Bremer Köpfe: Wilhelm Kaisen

Großen Männern (und Frauen) setzt man große Denkmäler. Es gibt wohl kaum eine Stadt, in der nicht prunkvolle Denkmäler an vergangene Helden erinnern. Ein Paradebeispiel dürfte der Goldene Reiter in Dresden sein. Bremen tritt da etwas bescheidener auf. Das Denkmal für den wohl bisher größten Bremer ist fast schon unscheinbar. Wenn ihr vom Hauptbahnhof zu Fuß in die Innenstadt geht, kommt ihr recht bald auf die Brücke an den Wallanlagen. Werft nicht nur einen Blick auf die schöne Kaffeemühle, bleibt auch einmal an der Figur unter den Kastanienbäumen stehen. Die wettergekrümmte Gestalt mit der Schirmmütze symbolisiert mitnichten einen alten Fischer oder Hafenarbeiter, wie es ihr Äußeres vermuten ließe. Mit ihr wurde Bremens erstem Nachkriegs-Bürgermeister Wilhelm Kaisen ein Denkmal gesetzt.

Das Denkmal für Wilhelm Kaisen von Christa Baumgärtel an den Bremer Wallanlagen

Das Denkmal für Wilhelm Kaisen von Christa Baumgärtel an den Bremer Wallanlagen

Wer mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt geht, wird an verschiedenen Stellen auf Erinnerungen an Wilhelm Kaisen treffen. Meine erste Begegnung mit ihm war eher der amüsanten Art. Im Rahmen einer Stadtführung wollte ich als Neu-Bremerin meine neue Heimat kennenlernen. Natürlich führte der Rundgang auch quer über den Marktplatz. An der Bürgerschaft, unserem Parlament, angekommen, verharrten wir an einem Gullydeckel. Unsere Stadtführerin fragte, ob nicht jemand einen Euro (oder eine andere Münze) in den Gully werfen wollte. Nach kurzer Irritation fand sich ein Freiwilliger und kurze Zeit später tönten laute Esels-Schreie aus dem Gully. Wir hatten das Bremer Loch entdeckt, über das Geld zugunsten der Wilhelm-Kaisen-Bürgerhilfe gesammelt wird.

Das Bremer Loch neben der Bürgerschaft, über das Geld für die Wilhelm-Kaisen-Bürgerhilfe gesammelt wird.

Das Bremer Loch neben der Bürgerschaft, über das Geld für die Wilhelm-Kaisen-Bürgerhilfe gesammelt wird.

Ein weiteres Mal hörte ich den Namen Wilhelm Kaisen, als eine Diskussion über die Kaisen-Häuser losbrach, weil sie abgerissen werden sollten. Als Außenstehende konnte ich mit diesem Begriff und der Diskussion nicht viel anfangen. Zu wenig wusste ich damals über die historischen Hintergründe.

Zuletzt begegnete mir der Name Wilhelm Kaisen an ganz unerwarteter Stelle, bei der Suche nach dem perfekten Ort für meine Hochzeit. Bei der Besichtigung in der Burg Blomendal hatte mich vor allem die Tugenddecke in den Bann gezogen. Aber die Mitarbeiterin der Burg hatte noch ein weiteres Ass im Ärmel: der Tisch, an dem die standesamtliche Trauung vollzogen wird, gehörte früher dem Alt-Bürgermeister Wilhelm Kaisen.

Nach all diesen Begegenungen stellte sich die Frage: Wer war dieser Mensch, an dem man in Bremen scheinbar nicht vorbeikommt?

Das Denkmal für Wilhelm Kaisen von Christa Baumgärtel an den Bremer Wallanlagen

Das Denkmal für Wilhelm Kaisen von Christa Baumgärtel an den Bremer Wallanlagen

Wilhelm Kaisen wurde 1887 in Hamburg geboren und war schon vor dem Nationalsozialismus Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Während der NS-Herrschaft lebte er zurückgezogen mit seiner Familie als Landwirt in Borgfeld. Die amerikanische Besatzungsmacht berief ihn nach dem Ende des 2. Weltkriegs in den Senat und machte ihn kurz darauf zum ersten Bremer Nachkriegs-Bürgermeister. Fortan kümmerte sich Kaisen vornehmlich um den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Um die Wohnungsnot zu mindern, erlaubte Kaisen den Bau von Wohnhäusern in Kleingarten-Gebieten. Noch heute leben etwa 500 Bremer in den sogenannten Kaisen-Häusern. Wirkliche Abhilfe gegen die Wohnungsnot schuf aber erst der Bau der Großwohnsiedlung „Neue Vahr“, in der 30.000 Menschen Platz fanden. Mit diesem Projekt und dem Ausbau der Bremischen Wirtschaft wurde Kaisen das Symbol für den Wiederaufbau nach dem Krieg. Kein Wunder also, dass Wilhelm Kaisen 1965 mit einem ehrenvollen und großen Festakt aus der aktiven Politik verabschiedet wurde.

Das ist er also, der kurze Abriss über das Leben von Wilhelm Kaisen. Viel ausführlicher könnt ihr das in der Wikipedia nachlesen.

Wilhelm Kaisen war also ein ganz großer. Er hat also ein wahrlich großes Denkmal verdient. Aber wenn man es recht betrachtet, hätten die Bremer ihm kein besseres Denkmal als das in den Wallanlagen setzen können, es zeigt genau, was diesen Menschen ausmachte: sich selbst nicht zu wichtig nehmen, immer das Wohl der anderen im Blick. Das Denkmal der Künstlerin Christa Baumgärtel ist damit ein tatsächlich großes Denkmal für einen großen Mann.

Das Denkmal für Wilhelm Kaisen von Christa Baumgärtel an den Bremer Wallanlagen

Das Denkmal für Wilhelm Kaisen von Christa Baumgärtel an den Bremer Wallanlagen

Weitere Orte zur Spurensuche

In der Waller Feldmark gibt es das Kaisenhaus-Museum. Hier kann man sich direkt vor Ort ansehen, wie die Menschen nach dem Krieg im Kleingarten lebten. Es ist 2014 an folgenden Sonntagen jeweils von 11 bis 18 geöffnet: 27. April., 18. Mai, 22. Juni, 20. Juli, 24. August und 28. September. Weitere Informationen findet ihr hier.

Die „Wilhelm und Helene Kaisen Stiftung“ hat das Anwesen in Borgfeld zu einer Dokumentationsstätte hergerichtet und bietet Einblick in Leben und Wirken Kaisens. Die Gebäude können an jedem 2. Sonntag im Monat (außer an Feiertagen) zwischen 11 und 16 Uhr besichtigt werden. Weitere Informationen findet ihr hier.

2 Anmerkungen zu “Bremer Köpfe: Wilhelm Kaisen

Kommentieren

Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind markiert *