Auf die Plätze, fertig, los – Neun Bilder in neun Stunden

Eigentlich sollte jede Stadt einen haben. Bremen hatte früher schon mal einen und andere Städte haben ihn immer noch regelmäßig. Die Rede ist vom Fotomarathon – einem Wettbewerb unter Fotobegeisterten. Die Aufgabe: Neun Stunden, neun Begriffe und am Ende exakt neun Fotos dazu. Ich hab beim wiederbelebten Bremer Fotomarathon mitgemacht. Am Ende glühte mir der Kopf.

„Irgendwie zu plakativ“ und „Die Idee hat doch jeder“ – das in etwa waren die beiden Sätze, die mir vergangenen Samstag am häufigsten durch den Kopf gingen. Um etwa 11.15 Uhr verlasse ich die Schaulust im Güterbahnhof, wo ich mir zuvor meine Startnummer und die ersten drei Themen für den Fotomarathon Bremen abgeholt habe. Noch ahne ich nicht, dass das kleine Wörtchen „Marathon“ sich nicht nur im übertragenen Sinne bewahrheiten wird.

Zweihundert weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer schwirren ebenfalls mit den ersten drei Aufgaben in der Hand ab. Sie steigen in Autos, auf Fahrräder oder eilen zu Fuß los. Uns allen bleiben etwa zweieinhalb Stunden zur Bearbeitung der Themen, dann geht es zum nächsten Checkpoint, wo es weitere Themen gibt.

Drei Fotos sind schnell gemacht, sollte man meinen. Doch ich merke bald, dass es mit einem kurzen Knipsen natürlich nicht getan ist. Eine zündende Idee muss zum jeweiligen Begriff her, dann kommen die technischen und künstlerischen Finessen zum Einsatz. Und zu guter Letzt steht mir immer wieder meine teils recht eingeschränkte Entscheidungsfreudigkeit für eins der Motive im Weg. Am Ende des Tages dürfen sich schließlich nur exakt neun Bilder in der richtigen Reihenfolge der Begriffe auf meiner Speicherkarte befinden. Das ist die wahre Qual der Wahl!

Zehn vor zwölf

Um etwa 11.50h habe ich das erste Bild im Kasten – und dabei dachte ich bei dem Begriff noch: „Das ist ja nicht so schwer.“ Die Aufgabe lautete: „Mache ein Foto zum Thema ‚Abgefahren‘. Deine Startnummer muss im Foto auftauchen.“ Da ich mit dem Rad unterwegs bin, beziehe ich es mit ein. Vielleicht etwas einfach, aber ich versuche, meinen Selbstanspruch möglichst klein zu halten. Sonst werde ich ja nie fertig.

"Abgefahren" - mit meiner Startnummer im Bild.

„Abgefahren“ – mit meiner Startnummer im Bild.

Die Begriffe zwei und drei lauten: „Aufgetakelt“ und „Überschäumend“. Meine erste Assoziation zu „Aufgetakelt“ ist die Alexander von Humboldt im Europahafen. Als ich an der „Alex“ ankomme, wird mir klar, dass ich wohl nicht die einzige mit dieser Idee bin. Etwa sechs Fotografierende schleichen auf dem Anleger herum und halten das große Segelschiff aus allen erdenklichen Perspektiven fest. Ich reihe mich ein und bin jetzt schon gespannt auf die anderen Ergebnisse.

"Aufgetakelt" - die Takelage der Alexander von Humboldt diente mir als Motiv.

„Aufgetakelt“ – die Takelage der Alexander von Humboldt diente mir als Motiv.

Zu „Überschäumend“ habe ich zwar sofort einen übervollen Cappuccino oder ein volles Bierglas mit hübscher Schaumkrone vor meinem inneren Auge, aber das finde ich beides zu plakativ. Als nächstes fällt mir das schäumende Wasser am Weserwehr in Hastedt ein. Leicht stöhnend setze ich mich auf mein Rad. Immerhin muss ich anschließend dann in den Rhododendronpark zum nächsten Checkpoint. Eine ganz schöne Tour.

Halb eins

Es ist etwa 12.30 Uhr als ich die Schlachte entlang fahre und mir geistesgegenwärtig einfällt, dass es ganz in der Nähe ja noch das kleine Wehr auf der anderen Seite der Teerhofinsel gibt. Ich spar mir also locker fünf Kilometer Fahrradfahren und bringe mich und mein Rad über die Fußgängerbrücke auf den Teerhof.

An der kleinen Brücke über das Wehr erblicke ich auf Anhieb gleich drei weitere Teilnehmer des Fotomarathons. Ich bin mit meiner Idee also wieder nicht alleine. Das Foto, das ich hier schießen möchte, wird zur kleinen Herausforderung. Ich probiere recht lange mit ganz kurzer Verschlusszeit und Blende herum, bis ich ein Ergebnis habe, mit dem ich zufrieden bin.

"Überschäumend" - am kleinen Wehr am Teerhof fand ich überschäumendes Wasser.

„Überschäumend“ – am kleinen Wehr am Teerhof fand ich überschäumendes Wasser.

Viertel vor zwei

Um 13.45 Uhr finde ich mich in der Botanika im Rhododendronpark ein. Hier gibt es die nächsten Themen: „Speckgürtel“, „Stadtpflanze“ und „Landei“ stehen auf der kleinen Karte. Ich stehe hingegen erstmal auf dem Schlauch und stärke mich erst einmal mit einem Stück Kuchen. Anschließend entscheide ich, zuhause meinen eigenen Bauch „in Szene“ zu setzen. Gar nicht so einfach, ohne durch den Sucher zu schauen, den richtigen Bild- bzw. Bauchausschnitt zu erwischen. Aber nach etwa zwanzig Minuten und x-maligem Auslösen, hab ich ein passendes Bild auf der Speicherkarte.

"Speckgürtel" - ist klar, oder?!?

„Speckgürtel“ – ist klar, oder?!?

Zwanzig vor vier

Motiv Nummer 5 findet eher mich, als von mir gefunden zu werden. Als ich mich mit zuhause gekochtem Ei im Gepäck gegen 15.40 Uhr wieder auf den Weg mache, reckt sich mir eine kleine Sonnenblume vom Straßenrand entgegen. Ich drücke quasi im Vorbeifahren auf den Auslöser und hab meine „Stadtpflanze“.

"Stadtpflanze" - sie fand mich, ich hielt sie fest.

„Stadtpflanze“ – sie fand mich, ich hielt sie fest.

Nun kommt das „Landei“: Ich fahre wieder in Richtung Hafen, denn der nächste Checkpoint ist im Lloyd Caffee hinter der Roland-Mühle. Auf dem Weg dorthin versuche ich mich an mehreren Landei-Motiven und entscheide mich schließlich für das letzte. Bevor ich zum Lloyd Caffee fahre, entspanne ich mal kurz. Ich bleibe an dem kleinen Dreiecksteich, an dem ich mein „Landei“ fotografiert habe, sitzen und vertilge genüsslich das Ei.

"Landei" - oder auch: Die letzten Minuten eines gekochten Eis.

„Landei“ – oder auch: Die letzten Minuten eines gekochten Eis.

Viertel nach fünf

Inzwischen bin ich bestimmt schon rund 30 Kilometer Rad gefahren. In dieser Hinsicht komme ich dem Marathon also gefährlich nah. Erschöpfung macht sich in mir breit und gleichzeitig glüht mir von der ganzen Motivsuche der Kopf. Daher hab ich zu den letzten drei Begriffen auch erst einmal überhaupt keine Meinung: „Heißes Pflaster“, „Freier Fall“ und „Gute Stube“.

Noch ein letztes Mal sage ich mir: „Nicht lange fackeln, einfach machen.“ Ich fahre in die Innenstadt und kaufe Pflaster. Was jetzt folgt, ist eine der absurdesten Situationen des ganzen Tages.

Ich finde abermals auf dem Teerhof ein einigermaßen ruhiges Plätzchen, wo ich mein Vorhaben in die Tat umsetze. Erst einmal setze ich mich auf den Boden und beginne, die Brandfähigkeit der gerade gekauften Pflaster zu testen. Leider schmelzen die Dinger eher, als dass sie brennen. Ich klemme ein Stückchen gefaltetes Papier unter zwei überkreuz verklebte Pflaster, zünde das Papier an und knipse drauf los. Ein paarmal kommen Leute vorbei und ich meide bewusst ihre neugierigen Blicke. Mir ist schon klar, wie seltsam das von außen aussehen muss. Da sitzt eine Frau auf dem Boden, vor sich ein qualmendes Pflasterkreuz und ein Feuerzeug in der linken Hand. Zum Glück hab ich ja in der rechten Hand meine Kamera – damit sollte hoffentlich allen Passanten aufgehen, dass es sich hier um nichts anderes als Kunst handelt. :-)

"Heißes Pflaster" - Nicht schön, aber selten.

„Heißes Pflaster“ – Nicht schön, aber selten.

Zehn nach sechs

Mit „Freier Fall“ tue ich mich noch etwas schwer: Ich gehe den Teerhof in Richtung Wilhelm-Kaisen-Brücke entlang. Da rückt das moderne Bürohaus in meinen Blick, in dem einst die Reederei Beluga Shipping ihren Sitz hatte. Die Insolvenzgeschichte der Firma passt eindeutig zum Begriff. Ich mache ein Bild, das auch ohne den Bezug zu „Beluga“ funktioniert.

"Freier Fall" - funktioniert auch ohne Beluga-Bezug.

„Freier Fall“ – funktioniert auch ohne Beluga-Bezug.

Nun steht nur noch ein Begriff aus: „Gute Stube“. Natürlich gehe ich dafür ins Schnoor. Als ich mich gerade an einem Schaufenster, in dem ein Puppenhaus samt guter Stube zu sehen ist, fest fotografiert habe, höre ich hinter mir jemandem seinen Begleitern erklären: „Das Schnoor ist quasi die gute Stube Bremens.“ Ich fühle mich in der Ortswahl für mein letztes Motiv absolut bestätigt. Mit den Puppenhaus-Bildern bin ich noch nicht ganz zufrieden, da fällt auf dem Rückweg durch die schmale Hauptgasse mein Blick in den Eingang eines Restaurants. Dort hängt ein hölzernes Schild an der Wand und mittig steht da: „De goode Stoob“ Ich jubel innerlich und schieße mein letztes Bild.

"Gute Stube" - im Schnoor wurde ich fündig.

„Gute Stube“ – im Schnoor wurde ich fündig.

Halb acht

Um 19.30 Uhr erreiche ich das „noon“ im Kleinen Haus des Theater Bremen. Hier gebe ich gleich meine Speicherkarte zum Einlesen ab. Die Aufregung steigt noch einmal, weil ich aktuell noch etwa 30 Bilder auf der Karte hab, die jetzt durchsortiert werden müssen. Nach etwa 20 Minuten habe ich mich entschieden. Und weitere fünf Minuten später ist alles vorbei.

Quintessenz:

Ich hab an diesem Tag mit Sicherheit über dreihundertmal auf den Auslöser gedrückt – das verraten mir die Zahlen in den Dateinamen der neun Fotos. Über 290 Fotos habe ich demnach gleich wieder in die ewigen Jagdgründe der digitalen Unterwelt geschickt. Das hat ein-, zweimal ein bisschen geschmerzt, aber ich bin mit meiner Auswahl letztlich doch sehr zufrieden.

Einige Bilderserien der anderen Teilnehmenden konnte ich schon online bewundern. Am 10. und 11. Oktober werden alle Bilder dann in einer großen Ausstellung im Schuppen Eins gezeigt. Hier werden dann auch die Gewinner gekürt. Weitere Infos gibt es unter www.fotomarathonbremen.de

Zum Hintergrund:

Die Initiatorinnen Annica Müllenberg und Steffi Urban haben gemeinsam mit Kerstin Graf und Ulrich Graf-Nottrodt den Bremer Fotomarathon neu aufleben lassen. Sie hatten zuvor in anderen Städten teilgenommen und waren sich alle schnell einig, dass Bremen auch wieder einen Fotomarathon braucht. „Unsere kleine, grüne Großstadt ist voll von tollen Motiven, die entdeckt und abgelichtet werden wollen. Mangels Veranstalter haben wir die Sache einfach selbst in die Hand genommen. In den letzten zehn Jahren hat sich Bremen verändert und auch die Fototechnik, von analog zu digital, hat sich weiterentwickelt. Ein Revival war also längst überfällig“, betont Kerstin Graf, die vor zehn Jahren bereits beim Bremer Fotomarathon mit dabei war. Annica Müllenberg sagte mir, sie hätten in Berlin einen so fabelhaften Foto-Tag gehabt, dass sie diesen auch den Bremern schenken wollten. Hat geklappt! Viele Dank für die gute Organisation.

5 Anmerkungen zu “Auf die Plätze, fertig, los – Neun Bilder in neun Stunden

  1. Tolle Bilder, Rike! Bin gespannt auf die Ausstellung im Schuppen Eins. Da sind dann auch die Aufnahmen einer anderen Kollegin zu sehen, die leicht gestresst mit dem Rad unterwegs war.

  2. Rike Oehlerking says:

    Danke! Ja, leicht gestresstes Radfahren trifft es ganz gut ;-)

  3. Carolin says:

    Ja ja, die gestresste Kollegin musste sich ganz schön beeilen, um noch ein Bild von der Guten Stube zu bekommen. Am Ende hat alles geklappt.
    Hier mein Bericht dazu:
    http://www.esel-unterwegs.de/fotomarathon-bremen/

    Viele liebe Grüße :-)

  4. Katharazzi says:

    Schöner Bericht, am spannensten sind die Fotos der anderen, freue mich auch schon auf die Ausstellung.

    Viele Grüße,
    Katharazzi

  5. Rike Oehlerking says:

    Ja, ich finde es auch spannend, zu sehen, wie ähnlich und doch ganz anders Ideen und Umsetzungen zu den Begriffen sind. Bin auch sehr gespannt.

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