinander höre ich die Audiotracks zu den einzelnen Gebäuden. Dabei lasse ich meinen Blick über die alten und neuen Gebäudefassaden schweifen. Irgendwie strahlt dieser Platz auf mich immer ein erhabenes Gefühl aus, was wohl vor allem mit dem Alter einiger Gebäude zu tun hat. Das Rathaus ist zum Beispiel immer schon über 600 Jahre alt.

Bremens gute Stube: Wenn man den Audioguide auf den Ohren hat, hält man sich hier am längsten auf. Am Marktplatz bündeln sich natürlich die Sehenswürdigkeiten.

Bremens gute Stube: Wenn man den Audioguide auf den Ohren hat, hält man sich hier am längsten auf. Am Marktplatz bündeln sich natürlich die Sehenswürdigkeiten.

Nadelöhr Böttcherstraße

Nachdem ich alles über die Gebäude am Markplatz erfahren habe, werde ich vom Audioguide aufgefordert, am südlichen Rand in Richtung Böttcherstraße zu gehen. Durch das backsteinrote Gebäude-Ensemble aus den 1920er Jahren schleusen sich meist unzählige Touristinnen und Touristen, nicht zuletzt, um dem Glockenspiel in der Mitte der schmalen Gasse lauschen zu können.

Auch aus Sicht der Nagel-Route ein wirklich schönes Pflaster diese Böttcherstraße.

Auch aus Sicht der Nagel-Route ein wirklich schönes Pflaster diese Böttcherstraße.

Während ich durch die schattigen Häuserreihen laufe höre ich etwas über die Entstehung des Ensembles, über einzelne Häuser in der Gasse und über Robinson Crusoe. Am Ende der Gasse trete ich in gleißendes Sonnenlicht, werde aber aufgefordert, sogleich nach rechts über eine Treppe in eine Straßenunterführung hinab zu steigen. Auch hier, wie auch auf der Treppe und durch die gesamte Böttcherstraße, weisen mir die lichtreflektierenden Nagelköpfe den Weg. Am Ende des Tunnels, der ebenfalls in rotem Backstein gestaltet ist, trete ich an die Weserpromenade hinaus. Radfahrende, Joggende und Flanierende kreuzen den Weg. Nahezu jede Bank entlang der Wände rechts und links ist bei diesem strahlenden Sonnenschein besetzt.

Leben am Fluss

Mein Audioguide verrät mir, dass ich mich jetzt am Martinianleger an der Schlachte befinde. Mir wird erzählt, wieso die Schlachte Schlachte heißt und dass die Martinikirche, die mit Blick auf die Weser rechter Hand empor ragt, namensgebend für den Anleger ist, an dem ich stehe.

Am Weserufer kann man verschnaufen, in der Sonne sitzen, etwas über die Schlachte und die Martinikirche lernen und den Bremerinnen und Bremern beim Leben am Fluss zuschauen.

Am Weserufer kann man verschnaufen, in der Sonne sitzen, etwas über die Schlachte und die Martinikirche lernen und den Bremerinnen und Bremern beim Leben am Fluss zuschauen.

Dann geleitet mich der Guide flussaufwärts unter der Wilhelm-Kaisen-Brücke durch, am Theaterschiff vorbei, bis zur nächsten Straßenunterführung.

Nagel-Route auf historischem Pflaster

Ehe ich mich versehe, bin ich auch schon wieder auf der anderen Seite der Straße die Treppe aus dem Tunnel hinaufgestiegen und nach wenigen Metern ins Schnoor-Viertel abgebogen. Für den touristischen Hotspot scheint heute ein ruhiger Tag zu sein. Ich schlendere mitten hinein in eine der schmalsten Gassen der Stadt, die Wüstestätte. Passiere das Geschichten- und das Hochzeitshaus und betrete am anderen Ende die kleine Straße „Schnoor“, auf der ich mich nach links wende. Wie jedes Mal, wenn ich durch das historische Viertel laufe, bin ich auch diesmal wieder entzückt und angetan von der Kleinheit der Häuser, den hübschen, alten Fassaden und der gemütlichen Atmosphäre.

Durch schmale Gassen, auf historischen Wegen: Im Schnoor-Viertel sind auch die Nägelköpfe etwas enger gesteckt.

Durch schmale Gassen, auf historischen Wegen: Im Schnoor-Viertel sind auch die Nägelköpfe etwas enger gesteckt.

Am Ende des Schnoor-Viertels steige ich am Fuße der St. Johann Kirche eine Backsteintreppe hinauf und folge oben den Nagelmarkierungen nach rechts. Ich überquere die Domsheide, ein Verkehrsknotenpunkt, wo viele Bahn- und Buslinien entlang führen. Kurz verliere ich bei all den Schienen und Gehwegen die Nagelköpfe aus dem Blick, aber dann finde ich meine Route wieder und stehe wenig später vorm Dom.

Während ich dem Audioguide lausche, lasse ich meinen Blick über das prächtige Eingangsportal des Doms schweifen und lege schließlich den Kopf in den Nacken, um bis an die Spitze der 98 Meter hohen Türme schauen zu können. 1200 Jahre stecken in diesem Gebäude auf der sogenannten Bremer Düne, einer natürlichen Erhebung an der Weser.

Ab und zu auch mal nach links und rechts schauen, ob eine Bahn kreuzt. Ansonsten immer schön den Nägeln folgen.

Ab und zu auch mal nach links und rechts schauen, ob eine Bahn kreuzt. Ansonsten immer schön den Nägeln folgen.

Zum Abschluss laufe ich vorm Rathaus entlang auf die Westseite des Gebäudes. Hier besuche ich natürlich noch Bremens wohl bekannteste Sehenswürdigkeit: die Bremer Stadtmusikanten.

Durch das Umfassen der beiden Eselvorderbeine hole ich mir noch schnell eine Portion Glück ab. An diesem Punkt schließt sich nach etwa 1,5 Stunden der Kreis der Nagel-Route. Zufrieden stelle ich fest, dass so eine Audioguide-Tour auch für Einheimische noch durchaus Neues birgt und eine gute Beschäftigung für einen Spaziergang ist. Die glänzenden Nägel im Boden werden mir von nun an sicherlich immer auffallen.

Schnell noch dem Esel die Vorderbeine umfasst und über die Schnauze gestreichelt - das bringt ordentlich Glück.

Schnell noch dem Esel die Vorderbeine umfasst und über die Schnauze gestreichelt – das bringt ordentlich Glück.

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