Endstation Falkenberg: Der kleine Grenzverkehr

Seit ziemlich genau zehn Monaten fährt die Straßenbahnlinie 4 über die Grenze des Bundeslandes Bremen über Lilienthal bis nach Falkenberg in Niedersachsen. Weil ich dort etwas abholen möchte und kein Auto besitze, nutze ich heute mal diese BSAG-Linie für einen kleinen Grenzverkehr. Leider bei trübem Wetter und leichtem Nieselregen – aber in der Bahn ist es schön trocken, wunderbar. Obwohl… entlang der Gleise gibt es zahlreiche interessante Haltepunkte, bei denen ein Ausstieg lohnen würde.

Die rund dreijährigen Bauarbeiten führten bei Anwohnern und Geschäftsleuten zwischen Borgfeld und Falkenberg nicht immer zu freudiger Stimmung, aber inzwischen ist die Verbindung bis nach Lilienthal kaum noch wegzudenken. Von Falkenberg bis zur Domsheide benötigt man 45 Minuten, für die ganze Linienstrecke zwischen Falkenberg und Arsten 63 Minuten.

Noch eine Minute... dann fahre ich zum ersten Mal mit der Straßenbahn nach Falkenberg.

Noch eine Minute… dann fahre ich zum ersten Mal mit der Straßenbahn nach Falkenberg.

Die Linie 4 dürfte die längste Strecke im Linienplan der BSAG sein: Von Falkenberg über Moorhausen durch Lilienthal, dann nach Borgfeld, von dort aus durch die Stadtteile Horn-Lehe und Schwachhausen, durch die Bremer Innenstadt, die Neustadt und Obervieland, um in Arsten zu enden. Eine ideale alternative Stadtrundfahrt, die eine Menge von der Hansestadt und ihrer Region zeigt.

Mausoleen auf dem Riensberg: Die Friedhofstraße

Ich steige an der Friedhofstraße in Schwachhausen ein und habe eine knappe halbe Stunde Fahrzeit vor mir. An der Friedhofstraße liegt der Riensberger Friedhof, ein besonderer Parkfriedhof, der seit 2011 unter Denkmalschutz steht und über den ich schon oft spaziert bin. Via App kann man die kunstvollen Gräber, drei großen Mausoleen, die Kapelle und das Krematorium eingebettet in einer Parklandschaft mit See, mit mehreren Brücken und individuellen Grabmalen erkunden.

Die allerneuesten Bahnen sind nicht nur blitzsauber, sondern auch mit Bildschirmen ausgestattet.

Die allerneuesten Bahnen sind nicht nur blitzsauber, sondern auch mit Bildschirmen ausgestattet.

Schlendernd entdecken: Focke Museum und botanika

Beim nächsten Halt könnte ich theoretisch schnell aussteigen und das Focke-Museum mit seiner laufenden Ausstellung „Lutz Könecke. Gefäße für ein besseres Leben“ besuchen. Doch es geht weiter, die Zeit drängt… Bei der Fahrt entlang der Schwachhauser Heerstraße fahre ich am Rhododendron-Park vorbei. Die Pflanzen stehen derzeit in ihrer Hauptblüte, das weiß ich noch von Besuchen in den vergangenen Jahren. Ein wirkliches Naturschauspiel. Wer mag, kann hier nicht nur die Rhododendren, sondern auch dem über 200 Jahre alten Botanischen Garten und der botanika einen Besuch abstatten.

35 Jahre lokale Studentenkultur: Die Vorstraße

Vorbei an der Horner Kirche folgt die nächste Station, die „Vorstraße“. Ja, hier war ich ab und zu, lang ist’s her, als auf dem Gelände des Universitäts-Wohnheims das alljährliche Sommerfest stattfand. In diesem Jahr lockt die große Studenten-Party am 12./13. Juni mit Poetry Slam, spannenden Nachwuchs-Bands wie The Colts und Faakmarwin und überaus fairen Getränkepreisen.

Grünes Licht für die Bebauung: Direkt neben der Horner Mühle entsteht das Mühlenviertel.

Grünes Licht für die Bebauung: Direkt neben der Horner Mühle entsteht das Mühlenviertel.

Mit Erinnerungen an wilde Studentennächte merke ich gerade noch, wie die Straßenbahn an der Horner Mühle vorbeifährt. Die Windmühle aus dem 19. Jahrhundert ist sicherlich Namenspatron für das Mühlenviertel, das gleich daneben entsteht. Auf dem jetzigen Baugebiet sollen in Kürze Mehr- und Familienhäuser, Büros und Praxen bezugsfertig sein.

Natur pur zwischen Wümme und Wörpe

Fünf Haltestellen weiter sind wir schon fast im Grünen, am Lehesterdeich mit dem umliegenden Naturschutzgebiet Hollerland. In dieser Gegend habe ich schon unzählige Spaziergänge und Fahrradtouren unternommen. Von der nächsten Haltestelle aus kann man beispielsweise mit dem Rad entlang dem Lehester Deich bis zum Landhaus Kuhsiel und dann über den Kuhgrabenweg bis zur Universität fahren. Auch etwas längere Touren durch das Blockland kann ich wärmstens für laue Sommertage und -abende empfehlen.

Exakt an dieser Stelle beginnt Bremens Ortsteil Borgfeld.

Exakt an dieser Stelle beginnt Bremens Ortsteil Borgfeld.

Von der Haltestelle „Truperdeich“ ist ein ambitionierter Marsch entlang der Wümme bis hin „Zur Schleuse“möglich – um dort im Anschluss genüsslich, völlig ausgehungert und fast verdurstet, einzufallen. Auf Höhe dieser Haltestelle verläuft in etwa die Grenze zwischen Bremen und Niedersachsen.

Nordische Spezialitäten. Und ein mongolischer Grill.

Zwischen „Feldhäuser Straße“ und „Lilienthal-Mitte“ sehe ich Amendssons, ein kleines Geschäft für nordische Spezialitäten und bekannt für seinen äußerst leckeren Mittagstisch, der eine kulinarische Alternative zu den Pommes Schranke am Imbiss darstellt. Am „Timkenweg“ kreuzt der Jan-Reiners-Weg die Bahnstrecke, eine Radler-Route, die quer durch ganz Lilienthal führt. Und zack, in einer Seitenstraße sehe ich ein Eichhörnchen von links nach rechts flitzen – fast so schnell wie die Radfahrer auf dem Jan-Reiners-Weg.

Bibo, Samson und Ernie: In der Hauptstraße von Lilienthal entdecke ich die Bewohner der Sesamstraße

Bibo, Samson und Ernie: In der Hauptstraße von Lilienthal entdecke ich die Bewohner der Sesamstraße

Hätte ich Badeanzug und Handtuch dabei, könnte ich am nächsten Halt „Schoofmoor“ aussteigen – denn hier befindet sich das Hallenbad Lilienthal. Aber ich habe schließlich eine Verabredung in Falkenberg.

Die nächste Station, „Kutscher Behrens“ offerierte noch vor einigen Jahren eine rustikale deutsche Küche, inzwischen befindet sich dort ein mongolischer Grill. Das klingt meiner Meinung nach sehr exotisch – zumindest für einen kleinen niedersächsischen Ort unweit einer Moorlandschaft.

Beim Blick aus dem Fenster entdecke ich tatsächlich einen Storch auf einer Wiese. Als ich kurz darauf zur anderen Seite hinausschaue, sehe ich eine Krähe im Duell mit einem Fasan. Ich bin beeindruckt. Mehr Natur geht nun wirklich nicht!

Am Ende angekommen. In Falkenberg dreht die Straßenbahn der Linie 4 eine Runde und alles beginnt von vorne.

Am Ende angekommen. In Falkenberg dreht die Straßenbahn der Linie 4 eine Runde und alles beginnt von vorne.

Fahrtende. Bitte aussteigen!

Endstation. Falkenberg. An den Fahrradständern auf der gegenüberliegenden Fahrbahnseite wartet schon eine junge Frau mit einem Karton unter dem Arm auf mich. Ein großer Karton voll mit Lego-Spielsteinen. Auf der Rückfahrt werde ich noch schmunzelne Zeugin eines kleinen Flirts zweier Jugendlicher. Er beginnt mit der Frage „Tu parle français?“ Und das zwischen Wümme, Wiesen und Wörpeweg. Wie schön. Wie romantisch.

Unendliche Weiten: Gleich hinter Falkenberg fließt die Wörpe

Unendliche Weiten: Gleich hinter Falkenberg fließt die Wörpe

2 Anmerkungen zu “Endstation Falkenberg: Der kleine Grenzverkehr

  1. Hallo Frau Peper,

    spannend! Wir wohnen nahe der Haltestelle Peter-Henlein-Str. und kennen diese Strecke daher sehr gut – irgendwie faszinierend, das mal aus einer anderen Perspektive beschrieben zu lesen.

    Der mongolische Grill am ehemaligen Kutscher Behrens ist übrigens ein chinesisches Restaurant, das auch mongolisches Grillen anbietet. Sowie ein empfehlenswertes Mittagsbuffet :)

    Danke für diesen Artikel & weiterhin frohes Bloggen!

  2. Barbara Peper says:

    Liebe Frau Norden, schön dass Ihnen der Text über ihr „Heimatrevier“ gefallen hat. Der Tipp für’s Mittagsbuffet findet hoffentlich Gehör – falls ich selbst mal wieder mit der Linie 4 unterwegs bin, probiere ich das dort mal aus :-)

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