Der Kleingarten: Ein idyllisches Paradies im Grünen

Der deutsche Kleingarten hat einen zweifelhaften Ruf. Als parzellisiertes Spießerdomizil verschrien, wird er inzwischen mehr und mehr zum Sehnsuchtsort für junge Städter-Familien.  Auch ich stand der Idylle im Schrebergarten und den Verordnungen über Baumbeschnitt und Heckenhöhe lange skeptisch gegenüber. Doch seit November bin ich eine von ihnen, eine Kleingärtnerin in Bremen – und ich bin nicht allein!

Das Alter und Kinder verändern die eigene Sichtweise. Zuvor war es mir nie in den Sinn gekommen, eine Parzelle anzumieten und über Hochbeete nachzudenken. Ich wusste nicht mal, was ein Hochbeet überhaupt ist. Doch mit meinem neuen Kleingärtnerinnen-Dasein stehe ich nicht alleine da: Allein in Bremen gibt es rund 90 Vereine und 13.900 Parzellengrundstücke. Mit fast 17.000 Kleingarten-Mitgliedern und deren Familien nimmt Bremen den 10. Platz im bundesdeutschen Kleingarten-Ranking der Städte ein. In Deutschland selbst sind rund eine Million Gartenfreunde in knapp 14.000 Kleingärtnervereinen organisiert. Es grünt also an allen Ecken und Kanten.

Keine Kinder, keine Blaumeisen - heute ist es mal ganz ruhig im Garten.

Keine Kinder, keine Blaumeisen – heute ist es mal ganz ruhig im Garten.

Vielfalt im kleinen Garten

Kleingärten sind weit mehr als Erholungsgebiete für gestresste Städter. Sie dienen der Artenvielfalt, erhalten die Biodiversität und sind für ihre Nutzer ein sozialer Raum, in dem geplaudert, diskutiert und nachbarschaftliches Leben gestaltet wird. Für Eltern mit Kindern ein Biotop, in dem die Kleinen jede Menge erleben und entdecken können. Zum Beispiel, dass Kartoffeln nicht im Supermarkt wachsen, sondern in der Erde, dass Bienen mehr für uns tun, als Honigwaben zu produzieren und dass Lavendel und Igel wirksame Mittel sind, um die natürlichen Feinde des Blattsalats zu bekämpfen.

Selber machen, selber ernten: Kinder entdecken spielerisch die urbane Natur.

Selber machen, selber ernten: Kinder entdecken spielerisch die urbane Natur.

Ein Hochbeet im Werden, so werden zumindest Kaninchen und andere Nager vom Salat fern gehalten.

Ein Hochbeet im Werden, so werden zumindest Kaninchen und andere Nager vom Salat fern gehalten.

Einer der rund 90 Kleingärtnervereine in Bremen ist der „Kleingärtnerverein Peterswerder e. V.“ Bereits 1917 entstanden hier auf der Pauliner Marsch die ersten Parzellen direkt an der Weser, sieben Jahre später wurde der heutige Kleingärtnerverein begründet, der sich an den Landesverband Bremen anschloss.

Edith und Boje sind seit 1978 Mitglieder des Vereins und Parzellisten mit Herzblut. Mit dem Heranwachsen ihrer drei Kinder entschieden sie sich für einen Kleingarten – mittlerweile hat das Paar sechs Enkelkinder, die mit und in dem Garten aufwachsen. Heute sitze ich zur Abwechslung auf der Terrasse vor ihrem Häuschen und finde es einfach traumhaft: gepflegt, aber nicht überpflegt, sommerlich-sonnig und herzlich. Hier ist sie also: die Idylle im Schrebergarten.

Passionierte Parzellisten: Boje und Edith vom Kleingärtnerverein in der Pauliner Marsch.

Passionierte Parzellisten: Boje und Edith vom Kleingärtnerverein in der Pauliner Marsch.

Junge Familien zieht es in die Pauliner Marsch

„In den letzten Jahren fragen verstärkt Familien mit Kindern an“, erzählt die Vereinsvorsitzende Edith. „Früher waren es eher Ruheständler, die einen sonnigen Platz im Grünen suchten.“ Im Jahr stehen jedoch nur wenige Kleingärten zur Verfügung, die neu verpachtet werden können, im vergangenen Jahr wurde sogar nur ein einziger Platz frei. „Dabei können wir uns vor Anfragen kaum retten“, seufzt Edith, denn sie wäre als Vereinsvorsitzende gerne in der Lage, mehr Menschen, und gerade jungen Familien, einen Platz anbieten zu können.

Noch ist nichts zu sehen, aber hier entsteht ein bunter, lauter Schmetterlingsgarten.

Noch ist nichts zu sehen, aber hier entsteht ein bunter, lauter Schmetterlingsgarten.

Die Lage auf der Pauliner Marsch, zwischen Weser-Stadion und Sportgarten, ist ideal: Die 82 Gärten des Vereins liegen unweit des beliebten und umtriebigen Viertels, stadtnah und damit schnell zu erreichen. Durch die zahlreichen umliegenden Sportvereine steigt an den Wochenenden der Lärmpegel, an Heimspieltagen des SV Werder komme ich mit dem Fahrrad kaum durch die schwankenden Massen, aber auch das ist eben „stadtnahes Leben“.

Kartoffeln wachsen nicht im Supermarkt. Sondern neuerdings auch hier.

Kartoffeln wachsen nicht im Supermarkt. Sondern neuerdings auch hier.

Eine Ganztagsschule aus dem Steintor bewirtschaftet seit kurzem ein eigenes Grundstück auf dem Vereinsgelände. In diesem Schulgarten können die Schülerinnen und Schüler live und in Farbe erleben, wie man Obst und Gemüse anbaut und wie man sich um die Pflanzen kümmern muss, damit am Ende leckere Äpfel und Salat geernet werden können.

Lifestyle Kleingarten

Heute gilt der Kleingarten als Lifestyle, als grüner Trend im Dschungel der Stadt. „Früher gab es natürlich viel mehr Versorgergärten“, meint Boje. Heute haben die Gärten vielerlei Nutzen: Sie dienen als Rückzugsort, als Spielplatz und als Entdecker-Zentrum. Wo früher Bohnen und Gurken um die Wette rankten, stehen heute Hochbeete, Insektenhotels und Sandkisten mit Holzspielzeug.

Ein Insektenhotel. Minibar und Frühstücksraum inklusive.

Ein Insektenhotel. Minibar und Frühstücksraum inklusive. Handtücher auf Nachfrage.

Als Neu-Kleingärtnerin habe ich schon die netten Menschen von nebenan kennengelernt und mich mit Schmetterlingsgärten und biologisch vollständig abbaubaren Putzmitteln vertraut gemacht. Ein Garten ist natürlich nicht nur Vergnügen, es muss auch geackert und geschuftet werden. Eine Pumpe sorgt für Wasser zum Gießen, Putzen und Hände waschen, eine tolle Schaukel schafft den lohnenden Ausgleich nach einem emsigen Nachmittag.

Das Kaisenhaus, eine Idee des Mangels

Typisch bremisch ist übrigens ein Kaisenhaus im Schrebergarten. Weil in der Hansestadt nach dem Zweiten Weltkrieg akuter Wohnungsmangel herrschte, stimmte der damalige Bürgermeister Wilhelm Kaisen dem Bau von Wohnhäusern in den Kleingartengebieten zu. In der Waller Feldmark gibt es sogar ein Kaisenhaus-Museum, in dem alles so aussieht wie in den fünfziger und sechziger Jahren, als sich die Kaisenhäuser in ihrer Hochblüte befanden. Original-Exponate, Fotos und Texte – das besondere Museum ist noch bis Oktober einmal monatlich geöffnet.

Der Frühling mit seinem blauen Bande sprintet heran...

Der Frühling mit seinem blauen Band sprintet heran…

Trends in Grünen: Urbanes Gärtnern

Neuere Formen des Kleingärtnerns heißen auch neu: Urban Gardening ist das Zauberwort. Wie dieses städtische Kollektiv-Gärtnern aussehen kann, zeigt das Projekt „Ab geht die Lucie“ auf dem Lucie-Flechtmann-Platz in der Bremer Neustadt. Hier ist aus einer tristen Betonwüste inzwischen ein Stadtgarten geworden, der bereits in die dritte Gartensaison geht. Soziales Miteinander, gemeinsames Gärtnern und viel buntes Programm passen gut zusammen.

"Das sieht aber schön aus!", tönen die Besucher.

„Das sieht aber schön aus!“, tönen die Besucher.

Wer nun neugierig geworden ist und sich selbst für einen Kleingarten interessiert, kann sich bei den Gartenfreunden Bremen über Formen und Möglichkeiten informieren. Im Peterswerder Kleingärtnerverein stehen die Chancen auf einen freien Parzellenplatz zur Zeit schlecht. „Unsere Warteliste ist sehr lang“, geben Edith und Boje zu. „Doch in Bremen gibt es fast in jedem Stadtgebiet einen oder mehrere Vereine, irgendwo gibt es immer einen Garten, der auf neue Pächter wartet.“

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