Stadtmusikanten im Untergrund

Mitten in der Bremer Innenstadt, am Rande des Marktplatzes, befindet sich ein Loch. Es ist nicht irgendein Loch, sondern das sogenannte Bremer Loch. Und es ist zum Glück abgedeckt, sodass unaufmerksame Passanten nicht einfach ins Nichts treten. Was es mit diesem Loch auf sich hat? Ich hab mir das mal genauer angeschaut.

Die Bremer Stadtmusikanten sind in den Untergrund gegangen. Die berühmte Sehenswürdigkeit befindet sich zwar nach wie vor noch an der Seite des Rathauses, aber die vier Tierchen haben ihre Stimmen gewissermaßen einem Untergrund-Projekt geliehen: dem Bremer Loch.

Doh wat rin - das lassen sich die meisten Neugierigen nicht zweimal sagen.

Doh wat rin – das lassen sich die meisten Neugierigen nicht zweimal sagen.

Seit 2007 gibt es den etwas anderen Gullydeckel (wie ich ihn salopp nennen möchte) an der nördlichen Ecke des Bürgerschaftsgebäudes. Das Besondere an diesem Loch: Es kann krähen, miauen, bellen und sogar I-A sagen. Dafür müssen Passanten es nur mit Münzen füttern. Man könnte das Loch also auch als in den Boden eingelassene Sparbüchse bezeichnen. Und genau darum ging es der initiierenden Stiftung damals. Die Wilhelm Kaisen Bürgerhilfe unterstützt mit den Einnahmen ausgewählte Projekte in der Stadt.

Sparfuchs trifft Esel und Co.

In der kurzen Zeit, in der ich mich zum Fotografieren am Bremer Loch aufhalte, werden so einige Münzen durch den Schlitz ins Innere des Spargullys geworfen. Das Resultat erfreut Umstehende stets gleichermaßen – ganz egal, welchen Alters. Hahn, Katze, Hund und Esel ertönen laut und deutlich mit ihren typischen „Gesängen“. Radio Bremen zeichnete im Auftrag die einzelnen Tierstimmen vor zehn Jahren auf. Sie werden durch einen Fotozelle beim Einwurf einer Münze ausgelöst – allerdings scheinen Kupfermünzen unbemerkt an dem Sensor vorbeizukommen. Denn die Tierrufe ertönen nur bei Münzen ab zehn Cent aufwärts. Ich frage mich, was beim Einwurf von Scheinen geschieht. Ob die Tierchen dann noch lauter rufen?

"Kling-klong-kikeriki." So in etwa kann es klingen, wenn man den Gullydeckel zum "Singen" bringt. Scheint aber nicht mit Kupfermünzen zu funktionieren.

„Kling-klong-kikeriki.“ So in etwa kann es klingen, wenn man den Gullydeckel zum „Singen“ bringt. Scheint aber nicht mit Kupfermünzen zu funktionieren.

Spenden bis zu 15000 Euro kommen hier am Bremer Loch jährlich zusammen. Das lese ich später im Netz. Ein recht ordentliches Sümmchen, mit dem verschiedene Projekte in der Stadt unterstützt werden können. Und das sozusagen mit Geldern aus dem Untergrund – das geht auch nur in Bremen ;-)

Mal wieder „typisch Bremen“

Auch die Wahl des Namens der unterirdischen Spardose passt irgendwie zu den Bremern. Es ist wohl allgemein bekannt, das Bremen das eine oder andere finanzielle Loch im Stadtapparat vorzuweisen hat. Eine Sparbüchse „Bremer Loch“ zu nennen, hat genau das ironisch anmutende Augenzwinkern, wie es mir oft in dieser Stadt begegnet.

Passende Platzierung, gleich neben der Bürgerschaft. Die Spenden fließen dann in Projekte von Bremern für Bremer.

Passende Platzierung, gleich neben der Bürgerschaft. Die Spenden fließen dann in Projekte von Bremern für Bremer.

Der Spruch, der auf dem etwa 50 Zentimeter durchmessenden Deckel im Boden steht, ist natürlich passenderweise auf Plattdeutsch. Er dürfte sich aber auch dieser Sprache nicht mächtigen Menschen schnell erschließen: „Kreih nich, jaul nich, knurr nich, segg I AA. Doh wat rin in’t Bremer Loch.“ Immer wieder lesen Passanten die Worte laut vor, bevor sie eine Münze in den Schlitz fallen lassen und sich dann an einem der Tierrufe erfreuen.

Das ganze Jahr im Einsatz - die vier Tierstimmen erklingen natürlich auch, wenn die Buden vom Freimarkt oder Weihnachtsmarkt stehen.

Das ganze Jahr im Einsatz – die vier Tierstimmen erklingen natürlich auch, wenn die Buden vom Freimarkt oder Weihnachtsmarkt stehen.

Dieser Gully ist ein runde Sache

Für die Gestaltung des Bremer Lochs ist übrigens das Bremer Atelier für Gestaltung Haase & Knels zuständig gewesen, die 2008 dafür den Marketing-Innovationspreis des Marketing-Clubs Bremen bekam.

Insgesamt also – so wird mir nach meinem Besuch am Bremer Loch noch einmal mehr bewusst – eine ziemlich runde Sache, die hier vor gut zehn Jahren ihren Anfang fand. Wo sonst haben Untergrund-Projekte solche Erfolgschancen?

Zur Wilhelm Kaisen Bürgerhilfe:
Die Wilhelm Kaisen Bürgerhilfe unterstützt sozial schwache und benachteiligte Menschen in der Hansestadt. Konkret finanziert sie mit ihren Spenden Projekte der freien Wohlfahrtsverbände. Die Stiftung geht zurück auf die Bremer Volkshilfe, 1945 vom damaligen Bürgermeister Wilhelm Kaisen gegründet. Jedes Jahr Ende November bedankt sich die Wilhelm Kaisen Bürgerhilfe bei ihren ehrenamtlichen Helfern und Unterstützern mit einem von Sponsoren finanzierten Bürgermahl im Rathaus Bremen. Am 27. November 2017 wird Bundespräsident a.D. Joachim Gauck die Festrede im Bremer Rathaus halten.

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