Filmdreh: Nachtwächterführung

Wer abends durch die Bremer Innenstadt läuft, begegnet nicht selten Grüppchen, die sich um einen Menschen scharen, der nicht aus unserer heutigen Zeit zu stammen scheint. In langen Gewändern, mit alter Laterne und ledernen Bauchtäschchen berichten die Nachtwächter von längst vergangenen Zeiten. Die BTZ wollte die typische Szenerie in einem Video festhalten und lud zum Filmdreh ein.

Die Glocken des Doms läuten gerade für acht Uhr, als ich an einem Donnerstagabend im April quer über den Marktplatz in Richtung Roland gehe. Ich bin verabredet mit einigen BTZ-Mitarbeiterinnen sowie einem Kamerateam und natürlich dem Nachtwächter Marcus. Es soll heute ein Image-Filmchen entstehen und ich darf das dokumentieren.

Wir sind nicht die einzigen, die sich am Roland um 20 Uhr verabredet haben. Aber nach kurzem Umschauen finde ich meine Gruppe. Das Wetter scheint mitzuspielen, zumindest hat der Regen seit zwei Stunden aufgehört und es ist sogar klarer Himmel zu erkennen. Allerdings bringt das auch Kälte mit sich, die uns in den nächsten zwei Stunden noch ordentlich zusetzen wird.

Treffpunkt war der Roland. Hier ging's los.

Treffpunkt war der Roland. Hier ging’s los.

Immer schön freundlich, bitte

Zunächst einmal gibt es nach begrüßenden Worten eine kurze Einführung zum Filmdreh: Immer schön freundlich, kein direkter Blick in die Kamera, einfach so tun, als wenn es ein ganz normaler Rundgang sei.

Los geht's: Nachdem Marcus sich selbst und seine Zunft der Nachtwächter vorstellte, beschrieb er erst einmal die Umgebung, wie sie zu seiner Zeit ausgesehen hat.

Los geht’s: Nachdem Marcus sich selbst und seine Zunft der Nachtwächter vorstellte, beschrieb er erst einmal die Umgebung, wie sie zu seiner Zeit ausgesehen hat.

Dann legt Marcus auch schon los. Er stellt sich vor, berichtet von seinem Alltagsleben als Nachtwächter im Mittelalter und will schon hinüber laufen zum ersten Stopp – da bittet der Kameramann ihn, einen Moment zu warten. Nachdem er sich mit der Kamera seitlich am Boden positioniert hat, dürfen wir alle einmal daran vorbeilaufen, vorneweg natürlich Marcus.

"Und, bitte!": Für die Einstellung, in der unsere Füße durchs Bild laufen, positionierte sich der Kameramann und gab dann das Zeichen, dass wir losgehen dürfen. Marcus natürlich vorne weg.

„Und, bitte!“: Für die Einstellung, in der unsere Füße durchs Bild laufen, positionierte sich der Kameramann und gab dann das Zeichen, dass wir losgehen dürfen. Marcus natürlich vorne weg.

Innerlich sehe ich die bewegten Bilder deutlich vor mir: Füße und Beine der Gruppe im Vordergrund, von rechts nach links durch das Bild laufend, im Hintergrund der Marktplatz mit Bürgerschaft und Rathaus, vielleicht sogar mit Dom.

An den Stadtmusikanten halten wir an. Marcus fragt, wer das Märchen überhaupt kennt und ob wir denn wüssten, dass die vier Tierchen in Wirklichkeit niemals in Bremen ankamen. Hier und da ertönt ein zögerliches „Ja“, aber so ganz sicher scheint sich die Gruppe nicht zu sein. Das Kamerateam läuft derweil um uns herum, wählt verschiedene Winkel, aus denen sie den Nachtwächter samt Stadtmusikanten und uns einfangen. Mal wird die Kamera auf ein Stativ gesetzt, mal liegt sie auf der Schulter des Kameramanns. Die begleitende Produzentin schaut sich von außen die Szene immer wieder an und gibt Ideen an den Kameramann weiter.

Schönes Motiv: Natürlich dürfen die Stadtmusikanten nicht fehlen auf so einem Rundgang durch Bremen. Auch nicht auf dem Filmmaterial!

Schönes Motiv: Natürlich dürfen die Stadtmusikanten nicht fehlen auf so einem Rundgang durch Bremen. Auch nicht auf dem Filmmaterial!

Achtung, Lindwürmer!

Von den Stadtmusikanten laufen wir rüber zum Roland. Auch hier erfahren wir eine ganze Menge. Marcus ist gewissermaßen ein wandelndes Bremen-Lexikon. Er erzählt Anekdoten, setzt alles auch immer wieder in einen zeitlichen Rahmen, stellt aber gleich von Beginn an klar, dass er kein Fan von Geschichtsunterricht ist. Vielmehr beschreibt er, wie es in der Bremer Innenstadt im Mittelalter ausgesehen hat. So entstehen Bilder und Eindrücke nur durch seine Worte. Die Bezeichnung als wandelndes Ein-Mann-Theater trifft daher vielleicht noch etwas besser auf ihn zu.

Anekdoten zum Roland und über die Fassade des Rathauses, während der Kameramann aus verschiedenen Perspektiven alles filmte. Alles immer mit einem Auge auf die Lindwürmer, die unerbittlich an uns vorbeizogen.

Anekdoten zum Roland und über die Fassade des Rathauses, während der Kameramann aus verschiedenen Perspektiven alles filmte. Alles immer mit einem Auge auf die Lindwürmer, die unerbittlich an uns vorbeizogen.

Gestellt: Für ein paar Nahaufnahmen wurde Nachtwächter Marcus gebeten, an seiner Laterne vorbei auf die Kamera zu zu gehen.

Gestellt: Für ein paar Nahaufnahmen wurde Nachtwächter Marcus gebeten, an seiner Laterne vorbei auf die Kamera zu zu gehen.

Vom Roland gehen wir noch kurze rüber zum Rathaus und sprechen über die Fassade. Auch hier sammelt das Kamerateam wieder zahlreiche Aufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven. Immer wieder mahnt Marcus und zur Vorsicht: „Da kommt wieder so ein Lindwurm, vor denen hab ich Angst.“ Gemeint ist die Straßenbahn, die hier direkt vom Rathaus langfährt. Kein Wunder, dass sie dem Nachtwächter Angst einjagt. So etwas gab es zu seiner Zeit natürlich in Bremen noch nicht.

Zurück in die Zukunft

Auch vor der Böttcherstraße sollten wir kurz warten, bis der Kameramann sich entsprechend positioniert hatte.

Auch vor der Böttcherstraße sollten wir kurz warten, bis der Kameramann sich entsprechend positioniert hatte.

Als nächstes steuern wir die Böttcherstraße an. Sie ist auch für die Filmaufnahmen eine willkommene Kulisse. Auch hier erfahren wir, obwohl die Gruppe nur aus Bremerinnen und Bremern besteht, noch Neues und staunen über die eine oder andere Information. Obwohl es die Gasse zu Lebzeiten des Nachtwächters ja noch gar nicht gab, weiß er so einiges über sie zu berichten. Wir besuchen die Miniaturvariante der Bremer Stadtmusikanten am Sieben-Faulen-Brunnen und Marcus stellt zähneknirschend fest: „Der Hahn fehlt schon wieder.“ Weiter geht es unterhalb des Glockenspiels vorbei, an der Martinistraße entlang ins Schnoor-Viertel. Kurz bevor wir die Treppen in das älteste Quartiert der Stadt hinuntersteigen, bleibt Marcus stehen und zeigt auf ein im Boden eingelassenes Schild: „Hier ist der alte Verlauf der Balge gekennzeichnet“, erzählt er.

Kamera läuft: Die Böttcherstraße bot nicht nur eine Grundlage für viele Geschichten von Marcus, sondern auch eine wunderschöne Kulisse für die Filmbilder.

Kamera läuft: Die Böttcherstraße bot nicht nur eine Grundlage für viele Geschichten von Marcus, sondern auch eine wunderschöne Kulisse für die Filmbilder.

Schnoor: Die perfekte Filmkulisse

Im Schnoor beauftragen und Produzentin und Kameramann an verschiedenen Stellen zu warten, bis es heißt: „Und, bitte.“ Dann laufen wir mal auf die Kamera zu, um sie herum oder an ihr vorbei. Der Kameramann fängt alles aus unterschiedlichen Höhen ein, mal ganz unten am Boden, mal auf Kopfhöhe. Wir schauen alle gut gelaunt drein, blicken uns staunend um, manche zeigen nach oben.

Ab ins Schnoor: In Bremens ältestem Quartier führte uns Nachtwächter Marcus von kleinen Häuser zu noch kleineren und durch schmale Gassen in noch schmalere Gänge.

Ab ins Schnoor: In Bremens ältestem Quartier führte uns Nachtwächter Marcus von kleinen Häuser zu noch kleineren und durch schmale Gassen in noch schmalere Gänge.

Marcus lässt es sich auch an seiner letzten Station, der „Wüstestätte“, nicht nehmen, seine Späßchen mit dem einen oder der anderen aus unserer 13-köpfigen Gruppe zu machen. Außerdem – und das ist ziemlich beeindruckend – lernt er mal eben alle Namen der Anwesenden auswendig. Es ist gewissermaßen sein Markenzeichen, sich nach einer solchen Führung via Facebook bei allen Teilnehmenden mit Namen zu bedanken. Da ist der mittelalterliche Nachtwächter ganz up to date.

So sah am nächsten Tag der Post von Nachtwächter Marcus aus. Trotz Mittelalter ist der Gute ja doch sehr modern unterwegs :)

So sah am nächsten Tag der Post von Nachtwächter Marcus aus. Trotz Mittelalter ist der Gute ja doch sehr modern unterwegs :)

Auf dem Catwalk: Letzter Gang für die Kamera

Ein letztes Mal bekommen wir eine Aufgabe für die Kamera. Im Gänsemarsch laufen wir durch die wohl engste Gassen Bremens, vorbei am Katzen-Café. Das müssen wir sogar nochmal wiederholen, weil der Kameramann sich noch einmal eine andere Perspektive wünscht. Dann bekommen wir alle, aber vor allem Marcus noch ein große Lob. Das Filmteam scheint sehr zufrieden.

Letzter Gang: Ab durch die schmalste Gasse Bremens - und zwar im Gänsemarsch. Am Ende wartete die Kamera auf uns und hielt unsere Karawane fest.

Letzter Gang: Ab durch die schmalste Gasse Bremens – und zwar im Gänsemarsch. Am Ende wartete die Kamera auf uns und hielt unsere Karawane fest.

Als ich zwar durchgefroren, aber ebenfalls voll mit guten Eindrücken durchs Schnoor zurück zu meinem am Dom geparkten Rad laufe, muss ich mal wieder feststellen: Bremen kommt immer wieder mit etwas Neuem, noch nicht Erlebtem und Gewusstem um die Ecke. Wie schön, dass die Eindrücke von diesem Abend nun auch in bewegten Bildern festgehalten wurden.

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